Zwei Liebeserklärungen an Alanis Morissette

Ausschlaggebend für diesen Post war der Umstand, dass ich in einem der letzten “Zuckerstreusel” eigentlich einen Blödsinn geschrieben habe. Klargeworden ist mir das im Gespräch mit meiner langjährigsten Freundin, die in diesem Post unter dem Namen „S’mores“ (das sind diese leckeren Süßigkeiten) auch zu Wort kommt, als wir uns mal wieder ausgiebig über Musik unterhielten. Auf die Frage, mit welcher berühmten Person ich gerne mal zu Abend essen würde, hatte ich hier nämlich Douglas Coupland angegeben. Wahrscheinlich deswegen, weil ich kurz davor in Bregenz auf einer Lesung von ihm und daher wieder mal ganz auf dem Coupland-Trip war. Die Antwort ist jedenfalls falsch. Wenn ich wirklich die Gelegenheit hätte, mit einer berühmten Person Abend zu essen, dann gibt’s da eigentlich nur eine Wahl: Alanis Morissette.

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Bekannt gemacht wurde ich durch besagte Freundin, mit der ich in unseren Teenagerjahren eine Liebe für alternativere Sängerinnen teilte. Sarah McLachlan war jaaaaahrelang meine absolute, fanatisch vergötterte Nummer Eins der Musikwelt, und durch sie entdeckte ich eine Menge anderer Sängerinnen, die diese Zeit für uns sehr geprägt haben, wie Heather Nova, Shawn Colvin, Natalie Merchant oder Tara MacLean. Ja und eben Alanis Morissette.

You Oughta Know kannte ich bereits aus dem Radio, den Rest des Albums fand auch auch recht cool, aber so richtig von den Socken gehauen hatte mich das Hörerlebnis ihres zweiten Albums “Supposed Former Infatuation Junkie”. Es war praktisch eine musikalische Offenbarung, und nach wie vor ist diese Platte unter meinen Absoluten Lieblingsalben aller Zeiten. Schräg, vielschichtig, dramatisch, herausfordernd und nicht besonders radiotauglich – dieses Album zu hören ist immer noch jedes Mal ein Erlebnis für mich.

Aber so wahnsinnig genial ich “SFIJ” auch finde, der Hauptgrund für meine Liebe für Alanis, und der Grund, warum sie meine Wahl für ein Promi-Abendessen wäre, sind ihre unglaublich guten, poetischen, philosophischen, und berührend ehrlichen Texte. Aus ihnen spricht eine Person, die sich intensiv mit sich selbst und der Welt auseinandersetzt, die versucht, die bestmögliche Version ihrer selbst zu werden, und dabei aber trotzdem auch mit den Problemen kämpft, die eben Teil des Menschseins sind. Die offene Art, wie sie sowohl über ihre Stärken als auch ihre Schwächen schreibt, lassen mich ganz viel Respekt für diese Person empfinden, die auch ihre Unsicherheiten und ihre “schlechten Seiten” vor dem Publikum nicht verbirgt und in ihren Texten so viel Empathie für alle Arten von Gefühlen ausdrückt. In so vielem, was sie schreibt, erkenne ich mich selbst so gut wieder.

Neben dieser persönlichen Ebene, die regelmäßig mein Herz höher schlagen ließ ob dem Gefühl, dass da jemand meine eigenen Empfindungen so treffend und poetisch ausdrückt, haben Alanis’ Texte auch aus feministischer und gesellschaftskritischer Perspektive eine wichtige Bedeutung. In vielen ihrer Songs widmet sie sich der Beziehung zwischen Frauen und Männern oder deren Geschlechterrollen.

Im Song Sister Blister  kritisiert sie zum Beispiel die Art und Weise, mit der sich Frauen manchmal gegenseitig attackieren anstatt zu unterstützen, dabei teilweise angetrieben von dem Wunsch, Männern dadurch mehr zu gefallen, und sich dabei aber letztendlich nur mehr schaden:

Sister blister we fight to please the brothers
We think their acceptance is how we win
They’re happy we’re climbing over each other
To beg the club of boys to let us in

Demgegenüber singt Sie im Song A Man über die Schwierigkeiten von Männern die, geprägt von patriarchalischen Idealen in ihrem Aufwachsen, versuchen diese abzulegen, und dabei auch damit kämpfen, als Mitglieder der privilegierten Gruppe der Männer mit Schuldgefühlen konfrontiert zu werden:

I am a man who still does what he can
To dispel our archaic reputation
I am a man who has heard all he can
Cause I don’t fare well with endless punishment

Cause I have been blamed and I have repented
I’m working my way toward our union mended
And we have been blamed and we have repented
I’m working my way toward our union mended

In Praise Of The Vulnerable Man handelt von einem neuen Ideal von Männlichkeit, einer neuer Definition von Heroismus, in der Ehrlichkeit und die Fähigkeit, offen seine Gefühle zu zeigen, gespielte Härte und Machismus ablösen:

You, with your eyes mix strength with abandon
You with your new kind of heroism
And I bow and I bow down to you
To the grace that it takes to melt on through

This is in praise of the vulnerable man
Why won’t you lead the rest of your cavalry home
This is a thank you for letting me in
Indeed in praise of the vulnerable man

You are the greatest man I’ve ever met
You the stealth setter of new precedents

Und Woman Down, von ihrem jüngsten Album, ist nichts weniger als eine unverblümte Kampfansage an Sexisten und Frauenhasser:

Calling all woman haters
We’ve lowered the bar on the
Behavior that we will take –come on now
Calling all lady haters
Why must you vilify us
Are you willing to clean the slate?

Und last but not least, bevor ich das Wort an meine gute Freundin übergebe, noch ein Auszug aus Citizen Of The Planet, ein Lied, das mich beim Hören jedesmal voll mitreißt, und in dem sich Alanis als weltenwandernde “Bürgerin des Planeten” beschreibt, neugierig auf alles Neue und Fremde, und der Menschheit als Ganzes verbunden. Ja, ein Abend mit Frau Morissette, um bei einer Flasche gutem Wein über das Leben und die Welt zu philosophieren, das wär’s.

I am a citizen of the planet
From simple roots through high vision
I am guarded by the angels
My body guides the direction I go in
I am a citizen of the planet
My favorite pastime edge stretching
Besotten with human condition
These ideals are born from my deepest within

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Jetzt übernimmt S’mores und grüßt ihre Leser*innen. Meinen Zugang zu Alanis Morissette eröffnete mir meine erste große (Internet-)Liebe aus Frankreich. Glücklicherweise besaß mein Bruder damals ihre erste LP “Jagged Little Pill” und so konnte ich mir die kraftvollen und wutentbrannten Songs von Alanis am Disc-Man reinziehen, während ich lästige Gartenarbeit und Aufträge meiner Mutter ausführen musste. Die Musik bekräftigte meine damalige pubertäre Stimmung und endlich war ein Musikstil gefunden, der komplett meinen Geschmack traf. 

Was mich damals, wie auch heute noch, bei Alanis sofort beeindruckte, war die Kraft, die Dynamik, gleichzeitig aber auch die Tiefe, die Ehrlichkeit und Tragik in ihrer Musik.

Zum ersten Mal, nachdem ich zuvor eher lieblichere Musik gehört hatte, entdeckte ich eine Sängerin, die ihrer Wut, Enttäuschung und ihrer Energie mit raffinierten metaphorischen Texten Ausdruck verlieh. 
Häufig wurde Alanis unterstellt, sie sei eine eher verbitterte Person, oder eine “Emanze”, die durch ihre enttäuschten Liebesbeziehungen Rache an Ex-Partnern und Männern über ihre Musik ausüben wollte. Hatte sie doch Lieder wie zum Beispiel den Megahit You Oughta Know in ihrem Repertoire, in dem sie schreibt:

And I’m here, to remind you
Of the mess you left when you went away
It’s not fair, to deny me
Of the cross I bear that you gave to me
You, you, you oughta know

‚Cause the joke that you laid in the bed
That was me and I’m not gonna fade
As soon as you close your eyes, and you know it
And every time I scratch my nails
Down someone else’s back I hope you feel it
Well, can you feel it?

Weiters wurde sie für ihre beißende, jaulende Stimme öfters kritisiert.

 Tja, Geschmäcker sind verschieden. Meinen hat sie genau getroffen. Und eben diese Authentizität, ihre Ecken und Kanten haben mich begeistert. Alanis hat schon immer ihre Autobiographie von Hoffnung und Schmerz, ausgelöst durch ihr eigenes Liebesleben, und ihre charakterlichen Anteile von Gelassenheit und Gefühlspathos in ihren Songs verarbeitet. So schließt sie nichts aus. Weder Wut noch tiefste Liebe, weder (Eigen)Verantwortung noch Zeiten, in denen man sich (unter)gehen oder treiben lassen kann.

Somit ist es für mich in Ordnung, wenn Frau Morissette jault, schimpft und alles rauszulässt, was sie beschäftigt. Um dann auch wieder zurückzukehren und ehrlich auf sich selbst und auf die eigene Psyche bzw. die der Menschheit zu schauen, wie sie es zum Beispiel in Underneath beschreibt. In diesem Song zieht sie Parallelen zwischen den “großen” Vorgängen draußen in der Weltpolitik und den kleinen, privaten Konflikten, und hebt hervor, dass letztere nur kleinere Versionen des Großen sind, aber aus den gleichen Problemen, Schwächen und Mißverständnissen entspringen, und dass Friede im Großen nicht möglich ist, solange ihn Menschen nicht im Kleinen finden.

Look at us form our cliques in our sandbox
Look at us micro kids with both our hearts blocked
Look at us turn away from all the rough spots
Look at dictatorship on my own block

There is no difference in what we’re doing in here
That doesn’t show up as bigger symptoms out there
So why spend all our time in dressing our bandages
When we’ve the ultimate key to the cause right here
Our underneath…

Weiters begeistern mich als Musikerin:

– ihr Songwriting-Stil.

Ähnlich wie Judith Holofernes, von „Wir sind Helden“ ihr Handwerk versteht, Metaphern geschickt einzusetzen, um ein großes Bild von einem eigentlich unbeschreiblichen Zustand so zu zeichnen, dass eine Ebene der Psyche (oder des Herzens bzw. der Seele) angesprochen wird und man sich zu tiefst verstanden fühlt, so schafft dies Alanis Morissette in Englischer Sprache. Sie erfindet teilweise auch Wortkonstruktionen und Phrasen, die es so (noch) gar nicht gibt. Alanis ermutigte mich in meinem eigenen Songwriting-Prozess dadurch auch, verbale Grenzen zu sprengen und manchmal einfach drauf los zu schreiben, dem Unterbewussten Raum zu geben, den Stift quasi sich selbst schreiben zu lassen und sich nicht an strenge grammatikalische Regeln zu halten, sondern mit Gefühlen im Wort- und Bildkostüm wild zu experimentieren.

– ihre Stimme.

Als stimmtrainierte Sängerin weiß ich, dass ihre „Technik“, von Kopf- in Bruststimme zu kippen (auch Registerbruch genannt) eigentlich „falsch“ ist. Trainiert man als Sänger/in doch jahrelang die harmonische „Mischstimme“, gibt Alanis nichts auf diese Konventionen und singt, wie es ihr passt. Ja, sie setzt ihren Registerunterschied sogar bewusst als Stilmittel ein.

– ihre Musik.

Ich liebe ihre Instrumentation. In ihrem Album „Supposed Former Infatuation Junkie“ experimentiert sie mit Synthizisern, Sounds und Samples, mit schrägen Harmonien und schweren Gitarrensounds. Einige Zeit lang hätte ich diese CD wegen ihrer ungewöhnlichen Songs als mein Lieblingsalbum bezeichnet. Wären da nicht noch die ganzen neuen Alben erschienen, die vom Stil her vielleicht etwas „glatter“, aber dennoch ebenso interessant und dynamisch sind und mir ebenso unter die Haut gehen, was mir eine Favorisierung unmöglich macht.

Ich möchte noch durch zwei sehr gegensätzliche Hörproben aus unterschiedlichen Zeiten und Alben auf ihre unglaubliche Vielfalt in ihrer Musik hinweisen.

Zuerst hier der zur damaligen Zeit eher schräge Song „Sympathetic Character“ (Album: „Supposed Former Infatuation Junkie“ erschienen: 1998) . Besonders gut gefällt mir, wie konventionsuntreu sie hier die arhythmischen Unter- und Gegenstimmen einsetzt. In dem Lied geht es meiner Meinung nach um physische und psychische Gewalt durch andere. Aber auch um die eigene Gewalt, die man gegen sich selbst richtet, dadurch, dass man eine Person zum Mittelpunkt der eigenen Welt und des eigenen Schicksals werden lässt, obwohl der Mensch oder die Situation einem selbst nicht gut tut.


Lyrics dazu hier.

Hier noch der Song „Receive“ ihres neuen Albums „Havoc and Bright Lights“, der komplett andere Themen in sich birgt: Selbstliebe, Lernen die Schönheit des Lebens um sich herum anzunehmen und meiner Meinung nach ein hoffnungsvolles Nach-vorne-Schauen.

Lyrics hier.

Abschließend möchte ich vor allem eines der Musik von Alanis zuschreiben: Sie bewegt (mich)! Durch und durch! Sie durchdringt mich, verleiht mir Flügel, spendet mir Trost. Manchmal glaube ich fast, ein kleiner Groupie zu sein. Sie ist wohl eine der wenigen prominenten Personen, deren Privatleben ich über die Medien mitverfolgt habe. Ich habe mitgelitten, aber auch das Gefühl, dass eine fremde Person mit MIR mitleidet, da sie in ihren Texten so viele Emotionen und Zustände beschreibt, die ich meiner Meinung nach „haargenau so“ erlebt habe *großesgroupiezwinkern* oder ebenso ausdrücken würde.

So hat mich Alanis Morissette durch Liebeskummer hinweg getröstet, aber auch Tränen evoziert und somit einen Gefühlsoutlet für mich bereitet, den kaum eine andere Musikerin in mir hervorrufen konnte. Nicht zuletzt hat sie meine Musikalität maßgeblich beeinflußt und ich freue mich, dass diese fremde Person so sehr Teil meines Lebens ist.

6 thoughts on “Zwei Liebeserklärungen an Alanis Morissette

  1. mein letztes statement, versprochen ;): ich stimme euch übrigens absolut zu, wenn ihr SFIJ als eines eurer absoluten lieblingsalben überhaupt bezeichnet. ich kann beschreibungen wie „musikalische offenbarung“ nur unterschreiben und ich hab mich total gefreut zu lesen, dass das andere auch so sehen. ich glaube in meiner doch schon fast 30 jahre andauernden biografie gab es vielleicht noch 2 oder max. 3 andere alben von anderen künstlerInnen, die mich ähnlich beeindruckt haben und die ich wirklich als unhinterfragbares gesamtkunstwerk küren würde. danke jedenfalls für diesen schönen beitrag, der mich wieder in besagte schöne klänge meiner jugend zurückgeführt hat ;)

    • ja!! vor allem die live-version!! UND: wahrscheinlich beeindruckt dich das jetzt nicht, weil du vermutlich auch schon in diesen genuss kamst, aber: ich hab sie ja schon zweimal live gesehen und dementsprechend auch uninvited live… ein erlebnis, das so schnell keinen vergleich findet!

  2. Pingback: feministische Pop-Hymnen: eine persönliche Retrospektive | sugarbox

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