Alice Schwarzer und die Hoheit des Slogans

Persönlich hat Alice Schwarzer in den letzten fünf Jahren viel an Imagekorrektur geleistet und das erfolgreich. Politisch und feministisch sind die meisten Sympathisant_innen „schwarzer-verdrossen“ geworden und das nicht ohne Grund. Für viele junge Feminist_innen gilt sie als überholt, prüde und islamophob.

Um den Eindruck zu verstehen, der Feminismus Alice Schwarzers sei überholt, müsste man den – falls es ihn gibt – „neuen Feminismus“ verstehen, bzw. wenigstens umschreiben können. Sowie es aber schon in den frühen feministischen Bewegungen unmöglich war den einen, repräsentativen Feminismus ausfindig zu machen und ihn geschlossen und gestärkt den strukturellen Repressalien der dichotomen Männergesellschaft und ihrer logischen Frauenexklusion entgegen zu stellen, ist es auch heute unmöglich, zu definieren, welche emanzipatorischen Kräfte  überhaupt wirken und wie man sie zusammen fassen könnte. Heute gesteht man Alice Schwarzer im Deutschland der 70er und 80er zu, als Zugpferd einer sehr erfolgreichen Frauenbewegung, trotz der vielen Feminismen, genau das geschafft zu haben und rollt ihr dafür bei Gelegenheit den roten Teppich aus, immer aber in Behandlung als historische Figur, die heute ihre politische Notwendigkeit verloren, weil verspielt hat. Wodurch?

Die Gründe sind äußerst plastisch und auf einen ersten Blick verständlich. Wie oben erwähnt, lässt sie sich vor allem Vorwürfe der Prüderie und Islamophobie gefallen. Sieht man nur einmal und flüchtig hin, ist dieser Eindruck durchaus nachvollziehbar. Wer mit „PorNO“ wirbt und sich auffällig oft kritisch in Debatten rund um Islamismus einmischt, muss damit rechnen, in diverse Ecken gerückt zu werden. Verhält es sich aber wirklich so? Die meisten wollen sich mit dieser Frage gar nicht erst auseinandersetzen, denn wer so ungeschickt und provokant agiert, eben mit Slogans wie „PorNO“ und „Die große Verschleierung“, verdient eigentlich keine genauere Auseinandersetzung, da allein schon durch den Slogan Missmut zwischen den Gesellschaften provoziert und neu geschürt wird.  Da scheint, ganz ohne Zynismus, eine Vorverurteilung nicht ungerechtfertigt. Denn dem_der vorurteilsbeladenen „Deutschen“ ist es schnurz egal, was und wen Schwarzer in „Die große Verschleierung“ anprangert, der_die geht am Schaufenster vorbei, überfliegt den Titel und fühlt sich in ihrer diskriminierenden Haltung und Vorverurteilung kopftuchtragenden Frauen gegenüber bestätigt und bestärkt. Noch dazu empfindet sie Schwarzer als Autorität, was die „Frauenrechtlerei“ angeht, die schließlich wissen muss, welche Standards unter Frauen zulässig, weil emanzipiert oder eben unzulässig sind.

So sehr ich diese Kritik nachvollziehen kann, selbst als äußerst problematisch empfinde und Schwarzer, wenn ich könnte, die eine oder andere Korrektur ihrer Überhängsel über ein (so wichtiges!!) Thema vorschlagen würde, darf man die Kritik wiederum nicht kritiklos unhinterfragt lassen, sondern auch an einer oft undifferenzierten (neo/feministischen) Menge üben. Zugegeben, wäre ich nicht auf die tieferen Inhalte ihrer Kritiken gestoßen, würde auch ich weiterhin erbost über ihre Slogans stolpern und denken, dass es der Tante langsam aber doch den Vogel raus haut und sie der Gesellschaft, den Frauen und dem Feminismus mittlerweile mehr schadet als nützt. Wobei der Schaden, durch die Hoheit des Slogans, wie gesagt insgesamt überwiegt, was sehr schade und nicht zuletzt ärgerlich ist, da man erwarten dürfte, dass eine Kämpferin in Sachen Frauen etwas mehr Reflexion der Auswirkungen eben solcher besitzen könnte.

Ich möchte in diesem Artikel nicht als große Verteidigungsrednerin Alice Schwarzers auftreten. Ich selbst bin regelmäßig befremdet ob ihres Auftretens und ihren unglücklichen, politisch äußerst fragwürdigen Statements, die geradezu missverstanden werden WOLLEN. Und ich stehe Schwarzer verständnislos gegenüber, wie sie derart wichtige Botschaften an die Polemik verschenkt. Genau  deshalb dieser Artikel: Welche Botschaften sind das und warum greifen sie nicht? Meine Antworten darauf habe ich teils ja schon angeschnitten, also weiter im Text:

Ad Islamophobie: Was ist das? Weil ich grad zu faul bin, die offizielle Definition zu googeln, hier eine knappe Eigendefinition: die Vorverurteilung eines Menschen, aufgrund seines_ihrem muslimischen Hintergrundes, die auf stereotypen Vorurteilen beruht.

Was hat Schwarzer damit zu tun? Weiß ich eigentlich nicht so genau. Tatsächlich hat Schwarzer nie, zumindest in keinem Essay, Artikel und in keiner politischen Schrift, die ich gelesen habe (und ich habe seeeeehr viele gelesen) auch nur ein Wort über den ISLAM verloren. Sie richtet ihr Wort fast paranoid, unterstrichen und unmissverständlich in jedem Essay und jedem Interview an den islamistischen Fundamentalismus, der zum Islam ungefähr so steht wie die RAF zu einer einfachen linken Gesinnung. Im Übrigen behandelt sie ebenso immer wieder den christlichen Fundamentalismus und das nicht gerade netter als den islamistischen. Dass dieser sehr wesentliche Unterschied von vielen, vielleicht sogar von den meisten, einfach ignoriert oder vermischt wird, dürfen sich die Kritiker_innen selbst vorwerfen und nicht Alice Schwarzer, deren Handlungsspielraum nun mal nicht recht viel mehr zulässt, als mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass sie sich eben nicht an die deutliche Mehrheit der „normal Gläubigen“ richtet, sondern von der betont-deutlichen Minderheit über den Globus verstreuter Fundamentalist_innen spricht. Und dass Fundamentalismus kaum ohne sexistische Schwerverbrechen auskommt ist, so denke ich, allgemein bekannt. Ich lasse hier meine Gedanken zu Alice Schwarzers Verhältnis zum Kopftuch als Sonderthema bewusst weg, da dieses Issue gegenwärtig zu heikel ist, um es in nur einem Absatz abzuhandeln und ihm gleichzeitig gerecht zu werden. Vielleicht kommt ja mal ein eigener Eintrag dazu.

Ad PorNO: Ok, hier, Alice, hast du echt Scheiße gebaut. Zu meinem fast verzweifelten Vergnügen, habe ich irgendwann ein Interview mit Schwarzer gelesen, in dem sie (sinngemäß) beteuert: „Was Sie dachten wirklich, dass wir Pornos verbieten wollen?? Ach nein, das diente ja nur dazu, um auf das Thema aufmerksam zu machen!“ Liebe Alice, dieses Fishing for Aufmerksamkeit hat dich leider sehr viel Aufmerksamkeit gegenüber einem wirklich wichtigem Thema gekostet. Gegenüber einer Masse, die ihre Sexualität nun mal unter anderem auch sehr gern über Pornos ausübt, war es wohl nicht sehr klug das Gefühl zu vermitteln, du willst ihnen dieses Vergnügen nehmen. Dabei sind die Inhalte und Kritiken dieses Themenkomplexes der „Emma“ und Alice Schwarzers so wichtig und aktuell.

Richtigstellung für alle, die ihre geliebten Pornos durch böse Schwarzer bedroht sehen: Schwarzer benutzt den Begriff „Pornographie“ zugegeben etwas irreführend. Wiedermal muss man sich tiefer mit der Materie befassen, um zu erkennen, was Schwarzer meint und will. Schwarzer kritisiert und verurteilt ausschließlich frauenerniedrigende Pornographie, von der man (ihrer Ansicht nach – und auch meiner btw) vorbehaltlos ausgehen kann, dass sie in Wechselwirkung mit der Gesellschaft und deren Bild einer Frau/eines Mannes als agierender oder eben passiver Sexualpartner_in steht. Und noch ein kleiner Gedanke von mir dazu: Wenn Feminist_innen davon ausgehen, dass die Sprache das Denken und damit auch die Welt formt oder zumindest beeinflusst, wieso sollte es sich mit Bildern oder bewegten Bildern anders verhalten? Die Frau tritt im Mainstreamporno im besten Fall als zu verwendendes Sexinstrument auf, im schlimmsten Fall als Objekt, dessen Erniedrigung und Demütigung zur sexuellen Lustgewinnung dient, bis hin zu nachgestellten Vergewaltigungsszenen, die ebenso die Lust und Befriedigung voran treiben sollen. Wer, wann und wie daraus sexuelle Lust oder sexuelles Empfinden zieht, sei dahin gestellt, weder die Phantasie ist (zum Glück) kontrollierbar, noch ist es sinnvoll diese zu unterdrücken, zu verurteilen oder zu verbannen, weil politisch inkorrekt oder so. Was aber im Umkehrschluss trotzdem nicht bedeutet, dass man die Verbreitung und Kommerzialisierung solcher Vorstellungen kritiklos stehen lassen sollte.

Leider ist es salonfähig Sexismen kommentarlos weiter walten zu lassen, sei es nun um die sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen oder sich nicht mit den lästigen, eigenen Sexismen auseinander setzen zu müssen. Bei anderen diskriminierten Gruppen verhält es sich erstaunlicherweise ganz  anders. Eine rassistische Eingangsstory (einen Mann betreffend) käme wohl eher befremdlich rüber und würde wohl auf sehr viel weniger Resonanz stoßen als andere, beliebte Figuren: Die Sekretärin, die Hure, das Vergewaltigungsopfer, die Tochter oder Minderjährige, in einem Wort die Machtlose und der sexuellen Aggressivität des Mannes ausgelieferte.

Und all das soll nichts über das Gesellschaftsbild der Geschlechter aussagen und einzig und allein der unantastbaren sexuellen Freiheit folgen? Und wenn auch ein Verbot die Sache vielleicht oder sicher nicht löst, sollte es trotzdem unthematisiert bleiben? Alice Schwarzer und die „Emma“ sind die Einzigen mit öffentlicher Aufmerksamkeit, die sich dieser Thematik im deutschsprachigem Raum lautstark widmen.

Ich vermute hinter dem Tabu, pornographische Inhalte jeglicher Art und Form, zu hinterfragen oder gar zu kritisieren, die Angst in einem sexualisierten Zeitalter der post -68er als prüde oder verklemmt zu gelten. Genau das erleben wir ja am Beispiel Schwarzers, der vorgeworfen wird, zuerst die sexuelle Befreiung der Frau gefordert zu haben und nun die Sexualität der Menschen an sich beschneiden zu wollen, weil ihr in ihrer Prüderie irgendwas zu heavy geworden ist, der alten Schachtel. Wer möchte schon diese alte Schachtel sein? Es ist mir ein Rätsel das Aufzeigen von Frauenverachtung mit Prüderie gleichzusetzen.

Es liegt im Trend Alice Schwarzer nicht zu mögen. Genauso wie es im Trend liegt jede Äußerung über islamischen Fundamentalismus oder gegen Pornographie in Verdacht zu ziehen, rassistisch oder katholisch zu sein. Jeder Trend hat sein Motiv, das irgendwann bestimmt legitim war. Genauso irgendwann ist der Trend aber einfach nur noch ein Trend, der unter sich wichtige Themen und Inhalte vergräbt. So sehr Alice Schwarzer leider zu oft selbst für das Grab ihrer eigenen Themen verantwortlich gemacht werden muss, wäre es ein Gutes ab und zu genauer hinzusehen ob nicht doch etwas gehaltvolles darunter liegt.

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