Unser Eis-Engel in „mörderisch schlicht“!

Als ich gestern zur Arbeit fuhr und wie immer tausend Ausgaben der „Heute“ und der „Österreich“ in der Bim um mich herum schwirrten, war es mir diesmal leider unmöglich, sie nicht zur Hand zu nehmen und aufzublättern, wie es mir mein braves, aus der linken Szene kommendes Über-Ich ja normal gebietet. Mensch könnte ja gesehen werden von einem ehemaligen Studienkollegen oder noch schlimmer: von jemandem aus der queeren wir-lesen-alle-nur-Judith-Butler-Szene! Egal.

Für alle, die auf tragische Weise die gestrige Schlagzeile aller Boulev… ich meine Tageszeitungen versäumt haben – ich zitiere: „Das Geständnis des Eis-Engels“ (Heute) oder: „Eis-Lady weinte vor Gericht“ (Österreich). Nein, es handelt sich hierbei nicht um die Story einer armen Frau, die unschuldig Opfer eines Eissalonüberfalls wurde. Wie wahrscheinlich die meisten mitbekommen haben, geht es um Frau Estibaliz C., die einmal 2008 und einmal 2010 zwei Männer tötete und in ihrem Tiefkühlschrank im Keller versteckte. Wie auch immer, die Schlagzeile, welche einen „Engel“ ankündigt, ist ja nur der vergleichsweise harmlose Anfang einer Berichterstattung, die, zumindest in mir, das Gefühl einer Überdosis Insulin zur Folge hatte. Der Artikel der „Heute“ beginnt folgendermaßen: „Warum erschießt eine hübsche Akademikerin zwei üble Machos, statt solche Männer einfach zu verlassen?“ Das ist der Auftakt eines endlosen Kanons, der das Bild eines weiblichen, zierlichen und zerbrechlichen Opfers von bösen, machoiden und herrschsüchtigen Männern zeichnet, das zum Morden getrieben wurde. Die Tatsache, dass Frau C. nach ihrer – weil gedemütigte Ehefrau – „Affekthandlung“ ihren toten Mann noch schnell mit der Kettensäge zerstückelt und in die Tiefkühltruhe gesteckt hat, gibt der „Heute“ nicht etwa Anlass der Angeklagten zuzutrauen, in Sachen Morden bisschen unzimperlicher zu sein, als jede andere durchschnittliche, österreichische Frau, die ihrem Ehemann ab und zu schon gern mal den Hals umdrehen würde. Nein, die Staatsanwältin „bombardiert die Geschworenen mit Beifügungen wie `skrupellos´ und `brandgefährlich´“ (Heute), O-Ton: unfairer Weise. So viel weint sie, die hübsche Akademikerin, als sie „mörderisch schlicht“ „im grauen Einteiler“ (Heute) ihr Geständnis macht. Sie erzählt wie sehr sie unter ihren Männern gelitten hat, sogar „ihren Kinderwunsch (!!) ignorierte der Ehemann“ (Heute)! Der Ehemann, den Esti im Übrigen anfangs noch „als Gott“ betrachtete. Laut „Heute“ erzählte die Angeklagte drei Stunden lang von ihrem „getretenen Gemüt und ihrer Hilflosigkeit gegenüber dominanten Männern“- drei Stunden lang! Nicht etwa davon, dass sie zwei Menschen getötet hat (man möchte ja vielleicht meinen, dass dies Grund und Inhalt des gestrigen Prozesses war), nein, laut der ersten Absätze der Zeitung, die ja bekanntlich das Thema in seinen Grundrissen charakterisieren sollen, hat Frau C. drei Stunden lang erzählt, wie sehr sie den bösen Männern ausgeliefert war. Welche Frau kann das nicht verstehen! Aber die ewige Unterdrückung war ja noch lange nicht alles, bitte festhalten: Betrogen hat der zweite Mann sie auch noch!! „Heute“ schildert wie folgt: „Als er sie dann auch noch betrog, kam es am 22. November 2010 bei einem Punschstand zum Streit. Daheim suchte Esti die Aussprache: `aber Manfred ging einfach schlafen´“. Fuuuh, also spätestens an dieser Stelle kommt wohl wirklich niemand mehr umher, vollstes Verständnis für die darauf folgende Bluttat aufzubringen…! Aber selbst hier hatte sich Esti noch unter Kontrolle! Zu „letzter Ausweg Mord“ kam es erst später: „Als er zu schnarchen begann, griff sie wieder zur Pistole und Säge“ (Heute). Ich weiß nicht wie es euch geht, aber seit ich das, dank „Heute“, weiß, habe ich jegliches Mitleid für diesen Mann verloren. Unübertroffen allerdings ist mit Abstand jener Satz mit dem die „Heute“ beschlossen hat diese journalistische Glanzleistung zu vollenden: „Später bat sie die Toten im Keller um Verzeihung.“ Was für ein ENGEL!

Ich möchte mit meinem sarkastischen Unterton nicht den Eindruck erwecken, dass ich es ankreide, Täter_innen auch von einer menschlichen Seite zu betrachten, die viele Motive, Vorgeschichten und Psychostrukturen im Hintergrund haben, die sie irgendwann die Fähigkeit entwickeln lassen, einen anderen Menschen zu töten. Im Gegenteil, ich halte den Zugang zu kriminellem Verhalten, sowie er bei uns gängig ist, für absolut überholt. Ich glaube an Begriffe wie „Schuld“ oder „Unschuld“ nicht, basierend auf der Vorstellung, dass es so etwas wie einen freien Willen im weitesten Sinne gibt. Der also auch im emotionalisierten/spontanen/überraschten/etc. Zustand eine Entscheidung zwischen „richtig“ und „falsch“ zulässt. Das sei aber an dieser Stelle nur angeschnitten, denn mit dieser Frage könnte man wiederum einen ganzen Artikel füllen. Hier soll es aber eben nicht darum gehen, sondern um den Umstand wie unfassbar willkürlich und sexistisch Medien mit Themen und Figuren des öffentlichen Interesses umgehen. Die Zeitung „Heute“ kreiert im Falle „Esti“ eine Figur und befüllt sie mit Eigenschaften, die ausschließlich den Zweck verfolgen ein Märchen zu gestalten, das den Leuten gefällt, um weiterhin in der Medienlandschaft plausibel zu sein. Und für diesen Zweck bedient sie sich den wirklich niederträchtigsten und, wie ich finde, gefährlichsten Klischees, die das Geschlechterverhältnis anzubieten hat. Das Märchen würde eben inkongruent wirken, wäre die Protagonistin, nämlich eine klein und schmal gebaute, hübsche, junge und schüchterne Frau mit großen Rehaugen, wirklich eine Täterin. Eine hübsche, zarte Frau ist im Märchen keine Täterin, sie ist ein armes, unselbstständiges Opfer. Ihre Tat war in dem Sinne kein Mord, sie war viel mehr Notwehr, Notwehr Männern gegenüber wegen denen sie sich „wie in einem Gefängnis“ (Heute) fühlte. Getrieben von der Hilflosigkeit und der unendlichen Demütigung einer betrogenen Frau griff sie schließlich zur Waffe. Sie ist also in allen Punkten und jeglichem Aspekt passiv.

Dies äußert sich ebenso in der Bildersprache der von „Heute“ ausgewählten Fotos zur visuellen Untermalung des Artikels: Drei Stunden lang soll sie erzählt haben von ihrem Leid und auf keinem einzigen Foto sieht man sie sprechen. Die ausgewählten Bilder erzählen viel eher von einer schweigenden und geprügelten Frau, die einmal mit glasigen Augen in Richtung Anklagebank blickt, das andere Mal demütig-seitlich zu Boden, Arme und Beine nach innen gerichtet. Achja und ein Foto zeigt wie sie links und rechts von den Polizist_innen gehalten und durch den Saal geführt wird. Die Männer wiederum sind die Tyrannen der Geschichte, diejenigen, die sie in die Ecke getrieben haben und sie solange gequält und gedemütigt haben, bis ihr keine andere Möglichkeit mehr blieb als abzufeuern. Die wahren, eigentlichen Täter also. Denn die Potenz zu töten oder aktiv zu werden haben nur Männer. Die Protagonistin hat zum Zeitpunkt ihrer Taten nur re-agiert. Männer agieren, Frauen re-agieren. Das ist die eindeutige Sprache, die der „Heute“-Artikel spricht. In ihm finden sich die primitivsten Archetypen der Eigenschaften „männlich“ und „weiblich“ wieder: tyrannisch, aktiv und laut auf der einen, weinerlich, ängstlich und passiv auf der anderen Seite. Gemischt mit modernen Mythen und Geschichten innerhalb des Spannungsfelds männlich-weiblich, nämlich jenen von Betrug, unerfülltem Kinderwunsch und Entfremdung im Handlungszentrum der Geschehnisse.

Ganz anders inszenieren die Medien den Fall Kampusch: Hier fällt einer der zwei Pole, auf die man seine archetypischen Bilder projizieren kann, weg. Herr Priklopil, der wahrscheinlich wie Herr Fritzl auch zu Österreichs „Monster“ geworden wäre, hat sich dieser Schmach nicht ausgesetzt und dem ganzen durch seinen Suizid ein vorzeitiges Ende gemacht. Deswegen muss Frau Natascha Kampusch für beides sorgen. Und dafür bietet sie noch dazu die perfekte Ausgangsbasis: selbstbewusstes Auftreten, intelligenter Ausdruck und von Anfang an bedacht darauf, nicht mehr in die Kategorie „Opfer“ fallen zu wollen. Wobei die aggressiv-aktive Herangehensweise in weiblicher Variante wieder anders aussieht: Die Figur, die die Medien erzeugen und „Natascha Kampusch“ nennen, agiert cleverer und hinterhältiger und ist außerdem mit Liebe und Sex verwoben. So hat sie laut unzähliger und unerträglicher Artikel zum Beispiel der „Heute“ oder „Österreich“ Herrn Wolfgang Priklopil langsam abhängig gemacht, der arme Kerl hat sich in sie verliebt und sie „hat sich geholt was sie wollte – Sex“ (Österreich). „Österreich“ spricht von einer „Love-Story“, die sich in Wirklichkeit 8 Jahre lang in Strasshof abgespielt hat. Natascha Kampusch hat sich mit viel Geschick und sexueller Aggressivität alles so eingerichtet wie sie wollte – so die sinngemäße Zusammenfassung der Stimmung der Medien, was den Fall Natascha Kampusch angeht. Abgesehen davon, dass ich keine Worte dafür habe mit welcher Kälte und Grausamkeit man durch solche verlogenen Artikel einer jungen Frau die Chance verbaut, (die sie sich unter den widrigsten Umständen selbst erkämpft hat) nach 8 wichtigen Jahren Gefangenschaft und Qualen, echte Freiheit leben und genießen zu dürfen, ist es kaum zu glauben wie deutlich hier die Muster werden, nach denen die menschliche Projektion funktioniert. Und wie stark in diesen Mustern das „Männliche“ und „Weibliche“ mit all ihren Attributen eine Rolle spielen. Im Grunde streitet sich Österreich darüber ob Natascha Kampusch nun eine Täterin oder ein Opfer ist, weil beide Seiten benötigt werden.

Ich glaube Frau Estibaliz C., dass ihre Ehemänner ruppige Machos waren, aber darum geht es hier, in meinem Beitrag nicht. Ich möchte ihr nicht absprechen, dass sie gelitten und Unterdrückung erfahren hat. Mir geht es um das mediale Echo ihrer Rolle als Frau, die gemordet hat. Ich glaube, mensch muss sich schlicht und einfach exakt die gleiche Geschichte vorstellen, nur mit einem männlichen Täter im Zentrum. Und damit erübrigt sich jeder Kommentar zur medialen Aufbereitung des Falles. Die Inszenierung würde nämlich schlicht und ergreifend nicht funktionieren. Und damit wäre wieder mal erwiesen, dass die unterschiedliche Wahrnehmung, Beurteilung und Behandlung von Männern und Frauen keine obsolete Wahnvorstellung irgendwelcher Feminist_innen ist, sondern propagierter Alltag.

Ich bin ja auch von jener Krankheit befallen, die viele Menschen meiner Gesinnung teilen – nämlich die, wegen der ich mich fast zwanghaft auf alles stürzen muss, das mich auf politischer Ebene auch nur irgendwie aufregen könnte. Und trotzdem muss ich sagen, dass ich das Wälzen von männlichen und weiblichen Stereotypen in dieser Reinform und mit dieser fast schon an Perfektion grenzenden Inszenierung, wie die der „Heute“ in einem journalistischen Rahmen selten oder vielleicht sogar noch nie gesehen habe. Aber vielleicht liegt das daran, dass ich sonst ja nur wir-lesen-alle-Judith-Butler-Lektüre lese….

In so fern, vielen Dank liebe „Heute“, ich habe wieder dazu gelernt, dass rücksichtslose Affekthascherei und das Vortäuschen journalistischen Handelns ganz offensichtlich keine  Untergrenze kennt.

 Es grüßt,

die göttinnenspeise

[Quelle: Ausgabe der Zeitung „Heute“ vom 20.11.2012. Alle Hervorhebungen in den Zitaten wurden von der Autorin vorgenommen]

5 thoughts on “Unser Eis-Engel in „mörderisch schlicht“!

  1. ich mag die esti! ich frag mich aber grad warum, weil ich sie ja nicht persönlich kenne… hmm, danke liebe medien, dass ich die esti mag?!?

    ich glaub ich würd sie aber auch mögen, wenn über sie verbreitet werden würde, dass sie es nicht gut hatte mit den typen (das bräuchte aber nicht unbedingt angeführt werden, denn leider trägt unsre gesellschaft meist dazu bei, dass es nur selten anders geht. ist also ohne medienanmerkung auch selbsterklärend), dass sie die typen brutalst zerstückelt hat und dazu bewusst steht. das fänd ich noch viel stärker und cooler vermutlich…

    komisch? weil für die „schwarze witwe“ (d’Elfi) hatte ich nicht so viel mitgefühl… obwohl auch viel mehr als für andere… warum weibliche gewalttäterinnen bei mir immer so positiv wirken?!? ich glaub daran ist in 1. linie ingrid noll mit ihren ersten romanen schuld.

    geht es euch auch so?

  2. nein, mir geht es nicht so. ich finde gewalttäterinnen und gewalttäter gleichermaßen unsympathisch und hoffe, dass diese menschen bald einen anderen weg finden, ihre probleme zu lösen als über mord und gewalt

  3. Hm, ich weiß schon, warum ich in der Heute bestenfalls noch den Garfield lese…

    Weil im Artikel die Frage aufgeworfen wurde, warum von „Esti“ kein einziges Foto existiert, in dem man sie sprechen sieht: das wird daran liegen, dass man während der Verhandlung weder filmen noch fotografieren darf. Die Fotos, die in der Zeitung zu sehen sind, sind daher entweder vor oder nach der Verhandlung aufgenommen. Insofern hatte die Zeitung keine Wahl…

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s