Die Lesart des Seins der „Generation Spass“

Seit ich die 25er-Marke (Baujahr 1984) übertreten – und noch viel akuter  – seit ich zu arbeiten begonnen habe, beschäftige ich mich fieberhaft mit der Frage, was es denn nun heißt „erwachsen“ zu sein. Seit Jahren warte ich auf ein Gefühl, das sich einstellt, welches dem Gefühl einer „Erwachsenen“ entsprechen könnte. Nur leider kommt es nicht.

Ich dachte ja spätestens mit Arbeitsantritt und der so lang ersehnten Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, würde ich mich endlich „groß“ fühlen – nix da. Aus irgendeinem Grund hat meine Psyche die geldspendenden Eltern einfach nur durch die Firma, in der ich jetzt arbeite, ersetzt. Gefühlt ist diese Firma seit einem Jahr meine Mama, die mir Geld zusteckt, weil ich 5 Mal die Woche jemanden mime, der arbeitet. Mein Job ist sehr stressig und manchmal lasse ich meinen letzten hauchdünnen Nerv dort, aber ich identifiziere mich nicht mit jemandem, der durch den Job allein für sich sorgt und deshalb autonom und unabhängig im Leben steht. Und ich weiß nicht so genau warum.

Dann dachte ich: vielleicht fühlt man sich erst erwachsen, wenn man selbst Kinder hat. Eine meiner liebsten Freundinnen gehört seit Ende August zu den jungen Eltern und als ich sie danach fragte, konnte auch sie mit dem Gefühl „erwachsen“ zu sein nicht viel bis gar nichts anfangen. Auch im Umgang mit ihrem kleinen (zum auffressen süßen!) Sohn wirkt sie eher jugendlich und unbefangen, das Kind lacht sehr viel und sie treibt umgekehrt Scherze mit ihm. Abgesehen davon, dass selbstverständlich die Mutterliebe, die auch sie betrifft, sie zu einer sorgenden, ihrer Verantwortung bewussten, jungen Mama macht, meint sie trotzdem, dass dieses Übernehmen von Verantwortung für den Kleinen nichts ist, das mit einem Gefühl des erwachsen-seins verknüpft ist, sondern einfach ganz automatisch und implizit passiert.

Und wenn ich mich umsehe, egal ob im ungefähr gleichaltrigen Freundeskreis, oder bei anderen Leuten meines Alters, die plötzlich nicht mehr rauchend und in Converse vor der Uni hocken und etwas unglaubwürdig ihre neue Intellektualität beschwören, sondern an den Bankschaltern und in Büros zu finden sind, sehe ich nirgens Menschen, unter denen ich mir „Erwachsene“ vorstelle.

Sind heutige „Erwachsene“ anders er-wachsen oder ist mein Eindruck einfach nur eine Täuschung, weil vielleicht eine Art (Über)Respekt vor den Erwachsenen wegfällt, da ich jetzt ja angeblich selbst eine bin?

Ich glaube ersteres. Ich persönlich sehe einen unwahrscheinlichen Unterschied zwischen meiner Generation und noch der Generation meiner Eltern. Mir kommt vor, als hätte meine Elterngeneration eine noch viel größere Ernsthaftigkeit und auch Art Vorsicht dem Leben gegenüber. Mir scheint Regeln und korrektes Handeln, sprich Soll-Vorgaben, spielen oder spielten in ihrer Welt eine noch viel größere Rolle als in unserer. So was wie Korrektheit und Anpassung, sei es im Berufsleben oder im Privaten, scheinen bei ihnen noch viel ausgeprägter als bei uns. Und auch die Empörung darüber, gegebenenfalls jemand missachtet diese Regeln oder Anpassung.

Wer und wie sind dann aber „wir“? Im Unterschied dazu beobachte ich fast überall diese neue Generation zu der ich gehöre – als wir im Jugendalter waren nannte man uns „die Spassgeneration“ – und irgendwie behält diese Betitelung Recht. Die meisten Situationen werden mit Humor behandelt, man geht mit einer viel größeren Leichtigkeit, Offenheit und eben auch Unernsthaftigkeit an die Dinge heran. Am stärksten beobachte ich das am Stil, wie Beziehungen dieser Generation betrachtet und auch geführt werden. Ein Streit bei dem die Fetzen fliegen, wird schlichtweg mit einem blöden Witz und Gelächter beendet, der_die andere mit den Eigenheiten, vielleicht auch beim Streiten, auf die Schaufel genommen. Aber es muss nicht mal der Streit sein, der anders gelöst wird, die Umgangsweisen erscheinen mir grundsätzlich zweideutiger, irgendwie ironisch, eben humoristisch und schon mal mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus aufgeladen, den kaum jemand in die falsche Kehle bekommt, sondern zu einer Art völlig unauffälligem Slang geworden ist.

Abgesehen davon, dass Humor eine große Rolle zu spielen scheint, wie wir Dinge lösen und betrachten, scheinen wir uns viel stärker als Individuen wahrzunehmen, die sich gedanklich daran orientieren, was sie wollen und brauchen und nicht daran, was sein soll und vorgegeben ist. Das äußert sich in der Berufswahl, aber eben auch an den unterschiedlichsten Vorlieben, Beziehungen und Freundschaften zu führen. In den Berufen vermischen sich zunehmend die „Zugehörigkeiten“, so beschließt zum Beispiel der frisch gebackene Akademiker Straßenbahnfahrer zu werden, einfach weil es ihm mehr Freude macht durchs geliebte Wien zu gondeln, als in einem Büro zu sitzen, wo sein Titel vielleicht eher gefragt wäre.

Im Beziehungsleben wird wild experimentiert mit losen Geschichten, offenen Beziehungen, strikt getrennten Wohnungen oder doch gemeinsamen mit aber wenigstens ein paar Rückzugsorten, Kombinationen aus allen möglichen Beziehungsvarianten, Polyamorie, nach dem Ende einer Beziehung bleibt man gut Freund, usw. und so fort. Auch hier äußert sich, dass wir sehr stark an uns selbst orientiert sind und den Mut haben, entgegen allen erdenklichen Konventionen zu erproben welche Varianten die für uns angenehmsten und für die Persönlichkeit entsprechendsten sind, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, welche Grenzen bisher existierten.

Waren in unserer Elterngeneration alle Lebensbereiche durch noch implizite, ziemlich genaue gesellschaftliche Regeln und Normen bestimmt und durchzogen, wie zum Beispiel die Ehe („Du sollst sie lieben und ehren,…“) oder die adäquate Berufswahl (zum Beispiel am Geschlecht oder der „Schicht“ orientiert), verbringt unsere Generation viel Zeit damit, sich die Frage zu stellen, wer man selbst, ganz im speziellen, ist und sein will und hat kaum Scheu oder geniert sich dafür genau so zu leben. Und findet, zumindest unter Gleichaltrigen, einen ebenso breiten Boden an selbstverständlicher Akzeptanz des in Eigenregie gewählten Lebensstils und Individualismus.

Und: diese Spaßgeneration mischt seit neuestem im „echten Leben“ mit und setzt Kinder in die Welt. Die Persönlichkeit ist soweit ungefähr fertig entwickelt, der Bildungsweg abgeschlossen und plötzlich trudelt sie in die Arbeitswelt ein. Was das alles womöglich Neues bewirken wird, lässt sich noch nicht so recht sagen, aber es zeichnet sich schon ab, dass auch hier die Herangehensweise eine andere ist, als die unserer Eltern. Irgendwie lockerer und mit kleinen, aber feinen und heimlichen Regelbrüchen hier und da. Fotos auf Facebook, die einen hinter den Arbeitscomputern mit den Kolleg_innen einen Jägermeister stürzen zeigen oder den Hund, der gerade das Protokoll fürs Meeting frisst.

Warum? Warum sind wir so „anders“, als noch unsere Eltern, deren genetischen als auch erzieherischen Einfluss wir in uns tragen?

Ich für mich habe die Theorie aufgestellt (wobei ich natürlich nicht weiß, ob das „meine Theorie“ ist und nicht schon längst von zig anderen Menschen aufgestellt und ausgeklügelt wurde), dass der Unterschied deshalb so signifikant ist, weil wir die erste Generation sind, die Friede, Sicherheit und Demokratie als selbstverständlich verinnerlicht hat.

Unsere Eltern wurden groß, als all das noch sehr jung, neu und im Aufbau war und wurden außerdem von unseren Großeltern erzogen, die nie wirklich eine stabile soziale und politische Lage erfuhren, ganz zu schweigen davon, dass sie mit Krieg und Tod konfrontiert waren. Und dies selbstverständlich eine große Ernsthaftigkeit nötig machte. Genauso ernst nahmen sie im Umkehrschluss die entstehende Demokratie und den sozialen Frieden, der wiederum nur erhalten werden konnte, wenn man genaue Regeln aufstellt und auch beachtet, sich korrekt daran hält und dem korrekten Funktionieren des demokratischen Staatswesens viel Respekt und Ernst entgegen brachte. Alles muss geregelt sein, denn Regeln verleihen Sicherheit – Sicherheit, die logische Sehnsucht der Kriegsgeneration. Und dieses Gedankengut und auch die Unselbstverständlichkeit des neuen Systems, da alles im Aufbau und die Kriegsgeschichten der Eltern in den Knochen, bekamen auch unsere Eltern mit.

Wir hingegen konnten es uns von der Stunde unserer Geburt an leisten, darüber nachzudenken, was das „Selbst“ ist, da alle Grundbedürfnisse ganz selbstverständlich gedeckt zu sein schienen und wir uns wenig bis keine Fragen stellen brauchten, ob wir politisch sicher sind oder irgendwann das Essen ausgeht. Für uns (in Europa) ist Demokratie und Friede selbstverständlich, wir wissen vielleicht, dass theoretisch natürlich auch hier Kriege ausbrechen könnten, aber das ist kein Wissen, das sich in unserem emotionalen Gedächnis eingebrannt hat, es ist nichts, das als reale Angst in unserer Persönlichkeitsstruktur eingenistet ist und unser Verhalten bestimmt, sondern nur eine abstrakte und theoretische Möglichkeit, die sich nicht gänzlich ausschließen lässt. Wir erachten Sicherheit als „normal“ und haben deshalb einen frecheren Umgang mit Regeln, stellen die Notwendigkeit von Regeln sogar in Frage und übertreten gerne Grenzen. Vielleicht kamen wir ohne diese Liebe zu Regeln auf die Welt, weil die Welt in die wir geboren wurden ja schon geregelt war.

Wir konnten und können uns eigentlich permanent mit uns selbst und unseren sozialen Beziehungen beschäftigen, nehmen vieles auf die leichte Schulter – offene Beziehung? Warum nicht? Fragt sich die Spassgeneration, denn niemand ist mehr abhängig vom anderen in diesem engen Sinne. Außerdem sind wir eine Generation, die sich sträubt von anderen eingeordnet zu werden oder sich selbst irgendwo einzuordnen.

Vielleicht denkt das jede Generation von sich, aber ich glaube, dass die „Generation Spass“, so wie man uns nannte, eine Schlüsselgeneration ist. Ich glaube wir sind eine sehr gute Mischung aus Akzeptanz anderen Lebensformen gegenüber, trotz allem kritischen Bewusstseins, dem Willen und der Bereitschaft Verantwortung für die eigene Person zu übernehmen und genug Gelassenheit das alles unter einem bisschen Scherz- und Larifari- geleitetem Überbau zu gestalten.

Es grüßt, die göttinnenspeise

5 thoughts on “Die Lesart des Seins der „Generation Spass“

  1. Super geschrieben! Ich bin bald im Jahrzehnt mit dem Bösen 4 er und fühl mich auch noch nicht erwachsen….und das soll so bleiben! Es grüßt das schokokeks :-)

  2. erwachsen? was das ist frage ich mich schon seit mein opa das 1. mal sagte „jetzt beginnt der ernst des lebens“…. das sagte er als ich in die 1. klasse kam…. das wiederholte er dann bei jedem Schulwechsel. Ich dachte immer etwas würde sich ändern. Tat es aber nicht! Das einzige was blieb, war eben die Frage: Was passiert bei ihm, was bei mir nicht passiert? Wurde er erwachsen ab einem gewissen Zeitpunkt? Was machte dieses „erwachsen sein“ aus?

    Ich für mich fühl mich nicht erwachsen, weil mein Leben und das fast aller aus unserer Generation immer auf einem wackeligen Bein steht. Stichwort Sicherheit, Friede und Demokratie, die du ansprichst: ich merke das wenig. Ich behaupte sogar das Gegenteil ist der Fall: Das Geld (=Macht), die wir NICHT haben, lässt es nicht zu, dass wir uns „erwachsen“ fühlen – also so wie unsere Eltern noch, die kaufen konnten. Wer aus unserer Generation kann sich schon eine eigene Wohnung oder Besitz kaufen? Und wenn wir Geld erben und es ginge, sowas zu kaufen, es geht trotzdem nicht, weil wir mit dem was wir verdienen es gar nicht mal erhalten können….. FAZIT: Geld=Macht=Gefühltes „Erwachsensein“… das ist es für mich….

  3. Wow, was fuer ein super Artikel! :)

    Faszinierend finde ich, wie sich langsam herausstellt, dass die „Generation Spass“ durchaus das zusammenbringt, wovon unsere Elterngeneration noch dachte, dass es nur mit grosser Ernsthaftigkeit moeglich waere.
    Tatsaechlich sind einige der schlauesten, innovativsten und zuverlaessigsten Leute die ich kenne gleichzeitig ziemliche lustige, zeitweilig wirre und ironische sowie selbstironische Menschen. Sie erledigen alles mit einer gewissen Spontanitaet und Leichtigkeit, lieben das Querdenken, kommen beim Herumbloedeln auf neue Ideen, und brechen Regeln, um dadurch im Endeffekt alles noch besser zu machen als es irgendwelche Vorgaben jemals koennten.

    Ich glaube, daran aendert auch das Geld nichts, ich beobachte das echt quer durch alle sozialen „Schichten“. Gleichzeitig sehe ich allerdings, dass viele Konservative viel staerker noch diesen Glauben an Ernsthaftigkeit und das Erwachsensein zu haben scheinen als die eher progressiv Eingestellten. Da brauche ich eigentlich nur mal die OeH-Wahlwerbevideos von GRAS, KSV am einen Ende und die von AG, RFS am anderen Ende ansehen. Und irgendwie wirkt diese erwachsene Ernsthaftigkeit etwas steif und verstaubt auf mich, als wuerde sie eher die Faehigkeit das Leben zu meistern ausbremsen und in enge Schranken verweisen, anstatt eine(m|r|_) [https://xkcd.com/208/]* dabei behilflich zu sein.

    * ok, das ist wohl ein ziemlicher Insider, haha :D

  4. Ich kann diesem wunderschön geschriebenen Artikel nur vollen Herzens beipflichten :) Vielleicht bzw. hoffentlich läutet unsere Generation gerade tatsächlich einen gesellschaftlichen Wandel ein, weg von „sollte und müßte“ und hin zu „so bin ich, das macht mich glücklich“. Meine Theorie ist ja außerdem, dass hier auch social media eine Rolle spielen, nämlich konkret der „ich stelle mich dar“ Aspekt dieser jener. Natürlich kann mensch es hier auch übertreiben, aber prinzipiell finde ich die Entwicklung, dass Menschen ihr Leben und ihre Vorlieben, Interessen, Wünsche, Erlebnisse und alles mögliche, ihr individuelles Leben einfach, mit anderen teilen auch eine sehr spannende Entwicklung in der ich viel positives Potential sehe. Wir erzählen einander unsere Geschichten, und das ist schön :)

    Zum Thema Konfliktlösung noch ein paar Worte: Humor spielt hier tatsächlich auch in meiner Erfahrung eine große Rolle, und eben auch wieder der Individualismus und das Bewußtsein für echte Gefühle. Eigentlich lassen sich alle Konflikte mit Fragen wie „wie ging es dir da?“ und ehrlichen Gesprächen entschärfen, eine Strategie, die ich zB bei meinen Eltern nie gesehen habe. Da wurden Enttäuschungen immer als persönliche Angriffe bzw. Versagen des Anderen gesehen und anstatt ehrlich über Gefühle zu reden lieber an Wunschvorstellungen festgehalten und mühsam Fassaden aufrechtgehalten. „So sollen wir uns fühlen“ statt „so fühlen wir uns“. Ich bin froh, dass niemand in meinem Umkreis so tickt, sondern ich mit hellwachen, reflektierten, ehrlichen, spaßigen, verrückten Menschen gesegnet bin :)

  5. @schokomuffin: das thema social media und die entwicklung des selbst in dieser kombination, wollte ich fast auch noch einbauen, aber ich hab schnell gemerkt, dass das wiederum fast einen eigenen artikel füllen würde und habs mir deshalb mal aufgehoben ;)

    @birgit: da gebe ich dir recht. allerdings sehe ich diese besitzfrage und die damit verknüpfte „erweiterung des selbst“ auch in der veränderung.. („besitz“ ist für uns – aus politischen gründen – so negativ aufgefüllt, aber ich finde neben all der kritik schon auch, dass eben auf einen abgestimmte „güter“, die man um sich sammelt und in anspruch nimmt wiederum einen individualisierungsprozess veranschaulichen – welche kleider trage ich, wie wohne ich, was verzehre ich, welche technik bevorzuge ich, welche länder bereise ich,.. etc.. das alles sind auch momente der identität..!). jedenfalls sehe ich diese besitzfrage durch das social media wiederum im umbruch. das internet birgt riesen potenzial die frage der leistbarkeit zu untergraben, indem tauschgeschäfte, die weitergabe von gebrauchtem, couchsurfing usw. stark im entstehen bzw teils schon sehr ausgeklügelt sind.

    hach ich seh schon, es muss ein artikel über social media her!!!

    @schwesterlein und punschkrapfen: danke :) und ja: sehe ich genauso ;)

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s