Sexismus ist System. Gedanken zum Anti-#aufschrei.

Zu meinem Bedauern habe ich den großen Fehler gemacht, mir heute (Sonntag) einige Gegenreaktionen auf Twitter und diverser Zeitungen auf den #aufschrei durchzulesen. Noch nie war mir so sehr danach, einen ganzen Beitrag nur mit Kraftausdrücken zu füllen, denn eigentlich haben die Anti-#aufschrei-Kommentare nichts anderes verdient. Mensch muss sich vergegenwärtigen, wieviel Ignoranz und Kaltschnäuzigkeit einer Gesellschaft zu Grunde liegen muss, wenn manche Leute es tatsächlich schaffen, all der entsetzlichen Geschichten von Sexismus betroffenen Frauen auf Twitter zum Trotz, sich ganz öffentlich und ungeniert dazu zu bekennen, dass sie weder Empathie, Verständnis oder gar Solidarität, sondern ganz im Gegenteil, ausschließlich Spott und Unverständnis dafür aufbringen können. Deswegen versuche ich nur so sachlich wie möglich zu bleiben und weiß jetzt schon, dass dieser Versuch stellenweise ein Versuch bleiben wird.

Nachdem ich den Artikel der „Welt“ für relativ repräsentativ aller Vorwürfe und Angriffe, auch auf Twitter selbst, dem #aufschrei gegenüber halte, nutze ich ihn als Leitfaden dafür, was ich loswerden möchte. Um den Gedanken meines Beitrags hier zu folgen, ist es nicht unbedingt nötig, den Artikel im speziellen zu lesen, denn in ihm findet sich wieder, was sich immer und überall findet, wenn Frauen aufstehen und #aufschreien:

  1. Der Vorwurf, Frauen würden es genießen „Opfer“ zu sein und deswegen voller Freude solche Debatten anzetteln und führen.
  2. Frauen würden “übertreiben“ und „dramatisieren“, wenn sie „lächerliche“ Ereignisse wie eine blöde Anmache in der Bar, als Belästigung verkaufen. Und dadurch außerdem „echten Sexismus“ wie Vergewaltigung, Nötigung, etc. verharmlosen.

Zu beiden Vorwürfen, möchte ich in meinem Beitrag Stellung beziehen.

1. Der #aufschrei ist ein „Opferdiskurs“

Die, wahrscheinlich strategisch gewählte, Autorin der „Welt“, Cora Stephan, betitelt ihren Artikel zur ganzen Causa so: „Frauen können sich wehren, wenn sie denn wollen“. Etwas anders also ausgedrückt: Frauen wie Laura Himmelreich, die die ganze Causa durch ihren Bericht über das sexistische Verhalten von Herrn Brüderle ausgelöst hat, könnten sich einfach situationsgerecht wehren und damit wäre alles *pufffffff* wieder gut! Sie wollen nur nicht! Warum? Ganz einfach: Stephan sieht in der „Skandalisierung“ der Brüderle-Affäre eine beabsichtigte Opferhaltung, um Verantwortung von sich zu weisen. Und die, die keine Opferhaltung einnehmen, sind kalkulierende Biester: „Denn dass Männer auf primitive Lockspeisen wie Bier und Titten vorhersehbar reagieren, kann frau auch zu ihrem Vorteil nutzen.“ Triebgesteuerter Schwanz, hinterhältige Fotze, so einfach ist das.

Ok, Zynismus beiseite. Hierauf habe ich eine ganz einfache Antwort: Frauen setzen sich zur Wehr und zwar täglich! Es geht beim #aufschrei nicht um irgendeine bewusste Opferhaltung, eine Unfähigkeit oder ein Unwollen sich zur Wehr zu setzen, sondern um die Ungerechtigkeit und den Skandal, sich als Frau überhaupt ständig zur Wehr setzen zu müssen! Das hat nichts mit Verantwortung wegschieben zu tun, die Beschwerde lautet, dass Frauen die Verantwortung für das Handeln von Männern übernehmen müssen, anstatt, dass Männer die Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen!

Ganz abgesehen davon, dass niemand zu beurteilen hat, wie das Individuum auf Angst, Scham, Angriff oder Gefahr reagiert. Denn das weiß Frau Cora Stephan natürlich auch besser: „Man kann dumme Sprüche ignorieren. Man kann sie ironisch kontern. Man kann die biedere Anmache lächerlich machen. Man kann das alles souverän an sich abperlen lassen. Man muss auch nicht beleidigt flüchten, es sind ja noch andere in der Bar. Vielleicht Jüngere und Hübschere.“

Auf schambesetzte Situationen, Angriff, Angst, etc., gibt es bekanntlich 3 mögliche Reaktionen, die das limbische System bestimmt: Kampf, Flucht oder Starre. Wer kennt es nicht, dass einem eine Situation so perplex macht, dass man erstmal gar nicht reagieren kann und erst im Nachhinein tausend gute und schlagfertige Ideen hat, wie man reagieren hätte können? Jeder Frau, die nicht zur achso coolen Gattung gehört, wie Stephan sie oben schildert, und mit Flucht(versuch) oder Starre reagiert, vorzuwerfen, sie würde sich als Opfer inszenieren und Verantwortung abgeben, ist eine geschmacklose und kurzsichtige Methode, die Frauen mundtot macht, sie dazu bringen nicht anzuzeigen und das wahre Abstreifen von Verantwortung!

2. „Echter Sexismus“ vs. „Wehklagen“

„Wenn schon ein wenig gelungener Auftritt eines offenbar nicht mehr ganz nüchternen Politikers in einer Bar zur späten Stunde alle weibliche Welt über „Sexismus“ wehklagen lässt, dann frag ich mich, wie wir künftig Verhalten nennen wollen, das wirklich sexistisch ist. Weil es handgreiflich und gewalttätig Frauen ihrer Freiheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit beraubt.“

Dieses weitere, zutiefst differenzierte Zitat von Cora Stephan verdeutlicht: Es muss schon eine Vergewaltigung her um von Sexismus zu sprechen! Alles davor, wie der degradierende Klappser auf den Po, anzügliche Bemerkungen auf offener Straße, die Thematisierung der un/attraktiven Optik am Arbeitsplatz, oder eben die derbe Anmache eines alten Mannes mit Alkoholfahne, all dies sind „Wehwehchen“, die vielleicht unangenehm sind, aber mit „wirklichem Sexismus“ nichts zu tun haben. Ich frage mich wie beschränkt mensch sein muss, um da nicht ganz vielleicht und eventuell eine Art kleinen Zusammenhang zu vermuten!

Meine wiederum einfache Antwort hierauf: Sexismus hat Struktur und ist keine vereinzelte Handlung! So etwas wie von einander unabhängige Vorkommnisse, die man schön etikettieren kann mit entweder „derbe Anmache“, oder „harmloser Grabscher“, „Nötigung“, „unglücklicher Flirtversuch“, „Vergewaltigung“, u.ä., gibt es nicht. Alles davon ist Ausdruck des gleichen, sexistischen Systems. Sexismus ist die Gemeinsamkeit dieser Etiketten, ihr Überbau. Jedes einzelne Ereignis ist der Knoten eines sexistischen Netzwerkes, das täglich Auswirkungen der gleichen Natur hervorbringt.

Wenn „das Fräulein“ in der Bar beim Abräumen in den Hintern gezwickt und das Ganze nicht nur toleriert wird, sondern wahrscheinlich sogar noch Beifall erntet, dann zeugt dies von einer allgemeinen Atmosphäre, die sexistische Handlungen akzeptiert und begünstigt! Das einzelne Vorkommnis ist Ausdruck einer grundsätzlichen Stimmung, die nichts Arges daran findet, Frauen schon mal zu degradieren – Kommentare auf Twitter, die den #aufschrei über solche Ereignisse ins Lächerliche ziehen, machen deutlich, dass solche Handlungen nicht mal als Degradierung gelten!

Es geht um eine nieder angesiedelte Hemmschwelle, persönliche und intime Grenzen von Frauen zu überschreiten und zu missachten, die sich sowohl im Aufzwingen eines Kusses, als auch im unerwünschten Pfeiforchester ausdrückt. Wenn Herr Brüderle ungefragt in die Intimzone einer Journalistin tritt und mit Alkoholfahne Sprüche über ihr Dekolleté loslässt, dann steht vor ihm kein Mensch mit dem er sich auf Augenhöhe erlebt und deren Grenzen er deswegen selbstverständlich respektiert. Wäre dem so, hätte er eine natürliche Hemmung dessen Intimbereich zu verletzen. Vor ihm aber steht ein XX-Chromosomsatz, eine Frau, eine „Andere“ als er, Ovarien und ein Busen, den er mit anderen Regeln behandelt. Er ist Austragungsort seiner primitiven und alkoholisierten Anzüglichkeiten, ob dies den Interessen der Person dahinter entspricht, interessiert ihn nicht oder übersieht er. Und um diese Ent-Personifizierung geht es, wenn idiotische Sprüche über das Aussehen einer Frau fallen oder sie hinter einen Busch gezerrt und vergewaltigt wird. Auch wenn die Niveauunterschiede dieser Beispiele natürlich drastisch auseinander klaffen und ein Vergewaltiger nicht mit einem Sprücheklopfer verglichen werden kann, sind sie, je nach Potential, schwächere und stärkere Entladungen der gleichen Wolke.

Bei allen Statements auf Twitter, die von den unterschiedlichsten, sexistischen Ereignissen erzählen, geht es um nicht mehr und nicht weniger, als die systematische Missachtung der Interessen, Grenzen und Würde weiblicher Menschen. Sie ist Resultat einer sexistischen Haltung, die sowohl beim derben Anmachspruch, dem Poklappser, als auch bei der Nötigung zum Vorschein kommt.

Sich dumm stellen und „grad mal“ sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung als Sexismus gelten lassen und außerdem Opfern von Sexismus vorzuwerfen, dass sie nur deswegen Opfer sind, weil sie es gerne sind und sich diese Rolle „ausgesucht“ haben, sprengt die Grenze des Unerträglichen und ist geistig so beeinträchtigt, dass ich intuitiv am liebsten mit einer Spendenkarre Stroh vorbei käme!

Ich hoffe der #aufschrei bleibt bestehen!

Es grüßt, die göttinnenspeise

8 thoughts on “Sexismus ist System. Gedanken zum Anti-#aufschrei.

  1. Ernsthafte ehrlich gemeinte Fragen, die leider in vielen gender Foren der Zensur zum Opfer gefallen sind:

    Wo würdet ihr die ungefähre Grenze zwischen #aufschrei und #komplinent sehen oder gibt es die gar nicht und ist jedes Kompliment, dass sich auf die Erotik einer weiblichen Person bezieht sexistisch?

    Was ist, wenn ich einer verbalen hardcore farbigen oder weißen (wie enimem) Raper Subculture angehöre und mich “Yo fucker, bitch‘ artikuliere, weil das mein Sprachgebrauch und Sprachbild ist? (egal ob künstlich oder natürlich)

    Was ist mit jemanden der am TouretteSyndrom leidet, weil er eine cholerische Persönlichkeit ist?

    Ist das nur von hetero bis bi Männern so, oder können auch Lesben und Schwule einen #aufschrei erzeugen?

    Dürfen auch Männer Mimosen sein oder ist das Konzept der Männlichkeit durch hegemoniale Männlichkeit deterministisch fix kulturell und soziosexuell festgelegt?

    • In der Tat wichtige Fragen.

      1. Der wahrscheinlich schwierigste Punkt. Meiner Meinung nach, ist nicht jedes Kompliment in diese Richtung gleich sexistisch, aber hier ist einfach viel Gespür und Taktgefühl vonnöten, was aber leider oftmals fehlt. Zunächst einmal: Ein freundliches ausgesprochenes Kompliment a la „in diesem Kleid sehen Sie fantastisch aus“ ist beispielsweise etwas komplett anderes, als ein mit anzüglichem Lächeln versehenes Kommentar in diese Richtung. Zweitens: Aufmerksamkeit behalten, ob sich die andere Person wohl fühlt.
      Das ist der wohl wichtigste Faktor in dieser ganzen „was darf man dann noch tun und sagen?!?“ Frage. Wie gesagt: Ich glaube mit ehrlicher Freundlichkeit kann man wenig falsch machen. Der anderen Person signalisieren, dass man ihr mit der Aussage eine Freude machen möchte, und wenn man merkt, sie fühlt sich nicht wohl, entschuldigen.

      2. Rapperin Sookee sagt in einem ihrer Texte, dass es für sie das Wort „Bitch“ nur als Selbstbezeichnung gibt. So sehe ich das auch. So wie es für Schwarze okay ist, wenn sie untereinander das Wort Nigger verwenden, ist es okay wenn Frauen für sich das Wort Bitch reclaimen. Selbstbezeichnung ist der springende Punkt.

      3. Eine cholerische Persönlichkeit ist nicht das gleiche wie Tourette Syndrom. Letzteres ist eine Krankheit, bei der die Menschen kaum bis gar keine Kontrolle über sich selbst haben. Eine cholerische Persönlichkeit ist keine Entschuldigung für Sexismus.

      4. Klar. Es gibt sowohl innerhalb lesbischer Kreise sexistisches Verhalten, weil leider manchmal heteronormative Dynamiken übernommen werden, als auch unter Schwulen. Bei letzteren bin ich mit der internen Dynamik nicht so vertraut, aber es gibt auch Schwule, die sich gegen Frauen sexistisch verhalten, und ebenso Lesben, die sich gegen Männer sexistisch verhalten. Meine Hoffnung ist, das #aufschrei längerfristig das Gespür für alle Formen von Sexismus verfeinern wird.

      5. Stellst du jetzt in den Raum, dass Frauen, die sich sexistisch behandelt fühlen, automatisch Mimosen sind? Prinzipiell: Männer sollen ebenso alles sein dürfen wie Frauen. Als Feministin bin ich sowohl gegen Rollenvorgaben für Frauen, als auch für Männer, weil ich glaube dass beide Geschlechter darunter leidern. Es sind wie zwei Seiten einer Münze: Die Regeln, die Mädchen verbieten „zu männlich“ zu sein, sind auch jene, die Buben verbieten zu weinen.

      • Danke für deine Antworten Schokomuffin.

        Ad5: Nein, ich will Frauen nicht als Mimosen bezeichnen, die sich sexistisch behandelt fühlen und tue das auch nicht. Es regten sich manche nur auch auf, dass es jetzt plötzlich auch um die Befindlichkeiten von sensiblen Männern ginge und dass das nicht sein dürfe und nannten Männer Mimosen, die ohne jetzt übergriffig zu sein, sensibler reagierten. Daher die Frage.

        Was ich noch dazu sagen will:
        Ich finde es absolut NICHT OK, wenn Frauen auf der Straße/in der U-Bahn/in der Arbeit begrabscht werden und für ein solches Fehlverhalten gehört der Blick gesamtgesellschaftlich geschärft und das auch entsprechend sanktioniert.

        Abgesehen von diesen Übergriffen handelt es sich beim Sexismus um die Reduktion eines Menschen rein nur auf die sexuelle Ebene.
        Wenn Leute nur Sex haben wollen und in einen Swinger-Club oder eine Singlebar gehen ist das meiner Meinung nach OK, weil an dem Ort gehts eher nur um Sex.

        Ist es aber sexistisch, wenn ich auch jemanden, egal ob männlich oder weiblich erotisch empfinde ohne ihn/sie rein auf die sexuelle Ebene zu reduzieren und das verbal artikuliere?

        Wenn ja halte ich das für problematisch, weil das könnte meiner Meinung nach zum Entstehen einer bürgerlichen Doppelmoral führen, wie wir sie schon im 19. Jahrhundert (viktorianisches Zeitalter) hatten, wo nur das Schauen auf etwas Haut über dem Knöchel einer Frau als verboten galt und tabuisiert wurde, aber die Männer regelmässig zu Prostituierten gingen.

      • „Ist es aber sexistisch, wenn ich auch jemanden, egal ob männlich oder weiblich erotisch empfinde ohne ihn/sie rein auf die sexuelle Ebene zu reduzieren und das verbal artikuliere?“

        Kommt drauf an wo und kommt drauf an wie. Prinzipiell ist meiner Meinung nach das Erotischfinden nicht automatisch eine Einladung um jemanden darauf anzusprechen. Faktoren, die mitspielen: Wo befinden wir uns? Welches Setting ist es? Wie gut kenne ich die Person? Okay fände ich zum Beispiel, einer Frau beim fortgehen zu sagen, dass sie in ihrem Outfit sehr sexy aussieht, vielleicht noch mit dem Zusatz, sie nicht stören zu wollen, sondern ihr nur ein Kompliment machen zu wollen. Dann sieht man ja, ob es sie freut oder nicht und ob sie sich weiter unterhalten möchte, oder ob man sich besser wieder zurückziehen sollte.

        Wie gesagt, ich kann nur nochmal betonen dass ich diesem Zusammenhang Taktgefühl für sehr wichtig halte, und dass sich viele Sexismen schon mal beseitigen lassen, wenn respektvolles Miteinander die goldene Regel wird.

  2. danke für den Artikel!!!!!!!
    ich bin so froh dass es andere gibt, die auch so denken, manchmal habe ich mich mit meinen Ideen allein gefüllt .. und leider nicht nur mit den Ideen…

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