Das Outing ist persönlich!

Nachtrag. Causa. Jodie. 

Nachdem mein letzter Artikel zu der ganzen Geschichte ja sehr persönlich war und ich außerdem erst nach Fertigstellung mitbekam, dass das mediale Echo teils kritisch um des Umstands ist, dass Jodie Foster sich angeblich nicht „direkt geoutet“ hat, juckt es mich in den Fingern noch ein paar Zeilen (diesmal sind es wirklich nur ein paar!), dazu loszuwerden. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: aus ein paar Ecken schallt der Vorwurf, Jodie Foster habe sich „schon wieder gedrückt“ davor, sich als Lesbe zu deklarieren…

Bevor ich diverse Artikel, wie die der „Zeit“ gelesen habe, wäre ich ja niemals auf die Idee gekommen, dass irgendjemand Jodie Foster´s Outing, nicht als Outing bewerten könnte. Ich frage mich ernsthaft was an den Worten „I already did my Coming Out about a thousand years ago back in the Stone Age“ so missverständlich ist. Gefolgt von einer fast schon kitschigen Liebeshymne an ihre “ex-partner in love” Cydney Bernard. Ganz ehrlich, ich kann es absolut nicht nachvollziehen. Ich frage mich wirklich, was manche Leute noch wollen oder wo ihnen das Hirn hingerutscht ist, wenn sie behaupten, dass Jodie Foster ein direktes “I´m gay” vermieden hat, um weiterhin Zweifel zu streuen, ob sie es denn nun ist oder nicht.

Ich glaube für sie stand fest, dass ihre Golden Globe Rede als Coming Out gelten würde und, dass es für sie nur noch eine Stilfrage war, wie sie es tut. An dieser Stelle darf ich mich selbst aus meinem Artikel von Mittwoch zitieren: “Mit einer riesen Portion Humor, hat sie im Grunde weniger auf ihre Homosexualität hingewiesen, als viel mehr auf die Absurdität, dass die ganze Welt auf eine Deklaration wartet. Somit umging sie elegant ein rührseliges `Ich bin soooo gay und soooo stolz darauf´ und machte ihr Coming Out, indem sie das Coming Out an sich ad absurdum führte. Auch eine (geniale, fabelhafte, intelligente, witzige, ich liebe sie!) Variante!”

Aber auch ganz abgesehen davon – nehmen wir an ihr Outing wäre wirklich keines gewesen: So wie der Autor des “Zeit”-Artikels, empfinde ich es als Anmaßung sondergleichen, jemandem vorzuhalten ein moralisch-politisches Vergehen zu leisten, indem die Person beschließt ihr Liebesleben für sich zu behalten, nur weil es sich um ein gleichgeschlechtliches handelt.

Wie der Titel ja schon verrät, bin ich ganz und gar nicht der Meinung, dass Menschen öffentlichen Interesses dazu angehalten sind, sich aus politischen und weltverbesserischen Gründen zu outen. Ganz im Gegenteil denke ich, dass gerade wenn mensch in der Öffentlichkeit steht, das Outing oder die sexuelle Orientierung proportional zur Popularität noch persönlicher ist. Nichts legt den Medien eine bessere Rutsche mit Fragen zum Privatleben zu bohren, als ein öffentliches Bekenntnis zu irgendeiner Lebensweise, die umstritten oder eben ungewöhnlich ist. Und nichts hat größeres Potential von der eigentlichen Leistung und Arbeit – in Jodie Foster´s Fall der Film – abzulenken, als sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Jodie Foster hat auch dies sehr explizit, fast schon entschuldigend, formuliert, als sie mehrmals auf ihre “Privacy” hinwies. Für mich enthielt ihre Botschaft recht klar, dass sie bisher weniger auf Grund ihrer Homosexualität ein öffentliches Outing vermied, als viel mehr um ihren kleinen Rest Privatleben zu schützen, der ihr seit ihrem 3. Lebensjahr im Rampenlicht noch geblieben ist.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich und mit Respekt zu begegnen, dass sie es überhaupt getan hat, denn: Das Coming Out ist persönlich! Wenn eine prominente Person sich dazu entschließt, die (homo)sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zum Thema zu machen, erst dann und ab diesem Zeitpunkt steht es als Politikum zur Debatte. Davor hat es im Diskurs nichts verloren, die Diskussion darüber erzeugt Druck und hat den üblen Geschmack moralischer Erpressung – im Grunde macht man Jodie Foster oder ungeouteten Prominenten zum Vorwurf, dass sie ihr eigenes Privatleben als Wert, über den Wert des allgemeinen Vorankommen in Sachen Gleichbehandlung homo- und heterosexueller Liebesweisen stellen. Bei aller Liebe und Bewunderung für Menschen wie Ellen DeGeneres, die sich tapfer an die Front gestellt haben, um auch in die kleinsten Winkel der Provinzen mit TV-Empfang zu tragen, dass Homos normale Menschen sind, denen gleiche Rechte gebühren:

Niemand hat die automatische Verpflichtung Märtyrer_in für eine Randgruppe zu sein und schon gar nicht stimmt die Voraussetzung, dass ein Mitglied dieser Randgruppe der_die Märtyrer_in sein muss. Wenn Brangelina beschließen und öffentlich Kund tun, dass sie erst dann heiraten, wenn alle Menschen in den USA das Recht haben zu heiraten (schon wieder überholter Weise), opfern sie damit erstens gar nichts – ihre Privatsphäre ist dadurch nicht negativ betroffen – und zweitens hat dies wohl mindestens eine genauso große Breitenwirkung wie das Outing einer prominenten Person. Wieso müssen diejenigen die Hauptverantwortung für die Verbesserung der Welt tragen, die gleichzeitig den Schaden der gleichen Welt kompensieren müssen?

Selbstverständlich ist es naheliegender, dass der_diejenige “Aua!” schreit, dem_der auf den Fuß getreten wird und ebensolchen Menschen, wie die schon so oft genannte Ellen DeGeneres, ist großer Dank und größter Respekt entgegen zu bringen. Genauso zu respektieren ist aber, wenn jemand die eigene Privatsphäre schützen möchte. Und das hat nichts mit größerer oder kleinerer Tugendhaftigkeit zu tun, sondern mit der individuell höher oder tiefer angelegten Grenze der jeweiligen Person. Woher diese Grenze kommt und ob sie plausibel ist oder nicht, hat niemand zu bewerten. Sie existiert einfach und die Bewegung für Homosexuellenrechte ist angehalten auf solche glückliche Zufälle zu bauen, wenn die Homosexualität und eine niedrig angesiedelte Hemmschwelle sie öffentlich Kund zu tun, in einer Person zusammen treffen. Und nicht jene zu verurteilen, deren individuelle Grenze schlicht und ergreifend eine andere ist.

Wieso hat ein homosexueller Mensch weniger Recht das Privatleben öffentlich nicht ausschlachten zu wollen, als ein (ich gehe mal davon aus) heterosexueller Mensch wie zum Beispiel Stefan Raab, der sein Leben abseits diverser TV-Shows gekonnt seit Jahrzehnten im Verborgenen behält?

Und: eigentlich sind all diese Worte über Respekt vor dem Nicht-Coming-Out, aufgehängt an Jodie Foster, überflüssig, denn für die mit den Brettern vorm Kopf: Jodie Foster ist lesbisch und hat dies vergangenen Sonntag deutlich zu verstehen gegeben.

Es grüßt, eh schon wissen.

6 thoughts on “Das Outing ist persönlich!

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  2. ich musste es 2x hören um ein outing rauszuhören und ich denke es lag nicht an meinen englischkenntnissen. ich dachte nach dem 1x hören, sie outet sich als 50 jahre alt. das hat mich eigentlich recht verwundert, weil ich dachte, sie ist jünger…

    ich finde leider schon, dass es nach wie vor wichtig ist, es direkt zu sagen, damit es wirklich ankommt, weils nur dann manche leute auch wahrnehmen können bzw. der letzte mögliche interpretationsspielraum endgültig geschlossen wird. aber jodie foster ist so superschlau und eloquent und das merkt man auch an der art und wie schnell sie redet, dass die meisten ihrer fans das wohl schon als witziges outing verstehen….. und ich finds ja auch witzig an mancher stelle :-)

  3. ja also wie du eh im artikel schon geschrieben hast:
    – sie sagt dass sie ihr coming out bereits hatte
    – sie spricht von ihrer lebens- und liebespartnerin als mutter ihrer söhne und
    – ihrer modern family
    – sie baut die spannung so auf, dass allen klar ist „alle warten jetzt darauf dass sie sagt sie ist lesbisch“

    natürlich war das ein outing, da gibts in meinen augen nix mißzuverstehen und rumzukritisieren, dass sie halt die drei worte „I am gay“ nicht gesagt hast ist extrem kleinlich. sie hat sich geoutet, und sie hat es lustig und geschickt gemacht und dabei zwei fliegen mit einer klappe geschlagen, weil sie auch gleich die versessenheit des publikums, das eben so nach diesen drei worten giert, zum thema gemacht.

  4. Ich finde auch nicht, dass es da irgenwas zu bezweifeln gibt. Das war eindeutig ein Outing und, wie du schreibst, eins, dass die „Notwendingkeit“ des Outings ad absurdum führt: Natürlich ist Privatleben Privatsache, die mensch als Celebrity so öffentlich oder nicht-öffentlich leben dürfen muss, wie ich möchte, unabhängig von sexueller Orientierung.

    Eine ehrliche, persönliche, selbstsichere, starke Rede, wie Jodie Foster sie nicht besser hätte halten können.

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  6. Pingback: Solange wir uns outen müssen, sind wir nicht frei. | spektrallinie

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