Ich & das F-Wort: Gedanken zum Feminismus

Dies ist der erste von vorerst zwei Teilen, in denen ich über meine Gedanken zum Feminismus bzw. feministischen Anliegen schreibe.

Es ist uncool geworden, Feministin zu sein. Ich weiß nicht wann genau, aber irgendwann ist es passiert. Immer wieder lese ich von Frauen, die Sachen sagen wie: “Ich bin ja keine Feministin, aber ich finde schon, dass…” oder “Natürlich bin ich für die Gleichberechtigung von Frauen, aber ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen.” Ich glaube sogar, ähnliche Äußerungen auch schon mal im eigenen Bekanntinnenkreis vernommen zu haben. Und auch bei Männern macht man sich damit nicht beliebt, und damit meine ich nicht irgendwelche reaktionären Machos, sondern auch bei an sich sehr aufgeschlossenen, progressiven Männern in meinem Freundeskreis, ist das F-Wort ein rotes Tuch. Die Gleichstellung der Frauen wäre ja schon längst vollzogen, und heute wirklich kein Thema mehr.

In den Medien ist es auch nicht viel besser. Feministinnen werden in Film und Fernsehen gerne als hysterische, verbitterte, männerhassende Keifzangen dargestellt, mit denen sich natürlich niemand identifizieren möchte. Feminist Frequency hat hierzu einen guten Beitrag gemacht, und das Phänomen der “straw feminist” in Filmen analysiert.

Ein Argument gegen den Feminismus, das ich häufig vernehme, ist, dass es ja schon vom Namen her nichts mit wirklicher Gleichstellung der Geschlechter zu tun haben kann, da sich schließlich der Name auf Frauen fokussiert. Das Wort ist eben “Feminismus”, und nicht irgendein anderer Begriff, der alle oder keine Geschlechter benennt.

Dieser Einwand hat schon etwas für sich, vor allem in Anbetracht dessen, dass die Anliegen von Frauen jene von Männern nie unberührt lassen. Das Nachdenken über und Kritisieren von bestehenden Vorstellungen darüber, wie Frauen zu sein und was sie zu tun haben, führt konsequenterweise immer auch zu einem Nachdenken und Kritisieren von Männerbildern und -rollen, bzw. Vorstellungen über die Geschlechter ganz allgemein. Untrennbar verbunden mit dem Bestreben, Frauen den Zutritt zu traditionell männlichen Bereichen und Rollen zu öffnen, ist dessen Gegenteil, nämlich Männern Ausdrucksformen und Lebensbereiche zuzugestehen, welche traditionell als weiblich erachtet werden. Oder, wie ich einmal auf einem Sticker gelesen habe: “For every girl who is tired of acting weak when she is strong, there is a boy tired of appearing strong when he feels vulnerable.”

Wenn man sich diese Bemühungen allerdings genauer ansieht, stellt man fest, dass die Wurzel allen Übels nach wie vor eine Geringerschätzung aller als weiblich geltenden Dinge und Aspekte ist. Durchsetzungsfähige Mädchen sind in Ordnung, aber Männer die weinen? Geht eher nicht so gut. Mädchen die gerne Shorts und T-Shirts tragen, dürfen das in der Regel, aber wie ergeht es wohl einem Jungen, der gerne ein rosa Kleid hätte? Sofern er nicht mit sehr aufgeschlossenen Eltern gesegnet ist, wird ihm wohl sehr schnell vermittelt werden, dass das nichts für Buben ist. “Eier zu haben” bedeutet mutig zu sein, aber wer feige ist, ist “eine Pussy.”

Hmmmm, wie war das nochmal mit der angeblich schon vollzogenen Gleichstellung?

Es stimmt natürlich, rechtlich wurde für Frauen bereits viel erreicht. Aber dennoch, wer denkt, dass es knapp hundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in Sachen Gleichstellung nix mehr zu tun gäbe, der/die irrt. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, doch unter diesem ersten Blick gibt es unzählige Stereotypen und Vorurteile, die sich nicht so schnell aus dem kollektiven Bewusstsein entfernen lassen. Sie mögen weniger offensichtlich sein, doch genau das macht sie so gefährlich. Wenn zum Beispiel…

Hillary Clinton in einem Fernsehinterview nach ihrem Lieblingsmodedesigner gefragt wird (und sie, berechtigterweise, mit einer Gegenfrage antwortet, nämlich ob einem Mann diese Frage auch gestellt werden würde).
…ich von einer Freundin, welche Barkeeperin ist, von nervig aufdränglichen Männern erzählt bekomme, welche ihr Getränke ausgeben wollen, und ein “nein danke” erstens mal nicht gleich akzeptieren, und nach wiederholtem Ablehnen schließlich beleidigt sind.
…sich eine Freundin und ein Freund von mir unterhalten, sie erwähnt, dass sie letztens auf ihrem Laptop die Festplatte partitioniert hat, und er sie erstaunt fragt, wieso sie sich so gut bei Computern auskennt. Hätte er das auch gefragt, wenn sie ein Mann gewesen wäre?

Nach wie vor wird Frauen weniger zugetraut, weniger Raum gegeben, immer auch über ihr Aussehen gesprochen, wenn es nur über ihre berufliche Kompetenz gehen sollte. Nach wie vor genießen weiblich dominierte Berufe geringeres Ansehen und werden schlechter bezahlt, obwohl sie für das Funktionieren der Gesellschaft unerlässlich sind (zum Beispiel Kranken- oder Altenpflege oder pädagogische Berufe). Nach wie vor ist es eine furchtbare Beleidigung für Männer, wenn sie irgendwie in den Verdacht geraten, “zu weiblich” (= zu schwach, zu feige, zu emotional) zu sein.

Ja, ich persönlich hätte auch gerne ein neues Wort, um den “Feminismus” zu ersetzen. Aber solange wir in einer Gesellschaft leben, in der “weibliche” Attribute weniger erstrebenswert erscheinen als “männliche”, und Frauen immer auch über ihr Aussehen definiert werden, ist es dafür meiner Meinung nach noch zu früh.

Nächster Teil: Von Tischfußball, dem EMS-Einstiegstest, und dem Schuß ins eigene Knie.

 

 

 

6 thoughts on “Ich & das F-Wort: Gedanken zum Feminismus

  1. Das ist ein so spannendes Thema das ich mich momentan auch in meiner magisterarbeit mit der Wahrnehmung von Feminismus auseinandersetzte.welche stereotype gibt es in wie weit kann man von einem Stigma sprechen und wie lässt sich diese Wahrnehmung und die Verschiebung hin zum sprechen von Gleichberechtigung statt Feminismus in einen neoliberal-individualidtischen Diskurs einordnen.

  2. ich bin noch etwas skeptisch wie ich dem wort gegenüberstehe. ich denke, sich um gleichberechtigung zu bemühen ist immer nötig und wichtig, und natürlich sind hier frauen* noch immer benachteiligt; aber wie mein „* andeutet bin ich nicht für geschlechter und finde es schwer, eine einteilung, die ich ablehne, als ethymologische basis einer ideologie mit potentiell begrüssenswerten idealen zu haben. also meine fragen: muss/soll man den wunsch und den einsatz für gleichberechtigung unabhängig von geschlechtsidentität mit einem geschlechtsspezifischen namen versehen? und inwiefern soll die bezeichnung ausdruck der noch zu gehenden wegstrecke sein, also ein mass des miss/erfolgs darstellen? und welchen einfluss auf die debatte sollen die ansichten von feind_innen der gleichberechtigung und /oder frauen* einerseits, die wohlgesonnener personen andererseits haben? zuguterletzt, wer identifiziert sich mit welchen (fehl?)ansichten über feminismus (oder vielmehr feminismen), und woher kommen diese?

    • good point(s). diese fragen hab ich mir auch schon öfters gestellt. ich bin auch keine freundin der einteilung der geschlechter und dies ist ein weiterer grund, warum ich mir längerfristig wünsche, dass der feminismus überflüssig wird. ich sehe es halt von dieser seite: so lange die gesellschaft eine bestimmte gruppe von menschen („frauen“) kategorisiert und diskriminiert, solange ist es notwendig, dagegen anzukämpfen. bzw. werden menschen, die sich sexistisch verhalten, für grundlegendere kritik an der einteilung der geschlechter höchstwahrscheinlich taub sein. daher: feminismus als mittel zum zweck, um mal nach wie vor aktuelle vorurteile zu beseitigen. langfristig: die geschlechtereinteilung im gesamten über bord werfen (wird leider noch ein wenig dauern).

  3. [EDIT: Hier wurde kommentarlos vom Original-Poster ein Link veroeffentlicht, der auf eine Seite verweist, die unsachliche Behauptungen (wie z.B., dass die Einrichtung des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ eine Veruntreuung von Steuergeldern darstelle) als Studie getarnt zu verbreiten versucht. Der Link wurde deshalb entfernt. – sugarbox team]

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