Brauchen Feminist_innen Sexismus?

Ich weiß, dass diese Frage an sich falsch ist. Kein Sexismus, kein Feminismus. In meiner Frage steht das „brauchen“ aber für etwas anderes: Ich frage mich ob Feminismus oder feministisch-sein temporär zur Freude pervertieren kann, Sexismen zu entdecken. Und das frage ich mich deshalb, weil ich solche Anwandlungen an mir selbst feststelle:

„Die Welt“ veröffentlichte vor Kurzem einen Artikel darüber, dass es in Amerika seit längerem üblich ist, dass Bewerber_innen für Orchester hinter Vorhängen vorspielen, um Benachteiligungen auf Grund des Geschlechts oder der Hautfarbe zu verhindern. Zum Resultat hatte das Ganze, dass der Frauenanteil von 5% auf 40% stieg. Dieses Ergebnis zeigt eindeutig und macht indiskutabel, dass das Geschlecht in der Bewertung eine Rolle spielt und zwar zu Ungunsten für Frauen. Nämlich eine verdammt große Rolle, wenn man bedenkt, dass über 9 von 10 Frauen abgewiesen wurden, als noch ersichtlich war, welches Geschlecht hinter Violine, Viola, Chello, whatever, sitzt. Ich wüsste nicht wer soviel Phantasie aufbringen könnte, um sich irgendeinen anderen Grund für ein solches Resultat an den Haaren herbei zu ziehen, als dass Frauen abgewiesen wurden, weil sie Frauen sind.

Und weil dieses Ergebnis und dieser Fakt, dieser signifikante Kontrast zwischen 5% zu ganzen 40%, nachdem die Bewerter_innen „blind“ gemacht wurden, so eindeutig und indiskutabel belegt, dass Menschen und vor allem Frauen immer noch auf Grund ihres Geschlechts (schlechter) bewertet werden, habe ich mich hämisch darüber gefreut!! Mein Herz ist aufgegangen!!! Und ich schäme mich schon fast, das mit diesem Nachdruck zuzugeben und bin einmal mehr froh, unter dem Deckmantel der Anonymität zu schreiben.

Ich schätze aber oder hoffe, dass die Lesenden freilich wissen, dass hinter dieser perfiden Freude etwas anderes steckt. Es ist faszinierend, diese unendlichen Weiten an Ignoranz was immer-noch-sexistische Systeme angeht, lassen mein Herz aufgehen, wenn etwas so eindeutig auf Sexismus zurückzuführen ist, dass selbst Einstein nichts anderes davon ableiten könnte. Und weil ich hoffe, dass die Menschen, wenn sie denn verzeihlicher Weise manche akademischen Versuche der Geschlechterdekonstruktion ablehnen, wenigstens ganz einfach zu verstehende Fakten begreifen oder wenigstens zur Kenntnis nehmen. Damit endlich mal wieder was voran geht!

Denn eine Ursache des schleppenden Vorgangs ist, dass mensch angehalten ist, immer und immer wieder feststellen zu müssen, dass es Sexismus überhaupt gibt! Und Feminismus deshalb kein hämischer Zeitvertreib ist und wir so einen Spaß dabei haben, BH´s zu verbrennen und Hoden abzuhacken, sondern, dass Feminismus eine pragmatische, zwangsläufige und logische Schlussfolgerung ist, die die Realität betrachtet und nicht einfach hinnimmt, wenn diese eine ist, die die eigene Person drastisch anders oder eben schlechter behandelt und bewertet. Vergleiche den Umstand, dass ich bei ungefähr gleicher Begabung trotz allem eine verschwindende Chance hätte, in einem Orchester zu spielen, weil ich ein XX-Chromosom in mir trage.

Und das ist ein nüchterner Fakt. Und meine Freude darüber ist Schadenfreude denjenigen gegenüber, welchen ich das nächste Mal diesen nüchternen Fakt um ihre blinden Flecke argumentieren kann, wenn sie ihre heile Welt verteidigen, die einer sehr verengten Wahrnehmung bedarf und Sexismus als historisch überwunden glaubt.

Es macht mich ambivalent und stört einen einwandfreien Zugang ob der Plausibilität sich Feministin zu nennen und feministisch zu agieren, wenn solche Momente der Schadenfreude auftreten, da es ja aus objektiver Sicht nicht wünschenswert ist und dem Telos des Feminismus widerspricht, solch eine Ungerechtigkeit belegt auf Papier zu sehen. Und somit ist es eine unglaubwürdige Geschichte „Freude“ dabei zu empfinden, wenn irgendetwas Sexismus so plastisch macht. Ob Feminist_innen also Sexismus brauchen? Ich denke sie brauchen Fakten wie diese, um Debatten ob Feminismus heutzutage denn überhaupt noch von Nöten ist, zumindest zu verkürzen.

Es grüßt, die göttinnenspeise

2 thoughts on “Brauchen Feminist_innen Sexismus?

  1. Interessante Frage! Sagen wir so: Hilfreich ist es, ja. So lange es Sexismus gibt, ist es zweifelsohne hilfreich, ein paar sehr krasse Beispiele parat zu haben, bei denen es unmöglich ist, irgendwas schönzureden oder gegenzuargumentieren. Bei den eher subtileren Varianten von Sexismus muß ich mir teilweise den Mund fusslig reden und extrem viel Energie investieren…. darauf hab ich auch nicht immer Lust :P

  2. Ja. Es ist ein paradoxes Gefühl, das du beschreibst, und ich kann die ‚hämische Freude‘ nachvollziehen. Es ist ein ‚Ha! Ich hab’s ja gewusst!‘-Gefühl‘, ähnlich dem Gefühl, recht gehabt zu haben. Eine Daseinsberechtigung für Feministinnen. Und auch: Ich diskutiere _gern_ über die Dinge, die mir wichtig sind. Ich _mag_ Gelegenheiten, andere Menschen von der Richtigkeit und Wichtigkeit meiner Einstellung zu überzeugen. Bedeutet das, dass ich mich darüber freue, dass es nach wie vor einen Grund dafür gibt? Obwohl das Ziel das Feminismus ja eigentlich sein muss, den Feminismus überflüssig zu machen?

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