Ich & das F-Wort: Von Tischfußball, dem EMS-Einstiegstest, und dem Schuß ins eigene Knie.

Dass es nach wie vor Anlass gibt, dem Feminismus die Treue zu halten (auch wenn ich mich selbst nach einer Gesellschaft sehne, in der dieses Wort überflüssig geworden ist), war Thema meines ersten Artikels. Warum es einem aber manchmal aus den eigenen Reihen schwierig gemacht wird, darum geht es diesmal.

Einige von euch haben vielleicht von der dieses Jahr einmalig anders durchgeführten Auswertung des Aufnahmetests zum Medizinstudium an der Medizin-Uni Wien (EMS-Test) gehört. Da sich jedes Jahr mehr Frauen als Männer für diesen Test bewerben, diese jedoch tendenziell schlechter abschneiden, und darum dann trotzdem mehr Männer tatsächlich das Studium beginnen, wurde der Test dieses Jahr getrennt nach Geschlechtern ausgewertet. Sowohl für Frauen als auch für Männer wurde eine eigene Gesamtpunktezahl sowie ein daraus folgender Mittelwert berechnet, wodurch Bewerberinnen bei gleicher Leistung zu einer höheren Platzierung gelangen konnten.

Die Vizerektorin für Lehre und Gender der Med-Uni Wien, Karin Gutierrez-Lobos, die für diese Lösung verantwortlich ist, sieht darin einen Nachteilsausgleich der Bewerberinnen. Martin Arendasy, Leiter des Arbeitsbereiches Psychologische Methodik an der Universität Graz und externer Experte der Arbeitsgruppe zur Entwicklung des neuen Testverfahrens, spricht in diesem Zusammenhang in einem Artikel auf diestandard.at die verschiedenen Sozialisierungen von Frauen und Männern an, welche ersteren bei diesem Test zum Nachteil werden.

Schön und gut, bei dieser Feststellung bin ich einer Meinung. Schließlich schneiden Mädchen bei mathematischen Tests genauso gut ab wie Buben, sofern man nicht zuvor das Klischee “Mathe ist was für Buben, Mädchen sind besser in Sprachen” in ihren Köpfen einzementiert. Ob diese gesonderte Testauswertung allerdings ein gutes Mittel ist, um diese Ungleichheiten zu beseitigen, wage ich zu bezweifeln und kann den Unmut, der darauf folgte, gut nachvollziehen, nämlich sowohl aus Sicht der Männer, als auch aus Sicht der Frauen.

Natürlich kann mensch darüber streiten, inwiefern dieser Test überhaupt etwas über die Eignung zu einer medizinischen Laufbahn aussagt, doch diese Frage steht auf einem anderen Papier. Den Test gibt es nun mal, und es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Ergebnissen, doch diese neue Auswertung ist in meinen Augen ein Bekämpfen der Symptome, nicht aber der Ursachen, und erweist feministischen Anliegen einen Bärendienst. Eine Frauenquote finde ich nämlich nur in folgender Form in Ordnung: Wenn Frauen bei gleicher Qualifikation (!) eine Zeitlang bevorzugt in Bereiche aufgenommen werden, die bisher männerdominiert waren. Darüber hinaus: Wie geht es wohl meinem Selbstwertgefühl, wenn ich weiß, dass ich eine Aufnahme nur deswegen geschafft habe, weil zuvor für mich “als Frau” erst mal die Anforderungen gesenkt wurden?

In diesem Zusammenhang eine Geschichte, die mir ein sehr tischfußball-affiner Freund vorige Woche erzählt hat: In dessen Firma steht ein Wuzzler (Hochdeutsch: Fußballtisch) und jedes Jahr wird ein firmeninternes Wuzzelturnier veranstaltet. Da bei diesem die Männer tendenziell besser abschneiden, als die Frauen, kam nun beim letzten Turnier von einem der männlichen Angestellten der Vorschlag, ausschließlich für die Frauen leichtere Regeln gelten zu lassen, nämlich erstens das sonst unerwünschte “Durchdrehen” der Griffe zu gestatten, sowie zweitens auch Tore aus der Mitte zu zählen. Die Reaktion der Frauen? Waren alle einverstanden damit.

Meine Reaktion darauf: Völliges Unverständnis. Was hab ich denn davon, wenn ich nur deswegen ein besseres Ergebnis erziele, weil für mich “als Frau” das Level herabgesetzt wird? Der Vorschlag mag gut gemeint sein, doch in meinen Augen ist er einfach nur sexistisch und die Einwilligung der Frauen ist, so wie die gesonderte Auswertung des EMS-Tests, ein Schuß ins eigene feministische Knie.

Da wie dort wird versucht, die Symptome abzudämpfen anstatt gegen die Ursachen der Ungleichheit etwas zu tun. Den schlechteren Chancen für Frauen auf einen Platz im Medizinstudium begegnet mensch nicht, indem ihnen der Zugang leichter gemacht wird als den Männern, sondern indem analysiert wird, wie diese Ungleichheiten entstehen und wie man sie verhindern kann. Und dies beginnt mit den Bildern, Klischees, und Vorurteilen, mit denen Mädchen und Buben von Beginn ihres Lebens an konfrontiert werden: “Mädchen sind nicht gut in Mathe. Mädchen können nicht gut (Tisch-)fußball spielen.”

Ich sage: Weg mit diesen Klischees. Der Weg zu gleichen Chancen liegt in besserer Bildung, die Kinder als Individuen und nicht primär als Mädchen oder Buben sieht. Und der Weg zu besseren Wuzzel-Skills ist nicht, mit leichteren Regeln zu spielen, sondern: mehr zu wuzzeln!!!

2 thoughts on “Ich & das F-Wort: Von Tischfußball, dem EMS-Einstiegstest, und dem Schuß ins eigene Knie.

    • sex und gender schon klar, keine frage ;) (du wirst vielleicht auch gemerkt haben, dass ich „frauen“ immer unter “ “ gesetzt habe) trotzdem gibt’s derzeit (noch) problematiken, die innerhalb der guten alten geschlechter-binärität stattfinden, und die es zu adressieren gilt. diese test-auswertung beispielsweise halt ich für ein massives problem, und ebenso wenn „frauen“ mit leichteren regeln für „bessere“ ergebnisse einverstanden sind.

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