John Irving: „In einer Person“

„(…) bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst!“ – Dieser Satz, der im Roman an zwei Stellen – unter anderem am Ende – geäußert wird, bildet das Rahmengerüst der neuesten Geschichte von John Irving, einem Plädoyer für die Akzeptanz der Vielfalt menschlicher Lebens- und Liebesweisen.

William (Bill) Francis Dean (später Abbott), Hauptcharakter und Ich-Erzähler des Romans, wächst in den spießigen 50-ern in einem Provinzkaff in Vermont bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Über seinen Vater weiß er so gut wie nichts, die Familie macht ein großes Geheimnis um seine Person und er hat ihn als Zweijähriger zuletzt gesehen. Als seine Mutter sich neu verliebt, bekommt Bill einen neuen Vater, Richard Abbott, den Leiter der Laienschauspieltruppe von First Sister. Zu Bills Verwirrung hegt er allerdings nicht nur väterliche Gefühle für Richard, nein er schwärmt auch ein wenig für ihn. Doch auch die viel ältere Bibliothekarin Miss Frost, ihre „betörend kleinen Brüste“ und sein ringender Mitschüler Kittredge haben es ihm angetan. In dieser Phase seiner erwachenden sexuellen Identität wagt Bill es nicht einmal, sich seiner besten Freundin Elaine Hadley anzuvertrauen. Die beiden verbindet eine innige Freundschaft und gelegentliche sexuelle Handlungen, die jedoch nie in einer Paarbeziehung münden. Elaine ist Billys Tarnung, denn die meisten seiner Mitschüler gehen davon aus, dass die beiden ein Paar sind. Nach und nach erkennt Billy immer deutlicher, wie es wirklich um ihn steht: seine Leidenschaft gilt beiden Geschlechtern gleichermaßen. Bei seiner Musterung kreuzt er deshalb das Kästchen für homosexuelle Neigungen an und wird prompt ausgemustert.

„Mögen Sie keine Frauen?“ hatte mich der Leutnant gefragt.

„O doch – und ob ich Frauen mag“, hatte ich geantwortet.

„Was genau ist unter Ihren „homosexuellen Neigungen“ dann zu verstehen?“ fragte der Armeepsychologe.

„Ich mag auch Männer“, sagte ich ihm.

„Wirklich?“, fragte er. „Mögen Sie Männer lieber als Frauen?“, fuhr er lautstark fort.

„Ach, das ist immer so schwer zu entscheiden“, hauchte ich kokett. „Tatsächlich mag ich nämlich beide!“

„Hm“, räusperte sich der Leutnant. „Und haben Sie den Eindruck, dass sich diese Tendenz verfestigt?

„Na, das will ich doch hoffen!“, sagte ich – so enthusiastisch, wie ich konnte.

Als Erwachsener gewinnt Bill zunehmend Selbstvertrauen, er hat Beziehungen zu Männern und Frauen und bekennt sich offen zu seiner Bisexualität. Die Familie nimmt es höchst gemischt auf. Während seine Mutter in Selbstmitleid und Tränen versinkt, stößt er bei Grandpa Harry auf Verständnis und Unterstützung. Dies ist für den/die Leser_in nicht weiter verwunderlich, denn auch Harry weigert sich, den rigorosen Normvorstellungen der Gesellschaft zu entsprechen, so liebt er es, in Theaterstücken weibliche Rollen einzunehmen und auch privat trägt er leidenschaftlich gerne Frauenkleider.

Aus Bill wird schließlich ein Schriftsteller, zusammen mit Elaine zieht er Anfang der 80-er nach New York und wird dort Zeuge, der sich rasant ausbreitenden AIDS-Epidemie, die vielen seiner Freunde und Bekannten das Leben kostet. Je älter er wird, desto deutlicher spürt Billy, was es bedeutet, ein „sexueller Außenseiter“ zu sein und diese Einsicht zeigt ihm am Ende den Weg zu seiner wahren Berufung.

Vieles in diesem neuen Roman von John Irving kommt einem bereits bekannt bevor. So geht es wieder einmal um das Ringen, Bären, die Liebe eines jungen Mannes zu einer älteren Frau und die Abwesenheit eines Elternteils. Auch hier ist die Hauptfigur, wie schon so oft, ein Schriftsteller. Trotz der zahlreichenden wiederkehrenden Themen liest man dennoch keine Redundanzen, da Irving mit jeder seiner Geschichten eine neue Welt kreiert.

Poetisch, einfühlsam, schonungslos, lustig und skurril wird Billys Lebensgeschichte im Stil großer Entwicklungsromane geschildert. So wird aus einem sensiblen, zurückhaltenden Teenager, der zu Beginn nicht weiß, wie er mit seinen „Schwärmereien für die Falschen“ umgehen soll, ein selbstbewusster Mann, der offen dazu steht, bisexuell zu sein und Transsexuelle attraktiv zu finden.

Dass Bisexuelle mitunter doppelter Diskriminierung ausgesetzt sind, erlebt auch Billy:

„In dieser bitterkalten Nacht im Februar 1978 in New York, mit knapp sechsunddreißig war mir bereits klar: Meine Bisexualität bedeutete, dass Heterofrauen mich für noch unzuverlässiger als den typischen Heteromann hielten, während schwule Männer mir (aus den gleichen Gründen) auch nie ganz trauten.“

Bisexuellen wird oft ein großes Misstrauen entgegengebracht, sie müssen sich mehr noch als Homosexuelle für ihre Sexualität rechtfertigen, da sie nicht auf ein Geschlecht festgelegt sind.

In „In einer Person“ werden jedoch nicht nur die Grenzen der Sexualität aufgeweicht, auch die rigorosen Geschlechtergrenzen werden in Frage gestellt, durch die vielfältigen Figuren des Romans, die in keine Schublade passen und das auch gar nicht wollen.

Mein Fazit zum Buch lautet: nicht Irvings bester Roman, aber er ist die Lektüre definitiv wert. Die Geschichte ist zeitweise brutal und abstoßend, sie ist traurig und voller Kraftausdrücke, aber sie ist ehrlich und authentisch, sie bewegt, unterhält und bringt einen ins Denken. Die vielen intertextuellen Bezüge zu Dickens, Flaubert, Shakespeare und vielen anderen Autoren lassen literaturbegeisterte Herzen höher schlagen.

3 thoughts on “John Irving: „In einer Person“

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