The End of Gay & das Ende der Kategorisierungen

Vor kurzem ist mir wieder einmal ein Buch in die Hände gefallen, und zwar The End of Gay and the Death of Heterosexuality von Bert Archer. Leider leider immer noch nicht auf Deutsch erschienen, was sich hoffentlich irgendwann mal ändern wird, denn dieses Buch ist ein fantastisches Werk über Sexualität, Anziehung und Identität, sehr persönlich und mit viel Witz und Intelligenz geschrieben.

Beginnend mit seinem eigenen sexuellen Pfad und den dabei gemachten Erfahrungen beschreibt der Autor den gesellschaftlichen Wandel der Konzeption von Sexualität und thematisiert seine eigenen Schwierigkeiten, sich für eine bestimmte Kategorie zu entscheiden sowie die überwiegend negativen Reaktionen seiner schwulen Freunde, als er beginnt, auch wieder mit Frauen Sex zu haben und dabei auch Spaß zu haben:

Girl, boy – it just didn’t matter. The sex wasn’t bad because she was a girl, it was bad because I couldn’t stop thinking about it, chastising myself for it. Though I hadn’t gone looking for it, and though I was not instantly turned on by her the way I was instantly turned on by any number of bike couriers zipping past on any given day, I had been genuinely interested in her physically once we got down to it. Though it seemed counter-intuitive at the time, I really dug the whole vagina thing and got totally turned on by mucking around with it. It was, I discovered, innately sexual, just like a cock, just like an anus… I enjoyed the different ways we positioned ourselves for different aspects of sex, enjoyed how different they were from the ones I used when I was with guys. I noticed some real engineering advantages.
A major factor in my decision to break it off was the reaction of my gay male friends when I told them about her. Without exception… the first look I got was guarded, the second vaguely angry or frustrated, and the third tutelary.

Inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen beginnt Archer also, sich mit der Geschichte und Wissenschaft sowie der Entstehung der LGBTQ-Bewegung auseinanderzusetzen und verarbeitet seine Erkenntnisse in diesem Buch. Sehr spannend zeichnet er dabei nach, wie Homosexualität als eine bestimmte Eigenschaft, die in der Identität einer Person fest verwurzelt begründet ist, als Konzept erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufkam, Hand in Hand mit einem erstarkenden medizinischen Diskurs, der Menschen möglichst klar kategorisieren und dabei auch gleich pathologisieren wollte. In anderen Worten: Etwas, das Menschen früher einfach nur getan hatten (gleichgeschlechtlicher Sex) wandelte sich zu etwas, das ein Mensch „ist“ (homosexuell) und wurde schließlich auch gleich als Krankheit benannt. (Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass gleichgeschlechtlicher Sex davor gänzlich unproblematisch war, aber sofern es als Verfehlung gesehen wurde, so lag diese in der Tat begründet und nicht in der Identität der Person.)

Sehr spannend ist auch jener Teil, in dem sich Archer der berühmten Kinsey-Studie widmet, jener Studie aus den 1950er Jahren, die das tatsächliche Sexualleben US-amerikanischer Frauen und Männer erforschen sollte. Häufig misinterpretiert wird diese Studie gerne als Grundlage für die Behauptung angegeben, 10% der Bevölkerung wären homosexuell, doch tatsächlich ist Kinsey’s Aussage eine ganz andere:

Only the human mind invents categories and tries to force facts into separated pigeonholes. The living world is a continuum in each and every one of its aspects. The sooner we learn this concerning human sexual behaviour the sooner we shall reach a sound understanding of the realities of sex … It would encourage clearer thinking on these matters if persons were not characterized as heterosexual or homosexual, but as individuals who have had certain amounts of heterosexual experience and certain amounts of homosexual experience. Instead of using these terms as substantives which stand for persons, or even as adjectives to describe persons, they may better be used to describe the nature of the overtly sexual relations.

Als Folge seiner Ablehnung fixer Kategorien steht Archer auch den diversen Strömungen der identity politics teilweise kritisch gegenüber und betont, dass während es in Zeiten von Unterdrückung und Diskriminierung natürlich notwendig ist, sich als ausgegrenzte Gruppe seine Rechte zu erkämpfen, dieser Kampf der Identitäten nur Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck an sich sein soll. Sprich: Mit Beseitigen diskriminierender Umstände sollen gleichzeitig auch die Kategorisierungen an sich verschwinden und Labels wie „hetero-„, „homo-“ oder „bisexuell“ ihren Sinn verlieren.

Persönlich kann ich mich Bert Archer in seinen Ansichten nur anschließen und ich finde es spannend mitanzusehen, wie der sehr undefinierte und in alle Richtungen offene Begriff „queer“ immer mehr Beliebtheit findet und dabei ist, alte Grenzen zu verwischen und aufzuheben. Während die letzten Jahrzehnte im Licht der Schwulen- und Lesbenbewegung standen (denen ich für ihre oft schwer erkämpften Erfolge unendlich dankbar bin) scheint nun langsam eine queere Revolution anzustehen, die Geschlechterkategorien, sexuelle Identitäten und Bezeichnungen nicht mehr so wichtig nimmt. Jedenfalls sieht es aus meiner Perspektive so aus, da es in meinem Umkreis viele Menschen gibt, die sich in dieser Hinsicht weder irgendwie bezeichnen noch einschränken möchten. Allen, die ihr Bewußtsein in diese Richtung weiter stimulieren möchten, lege ich deswegen die Lektüre dieses Buches sehr ans Herz. Und jetzt schaue ich gleich mal, ob ich Kontaktdaten für den Autor finde um zu fragen, ob auch eine Übersetzung geplant ist…

2 thoughts on “The End of Gay & das Ende der Kategorisierungen

  1. Da die Sexualität teilweise selbst geprägt ist, muss sich auch niemand einschränken, solange er odet sie mit seiner Sexualität niemanden destruktiv einschränkt. Bei andern Arten der Sexualität habe ich nur folgendes beobachtet: Sobald Leute Kinder haben, entsteht eine Tendenz zu einer Eheartigen paarbeziehung (egal, ob Homo oder Hetero)
    Ein Fteund von mir war als Althippie in einer Kommune, sobald Kinder da waren, wurde er alternativer Familienvater. Ob das durch den gesetzlichen rechtlichen Background oder durch menschliche Instinkte so entsteht, weiß ich allerdings nicht!

  2. Ich hab das Buch verschlungen, als ich es vor ein paar Jahren gelesen habe – weil es das erste Buch war, das mich in dem Gefühl, das ich damals sehr stark hatte bestätigt hat: Ich wollte mich damals nicht ‚entscheiden‘ müssen zwischen Männern und Frauen, weil ich manchmal eine Frauanziehend fand und dann wieder einen Mann, und manchmal beide parallel, und sich beides für mich richtig, natürlich und wunderschön angefühlt hat. Dieses Buch war das erste, das mir gesagt hat: Na und? Das ist ja auch total okay so! In meinem Freundeskreis wurde ich hingegen mitunter schräg angeschaut, so, als würde ich schummeln, indem ich weder lesbisch noch heterosexuell ge-pigeonhole-t werden wollte.

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