Gegen die Wand

Heute hab ich eine Theater-Empfehlung für euch. In der Garage X am Petersplatz kann mensch sich noch bis Anfang Juni Gegen die Wand anschauen.

Gegen die Wand basiert auf dem gleichnamigen Film von Fatih Akın, der 2004 zurecht den Goldenen Bären gewann. Es ist der erste Teil einer Trilogie; der zweite Teil, Auf der anderen Seite, erschien 2007 (und ist nicht nur genauso empfehlenswert, sondern auch queer). „Unser Blick auf die deutsche Gesellschaft ist ein anderer“, erklärt Fatih Akin die besondere Perspektive von Regisseuren nicht-deutscher Herkunft in einem Interview. „Und dadurch auch der auf das Kino. Wir haben noch einen zweiten Blick, den unserer Herkunftsländer. Darum sehen wir das Land durch ganz andere Augen. Wir sehen Sachen, die andere Leute nicht mehr wahrnehmen. Das macht unsere Filme anders.“

Auch das Theaterstück, das ist anders. 6 Schauspieler schlüpfen in zahlreiche Rollen. Zeynep Burac heißt die Schauspielerin, die Sibel spielt und so überzeugend von ihrem Selbstmordversuch erzählt, so überzeugend Cahit (Harald Windisch) vorschlägt, sie zu heiraten, dass wir mit ihr den Atem anhalten, mit ihm schließlich überrumpelt einverstanden sind, mit beiden die Hochzeitsnacht durchfeiern – Meta-Bemerkung: In einer Garage fände die Hochzeit statt? Das sei ja kein Ambiente für so was.

Immer wieder gibt es solche Meta-Kommentare: Sollen wir jetzt Schauspieler sein?, fragen sich die Menschen in dem Stück und könnten sowohl ihre Performance wie auch die Tatsache, dass man sich als Immigrant*in manchmal verstellen muss, wie auch Cahits vorgebliche Verliebtheit in Sibel damit meinen. Sibel will Cahit heiraten, um ein selbstbestimmtes Leben fern der patriarchalen Familienkonventionen zu führen. Aus der Scheinehe wird eine Freundschaft, in der beide zwischen Selbstvertrauen und Depression, Energie und Unsicherheit hin- und hertaumeln. Und dann? Das müsst ihr euch selbst ansehen.

Gegen die Wand 1

Gesagt sei nur, dass ich selten eine so gute Aussage über festgefahrene (Geschlechter)rollen, das Konzept „Heimat“ und das Leben in der Fremde, Zusammenhalt und das Wahren des Scheins, die Verzweiflung und den Lebenswillen, über Gewalt und Realitäten fern meiner eigenen und doch gleich um die Ecke gesehen, gelesen oder gehört habe, wie Gegen die Wand sie macht. Die Stiegen zwischen den ungemütlichen Klappstühlen, auf denen wir – Magda, Claudia und ich in der zweiten Reihe, und hinter uns der Rest des Publikums – sitzen, werden zur Bühne. Musik füllt den Raum. Sibel geht tanzen. Ich halte den Atem an. Ob jemand eine Zigarette habe?, werden wir gefragt, und Selma (Aslı Kışlal) stöckelt im wogenden blauen Kleid an uns vorbei, die Stufen hinunter auf die Bühne.

Greifbare Gewalt dominiert das Geschehen und erdrückt uns wie die Charaktere. Schrille Pfiffe lassen uns zusammenzucken. Männer, scheint es, wissen nicht, wie sie in emotional geladenen Situationen kommunizieren könnten, wenn nicht mit Gewalt. Seref (Dennis Cubic) versucht ganz unbeholfen, Sibel zu trösten, wird dabei selbst ganz verletzlich; schickt sie schließlich mit einem Traum in Form eines ferngesteuerten fliegenden Clownfischs nach Istanbul. Dort arbeitet Sibels Cousine Selma als Managerin und behandelt die Männer um sich mit derselben Verachtung, der die Frauen in den Szenen in Hamburg (oder ist es Wien?) seitens der Männer begegnen. In Selmas Hotel ist die Machtdynamik in ihr Gegenteil verkehrt, ohne je aufgehoben zu werden. Das macht sowohl Sinn wie auch ratlos.

Der Umgangston der Familie und des Freundeskreises ist roh, hart, grenzt an Boshaftigkeit: Du dreckiger Türk!, beschimpfen sie einander. Ironie? Selbsthass? Ein In-Beschlag-Nehmen oder von Worten, die von der deutschen oder österreichischen Gesellschaft abfällig gegenüber Immigrant*innen verwendet werden? Darauf gibt das Stück keine klare Antwort. Überhaupt gibt es keine Antwort auf die Fragen, die es aufwirft. Es provoziert. Erweckt Beklemmung. Rüttelt wach. Und lässt uns dann allein, leicht verstört, auf den nächtlichen Petersplatz treten.

Gegen die Wand 2

Zwischendurch beflegeln sich die Charaktere nicht auf Deutsch, aber auch nicht, wie Magda bemerkt – später, am nächtlichen Petersplatz – auf Türkisch: Arthur Werner schimpft auf Polnisch, obwohl er einen Türken spielt. Ist das Absicht, ein Kommentar auf die Wahrnehmung des Publikums? Die Wahrnehmung derer, für die „alle Ausländer gleich klingen“? Was das auf Deutsch heiße, frage ich Magda. Die schüttelt den Kopf und lacht. „Dafür gibt es keine deutschen Worte, das kann ich nicht übersetzen!“

Manchmal werden die Dialoge immer schneller und kippen in eine Aneinanderreihung von Konsonanten und U-s, in eine aggressive universelle Nicht-Sprache, die „STREIT!“ bedeutet, in der Lautstärke gewinnt.

Überhaupt ist ist ein lautes Stück, sage ich, durch die Tuchlauben gestikulierend und begeistert trotz der schweren Kost, eine Alexander-Simon’sche Version von In-Yer-Face-Theater. Ein Stück über die Ungerechtigkeit und den Willen zum Leben. Über die Unentrinnbarkeit.

Es ist zu intensiv, sagt Magda, zu sehr auf Sexualität fokussiert. Bis auf die Szene, in der sie mit dem Brautschleier tanzen, dem langen. Die habe sie berührt.

Es war schrecklich, sagt Claudia, zu laut und nicht immer nachvollziehbar, weil sie den Film nicht gesehen habe.

Vermutlich ist es ein Stück, das stärker polarisiert als den Film. Der Film ist subtiler. Leiser. Sanfter. Der Film ist mir weniger unter die Haut, aber mindestens ebenso nahe gegangen.

Schaut ihn euch an! Vor dem Theaterstück. Und dann? Dann lasst mich wissen, wie’s euch gefallen hat. Morgen werde ich ihn meiner DaF-Klasse zeigen, den Film. Und sie dann vielleicht ins Theater schicken. Ich glaube, das passt ganz gut zum Thema Heimat, das diese Woche am Programm steht.

(Alle Fotos aus der Garage X © Yasmina Haddad.)

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