Über die Angst.

Jetzt ist er über uns hereingebrochen, der Sonnenschein, der junge Pärchen händchenhaltend die Donauinsel belagern und die Hunde die Gehsteige vollscheißen lässt, mit Pollen, Spargelrisotto, Fön und Frühlingsaffären.

Und er ist okay: Er ist okay, weil ich einen neuen Job habe, der mich durch ein Fenster über die Dächer Wiens sehen lässt. Weil ich bald umziehen werde; viel zu lang schon nicht hab ich Umzugskartons geschnürt und Treppen runter- und wieder hochgetragen, um dann erst einmal gar nichts zu finden. Weil ich in einer hellgrün gemusterten Schürze das erste Candle-Light-Dinner meines Lebens gekocht habe – von dem ich euch ein andermal erzähle. Weil ich gestern spikeballspielend und biertrinkend barfuß durch den Sand gekugelt bin. Auch, vielleicht, weil ich die Herumtreiberin wieder losgeworden bin. Und davon möchte ich euch erzählen – nicht von der Herumtreiberin, die ganz sicher eine Klassefrau für irgendjemanden ist, wenn auch nicht für mich. Sondern davon, warum sie das eben nicht für mich ist – genauer gesagt, von meiner Angst. Frühling ist eine gute Jahreszeit, um sich den eigenen Ängsten zu stellen, findet das Erdbeereis heute und hat somit ein neues Projekt für den Sommer, damit ihm nicht langweilig wird.

Ja, wir haben also alsbald eine Nacht miteinander verbracht, die Herumtreiberin und ich. Wir haben pro forma einen Film gesehen und dann pro forma über Tratschwellen in Walter-Moers-Romanen und Levis-Jeans aus Humana-Läden geredet, während wir einander mit den Augen ausgezogen und bevor ich all das und mehr gemacht und mit mir habe machen lassen, was davor in meinem Kopf existiert hat. Und es hat sich nicht richtig angefühlt. Ich, das Erdbeereis, 27 Jahre lebensweise, weitgereist und mehrsprachig, magisterbetitelt und vergleichsweise mutig, wenn es darum geht, monatelang allein durch Südamerika zu trampen oder Straßen bei Rot zu überqueren, habe nämlich manchmal ganz furchtbar Angst vor Sex. Nicht die Sorte Angst, die andere Menschen vor Spinnen haben, auch nicht die Angst, die manche Menschen davor haben, in Mexiko auf offener Straße erschossen oder von einem Hund gebissen zu werden oder alleine zu sterben. Es ist eher so, wie ich mir vorstelle, dass höhenängstliche Menschen Höhenangst empfinden.

Ich habe keine Höhenangst – im Gegenteil, ich liebe Höhen. Ich schaue gern von ganz oben hinunter oder sitze auf Brüstungen und Brückengeländern und Fensterbänken und lasse die Beine hinunterbaumeln, und als Kind, da bin ich ständig auf Bäume geklettert, so hoch es nur ging, und in Turnsälen an den Tauen ganz nach oben wie der Kapuzineraffe, der ich damals überhaupt viel lieber gewesen wäre. Menschen, die Höhenangst haben, verstehen nicht besonders gut, wieso ich Höhe so mag, und vielleicht beneiden sie mich um den Ausblick, das Gefühl der Freiheit, die über den Wolken wohl grenzenlos sein muss, wie Reinhard Mey behauptet, und der muss es schließlich wissen.

Genauso verstehe ich manchmal Menschen, die völlig furchtlos Sex haben, nicht. Und ich beneide sie um das Gefühl, das sie haben müssen, wenn sie furchtlos Sex haben, kurz davor stehen, furchtlos Sex zu haben, oder gerade furchtlos Sex gehabt haben.

Es ist gar nicht so leicht, mit Menschen darüber zu sprechen, dass ich Angst vor Sex habe. Es ist komisch, Angst vor Sex zu haben, richtig? An mangelnder Übung, liegt es nicht. Die hab ich ja, die hab ich überall dort, wo man Übung in der Hinsicht nur haben kann, auf drei Kontinenten, mit Freund*innen und Fremden, deren Namen ich vergessen habe. In Betten, Autos, öffentlichen Klos, in Schwimmbädern, unter freiem Himmel und der Dusche und im Kino zu einer schlecht besuchten Dokumentation über den Kapitalismus. Aber diese selbstverordnete Desensibilisierungstherapie, die ich mit Unterbrechungen betreibe, seit ich 16 bin, die funktioniert nicht so richtig. Ich habe öfter das Bedürfnis, Sex gehabt zu haben, als das Bedürfnis, Sex zu haben. Und wenn ich dann manchmal das Bedürfnis habe, Sex zu haben – unstillbar und am besten sofort -, dann bekomme ich mittendrin doch wieder Angst, kann nicht abschalten, mich nicht fallen lassen, fühle mich, als wüsste ich nicht, was ich tue, und so nackt, wie ich in dieser Situation ja auch bin.

Die Herumtreiberin neben mir, danach oder besser dazwischen, hat mir erklärt, dass sie meine Angst spürt. Und mir dann viele Tipps gegeben, wie ich sie – ihrer Meinung nach – überwinden könnte, diese mir auflauernde, schwer greifbare Angst. Sie war sehr pragmatisch und praktisch, fast schon psychotherapeutisch-life-coach-ig in ihrer Unkompliziertheit, von der sie nicht verstanden hat, warum ich sie nicht teilen kann. Pragmatisch, praktisch, nonchalant, wie meine Freunde sein dürfen, wie aber Herumtreiberinnen, die beim zweiten Treffen zum ersten Mal in meinem Bett landen, nicht sein dürfen, ohne dass ich mich ganz unwohl, klein und schüchtern fühle. Und ohne dass mir das bisschen Lust auf Sex auf längere Sicht wieder vergeht, das ich gefunden und begeistert, aber erfolglos zu leben versucht habe.

Ich habe also aufgeatmet, als die Herumtreiberin am nächsten Morgen beschwingten Schrittes und wippender Korkenzieherlocken in ihren Alltag hinausspaziert ist und ich die Tür zumachen konnte. Und ich hab mich zwar einerseits gut gefühlt – egotechnisch und so -, aber trotzdem die folgende Nacht auf der anderen Seite meines Bettes geschlafen, auf der, wo der Polster nicht nach der Herumtreiberin gerochen hat. Und ich war froh, in der folgenden Woche schon anderweitig verabredet zu sein, als die Herumtreiberin Zeit haben wollte.

So ist das mit dem Erdbeereis und dem Sex. Aber daran wird jetzt gearbeitet. Nicht mit der Möglichst-viel-Sex-mit-möglichst-vielen-Frauen-Therapie, die mir die Herumtreiberin empfohlen hat, sondern … Naja, das weiß ich noch nicht. Aber der Vorsatz, den gibt es. Die Sonne kann kommen!

2 thoughts on “Über die Angst.

  1. du schreibst wirklich ganz toll!!! großartig. und nebst dem feinen schreibstil möchte ich auch noch deine gabe, gefühle offen auszudrücken beklatschen. das kann nicht jeder und ist meiner meinung nach der erste schritt zur konfrontation mit der angst, :)

  2. Pingback: Von Frauen mit blauen Krücken und erdbeereisigen Weltbildern | sugarbox

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