Politisch (un)korrekt!

Wie viel politisch korrekt tut uns gut? Das Magazin Das Biber hat kürzlich mit einem provokanten Cover-Artikel für Aufruhr gesorgt: „Mischlinge“, stand auf dem Titelblatt, und „Erkennst du den Mix?“ zwischen den Porträts von sechs jungen Menschen. Im Blattinneren gab es ein Rate-Quiz dazu.

Biber-Cover

„Wenn Rassismus und Klischees satirisch auseinandergenommen werden sollen, ist etwas mehr Feingefühl gefragt. Dieses ist in der Biber-Redaktion offenbar nicht vorhanden. Das haben sie in der aktuellen Ausgabe erneut bewiesen“, schreibt dastandard.at. Dem Falter sagt Historikerin und dastandard.at-Chefin Olivera Stajic: „Mit ‚Mischling‘ habe ich nicht nur als Journalistin, sondern auch als Historikerin ein ernstes Problem. Der Begriff ist historisch sehr, sehr belastet. Ich finde, dass dieses Wort auf einem Zeitungscover nichts zu suchen hat. Das ist verantwortungslos.“

Biber-Kolumnistin Ivana Martinovic hingegen versteht „die Aufregung nicht. Es kommt bei einigen Begriffen auf den Kontext an. Unserer war in diesem Fall durchaus positiv gemeint. Auf Facebook gibt es die Gruppe ‚Ich liebe Mischlinge‘, die 290.000 Leuten gefällt. Menschen, die sich selbst so nennen und stolz auf ihre Herkunft sind. Und nun soll das auf einmal rassistisch sein?“

Und stellvertretender Biber-Chefredakteur Rajković ist überzeugt: „Der Begriff ‚Mischling‘ wird in unserem Magazin klar jeglicher pejorativen Bedeutung entzogen und positiv aufgewertet.“

— Wer hat hier recht? Rajković und Martinovic sind genausowenig Rassist*innen wie Stajic, schließlich geben sie ein Magazin „von Migrant*innen für Migrant*innen“ heraus. Allerdings kommen sie aus einer anderen idealistischen Ecke als Stajics. Ist Stajics Vorwurf also gerechtfertigt oder nicht? Und, ganz allgemein gefragt: Wie viel Political Correctness tut uns gut? Ist es gesund oder ungesund, mit Stereotypen zu spielen?

Stajics Position ist eine historisch sensibilisierte. Sie befasst sich mit der Geschichte eines Begriffs und kommt zu dem Schluss, dass der Begriff aufgrund seiner historisch negativen Konnotationen auch nicht von Migrant*innen selbst verwendet werden sollte, weil die negative historische Konnotation untrennbar mit dem Begriff selbst verbunden sei.

Martinovic betont das Recht, sich selbst zu bezeichnen, wie mensch möchte: Wenn mensch stolz auf seine Herkunft ist, darf mensch sich auch als Mischling bezeichnen, wenn mensch so will. Sie meint, die Bedeutung eines Begriffes läge nicht im Begriff, sondern im Kontext, in dem er verwendet wird.

Rajković teilt Martinovics Meinung und betont: Rassistisch konnotierte Begriffe können positiv aufgewertet werden können. Die Bedeutung mag zwar im Wort selbst verankert sein, kann sich aber im Laufe der Zeit verändern bzw. aktiv verändert werden.

Biber Quiz

Wer hat nun recht? Alle und niemand, würde ich sagen: Ob ein Begriff rassistisch, sexistisch, pejorativ besetzt ist, hängt mit seiner Geschichte zusammen. Ob die- oder derjenige, die oder der ihn verwendet, sich dessen nun bewusst ist oder nicht, transportiert sie oder er auch, aber nicht notwendigerweise ausschließlich die negative Konnotation. Kontextunabhängig.

Unabhängig davon haben wir alle das Recht, uns selbst so zu bezeichnen, wie wir wollen – politisch korrekt oder nicht. Durch die Eroberung von Begriffen als Selbstbezeichnung können diese auch eine neue, der ursprünglichen entgegengesetzte Bedeutung bekommen – kontextabhängig, und in weiterer Folge auch -unabhängig.

Wenn Das Biber nun einen solchen Begriff positiv aufzuwerten versucht und das zu einer linksinternen Diskussion führt, finde ich das gut: Wir lernen dazu, indem wir diskutieren, hinterfragen, überdenken. Ironisieren ist nicht gleich positiv aufwerten, aber ironisieren nimmt Begriffen ihre Macht. Sie im Namen politischer Korrektheit zu vermeiden gibt ihnen hingegen mehr Macht.

Ich kann mich insofern nur bedingt in die Situation der Biber- und Standard-Redakteurinnen versetzen, dass ich selbst weder Migrantin in Österreich bin noch meine Eltern aus zwei verschiedenen Ländern kommen. Darum möchte ich ein Begriffsbeispiel wählen, mit dem ich mich persönlich mehr identifizieren kann, um der Frage nachzugehen, was an politisch unkorrekter Wortverwendung okay ist oder sein sollte – und was nicht. Gibt es eine klare Grenze zwischen Self-Empowerment durch Annexion und der Perpetuierung von Rassismus/Sexismus/Homophobie/etc.? Und falls ja – wo verläuft diese Grenze?

Sehen wir uns einmal an, welche Wandlung das Wort gay durchgemacht hat. Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutete ursprünglich fröhlich/unbekümmert. Im 17. Jahrhundert bekam es eine Konnotation von sexueller Freizügigkeit und Morallosigkeit. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde es erstmals im Kontext sexueller Orientierung gebraucht – wohl ursprünglich, weil mensch Homosexualität mit dem Sich-Hinwegsetzen über das, was als die Norm verstanden wurde, in Verbindung brachte, also mit der fröhlichen Unbekümmertheit des französischen Begriffs. Erst Ende des 20. Jahrhunderts wurde gay häufig als Selbstbezeichnung für homosexuelle Orientierung verwendet. Bald darauf tauchte es in einer weiteren Bedeutung auf, die parallel auch für das Wort schwul im Deutschen entstand: als pejorativer Begriff, der etwas/jemanden abwertet oder mangelnden Respekt gegenüber etwas/jemandem ausdrückt. („That’s so gay!“/“Das ist so schwul!“)

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Mein Beispiel ist nicht parallel zu dem Mischlings-Begriff zu verstehen, weil es sich bei gay um ein ursprünglich neutrales Wort handelt, das in den letzten Jahrzehnten vermehrt auch in einer pejorativen Bedeutung verwendet wird. Trotzdem ist es das beste Beispiel, das mir aus meinem eigenen Erfahrungshorizont einfällt, darum verzeiht mir bitte diese Diskrepanz.

Umgekehrt im Mischlings-Beispiel: Dieses Wort wurde in der NS-Zeit stark negativ geprägt und ihm haftet dieser Beigeschmack immer noch an. Die Facebook-Gruppe „Ich liebe Mischlinge“ und der Biber-Artikel wenden sich bewusst dagegen.

Ich persönlich mag es nicht, wenn ich Leute sagen höre: „Das ist so schwul“ oder „That’s so gay.“ Ich erinnere mich an eine Diskussion mit B., einem Hetero-Bekannten, der in meiner Gegenwart etwas (Ich glaube, es ging um eine Aussage seines Freundes M.) als gay bezeichnet hat. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass ich es problematisch finde, das Wort gay in diesem Zusammenhang zu verwenden. Er meinte, es käme auf den Kontext an und habe zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen: eine für sexuelle Orientierung und eine für Dinge, denen mensch nicht zustimme.

Das sehe ich nicht so: Wenn heterosexuelle Menschen etwas in diesem zweiten Sinne als gay oder schwul bezeichnen, regt mich das auf. So richtig. Ich finde es unsensibel, weil die Verbindung zur sexuellen Orientierung für mich unüberhörbar ist – und sie dadurch negativ aufgeladen wird. Vor allem, wenn das in meinem Bekanntenkreis passiert, von dem ich Reflexion und Sensibilität erwarte. Ich verstehe gay nicht als Homonym mit zwei Bedeutungen, sondern als ein- und dasselbe Wort, dem von homophoben Menschen eine zweite Bedeutung verliehen wurde, die von unreflektierten Menschen wiederum in die Alltagssprache einfließt, ohne dass sie sich der Problematik bewusst wären. Und ich kann nicht anders, als nach solchen Aussagen darauf hinzuweisen, wie ich das sehe.

gay

ABER – und das ist ein großes Aber -: Ganz anders sieht es für mich aus, wenn es um das Spiel mit Stereotypen innerhalb der queeren Community geht. Ich habe queere Freundeskreise, in denen wir alle mit großem Vergnügen „politisch unkorrekt“ sind und Worte wie schwul, lesbisch, gay in diesem zweiten, mainstreamig gelesen negativen Sinne verwenden: Als Schimpfwörter, die wir in Komplimente verkehren, wenn wir sagen, dass etwas oder jemand „Soooooowas von gay!“ sei. Ich habe ein T-Shirt, auf dem eine Klofrauenlogo-Frau einem Klofrauen-Logo-Mann den Kopf abhackt, und ich trage es „ironisch“. In diesem Kontext habe ich mit Stereotypen kein Problem, weil genau das passiert, was Martinovic empfindet: Warum nicht ein Wort, das für manche negativ konnotiert ist, als stolze Selbstbezeichnung in Beschlag nehmen? Warum nicht ironisieren? Gemeinsam lachen? Mit Stereotypen spielen und gleichzeitig darauf hinweisen, dass sie existieren? Und Spaß daran haben – je politisch unkorrekter desto besser? Den Worten ihre Macht nehmen, sie furchtlos selbst in den Mund nehmen?

Diese Worte führen oft in einen Schlagabtausch, der Spaß macht: „Echt sehr gay“ wird ein Kompliment, „Du Hete!“ ein Schimpfwort. Lesbischer Männer- und schwuler Frauenhass werden zu einem Spiel mit Stereotypen, was innerhalb dieser Freundeskreise okay ist, weil wir wissen, dass Stereotypen mit einer Prise Salz zu verstehen sind – und, ja, vielleicht auch irgendwo ihr Körnchen Wahrheit haben. Weil freundschaftliche Communities einen sicheren Raum schaffen, in dem alles erlaubt ist. In dem mensch sich ausprobieren und abreagieren und mit Worten, Reaktionen und Stereotypen experimentieren kann. Ich denke, diese Ironisierung ist das communityinterne Pendant zum Kabarett, das gesamtgesellschaftlich wirkt. Gerade weil wir in einer Welt voller Vorurteile und negativer Konnotationen leben, tut es gut, in gewisser Gesellschaft damit machen zu dürfen, was auch immer ich will; mich damit wohlzufühlen und auszuprobieren, wie sich Worte in bestimmten Kontexten anfühlen. Ich will Insiderwitze kreieren, die einerseits Spaß machen und verbinden, andererseits gegen Homophie wappnen und sie leichter verdaulich machen.

A-Gay

Natürlich ist ein solcher Schlagabtausch eine direkte Folge der Tatsache, dass Homophobie existiert, heute genauso wie gestern. Ebenso setzt die Biber-Selbstbezeichnung die Tatsache voraus, dass Mischling ein historisch problematisches Wort ist, und die Diskussion über politische Korrektheit zeigt, dass Rassismus allgegenwärtig ist – darum reagieren wir darauf sensibel. In einer idealen Welt würden wir keine Kraft aus der Annexion mehrdeutig aufgeladener Begriffe schöpfen können; in einer idealen Welt wären diese Worte bedeutungslos. In dieser idealen Welt leben wir – noch – nicht. Wir arbeiten darauf hin. Auch, indem wir mit Begriffen und Stereotypen spielen – indem wir sie nicht respektieren, indem wir sie nicht vermeiden, sondern indem wir Räume schaffen, in denen wir Spaß mit ihnen haben und ihnen ihre Macht nehmen können.

Für mich persönlich kommt es bei emotional/historisch aufgeladenen Begriffen also nicht so sehr auf den Kontext an als darauf, wer sie verwendet. Innerhalb einer Community dürfen Begriffe annektiert, verändert, neu definiert werden, wie auch immer die Mitglieder dieser Community das wollen. Aber von außen? Von außen, von einem Nicht-Mitglied der Community, ist das problematisch. Da kann unreflektierte Sprachverwendung schnell verletzen, weil Begriffe natürlich auch historisch und/oder negativ geladen sein können und weil jede Wiederholung eines Begriffs diesen perpetuiert – und je nach Kontext auch Stereotypen verschärfen kann. Auch unreflektierte Wiederholungen haben diesen Effekt. In dem Fall kommt es nicht auf die (un)schuldige Intention an, sondern auf die potentiell verletztende Wirkung, von der ich mir wünsche, dass mehr Menschen sich ihrer bewusst wären.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist das Wort „Mischling“ am Cover vom Biber also rassistisch? Meine Antwort ist: Nein, weil der Biber von Migrant*innen für Migrant*innen herausgegeben wird. Weil die Annektion bzw. das Spiel mit dem Wort innerhalb der Community selbst passiert. Nicht innerhalb einer geschlossenen, biberinternen Community, sondern innerhalb einer großen Gruppe von Migranten – weshalb es zu unterschiedlichen Meinungen kommt, die aber konstruktive Kritik und den Blick über den eigenen Tellerrand anregen können. Aber das ist nur meine Antwort. Was ist eure?

Mein persönliches soziologisches Labor, meine DaF-Gruppe (von denen einige Das Biber lesen, andere noch nie davon gehört haben) hat sich in der Diskussion darauf geeinigt, dass es 1. auf den Kontext und die Intention ankommt (nicht rassistisch) und 2. auch innerhalb von etwa Migranten-Communites manche Begriffe mit Fingerspitzengefühl verwendet werden sollten (potentiell rassistisch); dass die Biber-Redaktion eine gewisse Verantwortung hat, mit der sie falsch umgegangen ist. Was sich sowohl Martinovics als auch mit Stajics Position annähert.

Die Problematik des Biber-Quizzes, die die Klasse als Erstes und einstimmig erkannte, hatte aber nichts mit Rassismus zu tun: „Die schauen ja alle aus wie ‚perfekte‘ Models!“, beschwerten sich meine Schüler*innen. „Normale Leute sind anders! Solche Fotos sollten nicht in Zeitungen sein!“

Was denkt ihr? Und wie geht ihr mit politischer Korrektheit und umstrittenen Begriffen um?

9 thoughts on “Politisch (un)korrekt!

  1. Ich schließe mich dir vollkommend an, dass betroffene Gruppen selbst völlige Freiheit haben, welche Ausdrücke sie wie verwenden. Anderfalls hätte zB weder das Wort „dyke“ einen positiven Wandel innerhalb der lesbischen Community erfahren, noch der Begriff „queer“ einen solchen Siegeszug angetreten.

    Was politische Korrektheit prinzipiell betrifft: Ich bin sehr für PC, aber mensch kann’s auch übertreiben. Letztens hab ich irgendwo in einem Kommentar gelesen (weiß leider nicht mehr wo), dass sowohl die Worte „fuck“ (als Verb) als auch „boobs“ zu vermeiden wären, da beide einer patriarchalen Hierarchie (oder so ähnlich war das Argument) entspringen. Und da muß ich dann nun wirklich widersprechen.

    Der abwertende Gebrauch des Wortes gay/schwul (von heterosexuellen Menschen, von denen höre ich es auch am meisten) regt mich allerdings ganz wahnsinnig auf und verletzt und verstört mich jedesmal aufs neue. Zu behaupten, schwul habe einfach zwei unabhängige Bedeutungen ist ja wohl der Gipfel der Lächerlichkeit. Gute Strategien darauf? Vielleicht als Antwort zu sagen „Ja voll, ich finde … (was auch immer es ist, das angeblich schwul ist) auch toll!“ oder sich bei den betreffenden Menschen anzugewöhnen „hetero“ als abwertendes Adjektiv zu verwenden….

    • Die Antwortstrategie mit „Ja voll, finde ich auch toll!“ gefällt mir, und auch hetero als abwertendes Adjektiv in solchen Situationen :) Das werd ich mal versuchen. Hab aber auch schon mit Leuten diskutiert, die sich dann meiner Meinung angschlossen haben, nachdem ich sie darauf hingewiesen habe, warum schwul definitiv keine zwei unabhängigen Bedeutungen hat. Ich glaub, es gibt einfach Leute, die Sprache gegenüber eher unsensibel sind, aber durchaus die Problematik von Begriffen verstehen, wenn sie darauf hingewiesen werden. Erstaunlicherweise auch unter den Geisteswissenschaftler*innen. Sollte es nicht eigentlich ein Hauptinhalt geisteswissenschaftlicher Studienrichtungen, die Studierenden dazu zu animieren, (selbst)kritisch und reflektiert durchs Leben zu gehen?

      • Bezüglich unsensiblen Sprachgebrauch: Ich habe früher auch völlig unreflektiert das Wort „behindert“ auf diese abwertende Weise für Dinge verwendet, bis mich eine Freundin auf die Problematik aufmerksam gemacht hat. Danach hab ich’s mir abgewöhnt. Ich glaube „schwul“ funktioniert genauso, immerhin hatte ich ja nichts gegen behinderte Menschen, die zwei Dinge hatten für mich nichts miteinander zu tun, aber das Problem leuchtete mir dann trotzdem ein.

  2. Was die Wortwahl des Bibers betrifft, stimme ich deinem Kommetar zu. Allerdings halte ich die Idee, die hinter dem Biber-Artikel steht, grundsaetzlich fuer oberflaechlichen Schwachsinn. Immerhin geht es nur um die Festigung der ueblichen Schoenheitsideale, wobei fuer die Uebereinstimmung damit laut Artikel der Herkunft der jeweiligen Menschen verantwortlich sei.
    Und da ziehe ich gleich dreimal die rote Karte, weil Attraktivitaet ohnehin im Auge der Betrachter_innen liegt, weil’s dementsprechend ueberall Menschen gibt, die eine_r mehr oder weniger schoen findet, und weil diese Aeusserlichkeiten ohnehin weder ueber den Charakter des Individuum, noch ueber die Kultur des Herkunftslandes irgendetwas aussagen.
    Gerade von einer Zeitschrift wie Biber wuerde ich mir weniger naive Inhalte wuenschen, die sich abseits der ueblichen Stereotypen bewegen, anstatt diese noch zu staerken.

    • Die Idee, die hinter dem Biber-Artikel steht … interessante Frage. Wir können dem Biber entweder Naivität unterstellen oder Gerissenheit: Viellecht hat die Redaktion die mediale Aufmerksamkeit vorausgeahnt und bewusst geschürt. Was dann alles andere als naiv, sondern eher geschäftstüchtig wäre.

  3. ich möchte gerne noch etwas einwerfen, was vielleicht wieder einiges durcheinander wirbelt. und zwar: du schreibst: „Ganz anders sieht es für mich aus, wenn es um das Spiel mit Stereotypen innerhalb der queeren Community geht.“

    => was genau ist die „Community“? Ab wann darf sich ein Mensch als der „Community“ zugehörig bezeichnen/fühlen. Also ab wann darf dann welcher Mensch die Worte wie benutzen?

    Ich habe zum Beispiel einen heterosexuellen Bekannten, dessen zweiter Vorname politische „Unkorrektheit“ und Provokation lautet. Dieser Typ wirft mit Worten wie „schwul, gay“ etc. herum, bedient sich sexistischer Formulierungen und Äußerungen, und findet das „lustig“, meint es als Spaß, möchte damit zum Nachdenken anregen. Dennoch kommt das bei mir oft total scheiße an. Er ist aber ein Mensch, der definitiv der queeren Community zuzuordnen ist. Er hat viele homosexuelle FreundInnen, der geht auf alle möglichen Regenbogen-Demos, Veranstaltungen etc. Er setzt sich politisch für Gleichberechtigung jeder Art ein.

    So… es geht aber nicht darum, diesen Menschen zu bewerten, oder zu schubladisieren. Denn: Ich muss mich mit diesem Menschen bei jedem Thema auf’s neue auseinandersetzen. Mal beleidigt mich seine sexistische Art, mal verstehe ich den Scherz. Mal fühle ich mir auf den Schlips getreten, manchmal denk ich mir „word“- ein bisschen weniger PC tut echt mal gut.

    Das heißt für mich: jede Situation verlangt eine eigene „Bewertung“ ab. Und so bin ich beim Thema „Objektivität“ angelangt. Objektiv zu sein, erscheint mir schier unmöglich, so sehr ich mir auch wünsche gewisse Themen aus einem objektiven allgemeinen Standpunkt her betrachten zu können und zu bewerten, so wenig gelingt es mir.

    Weiters: Können wir uns wirklich in (alle) Menschen (zugleich) hineinversetzen? Für mich ist oft etwas eine tiefe Beleidigung, was für jemand anderen kaum eine emotionale Reaktion auslösen könnte. Durch meine Geschichte, psychischen Hintergrund etc. erscheinen mir z.B. viele Scherze und Aussagen in einem anderen verletzenden Licht. Über Objektivität lässt sich lange diskutieren. Und ich liebe diese Diskussionen auch. Aber das heißt, mensch muss alle möglichen Standpunkte miteinbeziehen, Sichtweisen und Perspektiven. Und da wird es wirklich schwierig. Wie also funktioniert korrekt bewerten? Ab wann ist etwas übertriebene PC, ab wann ist es notwendig.

    Der einzige für mich ernstzunehmende und ausschlaggebende Kern darin ist: ab wann schadet fehlende PC dem Ruf einer Lebens- und Liebesweise von Menschen? wie kann ich das vermeiden? wie kann ich mich so verhalten/ausdrücken, dass ich keinem Menschen Schaden zufügt, der auch andere Menschen leben und sein lässt, wie sie sind.

    Ich wehre mich immer dann gegen Menschen jeder Art, die anderen Schaden zufügen wollen z.b. einer Community, einem anderen Mitmenschen. Ich mache das immer von meinem persönlichen Gegenüber abhängig. Bei einem Zeitungsartikel geht das natürlich nicht. Ich weiß nicht, wer den schreibt, wie die Person fühlt, welche Hintergründe sie hat, etc.

    Es ist daher meiner Meinung nach sehr schwer zu sagen: WER darf sich außerhalb der PC bewegen und wer nicht? Wer gehört zur Community und wer nicht? Wer ist eigentlich genau die Biber Redaktion? Kennen wir die einzelnen Menschen und ihre Beweggründe dahinter?

    Bin ich teil der Community? DARF ich Begriffe außerhalb der PC verwenden? Ich bin hetero, ich bin weiblich. Was darf ich? Bin ich in der Community, weil ich homosexuelle FreundInnen habe und weil ich mir vorstellen kann, mit einer Frau Sex zu haben?

    Also fazit: mich hat der Satz „Ganz anders sieht es für mich aus, wenn es um das Spiel mit Stereotypen innerhalb der queeren Community geht.“ gestört. Ab wann ist etwas bitte eine Community? Wann bin ich innerhalb oder außerhalb der „Community“? Ab wann kann man sagen, es ist okay, wenn DU das sagst, aber DER/DIE da darf das nicht sagen?

    Für mich ist es ganz einfach: Ich sag einfach nie, das ist so schwul, oder so hetero, oder ich würde auch kein T-Shirt anziehen, wo man einem Mann/einer Frau/einem Hasen oder einem sonstigen Lebewesen den Kopf abhackt. Wozu? Was will ich damit aussagen? Was für mich am geeignesten erscheint, um meinen Sarkasmus auszuleben ist, unter Freunden, wo ich genau weiß, WER was WIE auffasst und selbst da muss man oft diskutieren und darauf achten, wie man was sagt/meint. Ich versuche in jeder Umgebung, wo ich Menschen erreiche, deren Befindlichkeiten/Hintergründe ich nicht kenne, keine Beleidungen oder Sarkasmus anzuwenden und wenn ich es tue, versuche ich es so zu erklären, dass jeder weiß, dass es Sarkasmus ist.

    Ich befinde deinen Artikel trotzdem als sehr gut. Hat mich sehr zum Nachdenken gebracht und ich über die Schwierigkeitenbeim Thema PC auch schon als Gastautorin schreiben. Habe es aber nicht geschafft, da meine Ausführungen oft unklar und, wie man sieht, zu lange sind und oft nicht zum Punkt komme. Weil bei mir meist nach jedem Punkt ein „Beistrich, ABER…“ stehen könnte. Daher große Klasse, dass du dich an dieses schwere Thema gewagt hast und versucht hast, es abzuhandeln. meiner Meinung nach fehlen aber viele „Beistrich, und abers…“ ABER der Artikel würde dann vielleicht genau so lange und unverständlich werden, wie mein Kommentar hier.

    • Spannende Gedanken! Und gute Fragen! Antwort zum Community-Teil:

      Meinen ersten Entwurf des Beitrags habe ich mit einer Definition von „Community“ begonnen. Allein die Definition hätte den Rahmen des Artikels gesprengt, darum hab ich diese Definition dann wieder gelöscht. Du hast jedenfalls recht: Um meinen Argumenten zustimmen oder widersprechen zu können, muss mensch erst mal wissen, was „Community“ bedeuten soll.

      Ich sage „Community“ und nicht „Gemeinschaft“, weil ich an die NBC-Serie Community denke. Die zeigt nämlich, was ich mit Community meine: Eine Community schafft und strukturiert Zusammengehörigkeit und zieht Grenzen nach außen. Jede Community definiert sich über ein bestimmtes Element, das Insiders gemein haben und Outsiders nicht haben. In der NBC-Serie ist dieses Element die spanische Sprache: Die Mitglieder der (ursprünglichen) Gruppe lernen alle Spanisch. Die Spanisch-Study-Group ist sozusagen die „Daseinsberechtigung“ dieser Community: Die Daseinsberechtigung einer Community ist in der Regel leicht greifbar, sie macht es leicht, zwischen Insiders (Spanischstudent*innen) und Outsiders (keine Spanischstudent*innen) zu unterscheiden, und sie lässt sich in einem leicht verständlichen, kurzen, klaren Satz gegenüber Outsiders kommunizieren: „Wohin gehst du?“ – „Zu meiner Spanish Study Group.“ – „Alles klar.“

      Das steht natürlich im krassen Gegensatz dazu, dass die Mitglieder der Community in „Community“ NIE gemeinsam Spanisch lernen: Die „Daseinsberechtigung“ einer Community ist nur ihr Titel, aber nicht das, worum es „eigentlich“ geht: Eigentlich geht es darum, gemeinsam das Leben im Community College halbwegs erträglich zu gestalten. Um, egal, wie alt die Mitglieder sind oder woher sie kommen, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sie Unterstützung in jeder Lebenslage, Freundschaft, Spaß und Intrigen finden können.

      — Ich glaube, das ist der „eigentiche“ Zweck fast JEDER Community – auch der queeren Community. Ihre Daseinsberechtigung oder ihr „Titel“ mag zwar „Spanish Study Group“ oder „Meine queeren/lesbischen/schwulen/…… Freunde“ sein. Aber was im Rahmen dieser Communities eigentlich geschieht und was die Insiders davon erwarten, ist Unterstützung in jeder Lebenslage, Freundschaft, Spaß und Intrigen.

      Warum also „Titel“ wie „Spanish Study Group“ oder „Queer“? Wegen der Antwort auf die Frage „Wohin gehst du?“

      Es klingt seltsam, zu einem Outsider (oder auch nur zu uns selbst) zu sagen: „Ich treffe die Leute, von denen ich Unterstützung in jeder Lebenslage, Freundschaft, Spaß und Intrigen erwarte.“
      Darum sagen wir (zu anderen und zu uns selbst): „Ich treffe meine queeren Freunde“ oder z.B. „Ich geh in die Villa“ (was dasselbe bedeutet) oder „Zu meiner Spanischen Study Group.“

      Das führt mich zu deiner nächsten Frage: Wer gehört zu einer Community?

      Da der Titel einer Community wenig bis nichts damit zu tun hat, worum es in dieser Community eigentlich geht, können auch Menschen, die die Titel-Definition nicht teilen, zu einer Community gehören. Der Titel (z.B. queer oder Spanisch) strukturiert dennoch die Gruppe, die Regeln, worüber man reden „darf“, auch die „politische Korrektheit“ innerhalb der Gruppe, und auch, wie man innerhalb der Gruppe Status gewinnen oder verlieren kann. Ein potentielles Mitglied einer queeren Community kann also durchaus Hetero sein, fühlt sich aber in der queeren Community zuhause, wird als Equal akzeptiert, kennt und beherrscht die Regeln, die Insider-Witze und Status-Transaktionen der Gruppe etc.

      (Ich hab mal einen ribbonfarm.com-Artikel gelesen, der Communities so ähnlich definiert, und fand ihn großartig; darauf baut meine Definition auf – leider finde ich den Artikel momentan nicht mehr.)

  4. Ich kann punschkrapfen nur zustimmen. Finde den Artikel von Biber auch deshalb problematisch, weil er sehr biologistisch und naturalistisch ist.
    Hm, ansonsten finde ich hat Biber diesen Begriff sehr unreflektiert eingesetzt, mal ganz zu schweigen von den Abwehrmechanismen,die nach der Kritik kamen. Der Begriff hat, wie Du schon sagtest, eine sehr lange und furchtbare Geschichte, die mensch nicht einfach so beiseite lassen kann, wobei ich die Aneignung von negativ konnotierten Begriffen (soweit sie von den Betroffenen angeeignet werden_wollen) sehr gut find. Jedoch ist es nicht das erste Mal, dass mir Biber bezüglich Sexismus, Naturalismus, Biologismus, Rassismus und Essentialismus negativ aufgefallen ist. Dass sich das Magazin als Migrant_innen-Magazin bezeichnet, macht diese Tatsache nicht wett und schon gar nicht macht es Herrschaftsverhältnisse weniger problematisch.
    Gibt’s inzwischen eigentlich weitere Statements von Biber bezüglich dessen ?

    Den Begriff „politisch korrekt“ find ich auch sehr problematisch. Finde der Artikel von migrazine hat das sehr gut dargestellt, warum: http://www.migrazine.at/artikel/political-correctness-im-diskurs

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