Jodie Foster und das Outing

Und? Wer von euch hat erwartet, dass ein sugarbox-Artikel zu Jodie´s Outing kommt? Alle? Niemand? Ein paar? Eigentlich ist es so aufgelegt, dass es fast schon wieder langweilig ist und hätte ich nicht mehr dazu zu sagen, als: wohooo, jetzt hat sie ausgesprochen, was sowieso schon jede_r wusste (oder wie es eine Freundin von mir auf Facebook kommentierte „Alter Hut, Hut ab!“), würde ich mir den Artikel sparen. Jodies Outing aber oder Jodie Foster an sich, haben eine ganz persönliche Bedeutung für mich, weswegen ich ihr anlässlich ihres Outings trotzdem einen Artikel widmen möchte. Dieser Artikel wird sowohl ein Streifzug durch Nell´s Wälder, Jodie Foster´s Person und Leben, als auch meiner eigenen Coming Out Geschichte, die nicht immer lustig war.

Für alle, die nicht wissen um welches Outing oder welche Rede es sich handelt, bitte sehr:

[ganz unten habe ich noch einen Link zu einem Transkript angegeben, für alle, die Amerikanisch manchmal genauso schlecht verstehen wie ich]

Für mich ganz persönlich, wahrscheinlich wie für viele andere, wäre ihr Outing mittlerweile ja gar nicht mehr nötig gewesen. Dass sie viele, viele Jahre mit ihrer Lebensgefährtin zwei Söhne aufzog und recht offensichtlich dem gleichen Geschlecht zugeneigt ist, wusste wohl ohnehin jede_r und ehrlich, wen überrascht ihr Coming Out denn schon wirklich? Trotzdem war die Art und Weise wie sie es getan hat, an sich einen Golden Globe wert – ihr Outing war eigentlich ein Unouting. Mit einer riesen Portion Humor, hat sie im Grunde weniger auf ihre Homosexualität hingewiesen, als viel mehr auf die Absurdität, dass die ganze Welt auf eine Deklaration wartet. Und somit umging sie elegant ein rührseliges „Ich bin soooo gay und soooo stolz darauf“ und machte ihr Coming Out, indem sie das Coming Out an sich ad absurdum führte. Auch eine (geniale, fabelhafte, intelligente, witzige, ich liebe sie!) Variante!

Gut, es bleibt euch nicht erspart, ab hier beginnt der pathetische Teil: Jodie Foster hat in meiner Pubertät etwas „für mich getan“, das ich nicht vergessen werde. Und vielleicht/wahrscheinlich hat Jodie Foster dies Sonntagabend für viele andere Mädchen, die gegenwärtig in der Pubertät stecken und verzweifelte Gedanken wälzen, nochmal getan. Mädchen, die sich zu anderen Mädchen hingezogen fühlen und voller Angst, Selbstzweifel und Einsamkeit sind, weil sie in einer Welt leben, in der Homosexualität abnorm ist, als pervers erscheint und Verständnislosigkeit erzeugt. Auch wenn ich während ihrer Rede nicht den Eindruck hatte, dass dies in irgendeiner Form Teil ihrer Intention war. Mir persönlich erschien es eher so, als wollte sie die Auszeichnung zum Anlass nehmen, der Liebe und Wertschätzung gegenüber ihrer „modern family“ Ausdruck zu verleihen, zu der nun mal auch ihre Ex-Lebensgefährtin zählt. Und es ihr wahrscheinlich einfach zu dumm war, dies wieder nur indirekt tun zu können. Wie auch immer.

Meine Geschichte mit Jodie begann aber nicht, weil ich dachte oder wusste, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach lesbisch ist, sondern weil ich eines Tages „Nell“ im Fernsehen sah und tief berührt von der gesamten Geschichte, allen voran aber von ihrem beeindruckenden Schauspiel war. Ich glaube, ich sah den Film mit 12 als Wiederholung, nachts von Samstag auf Sonntag. Dies war der Beginn einer langen Liebe, einerseits zur Figur „Nell“, aber noch viel größer und tiefer, zu Jodie Fosters Art des Schauspiels und ihrem beeindruckendem Leben: beginnend als gefeierter Kinderstar, im Übergang zum Erwachsenenleben eine satte, erste Oscar-Nominierung und im echten Erwachsenenleben schließlich gleich zwei ganze Oscars, womit sie sich in die Reihe ein paar weniger Schauspielerinnen eingliedert, die mehr als einen Oscar ihr Eigen nennen. Und nebenbei auch noch Regisseurin und Produzentin. Dass diese Frau also irgendwann eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk verliehen bekommt, überrascht wenig. Dass diese Auszeichnung aber mit einer so berührenden und zielsicher in die Herzen treffenden Rede verbunden ist, das Outing inbegriffen, ist ein persönlicher Höhepunkt oder vielmehr eine Art „Vollendung“ der Bedeutung, die sie in meinem persönlichen Leben einnahm und einnimmt.

Bald jedenfalls hatte ich den Film „Nell“ an die tausend Mal gesehen und war darüber hinaus fleißig dabei, mir selbst das berüchtigte „Nellisch“ beizubringen. Ich schrieb mir alle Vokabel heraus, die ich plus Übersetzung fischen konnte und ergänzte sie mit erfundenen Vokabeln. Eine Zeit lang sprach ich nur noch in „Nellisch“ – die Menschen, die ich damals schon zu meinen Freunden zählen durfte, können sich an diese Phase womöglich noch erinnern. An dieser Stelle ist es höchste Zeit euch ganz herzlich und öffentlich dafür zu danken, dass ihr immer noch meine Freunde seid! Jodie Foster in „Nell“, wenn sie ihren Kopf gen Himmel reckt und „May Chica Chica Bay“ (oder wie auch immer man dies verschriftlichen möchte) vor sich hin murmelt, lieferte vielen Satiren ihre Vorlage. Ich mit meinen „Nell-Performances“, die ich noch dazu todernst meinte, habe dem ganzen eine wahrscheinlich noch ganz andere satirische oder wahrscheinlich nervtötende Dimension verliehen.

Es folgten zahllose Videoeinkäufe aller Bänder, die ich von Jodie ergattern konnte und erst viel später erfuhr ich von irgendeiner Klassenkollegin, die mein Fabel mitbekam: „Weißt du eh, dass das eine Lesbe ist?!“ Obwohl mein Jodie-Fieber schon auf einem Level war, von dem man wohl gedacht hätte, dass es sich selbst nicht mehr übertreffen konnte, verfiel ich ab diesem Zeitpunkt in etwas, das man bei anderen Mädchen meines Alters wohl beobachten konnte, wenn es um die Backstreet Boys oder N´Sync ging.

Ich verliebte mich in sie und wenn ich heute daran zurück denke, stimmt es mich eher traurig, wenn ich das Bild von mir als 14- oder 15-Jährige vor mir habe, die heimlich in ihre Jodie Foster-Mappe guckt, um einen Bruchteil des schweren Steines der Einsamkeit auf der Brust abzutragen. Aber: Es half. Mein Gefühl der totalen Isolation und inneren Gefangenschaft zwischen all den mannigfaltigen Teenie-Romanzen, die sich im Paralleluniversum meiner Freunde und Geschwister abspielten, konnte sich wenigstens bruchstückhaft erholen beim Gedanken, dass zumindest auf einem anderen Kontinent jemand existiert, der den Mut hat, sich gegen alle Konventionen für ein mit Liebe erfülltes Leben zu entscheiden. Auch wenn die Erleichterung kehrseitig auch Schmerz verhieß, weil dieser Mensch so unerreichbar war, wie ein Mensch nur unerreichbar sein kann.

Und zum ersten Mal, nämlich seit ich diese Zeilen schreibe, schreit mir das total Offensichtliche entgegen: Kein Wunder, dass ich damals ausgerechnet auf „Nell“ reinkippte, dieser Film und Nell als Figur verlieh allen Zuständen und Ängsten, die ich damals hatte Ausdruck: Ein einsames, sonderbares Wesen, weit abseits der anderen Menschen, ohne Vertrauen und so ganz nebenbei: auch ohne (im Film erkennbare) Heterosexualität. Ihre Reaktion auf Jerome´s „lillton pogi“ (= kleiner Arm zwischen den Beinen), zeugt eher von großer Kindlichkeit und einer nüchternen Akzeptanz, als irgendeiner Art Neugierde gegenüber dem gerade neu kennen gelerntem Objekt. Nell lebt in ihrer abgeschiedenen, eigenen Welt und ein Ausflug in die Außenwelt endet mit zahllosen Bestrafungen. Abgerundet durch die Landung in der Psychiatrie, in der sie als sonderbares Phänomen untersucht wird und in der sie sich so fremd und ausgeliefert fühlt, dass sie schließlich mit voller Wucht gegen eine Glastür, die sie als solche nicht erkennt, donnert. Die Glastür steht dann wohl für die unsichtbare, unausgesprochene Grenze mit der ich mich konfrontiert sah. Der Film versinnbildlichte wahrscheinlich alles, was sich in mir abspielte, während ich so viele wichtige Jahre meiner Jugend nicht wahrhaben konnte, dass mir Mädchen und nicht Buben gefielen.

Irgendwo zu Beginn meines Artikels findet sich der Satz, dass Jodie Foster etwas „für mich getan habe“. Nun ja, streng genommen hat sie natürlich nichts für mich „getan“, Jodie Foster hat bis zu diesem 13.1.2013 keine aktive Handlung gesetzt und der Welt erzählt, sie sei lesbisch. Dennoch hat sie es nie bestritten und ihre Biografie sprach für sich. Deswegen konnte ich als verzweifelter Teenager davon ausgehen, dass sie lesbisch ist. Trotzdem, wenn wir schon bei der ganzen Dankbarkeit gegenüber Celebrities sind, die sich outen und damit einer Menge Teenies Mut machen, darf selbstverständlich die großartige Ellen DeGeneres nicht unerwähnt bleiben, die auch mir einen riesen Schubser in die richtige, ermutigte Richtung gab.

Aufgrund der breiten Identifikationsfläche aber, die mir Jodie Foster zusätzlich bot, spielte sie in meiner persönlichen Geschichte einfach eine größere Rolle. So wie ich war sie als Kind ein strohblonder, rotzfrecher Tomboy, den sie auch immer wieder in ihren Filmen verkörperte. Durch Bücher, die ihre Biografie zum Gegenstand hatten, sickerte für mich immer wieder ein Mensch durch, der die Welt in sehr komplizierten Zügen wahrnimmt und sich deswegen oft allein und missverstanden fühlt – womit ich mich ebenso identifizierte, auch wenn ich mich durch diesen Satz gerade als überheblich angreifbar mache. Außerdem verkörperte sie viele meiner Wünsche: Filme drehen, einen IQ von 150 vor sich her tragen, die Philosophie studieren, Bewunderung und schlussendlich ein Liebesleben mit Frauen.

Je länger ich schreibe, desto mehr fällt mir auf, dass Jodie Foster mich auch heute, durch diese Golden Globe Rede, ein weiteres Mal beschenkt hat: Ich glaube mir tritt zum ersten Mal ins Bewusstsein, was ich durchlitt, seit all diesen Jahren der tiefen Einsamkeit und der verzweifelten Überzeugung, ein Leben lang, aus lauter Angst vor einem Coming Out, allein bleiben zu müssen. Und wenn wir schon bei Drama sind, darf ich mir in diesem Zusammenhang ein letztes pathetisches Tränendrüschen erlauben: Jodie Foster hat mich damals durch meine Einsamkeit begleitet und vielleicht hat sie durch ihre sonntägige Rede den Stein dafür gelegt, sie hinter mir zu lassen. Drama Ende.

Es grüßt, die göttinnenspeise!

http://www.guardian.co.uk/film/2013/jan/14/jodie-foster-golden-globe-speech-transcript

7 thoughts on “Jodie Foster und das Outing

  1. Pingback: Das Outing ist persönlich! « sugarbox

  2. Pingback: Die 10 queer – feministischsten Momente im Jahr 2013 – eine subjektive Rückschau | sugarbox

  3. meine güte, wie witzig! ich hab mich auch mit 14 in jodie „verliebt“ und hab erst mit über 20 erfahren, dass sie lesbisch ist! ihren iq und ihre eloquenz fand ich sehr anziehend. danke für diesen text und viele grüße, mayra

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