IDAHOT und Queer am Arbeitsplatz

Heute ist der internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie. Ein internationaler Tag für oder gegen … – was will der eigentlich, bzw. was verändert schon ein Tag? Das Erdbeereis hat sich ein paar Gedanken darüber gemacht und ist neugierig, was ihr dazu sagt.

Mit Tagen für oder gegen … ist es so wie auch mit dem Ändern des Facebook-Profilbildes im Rahmen diverser Kampagnen: Wir wissen, dass wir nicht mit einem Mausklick das System stürzen werden, und wir wissen, dass das auch eine einzelne Gleichberechtigungsdemo oder ein einzelnes Event zum internationlen Tag gegen Homophobie nicht wird. Das ist aber auch nicht die primäre Intention eines solchen Tages. Die Intention internationaler Tage ist es primär, Awareness zu schaffen, Unterstützung zu zeigen und zum Nachdenken anzuregen: Ja, es gibt Homophobie, es gibt Ignoranz, und darum ist ein solcher Tag – inklusive öffentlicher und medialer Präsenz – sehr wichtig.

Decriminalization_of_homosexuality_by_country

Entkriminalisierung

Der internationale Tag gegen Homophobie wurde am 17. Mai 2005 ins Leben gerufen. Das Datum erinnert an den 17. Mai 1990 – den Tag, an dem die WHO Homosexualität aus ihrer Liste psychischer Störungen strich. Sein Ziel ist es, international das Bewusstsein zu schärfen, dass Diskriminierung und Vorurteile gegen queere Menschen nach wie vor existieren. Rund um die Welt finden am 17. Mai daher „IDAHOT“-Events statt; in Wien zum Beispiel ein Rainbow Flash.

Erstaunlich kurz liegt dieser 17. Mai 1990 zurück, und viel (und doch so wenig) hat sich seither getan. Homosexualität wurde in manchen Staaten entkriminalisiert, Gleichberechtigung wurde forciert, allerdings gibt es bis heute in nur 9 Ländern (!) keine rechtliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, d.h. völlige gesetzliche Gleichstellung: in Argentinien, Belgien, Kanada, Island, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, Südafrika und Spanien. In diesen Ländern macht das Gesetz z.B. bei Heirats- und Adoptionsrechten keinen Unterschied auf Basis der sexuellen Orientierung der Antragsteller*innen.

In zahlreichen afrikanischen Ländern, in einem zentralamerikanischen Land (Belize), in mehreren Karibik-Staaten und einem südamerikanischen Land (Guyana), in mehreren asiatischen Staaten sowie einigen ozeanischen Ländern ist Homosexualität entweder generell oder für Männer nach wie vor illegal. In zumindest 10 Ländern droht noch heute eine lebenslange Gefängnisstrafe für „homosexuelle Handlungen“. Im Sudan werden Männer nach dem 3. und Frauen nach dem 4. Delikt zum Tode verurteilt. Auch in Mauretanien, Nigeria und Somaliland (Westafrika), Saudiarabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Yemen, Afghanistan und dem Iran droht die Todesstrafe.

Diese Fakten sprechen für sich. Aber zurück in meine Heimatstadt, in das schöne Wien, in dem mensch offen queer sein darf – auch wenn’s noch ein ganzes Stück Weg ist bis zur völligen rechtlichen Gleichstellung queerer Partnerschaften und Adoptionsrechte. Wenn sich’s in Wien auch gut leben lässt, gibt es doch manchmal Situationen, in denen mensch sich nicht so wohlfühlt, wie mensch sich das wünschen würde. Weil eine komplette Analyse potentiell verbesserungs-, aufklärungs- und gleichstellungsbedürftiger Kontexte in Österreich Romanlänge hätte, möchte ich mich auf einen Kontext beschränken: unseren Arbeitsplatz.

Homophobie und Ignoranz gibt es nämlich auch in meinem unbeschwerten Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrerinnenlotterleben. Erst seit zwei Monaten habe ich den Job, diesen wunderbaren, und in Woche zwei fand ich mich in einer unerwarteten Situation.

Das neue Thema, um das herum ich Relativ- und Modalsatzgrammatik basteln wollte, in dem es aber hauptsächlich um Diskussion und das Äußern der eigenen Meinung auf Deutsch gehen sollte, hieß „Zusammenleben“. Um die Gesellschaft sollte es gehen und um Wohnsituationen, um Integration und Familie und Freund*innenkreise, um das Auswandern und um die Frage, was „Heimat“ bedeutet, um Kultur und Asylrechte. Und natürlich um Politik; ich liebe Deutschkurse auf B-Niveau und höher, weil ich da meinen Unterricht als Plattform für Themen verwenden kann, die ich persönlich viel wichtiger finde als deutsche Grammatik.

Kaum hatte ich das Thema angekündigt, meldete sich Naira zu Wort: „Darf ich was sagen, bevor wir diskutieren?“ Naira arbeitet gern mit, spricht viel, ist hochmotiviert und hat einen großen Wortschatz. Sie ist 28, hat in Armenien Pharmakologie studiert, ist dann mit Mann und Kindern nach Österreich ausgewandert und derzeit arbeitslos, weil der Staat ihr Studium nicht anerkennt. Sie redet mehr als alle anderen zusammen und hat auf alles eine Antwort parat.

Das Erdbeereis, erfreut: „Ja, gern!“

Naira legt los: Sie fände es ganz furchtbar, dass in Österreich jetzt immer mehr junge Frauen mit Frauen und junge Männer mit Männern zusammenlebten. Student*innen zum Beispiel, in WGs …!

Das Erdbeereis, leicht irritiert: „… Wieso findest du das schlimm?“

„Weil es in Österreich immer mehr Schwule und Lesben gibt! Das kommt davon, wenn zum Beispiel eine Frau mit einer Frau zusammenwohnt!“

Das Erdbeereis: „…“

Die Klasse lachte verhalten.

Das Erdbeereis, bemüht freundlich: „… und Schwule und Lesben findest du schlimm?“

„Ja, natürlich find ich das schlimm …!“

Das Erdbeereis kratzt sich am Kopf und lächelt Naira an. „Darf ich dich fragen, wieso du das schlimm findest?“

„Naja … findest du das etwa nicht schlimm?!“

„Nein … Ich finde das ganz natürlich. Ich frage dich das deshalb und würde gern noch ein bisschen über das Thema diskutieren, weil ich selbst lesbisch bin. Darum ist mir das Thema wichtig.“

Naira zog hörbar die Luft ein und hielt sich die Hand vor den Mund. Die Klasse lachte leise.

„Darf ich auch was zu dem Thema sagen?“, schaltete sich Nic aus Rumänien ein.

„Ja, bitte“, forderte ich ihn auf und fragte in die Runde, ob es allen recht wäre, zum Einstieg ins Thema Zusammenleben über Queerness, queere Rechte und Homophobie zu diskutieren.

Sie stimmten zu.

„Ich habe Theologie und Psychologie studiert“, begann Nic seinen Vortrag. „Und ich hab mich während meinem Sutdium mit Meinungsbildung und Vorurteilen beschäftigt.“ Er erklärte der Klasse und vor allem Naira, wie Meinungen und moralische Urteile entstehen: Dass sie von unserem Umfeld geprägt werden. Dass er sich vorstellen könne, dass Naira in Armenien in einem orthodoxen Umfeld aufgewachsen sei, das die Bibel als Basis moralischer Urteile hernehme und auf dieser Basis möglicherweise Homosexualität nicht gutheiße. Dass sie, könne er sich vorstellen, auch noch nicht persönlich damit in Berührung gekommen sei. Ob das so auf sie zutreffe?

Naira stimmte zu. Ja, eigentlich sei das schon so.

Nic erklärte weiter, dass für Menschen, die in anderen Gesellschaften aufwachsen, Homosexualität möglicherweise a priori kein bisschen „schlimmer“ sei als Heterosexualität. Ob sie sich das vorstellen könne?

Naira: Hmm …

An dieser Stelle schalteten sich die beiden WG-Studentinnen ein. Sie lebten beide schon seit einiger Zeit mit anderen Frauen in WGs, und sie könnten Naira versichern, dass mensch nicht automatisch lesbisch werde, wenn mensch mit Frauen zusammenlebe.

Naira nickte zustimmend.

Auch Irina aus Rumänien hatte etwas zu sagen: Ihre beste Freundin sei lesbisch. Sie gingen oft gemeinsam fort und verbrächten viel Zeit miteinander. Für sie wäre Queerness ganz normal; da sei doch überhaupt nichts dabei!

„Aber!“, rief Naira. „Wie ist das denn mit Kindern? Mit Heiraten? Erdbeereis, willst du keine Kinder?!“

Ich erzählte also ein bisschen über die rechtliche Lage in Österreich. Über die eingetragene Partnerschaft. Über die aktuelle Adoptionsrechtsdebatte. Und schließlich, dass es zumindest als Frau … na ja, immer eine Möglichkeit gäbe, schwanger zu werden. Auch, dass es psychologische Studien dazu gäbe, dass Kinder aus Regenbogenfamilien (ein neues Vokabel; das kommt an die Tafel!) sich genauso gut entwickeln wie Kinder aus traditionellen Familien; dass es wissenschaftlich belegt sei, dass die gesunde und glückliche Entwicklung eines Kindes nicht vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung der Eltern, sondern von anderen Kriterien abhänge. Dass ich selbst übrigens in der Tat keine Kinder wolle, was aber ganz unabhängig davon sei, dass ich auf Frauen stehe.

Naira wirkte erstaunt, widersprach aber nicht.

Langsam wollte ich das Gespräch auf die anstehenden Grammatikpunkte lenken, als Naira sich abermals nicht zurückhalten konnte: „Erdbeereis, darf ich noch fragen … Wieso findest du das nicht komisch?! Wie ist das für dich, mit einer Frau? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen …!“

Das Erdbeereis lachte. „Natürlich darfst du mich das fragen. Wie ist das für mich … Hmm. Ich denke, wenn ich mich in eine Frau verliebe, ist das für mich so wie bei dir, als du dich in deinen Mann verliebt hast. Es fühlt sich … einfach schön an, ganz natürlich, und absolut richtig und normal. Meine queeren Freunde empfinden das genauso, wenn sie sich in jemanden verlieben. Und darum … ist das für mich nicht komisch, sondern ein selbstverständlicher Teil meiner Welt.“

„Aha“, sagte Naira und grinste verlegen. „Okay.“

Jetzt wandten wir uns wirklich der Grammatik zu. Und am Ende der Stunde, bevor sie ging, entschuldigte sich Naira bei mir für ihre Bemerkung. „Schon okay“, sagte ich und freute mich. Ob sie ihre Meinung ändern wird? Ich weiß es nicht. Aber nachdenken darüber, das wird sie mit Sicherheit. Ich war stolz auf mich und stolz auf meine Schüler, auf die Diskussion und auf meinen erfüllten „Bildungsauftrag“, den ich viel mehr in Werten als in Grammatik sehe.

Ein paar Tage später bekam ich noch weiteres indirektes positives Feedback: Irina sprach mich nach der Stunde an. Ihre beste Freundin hätte ihr den Auftrag gegeben, mich zu fragen, wo man denn in der Wiener Szene gut fortgehen könnte. Die beiden kannten bisher nur das Marea, und da müsste es doch noch was anderes geben … Ich legte also los und zählte alles auf, was mir so einfiel, und Irina schrieb mit und versicherte mir, dass sie jetzt „die Heldin“ ihrer besten Freundin sein würde.

Ich bin also froh, dass Naira sich in die Diskussion eingebracht und mir die Möglichkeit gegeben hat, mit meinen Schülern über dieses Thema zu diskutieren. Ich glaube fast, es täte jeder Deutschklasse gut, eine Naira zu haben, die sich traut, ihre Meinung zu sagen.

Wie gehen andere mit dem Thema um? Mit Homophobie am Arbeitsplatz, mit dem Outing, mit dem „Bildungsauftrag“, falls es diesen gibt?

Ich habe Martha gefragt. Sie ist 37 und Internatsbetreuerin; ihrer Schüler*innen kommen aus aller Welt. Den Kolleg*innen gegenüber sei sie da relativ offen, die wüssten alle von ihrer Freundin, einfach weil das in Gesprächen schnell herausgekommen sei, wenn sie von ihrer Freundin und nicht ihrem Freund spräche. Den Schüler*innen gegenüber allerdings spräche sie das Thema nicht an und vermeide es, sich zu outen. Weil es viele Schüler*innen und auch Eltern, etwa aus arabischen Ländern, möglicherweise nicht guthießen. Ob das gut sei? Das wissen sie selbst nicht. Sie vermute bei einigen Schülern, dass sie schwul seien, aber nicht wagten, das auszusprechen. Ja, klar, stimmte sie mir zu. Es würde ihnen sicher guttun, wenn sie sich outen würde. Aber sie selbst sei da nach einem halben Jahr am Internat-Arbeitsplatz noch zu unsicher.

Ich funktioniere hier ganz anders: Ich konfrontiere solche Themen und provoziere gern Diskussionen, weil ich von der Richtigkeit meiner Meinung überzeugt bin und sie auch überzeugend argumentieren kann – was ich für wichtig halte. Gerade in einem weniger offenen Umfeld wie einem Internat würde ich meinen Bildungsauftrag erst recht ausleben. Dieses Erst-Recht hat etwas Trotziges, Streiterisches. Ich diskutiere gern darüber; es ist mir nicht unangenehm und ich bin der Überzeugung, im Recht zu sein.

Ich respektiere Marthas Umgang mit solchen Themen genauso. Ich glaube, es ist gut, am Arbeitsplatz offen zu sein – je mehr Menschen das sind, desto mehr bauen wir Homophobie, Berührungsängste und Unwissen ab. Andererseits sehe ich es als mein Recht als Mensch, meine sexuelle Orientierung offen zu leben – egal ob in meinen eigenen vier Wänden, auf der Straße oder am Arbeitsplatz, und ich nutze dieses Recht. Ich sehe es aber nicht als meine Pflicht, das zu tun. Wenn andere – Martha zum Beispiel – sich dagegen entscheiden, dieses Recht wahrzunehmen, ist das auch okay. Ein bisschen wie beim Wahlrecht.

Auch N. hab ich gefragt, wie das denn für sie so sei mit dem Thema Arbeitsplatz, Homophobie und Offenheit. N. ist 23 und Behindertenbetreuerin in einer geschützten Arbeisstätte. Mit N. ist das Thema schnell in eine andere Richtung geschwenkt: N. verschweigt sexuelle Orientierung ihren Kolleg*innen gegenüber. Unter anderem deshalb, weil sie sich selbst kein Label geben und sich in keine Schublade stecken lassen will, und weil sie Privates und Berufliches ganz allgemein gerne trennt. Die meisten Kolleg*innen machen das genauso; nur ein einziger Kollege sei schwul und geoutet; er spräche regelmäßig von seinem Freund und habe ihn auch auf die Weihnachtsfeier mitgenommen. Das sei auch für die Kollegschaft kein Problem. Die Sekretärin allerdings … die mache manchmal grenzwertige Bemerkungen. Von wegen männlicher und weiblicher Part einer Beziehung etc. N. selbst sage da in der Regel nichts dazu. Unter den Klient*innen, die sie betreut, seien homophobe Bemerkungen Gang und Gäbe; die beschimpften sich mit „Bäh, greif mir nicht auf den Arsch, das ist ja schwul!“ und „Du Woama!“ In diesen Fällen frage sie oft ganz neutral, was denn dabei sei, wenn jemand schwul wäre. Worauf den Leuten keine Antwort oder ein „Des is ja grauslich!“ einfiele. Wobei sie es bewenden ließe.

Auch N.s Umgang mit sexueller Orientierung ist nachvollziehbar. Er ist wohl hauptsächlich von ihrer Trennung von privat und beruflich geprägt. Und von ihrer Ablehnung von Labels. Ich andererseits trenne privat und beruflich nicht so streng und will das auch gar nicht: Sexuelle Orientierung ist für mich nicht Privat- oder Berufssache, sondern ein Teil von mir, den ich in alle Sphären meines Lebens mitnehmen können will. Und Labels erfüllen für mich in dieser Hinsicht einen wichtigen Zweck: Sie machen Dinge greifbar; ohne Labels könnte ich mich nicht outen, und während ich mir die Freiheit herausnehme, das Label meiner sexuellen Orientierung im Laufe meines Lebens jederzeit zu wechseln, wenn mir danach ist, habe ich doch gern ein Label, damit ich sagen kann: Ich bin …

Schließlich hab ich noch K. gefragt, weil ich auch eine Männermeinung zu dem Thema wollte. K. ist 36 und Beamter in einer wissenschaftlichen Einrichtung. Er hat – was mich erstaunt hat, da ich K. als einen in jeder Hinsicht sehr offenen Menschen kenne – gemeint, er wolle dazu nichts sagen, weil auch er privat und beruflich streng trenne.

Ist mein eigener Umgang mit Themen wie Homophobie am Arbeitsplatz vielleicht genau deshalb so, wie er ist, weil ich privat und beruflich eben nicht trennen will? Ich glaube, Jobs machen mich nur dann glücklich, wenn die intrinsische Motivation groß ist. Die ist nur dann groß, wenn ich einer Tätigkeit nachgehe, die ich auch in meiner Freizeit genießen würde. Ich lade meine Schüler*innen auch außerhalb der Schule in mein Leben ein – warum auch nicht? Manche sind neu hier in Wien, und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie gut es tut, wenn man neue Freund*innen und Einladungen erhält, wenn man wo neu ist. Würde ich privat und beruflich trennen wollen, wäre all das nicht möglich.

Wie ist das für euch? Wie offen geht ihr mit eurer sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz um? Wie reagiert ihr auf Homophie euch oder anderen gegenüber? Meint ihr, es gibt eine „richtige“ Art und Weise, damit umzugehen, oder seht ihr das als die persönliche Entscheidung jeder und jedes Einzelnen? Trennt ihr „privat“ und „beruflich“?

– Habt einen wunderschönen IDAHOT, und schaut doch um 17.00 beim Rainbow Flash am Morzinplatz vorbei!

9 thoughts on “IDAHOT und Queer am Arbeitsplatz

  1. wie offen damit am arbeitsplatz umgegangen wird ist für mich ehere eine frage der leute, mit denen ich arbeite, weniger die art des jobs. ich bin da sehr offen und wuerde auch phobische auesserungen hinterfragen (erinner mich derzeit an keine). das ist natuerlich eine frage der sozialen sicherheit, wie wohl sich eine person beim outen fuehlt, und wie gut sie mit kritik, ablehnung etc umgehen kann, bzw gar wie negative konsequenzen durch vorgesetzte, kolleginnen* eingeschaetzt werden. manche koennen sich nicht aussuchen, ob die chefs tolerant sind oder wenigstens das thema vermeiden.
    p.s. wenn ich „das erbeereis lachte“ etc lese ist das immer mit kopfkino verbunden, sehr verwirrend ;-)

  2. Meine Regel lautet „alles was ich als Heteroperson auch sagen würde, möchte ich sagen können“. Also: Wenn’s in einem Gespräch aufkommt, auch schon mal von „meiner Freundin“ sprechen. Mir geht’s nicht primär darum, alle Welt wissen zu lassen, dass ich queer bin (ich werde also das Gespräch nicht bewußt in diese Richtung lenken, nur um unbedingt darauf zu sprechen zu kommen) aber ich will mir auch nicht auf die Zunge beißen müssen.

    Bisher habe ich in meinem arbeitstechnischen Umfeld diesbezüglich sehr angenehme Menschen gehabt. Meine vorletzte Chefin war sehr cool drauf, mit der hab ich auch viel privates geplaudert, und mein letzter Chef war selbst schwul ;) Daher hab ich diesbezüglich noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich möchte mich aber, sollte es doch in dieser Hinsicht mal schwieriger werden, nie zensieren müssen, denn genau darum geht’s ja. Wir wollen doch eine Gesellschaft, in der wir uns nicht verstecken müssen.

  3. Alle der genannten Formen wie man mit dem Thema Outing am Arbeitsplatz umgeht haben ihre Berechtigung und Gründe. Es ist sehr schön wenn man auch am Arbeitsplatz so sein kann wie man ist und nichts verschweigen oder sich verstellen muss.
    Ich persönlich würde gerne so damit umgehen wie Erdbeereis, kann aber nicht. An sich stehe ich in allen Lebenslagen dazu lesbisch zu sein und konfrontiere die Menschen einfach damit. Leider ergibt es sich bei mir aber so, dass in der oberen Etage der Firma in der ich arbeite die Toleranz nicht gegeben ist. Nicht nur gegenüber der sexuellen Orientierung sondern allgemein werden Dinge abgelehnt die sich nicht mit der eigenen Meinung decken. 2 Kollegen wissen sehr wohl, dass ich lesbisch bin aber die zähle ich eigentlich schon zu meinem Freundeskreis und ich kann darauf vertrauen, dass sie nichts ausplaudern.
    Wäre dieser Job für meine Ausbildung und berufliche Laufbahn nicht so wichtig, wäre es mir egal ob mir Steine in den Weg gelegt werden. Ich würde auch den Gang an die Presse nicht scheuen um auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen weil meine sexuelle Orientierung nichts mit meiner beruflichen Leistung und Motivation zu tun hat. Aber wie gesagt…. Geht nicht und so weiche ich der Diskussion aus ob ich einen Freund habe oder nicht. Gott/Göttin sei Dank bin ich nicht auf den Mund gefallen und kann mich mit lustigen Sprüchen aus der Affäre ziehen!
    Meine Situation ist zwar unangenehm aber bei weitem nicht so schlimm. Jede/r die/der wirklich um ihren Job bangen muss hat mein volles Mitgefühl und ich empfinde es als absolute Frechheit, dass in unserem ach so sozialen und toleranten Staat sowas noch möglich ist. Jedem seine Meinung und wenn jemand mit Homosexuellen nicht klar kommt… ok! Bis vor einigen Jahren war das ja noch eine Krankheit. Gerade in der älteren Generation dauert das Umdenken einfach noch. Man sollte aber darauf bestehen können nicht aufgrund seiner Sexualität sondern der erbrachten Leistung bewertet zu werden. Darum gehts ja schließlich in der Arbeit und nicht darum wem ich mein Herz schenke oder einschlafe!

    • Okay, in so einer Situation, wo gerade dieser Job super wichtig für die eigene Karriere ist und es keine Alternative gibt, würd ich vielleicht aus Eigennutz auch schweigen. Ich müßte das dann für mich halt so drehen, dass ich die alle voll hintergehe und verarsche und ausnutze, als Legitimation, weil andernfalls würde ich mit Sicherheit zu wütend werden. Tricky situation :P

      • Leicht ist diese Situation wirklich nicht da hast du recht. Ich wollte das auch so nie und habe gerade nach deinem Artikel sehr viel darüber nachgedacht. Da bin ich zum ersten mal wütend geworden und habe ernsthaft darüber nachgedacht bei der nächsten Gelegenheit ehrlich zu sein. Meine Kollegen sind ja wirklich sehr nett und die allermeisten hätten auch kein Problem oder vermuten es vielleicht e aber die paar die nicht so locker sind könnten mir mein Leben schwer machen.
        Ich muss mir sowieso eine Lösung überlegen weil ich dort noch ein paar Jahre bleiben möchte aber im Herbst mit meiner Freundin zusammenziehe. Da wird es dann noch schwieriger und ich komm immer mehr zu der Erkenntnis, dass ichs weder für mich noch für die anderen besser machen wenn ich nichts sage. Jeder hat seine Meinung und seine Art sein Leben zu führen und es kann doch echt nicht sein, dass der eine mit seiner intoleranten oder konservativen Art die anderen unterdrückt.

  4. Ich sehe das ähnlich wie Schokomuffin; gut auf den Punkt gebracht: Ich thematisiere das nicht des Thematisierens wegen, aber wenn es sich es sich ergibt – was früher oder später automatisch passiert, weil man eben nach Freund*innen etc. gefragt wird – oder wenn ich provoziert werde wie in der beschriebenen Situation, klar, dann will ich mich da nicht zurückhalten und erwarte, genauso frei und ungefiltert zu sprechen wie jeder Hetero-Mensch auch.

    Schoki_cookie, mit der von dir beschriebenen Arbeitsplatzsituation könnt ich glaub ich nicht so gelassen umgehen wie du. Sowas macht mich so wütend, dass ich nicht den Mund halten könnte …
    Ich hatte aber bisher auch immer gute Chefs und Kolleg*innen. Naja, eine ungute Ausnahme gab’s da, aber die hatte nichts mit Queerness zu tun.

  5. ich finde es sehr gut, dass du schreibst, dass das dein RECHT ist und nicht deine PFLICHT.

    ich für meinen teil trenne privat und arbeit ganz stark, ich denke auch wenn ich hetero wäre, würde ich am arbeitsplatz eher vermeiden über mein privatleben zu sprechen.

    nun will ich nicht sagen, dass das so oder so so wäre – dass ich homosexuell lebe hat bestimmt seine rolle in dem ganzen, wie groß oder klein diese rolle ist kann ich nicht gut sagen, weil ich noch nie heterosexuell lebte seit ich arbeite (und wohl auch nicht mehr tun werde..) und in so fern nicht weiß ob ich in diesem falle weniger verschlossen wäre. ich tippe aber eher auf wahrscheinlich genauso verschlossen weil ich grundsätzlich intimes nur mit intimen menschen teile und prinzipiell der eher verschlossene typ bin, was mein gefühlsleben angeht.

    was ich damit sagen will: mir ist es nicht nur einmal passiert dass „auch queere“ oder manchmal sogar hetero lebende leute mir eindringlich erklärt haben warum das irgendwie blöd oder noch schlimmer politisch/moralisch schlecht ist, dass ich mich nicht vor kolleg_innen und gleich den teilnehmer_innen bei gelegenheit dazu (ich bin auch in der erwachsenenbildung) oute.

    ein „ich möchte einfach nicht und das is meine sache“ stieß auf unverständnis und veranlasste die gemeinten nicht wirklich dazu das einfach zu respektieren, sondern erklärten mir weiter wie unnötig und außerdem „schade“ das wäre für mich und die gesellschaft – wie schön, dass ich ab jetzt die verantwortung dafür trage dass die gesellschaft in sachen homo nicht voran kommt, denn das suggeriert solch ein „zureden“.

    mich haben diese begegnungen nicht nur geärgert, sondern auch wirklich enttäuscht. weil ich mir gerade in diesem kontext breitere akzeptanz und toleranz der eigenen grenzen und bedürfnisse erwartet hätte.

    ich sehe mich überhauptnicht im automatischen auftrag meine eigenen grenzen und wohlbefinden zu missachten um die welt zu verbessern, weil ich zufällig einer randgruppe angehöre. ich finde es super wenn andere sich gewillt und befähigt fühlen das zu tun und bin auch dankbar und respektiere das. aber jede_r darf hier ihre eigenen grenzen haben und meine hört beim outing am arbeitsplatz nun mal auf – zumindest momentan. und ich finde das auch nicht erklären oder rechtfertigen zu müssen, es ist einfach so.

    und ich finde solche tendenzen des moralischen druck machens sehr bedenklich.

    • nachtrag: und das passt eigentlich auch ganz gut dazu was schokomuffin geschrieben hat darüber dass mensch genau das tun und sagen sollte dürfen was heteros auch tun. heteros dürfen nämlich auch ganz schön viel NICHT sagen.

      von zweien meiner männlicher kollegen (die ganz sicher nicht schwul sind) weiß ich offiziell ganz genau nichts über ihren beziehungsstatus, beziehungs- oder privatleben. weil sie partout nichts darüber berichten – eher distanzierte, reservierte typen. und am ende bin ich wohl schlicht und einfach auch nur so ein distanzierter, reservierter typ. wurscht welcher orientierung.

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