Offener Brief an die Christen-Fundis

Es ist also endlich wieder Regenbogenparade, und wie schon letztes Jahr veranstalten eine Gruppe fundamentaler Christen wieder eine Gegendemo (und zum Glück gibt es, ebenfalls wie schon letztes Jahr, eine Gegen-Gegendemo, bei der auch die sugarbox dabei sein wird).

Dass wir alle diese ”Veranstaltung” völlig verrückt finden ist ja klar. Homophobie hat in einer modernen Gesellschaft nichts zu suchen, und eine solche Gegendemo stinkt nach Ignoranz und Feindseligkeit. Aber abgesehen davon möchte ich heute auch erklären, wieso sich eigentlich ganz besonders christliche Menschen von jeglicher Form von Homophobie distanzieren sollten.

Es ist nämlich folgendermaßen: Christen glauben an Jesus (Christus, daher der Name dieser Religion). Jesus verliert allerdings kein einziges Wort über Homosexuelle. Wenn homophobe ”Christen” also gegen Homosexuelle argumentieren, dann greifen sie dazu auf ein paar Zeilen aus dem Alten Testament zurück. Am häufigsten auf Leviticus, welches Teil der alten Gesetze der Juden ist. Da stehen so einige Anordnungen drin, zum Beispiel auch dass man kein Schweinefleisch essen darf oder keine Kleidung tragen darf, die aus mehr als einem Stoff gefertigt ist. Dass es ziemliche Heuchelei ist, einige dieser Anweisungen militant zu propagieren und andere als überkommen zu betrachten und daher zu ignorieren, ist offensichtlich. Aber auch mit der zentralen Botschaft des Christentums steht ein verbissenes Festhalten an diesen alten Regeln im Konflikt.

Der Kern des Alten Testaments ist, sehr einfach erklärt, dass alle Menschen für die Sünde von Adam und Eva büßen müssen. Daher sollen all diese Regeln befolgt werden, um diese Sünde wieder gut zu machen. Doch dann kam Jesus und alles wurde anders als er für die Menschen auf dem Kreuz starb (weil das so ein großes Ding war, wurde das Kreuz ja erst zum Symbol für die christliche Religion). Durch den Tod von Jesus bekam die Menschheit quasi einen Neuanfang, und weil Jesus den Menschen ein neues Gesetz gab, wurden die alten Gesetze unnötig:

Joh 13:34 Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebt habe, auf daß auch ihr einander liebhabet.

Wie wichtig dieses neue Gesetz ist sieht man auch daran, dass Jesus im Neuen Testament ganze 13 Mal darauf hinweist. Und ganz besonders deutlich wird es in der folgenden Passage:

Römer 13.8 Seid niemanden etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren“, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Ecce Homo

Würde Jesus nicht auch auf die Regenbogenparade gehen, wenn er heute leben würde?

Daraus ergibt sich also, dass alle jene Menschen, die zum Beispiel auf Sodom und Gomorra (zu diesem Thema gibt es für Interessierte hier eine interessante Diskussion) oder auf Leviticus zurückgreifen, etwas sehr sehr fragwürdiges tun, und zwar willkürlich auszuwählen, welche Teile der Bibel sie für sie gelten sollen und welche nicht. Homosexualität ist also schlecht, aber Anweisungen bezüglich Sklavenhaltung oder Tieropfer werden ignoriert. Doch noch schlimmer, aus christlicher Sicht, ist die Tatsache dass sie das große Opfer von Jesus und sein damit einhergehendes Gebot ignorieren und sich stattdessen weiterhin auf die alten Gesetze berufen. Damit sagen sie eigentlich: Was Jesus getan hat, ist für uns nicht genug. Wir suchen uns weiterhin ein paar uralte Gesetze aus, die Jesus selbst ungültig gemacht hat, und propagieren diese weiter.

Meiner Ansicht nach dürfen sich daher jene Leute, welche die Gegendemo zur Regenbogenparade veranstalten, überhaupt nicht als Christen bezeichnen, denn die wirklich ”fundamentale” Botschaft von Jesus haben sie überhaupt nicht verstanden. Denn diese Botschaft, der absolut wichtigste Punkt des ganzen Christentums, lautet: Hasst nicht, liebt einander.

1Joh 4:19 Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?

Die bilder sind beide von Elisabeth Ohlson Wallin, hier könnt ihr mehr über sie lesen!

One thought on “Offener Brief an die Christen-Fundis

  1. Hallo Zuckerwatte,

    wie du richtig erwähnst ist die antihedonistische Strenge teilweise im alten Testament enthalten. Im neuen Testament findet die stoisch disziplinierte sexuell enthaltsame Art erst durch den Römer Salaus/Paulus Einzug. In diversen Evangelien wird erwähnt, dass Jesus auch vor Zöllnern und Huren predigte, wie auch schon Johannes der Täufer.Angeblich enthält die Stelle eine homoerotische Anspielung, wo Jesus den Jüngling von den Toten auferweckte und er dann bei dem nur in Leinen gekleideten Auferweckten schlief!

    Die orthodoxen und andere orientalischen Christen (wie z.B. die Thomaschristen) hatten nie diese krankhafte Sexualmoral, wie die römisch katholische Kirche, wobei die jetzige extreme Ausprägung schon an mittelalterliche Auswüchse mit der Todsünde der Wolllust erinnert.
    Aber es gab auch in der Geschichte der katholischen Kirche immer wieder Phasen, wo das Zölebat einfach nur als ehelos leben angesehen wurde (damit keine ehelichen Kinder Anspruch aut Besitztümer der Kirche als Erben stellen) und sexuelle Handlungen wurden nur als leichte Sünde betrachtet, die man einfach beichten konnten.

    Ich kenne einen Exorzist, der homo- und heterosexuelle Erfahrungen machte und der sieht das heute noch so. Allerdings ist er inzwischen nicht mehr römisch katholisch, sondern hat zu einem anderen Bekenntnis konvergiert.

    Ich assoziere mit Homophobie auch immer das 3. Reich, Russland und die konservative republikanische Tea Party. (Der Islam und die arabische Kultur ist weniger homofeindlich, hat aber mit Steinigung von Frauen in ihren Extremen andere Probleme.)

    Bestimmte Sexualität ist heutzutage noch immer eigenartig belegt. Ich denke mir mündige volljährige Bürger_innen sollen die sexuelle Art wählen, die ihnen zusagt und solange alle es freiwillig machen und es zu keinen groben körperlichen Schäden kommt, gibt es dagegen nichts zu sagen.
    Warum Menschen deswegen dagegen überhaupt auf die Strasse gehen, aber nicht gegen Krieg, Umweltkatastrophen oder Menschenrechtsverletzungen werde ich nie verstehen.
    Vielleicht ist die Motivation ganz simpler archaischer Rudelüberlebenstrieb. „Anders ist möglicherweise feindlich gesinnt und ist auf alle Fälle potentiell gefährlich für die Art, der ich angehöre.“

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