Poesie des Alltags oder wie man kindlich staunend die Welt erblicken kann

Anlässlich der wahrscheinlich letzten schönen Tage in diesem Jahr ein Text von mir, der  im Mai 2012 entstanden ist:

Es gibt Tage, an denen es mir gelingt, die Welt in ihrer einzigartigen Schönheit und Vollkommenheit zu begreifen. Dann ist es egal, ob ich mein Handy wieder einmal gesucht habe, denn auf der Suche nach dem ungeliebten Gegenstand bin ich vielleicht über den Brief an meinen Vater gestolpert, den ich schon lange abschicken wollte, aber mich nie getraut habe.

Ich stehe auf, die Sonne scheint und ich weiß, alles ist gut, wie es ist.

Nachdem ich es mir gegönnt habe, ausgiebig zu frühstücken, ohne dabei an die lästigen Kalorien zu denken, die sich vermutlich –  wie sie es immer tun –  rund um meinen Bauch legen werden, sodass manche Menschen gar auf die Idee kommen könnten, ich wäre schwanger, was nebenbei bemerkt aufgrund meiner queeren Lebensweise mehr als an langen Haaren herbeigezogen wäre, packe ich meinen Rucksack und begebe mich auf eine Reise ins wundervolle Gänsehäufl.

Da ich mir im Vorhinein gut überlegt habe, welche Bedürfnisse mein Selbst vermutlich gestillt wissen möchte:

(die da wären:

  • Schutz vor den guten aber auch aggressiven Sonnenstrahlen
  • Wasser als unverzichtbares Lebenselixier und zumal praktisch gegen Gefühle des Dursts
  • Mittagessen (ein selbstgeschmiertes Laugenweckerl mit Kräuteraufstrich und köstlichem Putenschinken – ja, ich habe beschlossen weniger streng zu mir selbst zu sein und hin und wieder böses Fleisch zu mir zu nehmen – , Babysalatgurken, Radieschen und gelber Paprika, sowie eine Banane als Snack für Zwischendurch)
  • meinen derzeitig aktuellen Roman in Arbeit: Jonathan Franzen „Die Korrekturen“
  • die neue philosophische Zeitschrift „Hohe Luft“, eine Entdeckung meines lieben Schatzes, mit der ich auch diese Welt teilen kann
  • ein Handtuch zum drauf rumlungern, zudecken, abdecken oder was auch immer mir gerade in den Sinn kommt
  • jetzt kommts: auch mein Handy darf ausnahmsweise mit, denn vielleicht packt mich in einer ruhigen Minute ja doch die Sehnsucht nach menschlichem Zuspruch
  • Geld, Schlüssel, Chic und los geht’s)

bin ich überzeugt, dass es mir an nichts mangeln wird.

Auf dem Weg ins Bad stelle ich fest, dass ich mir nicht überlegt habe, wie die verdammte U1- Station heißt, an der ich aussteigen muss. Eine Sekunde des Ärgerns über die eigene Dummheit vergeht und ich spreche eine in meinen Augen sympathisch aussehende ältere Frau an, um sie nach dem Weg zu fragen. Was für ein Glück, dass ich über eine Urwienerin gestolpert bin, die mich zusätzlich zur Station auch noch über die beste Einstiegsstelle in die U-Bahn (vorletzter Waggon) aufklärt. Wir unterhalten uns über das herrliche Wetter, schwingen gemeinsam auf einer positiven Welle und verabschieden uns herzlich.

Angekommen im Gänsehäufl stelle ich fest, dass ich diesen Ort noch nie so leer erlebt habe. Es ist der erste Tag im Jahr an dem die Freibäder Wiens ihre Toren für die wasserliebenden Menschen geöffnet haben. Zielsicher peile ich den FKK-Bereich an, denn dort kumulieren sich die in meinen Augen sympathischsten Menschen des ganzen Bades. Woran das liegt ist mir nicht klar, aber selten habe ich an anderen Orten in Wien freundlichere, offenere und mit sich und der Welt im Reinen liegende Individuen getroffen als dort. Lasst mich mitschwingen, ich bin bereit.

Zuerst suche ich mir den für mich günstigsten Ort und ich wähle einen Platz, an dem sich viele Frauen befinden. Ich habe nichts gegen Männer, aber aufgrund meiner Erfahrungen weiß ich, dass mir die Gegenwart von Frauen einfach lieber ist. Ich verkrampfe mich weniger und kann eher die sein, die ich sein möchte. Da hätten wir einmal zwei ältere Damen auf Sesseln, sie unterhalten sich fröhlich über ihre Enkelkinder und schwärmen über ihre Eigenschaften, die sie einfach nur großartig finden. Ein Stückchen näher an der alten Donau liegt eine Mitvierzigerin auf ihrem bunten Liegetuch, sonnt sich und liest ein Buch. Zu meiner rechten eine Frau um die 79, die mit geschlossenen Augen den Klängen ihres Walkmans – ein Relikt, das ich schon fast vergessen hätte – lauscht. Ich gestatte mir, an die Vergangenheit zu denken und sehe mich als 16-jährige mit Walkman und Nirvanas „In Utero“ durch den Wald joggen.

So sportlich war ich einst, es tat damals gut und gesagt getan, stürze ich mich in die 16° Grad warme Donau, um mir selbst zu beweisen, wie hart ich sein kann. Die ersten Minuten sterbe ich beinahe den Gefriertod, aber dann passiert etwas Merkwürdiges: die Kälte vergeht und ein angenehmes, sich über den ganzen Körper ziehendes Prickeln, setzt ein. Teilweise kämpfe ich gegen Wellen, die in den Momenten in mein Gesicht schlagen, in denen Boote am anderen Ufer vorbei ziehen. Sobald mir der Zusammenhang bewusst ist, bin ich gewappnet und auch dieses Problem hat seine Lösung gefunden.

Mein selbst gesetztes Soll absolviert schwimme ich zurück zu meinen Siebensachen. Unvermittelt finde ich mich in einer zuvor noch nie dagewesenen Situation ein: eine Gruppe von 6 Enten hat mich umzingelt. Da ich böse Erfahrungen mit Wasservögeln verinnerlicht habe, flackert sekundenweise Panik in mir auf. Ich verdränge die Angst und konzentriere mich auf die Schönheit dieser Tiere, die schillernden Farben ihres Gefieders, die anmutig geschwungenen Schnäbel und das soziale Gefüge, indem sie sich befinden. Man/frau sieht Enten selten alleine, sie treten meist zumindest zu zweit in Erscheinung. Über das Nachdenken vergesse ich die Angst völlig und während ich all dies überlege, ziehen sie ruhig und bedacht an mir vorüber.

Zurück an meinem Platz erledigen Sonne und Wind die Aufgabe, meinen nackten, blassen Körper zu trocknen. Wie cremt sich ein Mensch selbst den Rücken ein? Genau: am besten gar nicht. Gedacht und umgesetzt. Ich freue mich auf menschlichen Austausch und spreche die Frau auf dem hinreißenden Badetuch an, ob sie so freundlich wäre, mich mit Sonnencreme, LSF 30, einzucremen. Sie bietet bereitwillig ihre Hilfe an und klärt mich darüber auf, dass ich ein heller Hauttyp bin und am besten LSF 50-60 verwenden sollte. „So etwas besitze ich nicht. Wo kann man den denn kaufen?“, frage ich sie. „Am besten in der Apotheke“, erwidert sie mir. Ich verspreche, nicht allzu lange in der Sonne zu bleiben, denn mir sind die Problematiken, meiner sahneweißen Haut durchaus bewusst. Ein Lächeln zum Abschied und die Sonne darf mich küssen.

Zeit für die Muße, das gute Buch und das köstliche Essen. Ich schwebe selbst dann noch auf einer Wolke, als ein Vogel, der in der Platane über mir sitzt, mein Handtuch vollscheißt. Bin ich normal, oder verrückt, wenn ich sage, dass mir das in diesem Moment völlig egal ist? Kein Anzeichen von Ärger, keine Spur des üblichen, normalen Grants, meinem wenig geliebten Begleiter.

Wenn Verrücktheit so aussieht, dass ich einfach nur glücklich und zufrieden bin, dann immer bloß her damit!

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