Wo kommen die Tomboys her?

Die Diplomarbeit ist endlich fertiggestellt und abgegeben, und nachdem ich mein Gehirn nun zwei Wochen lang mit Comics, nicht-diplomarbeitsrelevanten Büchern und Wii-zocken auf andere Gedanken gebracht habe, kann ich mich nun endlich mit Freude auch für die sugarbox nochmal meinem Thema widmen: Tomboys nämlich. Etwas konkreter: Wissenswertes über die Geschichte des „Tomboyismus“.

Eines vorweg: Natürlich gibt es nicht die eine wahre Geschichte der Tomboys. Aber es gab relevante gesellschaftliche Strömungen, die dazu beigetragen haben, das Konzept des Tomboyismus als solches hervorzubringen und zu formen, und im Laufe der Jahrzehnte zu wandeln.

Zunächst ein bißchen was zum Wort an sich: Ursprünglich bezeichnete „tomboy“ ungestüme Buben, bevor es im späten 16. Jahrhundert einen Bedeutungswandel durchmachte und zunächst für freche, „unanständige“ Frauen und etwas später für junge Mädchen verwendet wurde, welche sich „wie Buben“ benehmen. Die Definition „Mädchen, die sich wie Buben verhalten“ ist natürlich problematisch, denn sie geht davon aus, dass es typisches Mädchen- und typisches Bubenverhalten gibt. Kulturell gesehen stimmt das natürlich – sowohl für Buben als auch für Mädchen gibt es gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten – aber alternative Verhaltensformen gibt es natürlich genauso, nur müssen diese eben als „andersartig“ gekennzeichnet werden und bekommen somit ein eigenes Label verpasst. Studien über Tomboys haben gezeigt, dass deren Verhalten keineswegs eine Seltenheit darstellt, sondern besonders in jungen Jahren weitverbreitet ist. Leider ist aber auch so, dass viele Mädchen mit Beginn der Pubertät gesellschaftlichen Druck verspüren, ihr Tomboyverhalten abzuschwächen oder gänzlich abzulegen, um heteronormativen Idealvorstellungen von Weiblichkeit zu entsprechen. Interessant hierzu ist vor allem die Studie „Where Have All the Tomboys Gone? Women’s Accounts of Gender in Adolescence“ von C. Lynn Carr.

Zurück aber zum geschichtlichen Hintergrund der Tomboys in der US-amerikanischen Kultur. Dieser unterscheided sich nämlich massiv von der heutigen Auffassung, nach welcher solches Verhalten vor allem eine Rebellion gegen Geschlechternormen darstellt. Als erste große Welle des Tomboyismus wäre die Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg zu erwähnen, also Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Hinsichtlich der idealen Weiblichkeit galt zu dieser Zeit der sogenannte „Cult of True Womanhood“, demzufolge Frauen vor allem schwach und fragil zu sein hatten und möglichst wenig Bewegung außer Haus machen sollten. Dass sowas für die Gesundheit nicht besonders förderlich war, leuchtet wohl ein, und hatte unter anderem zur Folge, dass Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten häufig waren. Als es zu besagter Zeit nun auch zu großen demographischen Veränderungen kam – die Vereinigten Staaten erlebten die bis dahin größte Einwanderungswelle – dämmerte es elitären Anglo-Amerikanern, dass es um ihre Bevölkerungsgruppe zukünftig nicht gut bestellt sein würde, wenn ihre Frauen nicht wieder gesünder und dadurch fruchtbarer werden. Sorge um die dominante Position der anglo-amerikanischen Bevölkerung führte also dazu, das Idealbild der Frauen radikal zu ändern.

this sucks

„This sucks.“

Ab nun standen gesundes Essen, bequeme Kleidung, und vor allem viel sportliche Bewegung an der frischen Luft an der Tagesordnung. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem Boom an Tomboy-Literatur, in der lebhafte Mädchen als Vorbilder wirkten. Wie gesagt waren die Ziele dieser Entwicklung aber in keinster Weise auch nur irgendwie anti-heteronormativ. Ganz im Gegenteil: Diese neue Form der Tomboy-Erziehung zielte lediglich darauf ab, junge Mädchen für ihre Aufgaben als Ehefrauen und Mütter besser vorzubereiten. Dies änderte sich erst mit Beginn des Bürgerkriegs, als Frauen in Abwesenheit der Männer deren Arbeit übernahmen und erstmals auch berufliche Karrieren abseits der Familie möglich und attraktiv wurden. Bestes Beispiel dieser neuen Art von Tomboys ist die in diese Richtung wahrscheinlich bekannteste literarische Figur, nämlich  Jo March aus Louisa May Alcotts Little Women (deutscher Titel: Betty und ihre Schwestern). Anders als die „pre-civil-war“ Tomboys will Jo nicht nur explizit ein Junge sein, sondern spricht sich auch entschieden gegen eine Zukunft als Ehefrau aus und will stattdessen lieber Schriftstellerin werden.

"Fuck marriage. I'm gonna be a writer!"

„Fuck marriage. I’m gonna be a writer!“

Diese neue Version der Tomboys stieß allerdings auf gesellschaftliche Kritik, da sie als familienfeindlich und destruktiv gesehen wurde. Die ursprüngliche Idee war ja schließlich, Frauen zu besseren Müttern und Ehefrauen zu machen, und nicht, sie zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu inspirieren. So wandelte sich das Konzept des Tomboyismus von einer wünschenswerten Lebensweise zu einer ganz bestimmten, abgegrenzten Phase in der Kindheit von Mädchen, die mit deren Heranwachsen inakzeptabel wird und abgelegt werden muß. In literarischen Werken schlug sich diese Veränderung in der aufkommenden Tradition des „tomboy taming“ nieder, in der Tomboys also gezähmt werden und sich auf ihre Bestimmung als Ehefrauen und Mütter besinnen. Erreicht wird dies meistens durch ein tragisches Erlebnis, das den jungen Tomboy zum Umdenken bewegt. Wieder stellt Little Women hierfür ein gutes Beispiel dar, wo Jo nach dem Tod ihrer Schwester Beth beginnt, sich nach und nach „damenhafter“ zu verhalten und schließlich auch ihre beruflichen Ambitionen aufgibt und stattdessen Professor Bhaer heiratet.

Die Idee, dass junge Tomboys schon irgendwann aus ihrem Verhalten „rauswachsen“ werden, dass dies „nur eine Phase ist“, hat also ihre Wurzeln im tomboy taming des späten 19. Jahrhunderts. Interessierten sei zu diesem Thema das Buch Tomboys: A Literary and Cultural History von Michelle Ann Abate and Herz gelegt, das die sozio-kulturelle Entwicklung des Tomboyismus in den USA nachzeichnet und mich zu diesem Post inspiriert hat.

tomboys forever

tomboys forever!!

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