Bizarre Fundamentalist_innen hautnah

Die christlichen Fundamentalist_innen hielten, wie auch schon letztes Jahr, heuer wieder eine Demonstration gegen die Regenbogenparade ab und alles wofür sie steht: nämlich Gleichberechtigung und Gleichbehandlung homosexueller Menschen. Natürlich mischten sie, wie zu erwarten, auch Themen wie Pädophilie, Abtreibung und den dramatischen Untergang der heiligen Geschlechterdichotomie durch die „Genderlüge“ mit unter. Zum Beispiel würden durch die staatlich geförderte feministische Einmischung mittlerweile Kuschelecken in Kindergärten installiert, die die Kinder aufforderten, dort miteinander „Doktorspiele“ zu treiben und zwar auch gleichgeschlechtliche. Das ist nur eine von vielen sehr amüsanten Statements, deren Zeugin ich werden durfte (vgl. Tonmitschnitt ganz unten).

Und ich schreibe hier bewusst, „deren Zeugin ich werden durfte“, denn im Unterschied zum letzten Jahr haben die fundamentalistischen Christen heuer ganz offensichtlich sehr großen Wert darauf gelegt, unter sich zu bleiben und nicht von den „perversen Homos“ gestört zu werden, während sie ihre Wahnvorstellungen miteinander teilten.

Ich konnte nur glücklicher Weise und durch viel unauffälliges Geschick dazu stoßen, indem ich die zahlreichen Polizist_innen als „unwissende Passantin“ (und allein) umging und den Minoritenplatz (wo die  fundamentalistischen Demonstrant_innen schließlich ihre Abschlusskundgebung hielten) umkreisend, durch Zufall den einzigen, kleinen Schleichweg entdeckte, der nicht von der Polizei versperrt wurde.

So kam ich „zufällig“ an der Kundgebung „vorbei“ und blieb ganz „unwissend“ und deshalb „interessiert“ stehen, um ein bisschen „mitzuhören“. Und das, was ich mitgehört habe, konnte ich (der multimedialen Revolution sei Dank!) ebenso unauffällig mit meinem iPhone mitschneiden und enthalte ich euch nicht vor. Ich war leider nicht von Anfang an dabei, aber fast alles, was ich hörte, habe ich auch aufgenommen und findet ihr – ungekürzt – zu Schluss meines Artikels.

Abgesehen von den, wie zu erwarten, völlig verzerrten und bizarren Inhalten der verschiedenen Reden, war die ganze Atmosphäre und Stimmung, die ich als jemand, der nicht dem klassischen Bild eines christlich-gläubigen Menschen entspricht und der dementsprechend auffiel (obwohl allein und ganz ruhig), zu spüren bekam, mindestens genauso bizarr und teilweise fast schon bedrohlich.

Nachdem ich als allererstes auf meinem iPhone die Aufnahme einrichtete und es die weitere Zeit einfach unauffällig in meiner Hand hielt, sah ich mich als zweites nach „Gleichgesinnten“ um und wurde auch fündig: Mir fiel sofort ein junger Mann, wahrscheinlich ungefähr in meinem Alter, auf, der so wie ich am Rand herumstand und aber im Unterschied zu mir nicht versuchte zu verbergen, dass er sozusagen von der „Gegenseite“ ist. Er schüttelte in regelmäßigen Abständen und an den richtigen Stellen den Kopf bzw. schmunzelte und lachte die meiste Zeit vor sich hin – etwas anderes gab es auch kaum zu tun bei all den Absurditäten, die die christlichen Fundamentalist_innen von sich gaben.

Ich nenne diesen jungen Mann ab hier der Einfachheit halber „Typ S.“ (wie „Typ mit schwarzen Haaren und Bart“ – Hallo übrigens lieber Typ S., ich habe dir eine Visitenkarte von sugarbox gegeben und vielleicht liest du ja gerade den Artikel!). Warum nenne ich dich, lieber Typ S., Typ S.? Ich weiß nicht ob du es mitbekommen hast, aber da gab es auch noch einen gar nicht so lieben Typ R. (=Typ mit roten Haaren und Bart), der mich sehr bald entdeckte und ziemlich unangenehm ansprach.

Alles begann damit, dass er (der nicht-liebe Typ R.) sich in meine Nähe stellte und mich ziemlich prüfend: „alles klar?“ fragte. Worauf ich ihm nur mit einem unschuldigen „jaja“ antwortete. Irgendwann fragte er mich ob ich denn wüsste, worum es hier geht oder ob ich nur zufällig vorbei gekommen wäre und auch hier stellte ich mich bewusst dumm und meinte, dass ich nicht genau wüsste worum es ging. Daraufhin gab er mir einen Flyer (siehe unten), den ich in Folge „interessiert“ las. Dann ließ er mich wieder in Ruhe und ging wo anders hin.

Fundiflyer

Zwischenzeitlich nahm ich Augenkontakt zu Typ S. auf, der mich gleich ansprach und fragte, ob ich wohl bestimmt auch nicht „da dazu“ gehöre. Ich schüttelte den Kopf und war ihm gegenüber etwas reserviert, da ich mich vor den anderen nicht als „Gegnerin“ outen wollte, weil ich schon wusste, dass ich und auch er ziemlich unter Beobachtung standen und das nicht gerade besonders wohlwollend.

Ich sagte ihm nur sehr schnell und beiläufig, dass ich einen Artikel schreiben möchte und hier mitschneide und gab ihm unsere Visitenkarte. Kurz darauf bot er mir noch verbündend eine Zigarette an, die ich annahm, und er anzündete. Wir tauschten nach der Zigarettenübergabe noch schmunzelnde Blicke aus und dann setzte ich mich ein Stück weiter weg, um weiterhin unauffällig zu bleiben.

Wer nun an dieser Stelle schon das Gefühl hat, ich erzähle hier wie jemand, der auf streng geheimer Mission war und mit diesem Jargon etwas übertreibt, irrt: Ich war dort, am Rand der Kundgebung stehend bzw. sitzend und diese recht schnelle, prüfende Begegnung mit Typ R., gleich anfangs, fast die ganze Zeit von feindseligen Blicken umringt, und meine Befürchtung zum Verlassen der Veranstaltung aufgefordert zu werden, hätte ich mich ein bisschen auffälliger verhalten, waren, von dieser Grundstimmung aus zu urteilen, durchaus berechtigt.

Ich fühlte mich tatsächlich wie auf geheimer Mission und unter der Gefahr „entdeckt“ und zum Gehen aufgefordert zu werden. Und diese Dynamik ging nicht von mir aus. Die Fundamentalist_innen beobachteten mich und ich fühlte mich eher wie in einem falschen Film, in dem ich eine Rolle spielen musste, auf die ich keineswegs vorbereitet war und die ich mir schon gar nicht wünschte, sondern emotional äußerst unangenehme Begleiterscheinungen hatte. Wie eben jemand, der durch seine reine und passive Anwesenheit die Missgunst einer ganzen, durch die Anzahl überlegenen Gruppe auf sich zieht und in jedem Moment mit Mobbing bei einer falschen Bewegung zu rechnen hat. Typ S. war da ganz offensichtlich sehr viel selbstbewusster als ich. Hatte aber auch keinen Artikel über die Geschehnisse im Hinterkopf, der einen Rauswurf weniger verschmerzbar gemacht hätte.

Nun ja, es dauerte nicht lange, während ich und mein iPhone so der christlich-fundamentalistischen Paranoia lauschten, bis Typ R. wieder an mir vorbei maschierte, diesmal mit der Frage ob er sich „zu mir setzen“ dürfe. Wieder unter der Intension der Unauffälligkeit bejahte ich und ab da versuchte er mich in ein Gespräch zu verwickeln, während mir die ganze Zeit klar war, dass er dies tat, um mich irgendwie zu „erwischen“ oder eben „aufzudecken“, was mir sehr sehr unangenehm war und weiche Knie und ein schneller schlagendes Herz erzeugten. Auch sein unangemessenes Distanzverhalten (bei beiden Begegnungen kam er mir körperlich unangebracht nahe), waren Grund für mein sehr großes Unbehagen fast die Gänze der Zeit „unter den Christen“.

Er erzählte mir unter anderem, dass „in Paris eine Million Leute“ zu einer ähnlichen Veranstaltung kamen. Es gab Momente wo ich schon dachte, dass er wirklich „nur mit mir reden“ will, aber nachdem ich es schaffte (da mein Unbehagen trotz allem schon zu groß war) das sehr kurze, aber dennoch Gespräch zu einem Ende zu führen und mich zu „verabschieden“, ließ er zwei Sätze los, die mir endgültig klar machten, dass er gezielt mein Unbehagen auslösen wollte und ich mit meiner Vermutung richtig lag, dass er mich „aufdecken“ und raus drängen wollte. Zum einen sagte er mit einer eindeutig zynischen und fast schon drohenden Visage: „Sehe ich dich wieder?“ und zum anderen gab er mir zur Verabschiedung noch den Hinweis, dass „rauchen sehr ungesund ist“. So als kleiner Wink, dass er mich und Typ S. beobachtet hat, wie wir sozusagen sekundenhaft „verbrüdernde“ Gesten und Blicke austauschten (sowie eben die symbolische Zigarette, davor und auch danach habe ich nicht geraucht) und Typ S. ja von Beginn an als „Gegner“ identifizierbar war. Und er mich also deshalb „durchschaut hat“, was er mir mit diesem letzten Kommentar noch bewusst zu verstehen geben wollte.

Ab diesem Zeitpunkt war mir auch klar, dass ich in diesem Sinne sein Spiel mit mir „verloren“ hatte, indem ich vor lauter Unbehagen wirklich ging. Und dennoch bin ich nun reicher, erstens um die Tonmitschnitte und zweitens ob der Ungläubigkeit, wie unfassbar manipulativ und feindselig diese Anhäufung an Menschen eingestellt sind/waren.

Angefangen von der Tatsache, dass sie sich sowohl die Polizei als auch den Ort so eingerichtet hatten, dass „Störenfriede“ fast keine Chance hatten auch nur mitzuhören, was sie an einem öffentlichen Platz von sich geben, bis hin zur zweiten Tatsache, dass ich als eine von ganzen 2 (!! = Typ S. und ich) Menschen der „gegnerischen Seite“ beobachtet und bearbeitet wurde, wie eine Art „gefährlicher“ oder eben zumindest misstrauenswürdiger Spitzel des Feindes, der verdrängt und bekämpft werden muss und nicht einmal ganz still und friedlich mithören darf.

Ich habe mir bewusst erspart diese Zeilen hier zu nutzen, um wiederzugeben, was die „Christen“ so alles an inhaltlichen, paranoiden Befürchtungen und Irritationen von sich gaben, weil es ohnehin immer das Gleiche und ebenso ohnehin nicht ernst zu nehmen ist. Und ehrlich gesagt bin ich ursprünglich aus reinem Voyeurismus zu ihrer Veranstaltung gegangen, um den einen oder anderen amüsanten Moment zu haben, nachdem mich persönlich die eigentliche Parade nicht so interessiert auf die die anderen sugarbox-Menschen inzwischen marschierten. Wen die Inhalte interessieren, kann gerne die schon erwähnten Mitschnitte weiter unten anhören, wo teilweise auch die „Gespräche“ zwischen mir und Typ R. zu hören sind, allerdings eher schlecht (erster Mitschnitt mittendrin, zweiter Mitschnitt ca. die letzten 3 Minuten).

Und ich hatte außerdem so oder so vor einen kleinen Artikel über die Veranstaltung zu posten, stellte mir da aber eher ein paar Fotos mit ein paar Kommentaren vor, weil ich nichts besonderes, außer die ewig-gleichen, abgedroschenen und unzurechnungsfähigen Schwindligkeiten à la „die Homos wollen unsere Kinder pervertieren und die Feministinnen Gott kastrieren“, erwartete. Aber nachdem nun alles so ablief wie es ablief, rückte diese manipulative und feindselige Art, die ich heute am eigenen Leib zu spüren bekam, in den Vordergrund und machten es Wert, hier geschildert zu werden. Wobei man im Hinterkopf behalten muss, dass das, was ich erlebte ja ziemlich harmlos war und trotzdem ging ich mit einem wirklich schummrigen und benommenem Gefühl wieder nach Hause.

Zusammengefasst kann man sagen, dass am Ende alles eine Begegnung der dritten Art war und mir der Humor, mit dem ich noch in die Sache, ganz übermütig, hinein ging, sehr plötzlich vergangen war. Und wenn ich nicht wüsste, dass diese Minderheit an Fundamentalist_innen kaum Chance haben, demnächst ernst genug genommen zu werden, so dass eine reale Möglichkeit existieren würde, dass sie tatsächlichen Einfluss auf Politik und Gesellschaft bekämen, wäre ich nicht so entspannt, wie ich momentan schon wieder bin. Denn zum Glück sind alle Forderungen und Befürchtungen ihrerseits bizarr und abwegig genug, dass sie es wohl nicht mal in Österreich schaffen, Gehör zu finden, zumindest nicht flächendeckend genug.

Es grüßt, die göttinnenspeise.

4 thoughts on “Bizarre Fundamentalist_innen hautnah

  1. Bitte setzt endlich die Homoehe um, ich als Mann und Pirat kämpfe auch besonders für die Homoehe von Lesben mit künstlicher Befruchtung oder Adoption. Viele Frauen sind heute noch der Ansicht, dass der Mann die Familie ernähren muss, aber sie wollen auch, dass der Mann 50:50 im Haushalt mithilft.
    Die Homoehe würde hier einen echten Paradigmenwechsel auslösen und für mehr Gleichstellung in Bezug auf Rechte und Pflichten bewirken.
    Das hilflose Weiblein würde dann endlich der Vergangenheit angehören, wenn jeder sieht, dass in einer lesbischen Homoehe 1-2 leistungsstarke Frauen, die Familie versorgen!

    • Ich meine damit, Argumente wie die folgenden wären dann nach einiger Zeit vom Tisch und es würde sich mehr in Richtung echter Gleichstellung in Bezug auf Menschenrechte und Menschenpflichten tun:
      „Der ist der Mann und Familienernährer, der muss mehr Gehalt bekommen“
      oder
      „Weil Männer mehr Gehalt bekommen sollen sie später in Pension gehen“
      oder
      „Frauen bekommen durch das niedrigere Pensionsantrittsalter so wenig Pension, weil ihnen wichtige Jahre fehlen!“

...und was sagst du dazu?

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