Bei der Weihnachtsfeier, da gibt es keine Sünde!

Stadtgeschichten über das Single-Dasein

In Vino veritas! Im Wein da liegt die Wahrheit, da hatten die alten Römer_innen wohl Recht. Besonders zünftig geht es angeblich auf Firmenweihnachtsfeiern zu. Vor den Feiertagen hatte ich das Vergnügen, einem solchen Fest beiwohnen zu dürfen. Und zwar als Substitut bei einer Band. So zu sagen in geschäftlicher Funktion, bei einer internen Weihnachtsfeier, einer Abteilung einer namhaften internationalen industriellen Organisation.

Der Veranstaltungsort war eine Bar im vierten Bezirk. Sie war klein, gemütlich, schick, verbreitet südländischen Flair und hatte wohl den besten Aperol Sprizz, den ich je getrunken habe. Als ich ankam waren meine Kolleg_innen noch nicht da, die Weihnachtsfeier war aber schon im vollen Gange. Ich gab mein Instrument zu den anderen Instrumenten, welche schon vor Beginn der Feier angeliefert worden sind und stellte fest, dass es keine Bühne in dem Sinn gab, sondern, dass wir mitten auf der Tanzfläche spielen sollten. Nach der kurzen Inspektion stellte ich mich dem überaus charmanten portugiesischen Bar-Besitzer H vor. Als ich erfuhr, dass die Band das Vergnügen hatte auf Kosten des Hauses zu trinken, sah ich es nahezu als meine Pflicht mit ihm auf das Leben anzustoßen. So philosophierten wir alsbald auf portuñol und im Laufe des Abends sollte sich einmal mehr erweisen, dass es nur von Vorteil ist, wenn man sich mit den Menschen hinter der Bar oder gar dem Besitzer gut versteht.

Nach und nach trafen meine Kolleg_innen ein und wir widmeten uns der Setliste nebst Bier, ausgezeichnetem Punsch und natürlich dem Aperol Sprizz. Natürlich stachen wir in dem Lokal ins Auge. Wir waren etwas jünger als der Durchschnitt der anwesenden Menschen und wir waren wesentlich weniger fröhlich auf Grund von „äußeren Hilfsmitteln”. Demnach waren wir so etwas wie Neuankömmlinge in einem fremden Mikrokosmos. Die Leute beschnupperten uns und suchten das Gespräch. Schnell waren wir integriert und eine willkommene Abwechslung auf der Weihnachtsfeier.

Schließlich war die Zeit gekommen: die Pflicht rief und die Band platzierte sich. Ich spielte nicht bei allen Nummern mit, und so konnte ich mich am Rand positionieren und hatte auch einen Barhocker für die Pausen zur Verfügung. Da wir mitten auf der Tanzfläche spielten, war es auch nicht weiter verwunderlich, dass neben meinem Hocker noch zwei weitere standen, auf denen zwei Frauen saßen, die sich angeregt unterhielten. Als ich mich setzte und meine Noten richtete, war die Aufmerksamkeit der Beiden schnell bei mir. Das Gespräch war eher seichterer Natur: welche Nummern wir spielen werden, wie lange ich mein Instrument schon spiele und so weiter und so fort. Als kontaktfreudiger Mensch stellte ich natürlich auch Gegenfragen und die Konversation war schnell am fließen, bis wir schließlich unterbrochen wurden, weil das erste Stück beginnen sollte. Schon beim zweiten Stück war die Scheu der Menschen gebrochen, und alle waren am tanzen.

Wie es der „Zufall” oder schlicht und einfach die Wildheit der Tänzer_innen wollte, wurde im zweiten Set bei einem Stück beinahe mein Notenständer umgeworfen. Geistesgegenwärtig fing die Frau neben mir meine Noten auf, während ich den Notenständer vor einem Sturz bewahrte. Klarer Fall von gutem Zusammenspiel. Nun sollten mehrere ruhigere Nummern folgen, bei denen ich nichts zu tun hatte. Also war es naheliegend, mich mit meiner Nachbarin und Notenretterin zu unterhalten.

G: ursprünglich aus Ungarn, gleich alt wie ich, seit heuer bei dieser Organisation beschäftigt, wurde in ihren Kindheitstagen mit Geige gequält und hätte nach eigener Aussage lieber ein „cooleres Instrument“ gelernt. Natürlich konnte ich mir da kein Zwinkern verkneifen. Leider wurden wir alsbald von meiner Pflicht unterbrochen, und ich spielte wieder bei den nächsten paar Nummern mit. Dennoch aber fiel mir auf, dass ich nun häufiger von G gemustert wurde. Irgendwann verschwand sie für geraume Zeit und ich hatte finally wieder den Fokus auf das Spielen und die Band.

Die Stimmung war am Kochen; der Chef der Abteilung ließ es sich nicht nehmen ein Duett mit unserer Sängerin zu singen. In weiser Voraussicht stellten wir sein Mikro etwas leiser ein. Zwischen den Liedern wurden immer wieder Reden geschwungen, was für uns als Außenstehende durchaus amüsant war, durfte doch schon lange keiner der Redner mehr Autofahren. Irgendwann kam G mit zwei Getränken wieder und der Aussage, sie hätte bemerkt, dass mein Getränk leer sei. Wir stießen an und sie platzierte sich vor meinen Notenständer mit den Worten, sie werde nun tanzen und darauf aufpassen, dass niemand mehr meinen Notenständer umstößt.

Der Abend nahm seinen Lauf und das Ende des Konzertes musste einige Male verschoben werden, da uns die tanzende Menge nicht ziehen lassen wollte. Irgendwann ist uns der Absprung dann doch gelungen. Wir räumten die Instrumente weg und widmeten uns dem wichtigsten Part des Abends: Der After-Show. H war zufrieden, die Abteilung sowieso und wir waren auch glücklich: labten wir uns schließlich an den wunderbaren Kuchen und Getränken. Als H dann auch noch die Südamerikanische Playliste raus rückte, war auch ich schlussendlich auf der Tanzfläche zu finden. Mit einem entzückenden Schmollmund gesellte sich G alsbald dazu und fragte mich, wie lange ich denn noch vorhabe sie zu ignorieren.

Was soll ich sagen: erst jetzt war mir vollends klar, was hier ablief und einmal mehr stellte ich mir die Frage: habe ich auf „Hetero-Veranstaltungen“ wirklich mehr Glück, als auf dezidierten queeren Veranstaltungen? G nahm mir die Entscheidung ab und mich bei der Hand. Wir tanzten und ich wirbelte sie um die eigene Achse. Das folgende Schema sollte aufmerksamen Leser_innen eigentlich schon aus den vergangenen Stadtgeschichten über das Single-Dasein klarsein. Wir tanzten was das Zeug hielt, sangen fleißig mit und irgendwann wollte G sich mit mir unterhalten. Ihr Wunsch war mir natürlich Befehl und so machten wir uns auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen. Nachdem es aber draußen zu kalt war und drinnen zu laut, bugsierte sie mich zielsicher in den Zwischenraum vor der Toilette.

Für mein schelmisch gemeintes „und nun?“ hatte sie nur einen Lacher übrig. Sie nahm mich bei der Hand und ich stellte erstaunt fest, dass G nach Lebkuchen schmeckte. So frönte ich nun also meinem liebsten Weihnachtsgebäcksgeschmack als wir plötzlich von einem lieblich-süffisanten „minhas meninas!“ unterbrochen wurden. H, der charmante Barbesitzer stand vor uns und trug eine Kiste mit Irgendwas. Ich machte mich innerlich schon auf irgendeinen doofen Kommentar bereit, doch alles was kam, war sein sonorer Lacher. G verdrehte kurzzeitig die Augen und H verkündigte, dass es ihm sehr Leid tue, er uns aber vertreiben müsse, da er jetzt den Gang des öfteren begehen müsse um Kisten hin und her zu schleppen. Ich konnte nicht umhin und es entfuhr mir ein pathetisches „oohhh“. Doch einmal mehr sollte sich zeigen, dass wann immer du mit einem_einer vermeintlichen Fremden trinkst, es sich früher oder später auszahlen wird. H zwinkerte mir zu, streckte uns seinen Hintern entgegen und meinte, dass in seiner Hosentasche der Schlüssel zu seinem Büro sei und wir uns doch dorthin verziehen könnten.

Ich musste ob der Situationskomik und der tausend Filmchen, die gerade in meinem Kopf liefen, lachen. G allerdings holte sich tatsächlich den Schlüssel aus H’s Hosentasche und schwenkte diese vor meinem Gesicht herum, woraufhin H sich diskret mit seiner Kiste verzog, nachdem er mit seinem Kinn in Richtung seines Büros zeigte. Die Neugier überwog – wir gingen Richtung Büro und ich kam nicht umhin noch etwas Lebkuchen zu naschen. Leider muss ich dennoch an diesem Punkt die werte Leser_inneschaft enttäuschen, und zugeben, dass wir es dabei beließen und mehr nicht passierte, denn alles weitere wäre selbst mir in diesem Moment zu inszeniert vorgekommen.

Zwei Dinge nahm ich an diesen Abend dennoch mit: G’s Telefonnummer und mein Vorhaben nächstes Jahr viel mehr fremde Firmenweihnachtsfeiern zu crashen.

3 thoughts on “Bei der Weihnachtsfeier, da gibt es keine Sünde!

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