Verteidigungsrede fader Beziehungen

Eigentlich wollte ich ja zwecks Imageaufbaus der „goettinnenspeise“ als Auftakt eher schimpfend und im Widerstand althergebrachter Liebes- und Lebensstile gegenüber auftreten, weil archimedischer Punkt meiner Gedankenwelt zu Liebessachen ja einer ist, der alte Grenzen eher uninteressant findet und sich für das neue, grenzenlose interessiert. Und jetzt heißt mein erster Beitrag in Sachen „Lifebox“ und Liebe tatsächlich „Verteidigungsrede fader Beziehungen“. Egal, mensch kann sich nicht aussuchen welche Inhalte die Inspiration für Blogeinträge vor die Tür stellt und wer sugarbox und der goettinnenspeise treu bleibt, wird schon bald in den Genuss einer anderen, sehr kritischen Auseinandersetzung mit „alten“ Beziehungsmodellen kommen, die ich wahrscheinlich vor 3-4 Jahren schrieb und zu der ich immer noch stehe. Auch wenn der Beitrag im ersten Moment widersprüchlich dazu erscheinen mag, er ist es nicht. Wer neugierig darauf ist – nächsten Montag geht es weniger kuschelig zu! Aber nun zum kuscheligen Part:

K ist meine Freundin und verkühlt. Ich hab sie „angsandlt“, wie man im Waldviertel sagt. Wenn jemand von uns verkühlt ist, schlafen wir mittlerweile in getrennten Betten. Mit der Zeit hat sich meine aufrichtig liebevolle Art, sie mit einem sanften Kuss darauf aufmerksam zu machen sich zur Seite zu drehen, um das geräuschvolle Atmen zu dämpfen, zu einem hoch aggressiven in den Polster schlagen und wutschnaubend das Bett verlassen entwickelt. Deswegen vertrösten wir uns in solchen Phasen inzwischen mit Kuschelsessions vorm schlafen gehen, bevor jede im seperaten Zimmer ihren heiligen und erholsamen Schlaf nachgeht. Ohne Störungen eines hustenden, rotzenden und schnarchenden, kranken Körpers neben sich. Ihre Worte „Schatzi, kommst du bitte?!!!“, mit denen sie mich bei ihrem zu Bette gehen auf das traditionelle Kuscheln vorm schlafen gehen aufmerksam machen will, gleicht eher einem genervten Kommando wie: „Kannst du bitte den Geschirrspüler ausräumen (und deinen A**** vom iPad weg bewegen)?!“, als einer zärtlichen Aufforderung meinen geliebten Körper noch süße, romantische 5 Minuten neben ihrem zu platzieren, damit sie ruhig und zufrieden einschlafen kann. Ich denke dem_der Leser_in ist spätestens jetzt klar, dass unsere Beziehung schon etwas über die ersten 12 Monate hinaus ist.

Der Kommandoton passiert aus Routine und aus dem Wissen heraus, dass ich mich andernfalls wirklich die nächsten 15min nicht von meinem iPad entferne. Und trotzdem hat es nicht das Geringste mit einem Mangel an oder abgeflauter Liebe zu tun. K würde wahrscheinlich einen Aufstand machen, der das Rumpelstilzchen erblassen ließe, käme ich nicht zum Kuscheln, damit mein Körper noch süße 5 Minuten an ihrem schmiegt und sie ruhig und zufrieden einschlafen kann (umgekehrt gilt im übrigen das Gleiche!). Und ich vermute dahinter jetzt mal ganz großspurig und selbstüberzeugt eine ziemlich große und ehrliche Zuneigung zu meiner Person. Das sei gesagt, weil langjährige Beziehungen, in denen sich solche oder ähnliche Szenarien abspielen, in der Rezeption oft nicht so gut weg kommen und dem ganzen unterschwellig eine eher triste, gemeinsame Alltagsfadess unterstellt wird. Ich amüsiere mich still nun schon seit einer Stunde über ihr „Schatzi, kommst du bitte?!“- Kommando und die paradoxe Situationskomik, insofern sie damit ja nach sanften und liebevollen Kuscheln verlangte. Sie weiß davon vermutlich garnichts mehr. Genau diese satirischen Kleinigkeiten sind es, die diese langjährige Beziehung für mich u.a. so lebenswert, spannend und amüsant machen.

Ich wuchs in einem sehr progressiv denkendem „links-intellektuellen“ Elternhaus auf, war Zeit meines Lebens Alpha/Beta/Gamma oder Omega alternativer/progressiver/queerer/anarchistischer/feministischer/akademischer Freund_innenkreise/Gedankengüter/Zirkel/etc und manchmal hadere ich damit in einer stinkbanalen, (zwar nicht vereinbart, aber praktisch) monogamen Zweierbeziehung über den Kochplan, Pärchenurlaube und Verwandtschaftsbesuche zu debattieren und wenn Besuch kommt (meistens) keinen harten Alkohol mehr, sondern immer öfter selbstgebackenen Kuchen anzubieten. Aber wenn all diese Phänomene nun mal impliziter Bestandteil eines so reichen Universums sind, das wir täglich leben und erweitern, könnte es mich schlimmer treffen.

Leider kann ich die Software meines sozialisierten Gehirns nicht löschen und mich auf eine Insel beamen, auf der es keine gesellschaftlich-normativen Konstrukte gibt, um diese Behauptung empirisch zu beweisen, aber in mir existiert die fixe Überzeugung, dass „die Entscheidung“ für dieses Beziehungsleben keiner Frage der Anpassung an vorgegebene Modelle folgte. Der „Entschluss“ zusammen zu ziehen, Alltag zu leben und mich darauf einzulassen meine persönliche Insel mit jemandem zu teilen, war sowohl eine emotionale, als auch logische und pragmatische Entwicklung. Warum doppelt Miete zahlen, wenn man gerne zusammen ist? Warum an der äußeren Freiheit festhalten, die vermeintlich Singles vorbehalten ist, wenn man sich innerlich auch gemeinsam frei fühlt? Warum Abenteuer außerhalb der Beziehung, wenn das Bedürfnis danach (noch) nicht vorhanden und die „Beschränkung“ auf den_die „offizielle“ Partner_in keine Geißel, sondern einfach ein Zustand ist? Weil all diese Punkte einer katholischen oder staatlichen Vorstellung ähneln, der wir nicht entsprechen wollen? Was ist das für ein Grund?

Für mich ist einer der elementarsten Aspekte des Aufstands gegen Soll-Konstrukte jeglicher Art ein inneres Gefängnis zu bekämpfen. Innere Freiheit bedeutet für mich so zu leben wie es sich gegenwärtig richtig anfühlt. Würde ich mein Leben nach dem vermeintlichen Idealzustand meines Umfelds im weitesten Sinne (=jenes von dem ich Anerkennung, Bewunderung, Akzeptanz, etc möchte und dem ich mich zugehörig fühle) ausrichten, wäre mein Liebesleben absolut konträr zu dem, das ich im Moment führe. Ich glaube, dass gerade dieser Umstand ein Indiz dafür ist, dass sich die Wahl meines momentanen Lebensstils nach meinen Bedürfnissen richtet und nicht nach einem internalisierten Zugehörigkeitswunsch. Das sei in der Ich-Form an dieser Stelle platziert, weil ich glaube, dass es vielen so geht, die sich, so wie ich, geistig zwar aufrichtig an der Front aller Verfechter_innen neuer Beziehungsformen einordnen, persönlich aber ganz zufrieden sind mit ihren Beziehungen oder Beziehungswünschen, die oberflächlich nach „alter Schule“ riechen.

Das eine ist Aufregung, Spannung, Einsamkeit, Aktivität, Spontanität, Schmetterlinge, Gedankenkreisen, Lust. Das andere ist Vertrauen, Familie, Sicherheit, Konflikt, Kennen, Macken, schlechte Phasen, gute Phasen und schon beim Niederschreiben und bestimmt auch beim Lesen dieser Unterscheidung und Aufzählung wird klar, dass diese Unterscheidung garnicht ziehbar ist, sondern alles alles enthalten kann. Ich habe all das jedenfalls durch und fühle mich auf dieser, meiner Station pudelwohl. Es ist schön nach Hause zu kommen und meine Nase in den vertraut-duftenden Nacken von K zu graben, ohne Unsicherheiten und einem selbstverständlichen Vertrauen, dass meine Nase und ihr Nacken ein langfristiges Commitment haben, worüber wir nicht nachdenken oder verhandeln müssen. Es ist schön K zu jeder Zeit ins Vertrauen ziehen zu können über Ängste und Selbstzweifel, die man vor der rauhen Welt lieber verbirgt. Es ist schön völlig unverblümt verwundbar und nackt sein zu können, den lieben langen Tag, weil K Kenntnis meiner Achilles-Fersen hat und respektvoll Abstand dazu hält, egal wie wütend sie auf mich ist. Es ist schön in der gemeinsam gewachsenen Sprache zu blödeln und sich dumm zu kichern. Es ist schön ein Klischee des anderen aufzubauen und ihn_sie damit aufzuziehen, teils auf komisch-beleidigendste Art, ohne wirklich beleidigend zu sein, weil es in unserer Sicherheitszone passiert. In der Sicherheitszone ergeben sich soviele Möglichkeiten, seit ich dort bin glaube ich, dass tatsächlich Sicherheit die Bedingung von Freiheit ist, solange man in etwa die gleichen, persönlichen Vorstellungen dieser beiden willkürlich füllbaren Begriffe hat.

Ich möchte nicht missverstanden werden, ich weiß, dass all diese Aspekte selbstverständlich auch innerhalb anderer, flexibler oder wie auch immer man sie nennen mag, Beziehungsformen möglich sind. Ich möchte damit nicht sagen, dass irgendetwas besser oder schlechter lebbar ist, je nach Framing des persönlichen Commitments. Ich möchte damit nur ausgedrückt haben, dass es ok sein muss, wenn für manche oder viele dieser triviale Rahmen der passende ist, um zu diesen Aspekten zu gelangen. Und um mich ein bisschen gegen die doch immer wieder kehrende Abwertung ebensolcher (vgl. „heteronormativer“) Stile zu wehren. Auch wenn ich, wie oben besprochen, selbst kritisch gegenüber vielen Elementen bin, die eine klassische Pärchenbeziehung, oder ihre Konstruktion, oft inne haben. Aber wie gesagt, dazu mehr nächsten Montag!

One thought on “Verteidigungsrede fader Beziehungen

  1. Eine wunderschöne elequoente Sprache mit solcher Ästhetik und trotzdem fließend leicht zu lesen, zu verstehen, zu erfassen und zu begreifen.
    Wenn du in dieser Sprache auch dein Frauenbild der Zukunft beschriebest, dann könnte ich mir meinen emotionalen Zorn verzeihen.

...und was sagst du dazu?

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