Natascha Kampusch und die Wirklichkeit

Es geht wieder los. Und meine Einleitung wird ungemütlich, aber das ist auch nötig: Der Film „3096 Tage“ ist draußen und die Österreicher_innen sind wieder fest dabei zu beweisen, dass sie ein verkapptes, mitleidloses, dummes und gemeines Volk sind, zerfressen von Hass, unfähig nach innen zu schauen und deshalb ihre „gsunden Watschen“, die sie als Kinder kassierten, schön weiter verteilen. Am besten an die, die es am ungerechtfertigsten trifft, damit es auch grausam genug ist und der eigenen, inneren Zerfressenheit gerecht wird. Die Krone der Hässlichkeit hat dem Fall Kampusch diesmal der eigene Vater aufgesetzt, „aus Liebe, damit sie wieder mit ihm spricht“. In seinem Buch bezweifelt er ihre Gefangenschaft und unterstützt diverse Verschwörungstheorien. Aber ehrlich gesagt ist dieser erneute Schlag ins Gesicht zu zynisch und ekelhaft, als dass ich ihm viele Zeilen widmen kann.

Im Laufe der letzten Jahre, seit ihrer Selbstbefreiung, löst sich der Name „Natascha Kampusch“ mehr und mehr auf. Warum „auflösen“? Weil „Natascha Kampusch“ kein Mensch mehr ist, sondern ein Thema, ein Fall, ein Aufreger, eine Kunstfigur. „Natascha Kampusch“ ist ein mediales Konstrukt – was Zeitungen aus ihr machen und zahlreiche Hasser in Internetforen, ist eine Projektionsfläche, die so gestaltet wird, dass sie geeignet ist als Zielscheibe aller angestauten Aggressionen der Österreicher_innen zu dienen. Der Name „Natascha Kampusch“ ist eine Hülle, die willkürlich, je nach den Bedürfnissen der Menschen in diesem Land, befüllt wird mit Motiven und Eigenheiten, fern ab und unberücksichtigt was noch Realität und was reine Fiktion ist. Ich hoffe diese Zeilen werden nicht als Abwertung Natascha Kampusch gegenüber gewertet, ich meine das ganz im Gegenteil: Ich hoffe inständig, dass Natascha Kampusch selbst all die Anfeindungen und Hasstiraden auf ihre Person nicht ernst oder persönlich nimmt, sofern das auch nur irgendwie möglich ist, denn sie haben im Grunde nichts mit ihr zu tun. Die Natascha Kampusch, die beschimpft und der misstraut wird, ist ein Phantasieprodukt der Österreicher_innen und ein Resultat unzähliger, die Grenzen der Lächerlichkeit durchbrechender Verschwörungstheorien irgendwelcher Spinner, die sich selbst produzieren möchten und das dramatischer Weise auf Kosten eines wegen einer Entführung traumatisierten Menschen. Vom kleinen Beamten, der sich erbärmlichst zum Helden machen will, bis in die obersten Riegen der Politik, haben alle fest dabei mitgeholfen Natascha Kampusch zu entmenschlichen und zu entpersonifizieren. Wenn ich also meine der Name „Natascha Kampusch“ ist eine Hülle, dann meine ich: wenn er in den Zeitungen steht und in den Mündern von Missbilligern ist, dann ist er eine Hülle, die nach Belieben befüllt wird und hat schon lang nichts mehr mit dem wahren Menschen zu tun.

Ich habe lange überlegt unseren Blog zu nutzen, um meine Gedanken dazu zu veröffentlichen, weil ich Sorge habe, dass auch ein solcher Kommentar im Grunde Teilhabe an der Ausschlachtung oder Konstruktion ihrer Geschichte ist. Es kommt mir falsch vor Klicks auf Grund des Namens „Natascha Kampusch“ im Titel zu bekommen. Und ich habe Sorge nicht in ihrem Sinne zu handeln, indem durch meine Feder ein weiterer Artikel über ihre Person im Netz zirkuliert, auch wenn wir selbstverständlich ein sehr kleiner Blog mit nicht massenhaft Leser_innen sind. Und auch wenn ich all das hier wohlwollend und unterstützend meine, kann ich dennoch nicht sicher sein, dass sie einverstanden ist. Aber das Thema lässt mich nicht los, wenn ich diverse Zeitungsartikel lese, in denen Natascha Kampusch zu einer Lügnerin, einer Verführerin oder Täterin verstrickt wird, bekomme ich teils wirklich körperliche Schmerzen. Denn diese Konstruktion ist auf so vielen Ebenen ungerecht, dass ich nicht weiß weswegen ich zuerst erschüttert, empört, traurig oder wütend sein soll.

Ich spare hier die Frage ganz bewusst aus, wann, wo, wie und warum sie irgendetwas preisgegeben hat und wann, wo, wie und warum sie irgendetwas nicht preisgegeben hat. Denn es ist absurd darüber zu debattieren und eigentlich ein leicht bewältigbarer Intelligenztest, durch den die Hälfte der Österreicher_innen leider durchgerasselt ist, zu erkennen, dass jemand, der sich langsam wieder ins Leben tastet, genauso langsam seine Geschichte aufarbeitet und außerdem einen Drahtseilakt hinlegen muss zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem Druck der Öffentlichkeit. Ich persönlich bin ja so beeindruckt von ihrer Standhaftigkeit, dass ich kaum nachvollziehen kann, wie ihr Auftreten irgendetwas anderes als tiefe Bewunderung auslösen kann. Sie lässt sich partout kein zweites Mal zum Opfer machen und wenn Gerüchte kursieren, setzt sie sich beinhart mit Christoph Feuerstein vor die Kamera und berichtigt diese. Viele interpretieren das als Mediengeilheit, ich empfinde dies als einen plausiblen, effektiven und legitimen Selbstermächtigungsakt.

Und diese Selbstermächtigung hat Konsequenzen: Natascha Kampusch widerspricht allen gängigen Vorstellungen eines weiblichen Opfers und ich habe den schweren Verdacht, dass ihr genau das zum Verhängnis wird. Dieser Gedanke ist auch nicht neu, in Sachen Scharfsinnigkeit brauchen wir Außenstehende gar nichts tun, das weiß Natascha Kampusch selbst ganz genau und am besten. Sie hat sich nie der Figur des weiblichen Opfers gefügt, deswegen musste eine neue Form her, in die man sie gießen kann. Im Grunde gibt es zwei weibliche Archetypen und zwar einmal das schwache, schutzbedürftige und abhängige Mädchen von zerbrechlicher Schönheit und einmal die böse, hässliche Hexe, die hinterhältig und mysteriös ist, viel mit Verführung und teils sexueller Aggressivität arbeitet. Als Natascha Kampusch im Sommer 2006 wieder auftauchte, wollte man ihr klarerweise den ersten Archetyp überstülpen und es löste zwar gemäßigte, aber trotzdem Irritationen aus, als dieses 18-jährige, blasse und abgemagerte Mädchen sich von Beginn an und mit großem Selbstbewusstsein gegen diese Rolle wehrte. In ihrem Buch „3096 Tage“ schreibt sie, dass sie viele Stunden ihrer Gefangenschaft damit verbracht hat abzuwägen wie sie auftreten möchte, sollte sie sich jemals befreien können. Und es war ihr bewusster Entschluss, sich kein zweites Mal zum Opfer machen zu lassen. Ich habe keine Worte dafür wie intelligent, stark und bewundernswert ich diesen Entschluss finde. Wenn wir davon ausgehen, dass ihre Weiblichkeit eine Rolle dabei spielte, warum sie zum Opfer wurde, so hat die Welt wahrscheinlich noch nie ein größeres Vorbild gehabt, wie man sich unter dem größten Druck nicht in die Form eines Stereotyps pressen lässt. Und das trotz größter und einfallsreichster Bestrafungen der Bevölkerung dafür. Sie ist also kein Opfer, dann muss sie die Täterin gewesen sein! Seit dieser Erkenntnis wird mit unglaublichem Aufwand und viel Einfallsreichtum versucht zu belegen, dass sie die wahre Täterin der Geschichte ist. Sie war freiwillig bei Herrn Priklopil, weil sie ihre Eltern hasste, sie hatte eine Liebesbeziehung mit ihm, hat ihn von sich abhängig gemacht, ihn sogar in den Tod gehetzt!! Außerdem deckt sie einen Kinderpornoring und alle möglichen Mittäter! Sie hat sich absichtlich gefangen nehmen lassen, weil sie später Geld mit ihrer Geschichte machen wollte! Sie hat ein Kind geboren und getötet oder ausgesetzt! Klingt alles ziemlich plausibel oder? Aber über Österreich und Intelligenztests haben wir ja schon gesprochen. In Wahrheit gibt es absolut keinen einzigen Grund der eigenen Geschichte von Natascha Kampusch nicht zu glauben. Außer diesem, dass die Menschen es nicht aushalten, wenn irgendetwas nicht ihren Erwartungen entspricht. Und an der öffentlichen Aufarbeitung des Falls Kampusch ist wunderbar abzulesen wie weit Menschen gehen, um etwas kategorisieren zu können. Um sich eine Geschichte erträglich zu machen.

Die Moral von der Geschicht: es gibt kein entweder oder. Es gibt kein böse oder gut. Es gibt kein schwarz oder weiß. Es gibt nichts, was sich gegenseitig ausschließt. Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt und unsere einzige Chance ist anzuerkennen, dass wir die Welt unserer persönlichen Motivation folgend interpretieren und angehalten sind trotzdem den anderen ihre Würde zu lassen. Die Freiheit endet dort, wo die Würde eines Menschen beginnt und das gilt auch oder gerade dann, wenn es um den Menschen Natascha Kampusch geht.

Es grüßt, die göttinnenspeise

P.S.: Hasskommentare (man unterscheide kritisch/Hass) werden umgehend und von mir höchstpersönlich gelöscht.

4 thoughts on “Natascha Kampusch und die Wirklichkeit

  1. Vielen Dank für Deinen Beitrag – Du drückst mit Worten aus, was ich denke! Vor allem diese Unverständlichkeit gegenüber all den Hasstiraden gegen Natascha Kampusch – da geht es mir genau so! Ich verstehe es einfach nicht! Liebe Grüße, Katinka

  2. Danke! Auch ein Teil meines Umfeldes erschüttert mich immer wieder mit Aussagen über Natascha Kampusch, die ich nicht akzeptieren kann und möchte. Danke für eine plausible Anschauung, warum derart Blödsinniges über Zungen rutscht… ich für meinen Teil halte diese junge Frau für eine der stärksten Persönlichkeiten überhaupt und wünsch ihr alles erdenklich Gute.

  3. Liebe göttinnenspeise,
    ich freue mich zur Abwechslung mal so einen Text zum Thema Kampusch zu lesen (es stimmt absolut die Entmenschlichung in den Medien). Ich habe gezögert den Titel anzuklicken aus dem selben Grund aus dem Du gezögert gaben darüber zu schreiben. Das Buch und den Film habe ich nicht konsumiert (scheint mir der zutreffende Ausdruck zu sein) weil mir von der Sensationsgeilheit mancher Mitmenschen richtig schlecht wird, so dass ich einfach passe. Dir wünsche ich alles Gute! J.

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