Baise-Moi … oder so ähnlich

Stadtgeschichten über das Single-Dasein

Eine U-Bahnfahrt, die ist lustig, eine U-Bahnfahrt, die ist schön. Aber ich würde natürlich nicht darüber schreiben, wenn sie nicht unverhofft geendet hätte. Doch schön der Reihe nach.

Ab und an müssen auch die meinigen, Zuckerwürfel beißenden Zähne zum Zahnarzt. Das Schöne bei meinem Zahnarzt ist, dass es jede Menge Tratsch und Klatsch- und sonstige Schundheftchen gibt. So entdeckte ich auch eine „Wienerin“ vom März 2012. Leider kam ich nur dazu das Horoskop zu lesen, da ich alsbald schon dran kam. So fragte ich die Zahnarzt-Assistentin, ob ich mir das Heft mitnehmen dürfe, gab es doch noch einen Artikel über Jugendobdachlosigkeit, welchen ich lesen wollte. Ob es an meinem Charme lag oder daran, dass die Gute schlichtweg nicht gewohnt war, dass man sie so etwas fragt, weil ohnehin jeder diese Magazine einfach so mit nimmt, sei dahin gestellt; ich bekam auf jeden Fall ihren Segen.

Nach erfolgreicher Prozedur traf ich mich mit einem meiner liebsten Freunde. A und ich, wir frönten unserem seit Schulzeiten alteingesessenem Ritual bestehend aus Sushi, Spaziergang und schwerwiegenden Diskussionen. Zu unserer Schande drehen sich diese Diskussionen meist um Frauen und die Erkenntnis ist oftmals auch die Selbe: Hetero-Männer leiden unter genau den gleichen Dingen wie „unsereins“. Wir teilten Geschichten und frühabends schließlich teilten wir uns den Weg nach Hause in der U-Bahn.

So saßen wir nun nebeneinander, vom vielen Spazieren gehen erschöpft und lamentierten über mein aktuelles Ex-Gespusi, da fiel mir wieder die Wienerin ein. Etwas lustlos blätterte ich mich von Kochrezepten zu Modestrecken durch, A schaute amüsiert zu, als mir plötzlich in großer Euphorie und mit wohl etwas zu lauter Stimme ein „Die haben ja tatsächlich einen Artikel über Virginie Despentes!“ entfuhr. Quittiert wurde dies von A mit einem „Wer?“ und von der Dame gegenüber mir, mit einem schlichten „Wirklich?“.

A und ich schauten uns amüsiert an. Ich drehte überrascht aber souverän das Magazin um, und zeigte der Dame gegenüber die betreffende Doppelseite. Sie lächelte und A fragte noch einmal nach, wer denn nun Virginie Despentes sei. Was folgen sollte, war eine meiner bekannten Einführungen à la „Französin, geboren in, hat dieses und jenes erlebt, ist zusammen mit, schreibt Bücher und macht Filme“ und als ich schließlich einige Werke von ihr aufzählen wollte, wurde ich just von der Dame gegenüber unterbrochen. Mit zwei einfachen Worten: „Baise-moi!“, sie zwinkerte mir zu und steckte sich einen(!) Kopfhörer in ihr Ohr. A und ich konnten uns gerade noch so viel an unseren Französisch-Unterricht erinnern, dass wir ob der Bedeutung dieser Worte sprachlos waren. Wir versuchten das Thema zu wechseln, aber das Gespräch wollte nicht so recht in Schwung kommen, war ich auch etwas abgelenkt, versuchte ich doch unauffällig die Dame zu mustern.

Mittleres Alter, um die 40, blondmeliertes schulterlanges Haar, dunkle Augen, wunderschöne Zähne (hab ich schon erwähnt, dass ich einen Zahn-Fetisch habe?!), ansprechender Mantel und Hut. Ok, ok – spätestens beim Hut hätte mir alles klar sein müssen. Schließlich war A’s Station gekommen, wir verabschiedeten uns und ich war auf mich alleine gestellt. Verstohlen kramte ich nach Irgendwas in meiner Tasche, war aber natürlich nicht sehr erfolgreich, gab es doch nichts darin. Zu allem Überfluss war die nächste Station nicht nur meine, sondern auch die ihrige. Während wir nun also, jeder vor sich hinlächelnd, mit der Rolltreppe fuhren, fragte sie mich schließlich, ob ich denn auch Houllebecq gelesen hätte, und was ich davon halte, dass Despentes oftmals als weiblicher Houllebecq gehandhabt wird.

Nunja, das Eine führte zum Anderen: wir kamen ins Tratschen, ich ließ meinen Anschlußbus fahren, sie den ihren und schlußendlich fragte sie mich, ob ich Lust hätte auf „einen Kaffee“.
Was soll ich sagen; ich hatte – und das, obwohl ich keinen Kaffee trinke. Wir setzten uns in ein Beisl und tranken unsere Warmgetränke und wechselten alsbald zum Wein. Literarische Ausschweifungen jeglicher Art mit nahezu spitzbübischem verbalen Flirtereien gingen von Statten und ich genoß die Situation wahrlich. Irgendwann fühlte ich mich verpflichtet auf mein Telefon zu schauen, und bemerkte, dass knappe drei Stunden vergangen waren, seit dem ich mich von A verabschiedet habe.

Wir hätten wohl noch die ganze Nacht dort verbringen können, aber irgendwann war der Punkt gekommen, wo wir das Lokal doch verließen. Wir spazierten zurück zu unserem Ausgangspunkt und warteten auf die jeweiligen Busse. Ihrer kam zu erst. Sie fragte mich, ob ich den aktuellsten Film von Virginie Despentes schon gesehen hätte, was ich aber verneinen musste. Sie platzierte ihre Hand auf meinen Arm und meinte verschwörerisch „das muss geändert werden“. Ihre andere Hand legte sie an meine Wange, sie küsste mich auf den Mund, übergab mir einen Zettel, setzte sich in den Bus, der schon den Motor gestartet hatte und düste los in die Nacht.

Besser hätte man es wohl nicht inszenieren können. Auf dem Zettel stand ihr Name und ihre Telefonnummer. Und während ich auf meinen Bus wartete, wurde mir bewusst, dass wir den ganzen Abend kein bisschen über uns selbst gesprochen haben, und ich erst durch diesen Zettel erfuhr wie sie heißt.

4 thoughts on “Baise-Moi … oder so ähnlich

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