Die kleinste Zelle des Staates oder 1+1=1

Wie angekündigt nun ein Beitrag von mir, der Pärchenkonstellationen und ihre herkömmlichen Implikationen etwas kritischer betrachtet. In meinem Artikel von vor einer Woche („Verteidigungsrede fader Beziehungen“ unter „Lifebox“) habe ich beschrieben, dass man in queeren Kontexten manchmal unter Druck gerät bzw. sich vielleicht irgendwie „altbacken“ oder „fad“ vorkommt, lebt mensch eine einfache, konventionelle Beziehung. Dieser Text von mir beschreibt wiederum den Druck, der mit solchen Beziehungen trotz allem verbunden sein kann und unterzieht das ganze Pärchendasein in der Gesellschaft und von innen einer persönlichen Kritik. Zusammengefasst könnte man sagen sind folgende Worte eine Untersuchung, warum man sich vielleicht auch nicht so wohl fühlen könnte und zwar sowohl aus gesellschaftlicher, als auch persönlicher Sicht. Als dann, der unkuschelige Part:

Eine Freundin meint, dass es leichter ist, die Menschen pärchenweise zu handeln.  Das Argument trifft wohl zu, immerhin reduziert sich die Bevölkerung im Idealfall um die Hälfte, packt man die Kinder noch dazu und quetscht sie in die Zelle mit rein vervielfacht sich die Reduktion um noch einiges. Und wenn mensch dann auch noch den Aspekt der totalen Verantwortung des jeweiligen Elements dem anderen Element gegenüber mit rein nimmt, funktioniert das System perfekt. Der Staat erbaut sich auf dieser kleinsten Zelle, die da heißt: Partnerschaft und Haushalt. Das Wort „Zelle“ verführt unheimlich zu Gefängnismetaphern analog zu „heteronormativen“ (schon wieder dieses Unwort!), monogamen Pärchenbeziehungen und sie von A-Z auseinander zu nehmen. Hier geht es aber nicht darum, etwas Besseres zu erschaffen und das andere zu verurteilen, und schon gar nicht allen Pärchen dieser Welt unterstellen zu wollen, ideologisch verblendete Mitläufer_innen zu sein, die zum Ziel haben, eine Symbiose einzugehen („…der werfe den ersten Stein…“). Hier geht es um ein fragwürdiges Bild von Partner_innenschaften und um falsch verstandene Romantik. Es geht um persönliche Erfahrungswerte und persönliches Scheitern an romantischen Vorgaben, die nicht zuletzt das Funktionieren einer patriarchalen Gesellschaft garantieren und aufgeladen sind mit den so behüteten Begriffen wie: Treue, Verschmelzung, Teilen, Kontinuität, Verantwortung,…

Ich habe einen paranoiden Verdacht: Die partnerschaftliche Ausrichtung der Gesellschaft hindert Singles am Wohnen und Haushaltführen. Es gibt einfach keine Einzelzellen. Auf der Suche nach geförderten Wohnungen der Stadt Wien stößt mensch permanent auf freie ab 80m² Flächen, die mensch sich nicht leisten kann und auf schon besetzte 50-60m², die mensch…ja, nicht besetzen kann. Und: das Leben als Single ist unfassbar teuer!!! Miete und all die Lebensmittel, die mensch nicht schafft aufzubrauchen und wegwerfen muss!

Vor ein paar Tagen, im Gespräch mit einer Freundin, gelang mir der Bogen dieser Begebenheit zu immerhin ganzen 5 ½ Jahren meines Lebens, die ich großteils auf meinen heimeligen 30m² verbrachte, die mir irgendwann zu eng wurden – unabhängig davon, dass diese 5 ½ Jahre mit kurzen Päuschen einer dreiteiligen seriellen Monogamie-Pärchenbeziehungsstrecke geprägt waren, die teils doch sehr viel Druck für mich bedeuteten. Nicht, dass sie mir durch die Bank unangenehm gewesen wären, es gab Zeiten in denen ich jede einzelne dieser Beziehungen panisch und tobend vor dem bedrohlichen Antimonogamie-Geist, der umging und umgeht (heute angekommen bei Polyamorie) beschützen wollte. Besonders in den schmerzhaftesten Phasen, jene in denen mensch sich durch den („verbotenen“) Sexakt der Freundin mit einer anderen Person „betrogen“ fühlt, verhärtete sich der Wunsch und der vermeintlich moralische Auftrag an die Gesellschaft und vor allem an meine Partnerinnen nach „Treue“ in meinem Kopf. Ich untersuchte pingeligst jedes Argument, das für oder gegen Monogamie sprach und spielte in Gedanken hundertmal durch, warum und wie ich meinen Wunsch nach Treue und „Besitz“ rechtfertigen konnte. Und diesen ganzen Prozess entlang fiel es mir äußerst schwer zuzugeben, dass es nur einen, sehr untugendhaften, Motor meiner fanatischen Ideensammlung gab: Eifersucht. Und hier stand ich nun vor einem großen eigenmoralischen Problem. Mein Beziehungsleben auf einem negativen, vertragsgeregelten und vermeintlich besitzgeleitetem Fundament zu leben, passte mit meinem Selbstbild einer freiheitsdefinierten- und gebenden Person nicht zusammen. Wie konnte ich also aus dieser Es-Zelle ausbrechen und mein Über-Ich erreichen? Der_die Leser_in schnuppert an dieser Stelle wohl schon den ausgeprägten Kontrollzwang der Autorin und der Kreis schließt sich. Doch die Antwort kam und wie die Historie, versöhnte auch mein Hirn langsam aber doch das Es mit dem Über-Ich und begann das Es nicht mehr verächtlich und abwertend zu behandeln, sondern als gleichberechtigt und parallel.

Die Hebamme dieser Entwicklung war der Konter einer von mir sehr geliebten und geschätzten Person, die mir (noch in völliger Abwehrhaltung und Überzeugung Eifersucht wäre eine Krankheit) den Schlüssel raus aus der Untersuchungshaft mit auf den Weg gab: Eifersucht darf ein gleichberechtigtes Gefühl sein, eine Richtungsanzeige, eine Grenzenweiserin. Eifersucht ist nichts, was eliminierungswürdig wäre, sollte man sich für offene Beziehungsformen entscheiden. Ich möchte diesem Begriff trotz allem nicht zuviel Platz einräumen, denn hier geht es um etwas anderes. Eifersucht hat meine Beziehungen nicht gekillt. Es geht um viel mehr. Für mich stellte sich heraus, dass mein Kampf mit der Eifersucht Ausdruck etwas viel Überbaulicherem war. Durch den ausgefochtenen Kampf schnupperte ich plötzlich etwas noch Erbaulicheres. Die Fähigkeit Eifersucht nicht mehr regieren und walten zu lassen, brachte mir ein wunderbares, reizvolles Geschenk: Die Vorstellung von mir in völliger eigenbestimmter Freiheit, trotz dem Umstand zu lieben und geliebt zu werden. Und dies bekam für mich eine größere Bedeutung als einfach nur mit mehreren Personen gleichzeitig sexuell und/oder romantisch in Kontakt sein zu dürfen. Es bedeutete nicht allein Verantwortung für einen zweiten Menschenkörper und einen dritten Beziehungskörper tragen zu wollen, nämlich verpflichtend und bedingungslos. Die Paarbeziehung bedeutet leider zu oft EINS zu sein. Verschmolzen zu sein, bedingungslos und konstant zu lieben, in guten wie in schlechten Zeiten, treu zu sein, zumindest mit dem Ziel, dass irgendwann der_die Partner_in kommt, von dem_der man nur noch durch den Tod Abschied nehmen muss. Ich fürchte diese Vorstellung ist der ultimative Nährboden für das Zusammenbrechen so vieler Beziehungen, die diese Vorgaben einfach nicht halten können. Allen voran das Ringen und Biegen zwischen Nähe und Distanz. Vielleicht liege ich falsch, aber ich habe nicht das Gefühl, dass Phasen der Distanz als etwas implizites, „natürliches“, als selbstverständlicher Bestandteil von Liebesbeziehungen betrachtet werden. Ich beobachte wie Menschen in Panik verfallen, weil entweder sie selbst oder ihr_e Partner_in temporär auf Abstand geht. Ich zum Beispiel möchte mein Bedürfnis nach Nähe und Distanz selbst bestimmen dürfen, ohne dass jemand in Distanzphasen das Recht hat, Nähe einzuklagen. Nicht, dass ich meine, hier hätte keine Diskussion Platz, aber ich glaube, dass vielen Beziehungen sehr geholfen wäre, würde der andere ganz selbstverständlich als prinzipiell freies und abgegrenztes Wesen betrachtet, dessen Bedürfnisse nicht immer mit den eigenen überein stimmen müssen. Ich für meinen Teil möchte kein 1+1=1 sein. Und ich glaube, die Lösung vieler Beziehungsprobleme läge darin, sich von der Utopie zu verabschieden, dass nur eine solche Konstellation eine „gute“ Beziehung bedeutet.

Im Grunde lässt sich alles, was ich in diesen letzten zwei Beiträgen über Beziehungen loswerden wollte, wie folgt zusammenfassen: Ich prophezeihe allen Beziehungen und Beziehungsformen einen massiven Qualitätsaufschwung, würde mensch gesellschaftliche Vorgaben (die auch von der queeren Szene kommen können!!!!) im Kopf radikal abbauen und ausschließlich den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen folgen, die abwechselnd Nähe oder Distanz, Eifersucht und Gleichgültigkeit, Lust oder Unlust auf Sex,….etc etc bedeuten können. Und sich selbst und den anderen deswegen nicht zu verurteilen.  „Verurteilen“ ist ein wundervoller Abschluss um der „Zellenmetapher“ einen würdigen Abgang zu erweisen und ich schließe mit den Worten: Gefängnisse entstehen im Kopf und das schöne an Köpfen ist, dass darin autonome „Ichs“ aus Zellenstrukturen wohnen, die (bestätigt durch neueste neurologische Erkenntnisse) veränderbar sind.

Es grüßt, die göttinnenspeise!

PS.:

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