Steubenville-Botschaften und das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument

In den letzten Tagen berichten die Medien, vor allem die US-amerikanischen, immer wieder über das Steubenville-Urteil. Folgendes ist passiert: Zwei Highschool-Footballstars haben ein betrunkenes Mädchen vergewaltigt. Mays machte zudem Fotos von der Vergewaltigung und verbreitete sie übers Internet. Richmond wurde für die Vergewaltigung zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 1 Jahr verurteilt. Mays für die Vergewaltigung und das Verbreiten von Nacktfotos einer Minderjährigen zu mindestens 2 Jahren. Der mediale und gesellschaftliche Umgang mit den Vorkommnissen beunruhigt und provoziert mich aus mehreren Gründen, und ich wüsste gern, wie ihr das seht.

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1. Welche Botschaft nehmen die, die den Prozess mitverfolgt haben, daraus mit? Und welche sollten sie daraus mitnehmen?

Ich wähle hierfür exemplarisch den Bericht der NY Times, den ich hier ein bisschen zerpflücken möchte. In anderen Publikationen finden sich ähnliche Artikel.

Mays entschuldigt sich mit folgenden Worten beim Opfer, bei ihrer Familie und bei der Community: „No pictures should have been sent around, let alone ever taken.“

Und der Richter bemerkt bei der Urteilsverkündung: „[T]he case was a cautionary lesson in how teenagers conduct themselves when alcohol is present and in ‚how you record things on social media that are so prevalent today.'“

Denise hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sowohl Mays und der Richter als auch dieser Artikel in der Times aussagen: Vergewaltigung an sich ist schon okay. Lasst euch bloß nicht dabei erwischen oder macht Fotos davon und stellt sie online.

Mays entschuldigt sich nicht für die Vergewaltigung – er entschuldigt sich nur für die Fotos! Und der Richter scheint zu sagen, dass die betrunkene Jugend lernen müsse, nicht alles zu fotografieren, was ihr vor’s iPhone kommt.

Anstatt die Aussagen, die er zitiert, zu hinterfragen, räumt auch der Autor des Artikels der Social-Media-Debatte mehr Raum ein als der Vergewaltigung an sich. Auch er blickt durch die Augen von „Mr. Mays“ und „Mr. Richmond“, nicht aber durch die Augen der jungen Frau, die namenlos bleibt: Sie ist immer nur „the girl“ oder „she“, wenn der Journalist sie erwähnt.

„[…] she was so drunk that she lacked the cognitive ability to give her consent for sex. A picture that was circulated among classmates later that day showed the victim naked and passed out. Ohio’s legal definition of rape includes digital penetration. Judge Lipps described much of the evidence as ‚profane and ugly.'“

Das Mädchen „war so betrunken, dass sie nicht in der Lage war, dem Sex zuzustimmen“ – für mich klingt das nach einer Verharmlosung sexueller Gewalt. So, als hätte sie ohnehin zustimmen wollen, konnte das aber unglücklicherweise nicht, weil sie betrunken war.

Ohio definiert also „digitale Penetration“ als Vergewaltigung, und die junge Frau ist kein Opfer, weil ihr etwas Schlimmes passiert ist – sie ist Opfer, weil das Gesetz von Ohio das so definiert. Der Richter findet „die Beweisstücke“ – die Fotos des nackten Mädchens! – „gottlos und hässlich“. Nicht die Vergewaltigung. Nicht die Vorkommnisse. Nein – die Fotos findet er hässlich.

Erstens ist es, wenn eine Vergewaltigung durch die Medien geht, Aufgabe einer objektiven Berichterstattung, auch der jungen Frau eine Stimme, einen Namen bzw. ein Gesicht zu geben, und nicht die Tragödie der beiden Footballstars, deren Karriere zu Ende geht („‚My life is over“, sagt „Mr. Richmond“), weil ein paar Teenager nicht diskreter mit ihren Handykameras umgehen, in den Mittelpunkt zu rücken.

Zweitens ist die Lektion, die wir hier lernen, nicht eine über einen problematischen Umgang mit Social Media und Handykameras, wie der Richter meint, sondern eine über einen sehr problematischen Umgang mit unseren Mitmenschen. Offenbar fehlt hier der Teenager-Community das nötige Urteilsvermögen, eine Vergewaltigung zu erkennen und entsprechend einzugreifen oder Hilfe zu holen. Die naheliegende Lektion ist, dass es wichtig ist, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl der Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen mitzugeben. Ein Mit-offenen-Augen-durch-die-Welt-Gehen. Ein Einschreiten, wenn Ungerechtigkeit passiert. Das Einschätzen-Können von Situationen und das Entsprechend-Handeln mit ihnen zu erarbeiten, ihnen nicht Hilflosigkeit, sondern Handlungsfähigkeit vorzuleben. Vom Kindergarten angefangen, immer und immer wieder. All das scheint in der Debatte untergegangen zu sein.

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2. Das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument, und warum es kein effektives ist

Ein zweiter problematischer Aspekt des Umgangs mit der Vergewaltigungs-Debatte wird im Bell-Jar-Blog erwähnt (auch hier ein Dankeschön an Denise für den Link). Hier geht es um einen subtileren Aspekt der Argumentation: um ein gängiges Argument dafür, warum Vergewaltigungen unentschuldbar sind. Die Autorin nennt dieses das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument, das mensch immer wieder hört, wenn es darum geht, die Verteidiger (ja, die Verteidiger; die gibt es leider zuhauf!) der Steubenville-Vergewaltiger oder irgendwelcher anderer Vergewaltiger zu konfrontieren. Sie beschreibt die Struktur dieses Arguments folgendermaßen: „Hör auf, die Vergewaltiger zu verteidigen, und denk an das Opfer. Was, wenn sie deine Schwester wäre, oder deine Tochter, oder deine Frau? Stell dir mal vor, wie schlecht du dich fühlen würdest, wenn das einer Frau passiert, die dir wichtig ist!“

Warum ist die Versuchung, das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument zu verwenden, groß? Die Autorin bringt es auf den Punkt: weil wir, wenn wir so argumentieren, davon ausgehen, dass das dem Opfer ein Gesicht gibt. Es fällt leichter, Respekt, Sympathie und Empathie zu empfinden, wenn wir jemanden kennen. Es fällt uns leichter, uns aufzuregen, wenn wir uns vorstellen, das Ganze spielte sich nicht fern unseres unmittelbaren persönlichen Umfeldes ab, sondern mitten darin. Trotzdem ist diese Strategie hier keine effektive. Die Autorin im Blog führt dafür den Grund an, dass das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument eine Gesellschaft perpetuiert, die Frauen nur dann als wertvoll sieht, wenn sie die Ehefrau, Schwester oder Tochter eines Mannes sind, einer Gesellschaft also, die Frauen ausschließlich oder in erster Linie über Männer definiert. Wer sich weiter für dieses Argument interessiert, kann den Artikel zu Ende lesen und der Debatte in den Kommentaren folgen.

Mir fällt dazu noch ein weiterer Grund ein, das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument nicht zu verwenden, den ich an dieser Stelle der Bell-Jar-Blog-Diskussion hinzufügen möchte: Einer unbekannten jungen Frau mit Vergleichen den Anschein zu geben, sie wäre Teil unsres eigenen, ganz persönlichen freundschaftlichen oder familiären Umfeldes, verfehlt die Problematik. Das ist sie schlicht und einfach nicht – ich kenne die junge Frau aus Steubenville, Ohio schlicht und einfach nicht persönlich. Warum also sollte es in der Konfrontation von Vergewaltigungs-Apologeten darum gehen, in der ZuhörerIn Angst zu schüren, dass dasselbe ihrer oder seiner „Frau, Schwester oder Tochter“ passieren könnte? Angst macht nicht stark, sondern schwach, und wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir Argumente verwenden, die uns stark machen!

Vielmehr geht es darum, Mut zu machen, Menschen, Zustände, Schicksale und Ereignisse wichtig sein zu lassen, auch wenn sie sich außerhalb unseres persönlichen, unmittelbaren Umfeldes befinden. Wichtig ist das Schicksal der jungen Frau aus Ohio ganz unabhängig davon, ob ich sie kenne oder nicht: Das, was ihr passiert ist und wie damit umgegangen wird, ist mir nicht deshalb wichtig, weil ich sie kenne, sondern weil Vergewaltigungen nicht passieren dürfen. Egal wem. Keinem Menschen. Egal ob einem Mann, einer Frau oder jemandem, die oder der sich in keine dieser Geschlechterkategorien einordnen will oder kann.

Natürlich stehen mir meine Freunde näher als Fremde. Natürlich berührt es mich persönlich tiefer, was meinen besten FreundInnen passiert als was jemandem passiert, den ich nicht kenne. Das ist auch gut so; wir könnten nicht im Alltag „funktionieren“, wenn uns jedes Einzelschicksal zu Tränen rühren würde. Gerade weil wir aber Schicksale wichtig nehmen können, auch wenn wir nicht persönlich berührt, sondern gesellschaftlich empört sind – gerade dadurch sind wir in der Lage, aufzustehen, zu protestieren und uns für Rechte und Dinge einsetzen, die uns wichtig sind. Manchmal vielleicht gerade statt derer, in deren familiär-freundschaftlichem Wirkkreis sich ein Opfer tatsächlich befindet. Manchmal haben gerade die vielleicht nicht die Kraft, sich auch auf gesellschaftlicher Ebene zu empören, weil sie auf einer persönlichen Ebene für einen Menschen, dem etwas Schlimmes passiert ist, da sind.

Statt also durch Vergleiche Angst zu schüren, müsste es in der Debatte darum gehen, Mut zu machen, aufzustehen, den Glauben daran zu stärken, dass wir unhaltbare Zustände aufzeigen und verändern können, dass wir die Gesellschaft, in der wir leben, umformen und mitgestalten – und dass das die Aufgabe jeder und jedes Einzelnen ist.

Sodala, mein Kopf raucht vom Dekonstruieren, und ich bin gespannt, was ihr dazu meint. Ich verabschiede mich zum Pub Quiz ins Escape und gebe euch einen Musiktipp mit in den Abend, der mir zu diesem Thema einfällt: Deconstruction von Fanfarlo, die heuer übrigens am Acoustic Lakeside zu hören sein werden.

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2 thoughts on “Steubenville-Botschaften und das Frauen-Schwestern-Töchter-Argument

  1. Dass die junge Frau nicht namentlich genannt wird habe ich persönlich eher positiv unter „Opferschutz“ verbucht. Es ist schon schlimm genug, dass ihr so etwas schreckliches angetan wurde, da muss sie nicht noch in 20 Jahren, wenn ein potentieller Arbeitgeber ihren Namen googelt darüber gefunden werden.

    Die Gedanken zum Mütter-Schwester-Tochter Argument finde ich sehr interessant. Ich fand das Argument immer irgendwo unsympathisch, da es auch meist nicht ankommt wie gewünscht. Die, die der Ansicht sind, die Frau sei selbst Schuld erwidern ohnehin meist sowas wie „Meine Tochter würde sich eben nicht betrinken, ich habe sie schließlich gut erzogen“. Der Impuls, das Opfer zu beschuldigen resultiert so oder so eher daraus, sich abgrenzen und selbst sicher fühlen zu wollen, weil der Gedanke, schuldlos zum Opfer zu werden für viele unerträglich ist. Die Taktik „Was wenn es deine Tochter wäre…?“ wäre daher eher kontraproduktiv.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sexistische Beziehungsdynamiken, Rollenerwartungen und rassistische “Heimat” – die Blogschau

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