Milena Michiko Flašar: „Ich nannte ihn Krawatte“

In einem Park in Tokio begegnen sich auf einer Bank zwei Menschen, die aus dem Rahmen gefallen sind. Beide sind Außenseiter, die dem Leistungsdruck und den Ansprüchen der japanischen Gesellschaft an sie nicht standhalten.

Taguchi Hiro ist 20 Jahre alt und ein sogenannter „Hikikomori“. (Hikikomori werden in Japan Menschen genannt, die aus Angst vor Leistungsdruck im Arbeitsleben, es nicht mehr wagen, das elterliche Haus zu verlassen. Versorgt werden die Hikikomori in der Regel von ihren Eltern, wobei der Zustand des Kindes oft totgeschwiegen wird, da die Angst vor Stigmatisierung groß ist.) Zwei Jahre hat Taguchi sein Zimmer nicht verlassen und auch mit niemanden gesprochen. Seine Angst vor menschlichen Begegnungen ist dementsprechend gewachsen, weshalb er sich noch einmal in Erinnerung ruft:

„Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.“

Natürlich kommt es anders und Taguchi begegnet Ohara Tetsu, einem 58-jährigen „Salaryman“ (japanisch für Anzug- und Krawattenträger), der gegenüber auf der Parkbank sitzt. Jeden Morgen kommt Ohara in den Park und verschwindet erst viele Stunden später. Er hat seine Arbeit verloren und damit seine Frau nichts davon erfährt, verbringt er seine Tage ab nun im Park. Den Moment seiner Entlassung beschreibt Ohara folgendermaßen:

„Eine Last fiel von mir ab. Ja, ich schäme mich zuzugeben, dass ich einen köstlichen Augenblick lang nichts anderes als Erleichterung empfand. Man brauchte mich nicht. Ich musste nichts mehr beweisen. Das Gefühl, endlich versagt zu haben, berauschte mich. Ich war das stürmische Aufflackern einer Kerze, deren Flamme nur noch von einem verschwindenden Rest Wachs genährt wird. Sie weiß, dass sie bald verglühen wird. Und deshalb glüht sie, ein letztes Mal noch, heller als jemals zuvor.“

Die Art und Weise wie Milena Michiko Flašar Taguchi Hiro und Ohara Tetsu einander sich annähern lässt, deutet von großer Zartheit. Erst ist es nur der Wind, der den Rauch einer Zigarette zu Taguchi hinüberweht. Dann werden mit knappen Worten erste Bande geknüpft, und irgendwann viel später entspinnt sich tatsächlich eine kleine Konversation zwischen den beiden Einzelgängern, aus der im Laufe der Zeit eine lange Unterhaltung wird. Gemeinsam tauchen sie ein in dunkle Erinnerungen und kaum bewältigte Traumata, sodass man als Leser_in langsam begreift, wie diese beiden Menschen ihre Gestalt bekommen haben.

Ich nannte ihn Krawatte ist ein besonnenes Buch, still, ruhig, nachdenklich und unwahrscheinlich tief. Am meisten beeindruckt hat mich die Sprache des Romans. Sie ist eigenwillig bildhaft und manchmal überkommt einen das Gefühl, vor lauter Sinneseindrücken in einen unaufhaltsamen Sog gezogen zu werden. Flašar findet schöne, eindringliche und leise Sätze für ihre Protagonisten und ihre Situationen, wobei sie nie pathetisch wird, sondern knapp und prägnant bleibt.

Nicht ganz überzeugen können jedoch die Dialoge, weil Flašar ihre Protagonisten mit kaum unterscheidbaren Sprechweisen ausstattet, dadurch ist es für die_den Leser_in oft nicht sofort nachvollziehbar, wer gerade spricht.

Mein Fazit zu diesem Roman: Milena Michiko Flašar ist es gelungen, Leichtigkeit und Melancholie miteinander zu vereinbaren. Zart, poetisch, fast elegisch ist ihre Sprache und allein deshalb lohnt es sich bereits, den Roman zu lesen.

2 thoughts on “Milena Michiko Flašar: „Ich nannte ihn Krawatte“

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