Gaydar – der sechste Sinn?

gaydar

Den Ausdruck “gaydar”, also eine Kombination aus “gay” und “radar”, habt ihr vielleicht schon mal gehört. Er bezeichnet die Fähigkeit erspüren zu können, ob eine andere Person auch queer ist. Ich hab jüngst in einer ruhigen Minute mal etwas genauer darüber nachgedacht und bin draufgekommen, dass dieses irgendwie witzige Wort eine ganze Reihe an Fragen und Problematiken aufwirft.

Was genau ist gaydar und wie funktioniert es? Wann schlägt es aus und wann funktioniert es nicht? Natürlich, wenn einen eine andere Person des gleichen Geschlechts deutlich anflirtet, dann ist die Sache eh schon klar. Und ein Regenbogen-Button/Sticker/Aufnäher ist ebenfalls eine ziemlich sichere Wette. Aber abseits solch eindeutiger Signale, woher erkennt oder erahnt man, ob die Person “für’s gleiche Team spielt”?

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Ein Problem des gaydars ist ja, dass es sich wohl wieder auf ziemlich stereotype Eigenschaften beschränkt, wie “Lesben”, “Schwule”, oder andere queere Menschen aussehen oder sich verhalten. Und diese stereotypen Eigenschaften sind bei manchen Menschen vorhanden, bei manchen allerdings nicht, und machen diese dadurch für den queeren Blick unsichtbar, was zum Beispiel beim Thema der “femme invisibility” der Fall ist. Bei dieser Thematik geht’s um das leidige Problem “zu feminin” aussehender Lesben, welche durch ihre Femininität offenbar nicht lesbisch genug wirken, und daher sowohl straighte als auch (offensichtlicher) queere Menschen immer wieder von ihrer Queerness überzeugen müssen (wenn ihr einen lustigen Artikel dazu lesen möchtet, empfehle ich diesen hier aus dem Blog Effing Dykes).

supergay

Oder aber, man ist sich ganz sicher, die andere Person wäre queer weil sie doch soooo sehr danach aussieht, und liegt dann doch daneben. So geschehen einer Freundin von mir, die in London lebt, und wochenlang in eine Kellnerin mit rasiertem Kopf in ihrer Lieblingslesbenbar verknallt war, bis sie eines Abends ihren ganzen Mut zusammennahm und diese nach ihrer Nummer fragte. Die Antwort? “Oh thank you, that’s sweet, but I have a boyfriend.” Meine Freundin verstand die Welt nicht mehr.

Also was sagt ihr dazu? Gibt es gaydar? Habt ihr gutes gaydar? Wie funktioniert es, und funktioniert es nur, wenn eine Person diverse stereotype Eigenschaften aufweist?

14 thoughts on “Gaydar – der sechste Sinn?

  1. Ja. Gibt es. Es funktioniert nicht immer, aber oft. Manchmal schlägt mein Gaydar an, auch wenn es nicht sollte, und manchmal schlägt es nicht an, wenn es sollte. Aber grundsätzlich hab ich das Gefühl, dass es durchaus oft funktioniert.

    Gaydar ist, wie ich das sehe, nicht dasselbe wie die Lesbarkeit von Menschen durch bewusst getragene stereotyp queere Kleidung oder stereotyp ‚queeres Auftreten‘. Gaydar funktioniert auch, wenn diese äußerlichen Merkmale nicht vorhanden sind. Ich glaube, das liegt daran, dass Frauen, die sich für Frauen interessieren, mich (oder auch andere, dritte Frauen) anders (aufmerksamer? tiefer? ab-checkender?) anschauen als Frauen, die sich für Männer interessieren.

    Mein Gaydar funktioniert auch gegenüber schwulen Männern häufig; ich nehme an, dass das an einer Sensibilisierung gegenüber der Aussage von Blicken im Allgemeinen liegt. Aber ich hab eigentlich noch nie so richtig darüber nachgedacht – vielleicht ist das also auch alles ganz anders …

  2. Hey, ich find diesen Artikel gut und wichtig und der Diskurs um Gaydars nervt mich schon wegen des genannten Dilemmas von „Stereotype können zutreffen“-„Menschen folgen Stereotypen, um erkannt zu werden“-„Nichtentsprechende werden nicht erkannt“.
    *Trotzdem* eine genervte Anmerkung aus meiner Position als bisexuelle Frau: Was zur Hölle führt zur Annahme, die Kellnerin mit boyfriend könnte nicht queer sein?! Anscheinend in einer Monobeziehung und deshalb blöderweise nicht zu haben, klar, ist scheiße. Anzunehmen, sie wäre jedenfalls hetero, ist allerdings eine ziemlich eingeschränkte Sichtweise.

    • …stimmt, das hat sie eigentlich nicht gesagt, und das macht alles nochmal etwas komplizierter. Es zeigt aber auch, wie verleitend es ist, in diesen Kategorien zu denken, nur weil sie haeufig zutreffend sind – aber natuerlich nicht immer.
      In diesem Sinne wuerde ich sagen, Einspruch stattgegeben!

    • den einwurf mit der bisexualität kann ich gut nachvollziehen. und klar, das mit dem boyfriend heißt nicht automatisch, dass die kellnerin nicht interessiert wäre, sofern es den boyfriend nicht gäbe. ist aber für die freundin von schokomuffin nicht wirklich relevant – die kellnerin ist jedenfalls nicht zu haben.

      ich glaube, auch bei hetero-menschen schlägt mein gaydar zum beispiel manchmal an – weil sie eben manchmal doch interessiert sind, und manchmal sogar, ohne das zu wissen (?). vielleicht war das bei der kellnerin so ähnlich? oder sie ist eben bi, wie lalamia vermutet, aber leider vergeben.

      ich hatte kürzlich eine schülerin, die meistens ganz vorn gesessen ist. ich hatte das gefühl, sie himmelt mich ganze zeit an; aber sie hat auch erzählt, dass sie mit einem mann verlobt ist. da hab ich mir eine ähnliche frage gestellt. sie hat sich nicht als bi geoutet, obwohl sie weiß, dass ich auf frauen stehe. ist sie hetero und flirtet trotzdem mit allen menschen? ist sie bi und will das aber nicht sagen? oder weiß sie nicht bewusst, dass sie sich möglicherweise auch für frauen interessiert?

      ich finde das thema jedenfalls spannend.

      • Hmja, für die Situation ist es irrelevant, das stimmt. Es ist allerdings schmerzhaft, dass nicht-nur-auf-ein-Geschlecht-Ausgerichtetes anscheinend nichteinmal in einem Blog wie diesem als selbstverständliche Möglichkeit gilt. Deshalb der Einspruch.

        Verwirrend sind solche Begegnungen auf jeden Fall. Die Frage, ob eine Person vielleicht bi/lesbisch/hetero ist, ist allerdings schon eine Verkürzung. (Eine, die im Alltag sinnvoll sein kann, in der Reflektion meiner Meinung nach aber nicht.) Es lassen sich für jedes Verhalten unzählige Erklärungen finden– angefangen bei so simplen, wie dass sie romantisch eher zu Männern tendiert, sexuell aber zu Frauen. Sich nicht zu outen kann ja auch bedeuten, gerade nur fürs Flirten verfügbar zu sein. Wegen Unsicherheiten, wegen einem bestimmten Treuekonzept mit dem Verlobten, wegen aktueller Laune, was auch immer. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich als hetero identifizieren, weil sie nur sehr selten Homocrushes haben oder keinerlei Verlangen, die weiter zu verfolgen.

        Wieder: Das hilft nicht in konkreten Zweifelsfällen, find ich aber ganz wichtig zu bedenken, um zumindest im Nachhinein die jeweilige Person nicht auf starre „hetero oder homo oder vielleicht beides, aber bitte ganz“-Identitäten festzulegen.

      • Manche Menschen haben bezueglich Flirten auch einfach nur ein sehr niedriges signal-to-noise-ratio :D
        (http://en.wikipedia.org/wiki/Signal_to_noise_ratio fuer Nicht-Insider)

        @lalalamia, volle Zustimmung. Besonders kompliziert wird es ja mit Einordnungen wie Hetero/Homo/Bi dann, wenn sich die Beteiligten auch noch nicht so fix als entweder Mann oder Frau einkategorisieren wollen. Wenn du, mal vereinfacht ausgedrueckt, biologisch eine Frau bist, dich selbst aber als Mann oder irgendetwas dazwischen siehst, und auf Frauen stehst, bist du dann eine lesbische Frau oder ein heterosexueller Mann? Wenn du mir dann zufaellig auch gefaellst, bin ich dann hetero, homo oder bi?

        Ich denke, gerade um diese Moeglichkeiten einzuschliessen eignet sich der Begriff „queer“ ganz gut. Und eigentlich sinniere ich seit langem ueber einen Artikel zu genau diesem Thema, und komme schon ewig weder auf einen gruenen Zweig noch auf einen roten Faden, weil die Moeglichkeiten eben so vielfaeltig sind und das Thema damit auch unerschoepflich.

      • @punschkrapfen: Hui, stimmt, alles, was nicht dem erwarteterweise ansozialisierten Geschlecht entspricht, hab ich total ausgeklammert. Da gibt es dann vl noch eine Unterscheidung, die wichtig ist: Von Seite der trans/genderqueeren Person gilt natürlich, dass die Eigendefinition das ist, was „stimmt“, dass niemand sonst herumspekulieren sollte, ob die Person überhaupt, plakativ ausgedrückt, sich zugleich als lesbisch und als Mann sehen darf. Oder als Neutrum und trotzdem ihre Sexualität über homo/hetero-Ausdrücke definierend. Klar darf sie das. Und wenn ich sie falsch einordne, weil ich eben bestimmte Erwartungen hab, liegt der Fehler klar bei mir.
        Der zweite Teil ist eher der, der ein bisschen tricky ist… Als, sagen wir, heterosexuelle Frau, kann es ja sein, dass ich mich in eine andere Frau verliebe, die ich, warum auch immer, auf den ersten Blick für einen Mann gehalten hab. Und nichts hält mich davon ab, dadurch wirklich verunsichert zu sein: Ich seh in der Person genau das, auf was ich in Männern steh, hab aber zugleich Respekt für die Person und werde sie deshalb nicht in eine Schublade stecken, die ihr nicht passt. Was bin ich dann? Ähmja.
        (Selbst find ich ja, dass solche Beispiele sehr butleresk vor allem viel über konstruiertes Geschlecht/Begehren und brüchige Identitäten aussagen. Eine Antwort auf solche Fragen können wohl wieder nur die Involvierten finden, und ich befürchte, eine längere Erörterung dieser Schwierigkeiten würde eher in cis whining ausarten, als wirklich bei der Lösung zu helfen.)

        — auf so einen Artikel, wie er dir vorschwebt, würde ich mich jedenfalls sehr freuen. Vielleicht für den Anfang einzelne Aspekte/Chancen/Probleme des queer-Begriffs darstellen oder auch nur eine kleine Blogschau dazu? (Es muss ja schon einige Texte zu solchen Themen geben, mir fallen leider keine ein.)

    • Volle Zustimmung und ich hab mir schon beim Schreiben des Artikels gedacht, ob ich da noch eine kurze Anmerkung dazu schreiben soll, weil wie du richtig sagst, einen Freund zu haben schließt queer zu sein nicht aus. Dein Comment zeigt mir nun, dass ich die Anmerkung dazu hätte schreiben sollen ;) Ich fand damals das Entsetzen meiner Freundin etwas amüsant, eben weil sie dachte, dass diese Frau auf jedenfall 100% lesbisch wäre. Dass das eine sehr eingeschränkte Sichtweise ist, da geb ich dir jedenfalls recht, und werde zukünftig etwaige Anmerkungen hinzufügen. Tut mir leid, dass du den Eindruck bekommen hast, Bisexualität würde hier ignoriert werden. Das ist definitiv nicht der Fall :)

      PS: Beim nochmaligen Durchlesen des letzten Absatzes muß ich selbst sagen: Etwas doof geschrieben und ich verstehe deinen Unmut vollkommen.

  3. Also mein „gaydar“ funktioniert, denke ich, nur bei ziemlich stereotypem Aussehen oder Verhalten; selbst da weiss ich nicht, wie oft ich mit meiner Einschaetzung richtig liege, weil ich schliesslich nicht alle Leute gleich nach ihrer sexuellen Orientierung frage.

    Einer meiner langjaehrigsten Freunde, wir kennen uns seit der Volksschule, ist auch nicht als queer „erkennbar“, und ich haette das auch bis zu seinem Coming-out auch nicht vermutet.

    Das „Problem“ „zu feminin“ aussehender Lesben kenne ich allerdings auch von der anderen Seite, naemlich von heterosexuellen Frauen, die vermeiden wollen, „zu lesbisch“ auszusehen. Schade eigentlich, mir gefallen rasierte Koepfe naemlich auch.

    Kuerzlich erst meinte eine Freundin, dass mich oft auch schwule Maenner anflirten wuerden, was mir selbst anscheinend nicht aufgefallen ist, also moeglicherweise jamm’t mein Aussehen auch manchmal das gaydar ;) sorry for that; war nicht Absicht.

    Ich persoenlich faende es jedenfalls ziemlich erfrischend, wenn sich diese Stereotype aufweichen, und das Aussehen der Menschen vielfaeltiger wuerde. Vielleicht wuerde dann zwar die Einschaetzung der sexuellen Orientierung Anderer schwieriger, aber, mal ehrlich: Das nach dem Aussehen abzuschaetzen war doch ohnehin nie eine gute Idee.

  4. bei conan war es wohl, wo das publikum raten sollte, ob interviewte leute von der strasse homosexuelle erfahrungen gemacht hatten, war sehr erhellend.
    persönlich hab ich schon outings mitgemacht die sehr überraschend waren, und ich dachte nachher trotzdem: hej, war ich blind?

  5. Ein wirklich interessanter Artikel zu eine Fragestellung die sehr tricky ist.
    An sich funktioniert mein gaydar auch gut auch bei femininen Lesben. Das gaydar meiner Freundin funktioniert noch ein Eck besser und sie verblüfft mich in der Hinsicht immer wieder. Es war bei mir selber lang so, dass ich nicht für queer gehalten wurde weil ich sehr lange Haare gehabt hab und eben vom Äußeren her nicht in dieses Klischee der Lesbe gepasst habe. Das hat sich inzwischen auch geändert aber nur deswegen weil die Haare um einiges kürzer sind aber an sich mag ich dieses Schubladensystem nicht. Dass es auf offener Straße durch gewisse Merkmale leichter wird jemanden vom eigenen Team zu erkennen mag für uns ein Vorteil sein aber das kann auch in die Hose gehen wenn man jemanden vor sich hat der intolerant ist.
    Was mir zu dem Thema noch einfällt ist, dass ich glaube, dass es bei Liebe nicht um das Geschlecht geht sondern um den Menschen. Zumindestens bei Frauen bin ich mir sicher, dass eigentlich jede Bi ist und sich alles ändert wenn die richtige vor ihr steht. Und so sollte es auch sein. Liebe ohne Ausgrenzung von Hautfarbe, Geschlecht oder Religion. Ich kann für mich selbst nicht ausschließen, dass ich mich nicht doch irgendwann wieder in einen Mann verliebe (obwohl ichs mir nicht vorstellen kann XD).

    • Das mit „Liebe und Geschlecht“ ist ein tricky Ding. Liebe im Sinn von verliebt sein (also nicht die Liebe, die man für Freunde hat) hat ja auch viel mit Anziehung zu tun, und Anziehung hat auch viel mit Körper und Chemie zu tun, aber auch das ist natürlich von Person zu Person verschieden. Letztlich ist wohl alles einfach wie eine riesige bunte Fläche, wo diverse Farben verschiedene Aspekte von allem möglichen darstellen und alles fließend ineinander übergeht. Anziehung und Liebe sind ganz vieldimensionale Gefühle, und es ist schwer zu sagen, wo ein Faktor beginnt und ein anderer endet.

      Es macht für mich zum Beispiel auch keinen Sinn, ganz pauschal von „homo-“ oder „heterosexuell“ zu sprechen, da es ja viiiiiiieeeeele verschiedene Typen von Frauen* und Männern* (abgesehen von den zig anderen Geschlechtern) gibt, und ja auch da jeder eigene Präferenzen hat. Niemand steht ganz einfach undifferenziert auf „Frauen“ oder „Männer“.

      Dass alle Frauen tendenziell bi sind, glaube ich nicht. Ich hab schon Frauen kennengelernt, die meinten, sie wären wirklich gerne bi aber sie sind es leider nicht ;) Aber ich glaube dass sowohl bei Männern als auch Frauen sehr viel mehr Menschen Bi-Tendenzen haben, als ihnen bewußt ist oder sie zugeben möchten.

  6. Und wie siehts mit einem gaydar bei eigentlichen Heteras aus? Ich schwärme als Frau (in Mannbeziehung) für eine Kollegin (verheiratet, Kinder), die sich mittlerweile mir gegenüber sehr merkwürdig verhält. Gefühle können wohl auch sein. Und das hat dann auf irgendwelche merkwürdigen Weisen Auswirkungen auf das reale Leben.

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