Frühling.

Eigentlich mag ich den Frühling gar nicht. Ich bin ein Herbst- und Wintermensch. Ich mag, wenn im Herbst Krähen über nebelschwadigen Stoppelfeldern auf Stromleitungsmastenkabeln sitzen, Kastanien, Regenjacken und rotweinrote Bergkastanienbaumblätter, die auf Gummistiefelsohlen kleben bleiben, wenn ich bei Niederdruckwetter durch Kaminrauchfetzen spaziere. Und ich mag es, den ersten Schnee schon am Vortag zu riechen und dann mit der Zunge die Flocken zu fangen, mitten auf der Straße, mit dem Kopf im Nacken, und Kuschelpullover und zu zweit unter Decken schlechte Filme zu sehen und dazu dampfenden Schwarztee aus Jumbotassen, mit Zitronensaft. Ich mag Abende, und ich mag es, wenn sie schon um vier beginnen.

Jetzt ist also wieder Frühling, und ich mache es mir im alljährlichen Frühlings-Blues ungemütlich: Zum Auftakt hat mich die AMS-Person, Subway to Sally im Hintergrund, ausgelacht: „Wer studiert schon Geisteswissenschaften? Also wenn meine Kinder das wollten …“ [Beidhändige Würgegeste in der Luft.] Dann hab ich mir drei Tanktops zum Preis von zwei gekauft und zwei davon, das schwarze und das quergestreifte, in der falschen Größe erwischt. Und dann hat der Risotto-Naturreis von denn’s so lang gebraucht, bis er durch war, dass ich daneben fast verhungert wäre, den Risottowein beim Warten austrinken musste und dann Kopfweh hatte. Und dann, dann hat mir meine Psychiaterin gesagt, dass ich planlos bin. Also nicht, dass das was Neues wäre, aber man hört es halt dann doch ein bisschen ungern, so kurz vor dem Frühling mit seinem Sonnenschein, der in den Augen schmerzt, und seinen zurückgekehrten Zugvögeln, die mich zwitschernderweise auslachen, und all seinen ach-so-glücklichen Menschen mit all ihren Frühlingsplänen.

Aber heute, heute ist ein guter Frühlingstag. Heute weht der Wind aus dem Südosten und es ist kalt, trotz trügerischer Sonne. Heute hab ich die Herumtreiberin getroffen. Die Herumtreiberin hat mich vor wenigen Tagen erst angeschrieben, um mir mitzuteilen, dass sie der in meinem Profil verewigten Liebe zu Milka-Schokolade (bevorzugt mit ganzen Nüssen) so gar nicht zustimmt. Dass nur französische die wahre Schokolade sei. Valrhona nämlich, Domori oder Amedei. Oder, wenn es denn schon aus dem Supermarkt sein müsse, dann doch zumindest die von Lindt, weil man da wenigstens noch was G’scheites bekäme für seine paar Euro.

Normalerweise treffe ich Online-Bekannte nicht. Bewege mich überhaupt lieber im sogenannten echten Leben. Aber die Herumtreiberin, die hab ich getroffen. Weil ich mag, wie sie schreibt, und dass sie Milka mit derselben Überzeugung nicht ausstehen kann, mit der ich sie zu meinen Hauptnahrungsmitteln zähle.

Wir haben also Tee getrunken, die Herumtreiberin und ich, und sind zwei Stunden lang die eiswindige Donau entlangspaziert. Die Herumtreiberin ist Patissière und erzählt wunder-, wunderschön von Mise en place und auf 65 Grad erhitzter französischer Schokolade, von Desserts und von Eismaschinen. Sie ist klein, kleiner als ich. Ich mag kleine Frauen mit unbezähmbaren Korkenzieherlocken, die der Wind in alle Richtungen bläst. Und schöne Finger hat sie, stelle ich fest, während sie ihre Lemon-Grass-Teetasse festhält. Nicht zu lang und nicht zu dünn, also genau die Sorte Finger, die sich gut anfühlen würden, wenn sie … Ich würde sie gern angreifen. Nicht nur ihre Finger, die ganze Herumtreiberin. Und dann würde ich sie ausziehen und ihr dabei in die blaugrauen Augen schauen, um sicherzugehen, dass das eh in ihrem Sinne ist. (Was es natürlich wäre; das ist schließlich meine Phantasie.)

Aber eben nur Phantasie. Ich kenne die Herumtreiberin ja erst vier eiswindige Stunden lang. Und doch: Ich glaube, zum ersten Mal seit Langem könnte ich mich wieder verlieben, wenn ich das wollte. Vielleicht auch, wenn ich das nicht wollte. Ich habe noch nicht entschieden, ob ich es aufregend finden oder mich davor fürchten will, dass ich das könnte. Und vielleicht werde ich das ja auch gar nicht machen, das mit dem Verlieben in die Herumtreiberin, die ich eigentlich gar nicht kenne. Die ja vielleicht schon in der nächsten eiswindigen Stunde nicht mehr so sympathisch wirken wird. Wir werden sehen. Was ich eigentlich sagen wollte: So schlecht hat er gar nicht begonnen, der Frühling, dieses Jahr. Und das, das ist ganz was Neues für mich.

Es grüßt euch aus dem Frühlingsblues

das Erdbeereis.

2 thoughts on “Frühling.

  1. Pingback: Über die Angst. | sugarbox

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