Jugend in einer österreichischen Stadt

(Titel geklaut, danke Ingeborg!)

Dieser sugarbox-Beitrag fällt wahrscheinlich ein bisschen aus dem Rahmen. Er hat nichts im engeren Sinne mit Feminismus oder „queer“ zu tun, noch hat er politischen, aufklärerischen oder essayistischen Charakter. Trotzdem verarbeitet er vielleicht das innere Erleben der Jugend vieler Leute, die innerhalb „konventioneller, traditioneller“ Strukturen gemeinsam nach ihrer Identität suchten. Ich habe diesen Text vor wahrscheinlich über 3 Jahren verfasst und da er am Rande dann trotzdem auch Themen der Identität oder auch Homosexualität, streift, dachte ich: warum nicht auch mal ein Text solcher „prosaischer“ Art auf sugarbox?:

Intro: Es ist noch dunkel auf dem Weg zur Bushaltestelle. Die Großen rauchen. Wir interessieren uns für die Großen und warten auf den Ödipus. Wir rauchen härter.

Lost Ones: Wir sind gezeichnet, wir sind allein. Phantasielos stehen wir vor den Scherben unserer Kindheit und fühlen uns besonders, weil wir mehr verloren haben und tiefer gehen als die anderen. Niemand versteht uns und wir philosophieren über unsere Identitäten. Der Bauer von nebenan hat sich im Keller erhängt, wir finden das tragisch und sind eingebildet, denn es war der Bauer, den wir immer bemitleideten, sowie sein ganzes konventionelles Dasein und seine Versklavung zur Arbeit.

Ex Factor: Unsere Gesichter sind eingefroren vor nackter Angst, wir haben Vertrauen auserkoren als Angelpunkt aller Experimente, die wir brennen miteinander zu teilen. Niemand glaubt uns, dass wir lieben, aus tiefstem Herzen und mit schlimmen Schmerzen. Wir legen den Namen, den wir erhoffen, in einen Stern , den wir uns im Garten unseres Elternhauses aussuchen und beschwören. Wir behauchen ihn mit unserem sichtbaren Atem mitten im Dezember. Unsere Eltern sind abgestumpft und treten Mühlen in ihrer Ehe, die nichts mit der wahren, innigen Liebe zu tun hat, die wir erspüren, wenn der Name auftaucht und bitterlich wieder verschwindet.

To Zion: Wir sind 17 und nun wissen wir: Demokratie heißt Legislative, Judikative und Exekutive. Die geknechtete Klassenvorständin quetscht politische Bildung in ihren selektiven Geschichtsunterricht und jongliert mit ihren pubertierenden Bezugswesen, die tourettesymptomatisch Tabuverbrechen austesten. Sie verharrt in unreifem Selbsthass und sieht uns als Ausdruck ihrer Spaltung aus gewollter Autorität und klein gehaltener Selbstverachtung. Unser Französischlehrer ist ein moderner Hexenverbrenner und sie überlegen Religionsunterricht durch Ethik zu ersetzen. Wir behandeln das Thema Abtreibung und sehen Videos in denen Embryos aus der Gebärmutter geschabt werden. Wir haben ein neues Wort gelernt, wir drucken uns „semitisch“ auf T-Shirts und komplimentieren gleichzeitig das Palästina-Halstuch unserer Sitznachbarin. Irgendjemand dielt am Klo mit dem Hakenkreuz seines Vaters, das in einer Reihe von abgelösten Bierdosenkapseln auf einem Schlüsselanhänger landet und als Provokation präsentiert wird, heimlich, in der dunklen Ecke einer Bar.

Doo Wop: Wir essen Tiefkühlpizza und trinken gespritzen Orangensaft auf Mama´s Couch. Wir bilden uns moralisch fort bei Ally Mcbeal und bewundern uns um der sozialkritischen Erkenntnis gegenüber den Simpsons. Wir werten uns auf, in dem wir unser Entsetzen um das Wertesystem der himmlischen Familie kommunizieren und haben einen Wettbewerb wer mehr haarsträubende Zusammenhänge zur patriarchal-kirchenverwurzelten Angstgesellschaft erkennt. Wir fürchten uns vor der nächsten Generation, vor den „Kindern“, deren Abgrenzung wir zu uns selbst genießen, die sozialisiert werden durch diese Sendung. Es ist 18h. Der letzte Bus in die Stadt geht um 20:15h, deswegen planen wir unsere Outfits und schnorren Mama um 30 Schilling für den Bus an. Wir sind im Keller einer Freundin und glühen vor. Wir sagen „also ich bin ein Mensch, der…“, „ich bin eher so, dass…“. Wir warten auf den Zeitpunkt, an dem alle nur noch Floskeln über sich selbst brüllen und starten in unser Stammlokal. Wir betteln um Alkohol oder kommen über Beziehungen ran. Die Mädchen schließen implizite Verträge über Petting am Klo, wenn sich jemand als Geber ergibt.

Superstar: wir haben unsere Götter, bereit sie vom Thron zu jagen, wir sind die Zukunft. Wir erschaffen sie und bringen sie so unter unsere Kontrolle. Gott ist etwas, das wir noch nicht kennen. Wir suchen ihn in uns und den anderen. Im Kellner von dem uns ein Jahrzehnt trennt.

Final Hour: wir schlafen bei Freunden, jemand kotzt, irgendjemand ist abhanden gekommen, das finden wir aufregend. Wir konkurrieren um das Subjekt unserer Spekulationen und um den Status selbst ein Subjekt der Spekulation zu sein, gleichgültig ob das die Zerstörung unserer ganz eigenen Person bedeutet, we are somebody. Je kaputter, Je spannender.

When It Hurts So Bad: der Name, der all unser Glück bedeutete und wir am Sternenhimmel anbeteten, hat sich verwandelt in endlosen Schmerz. Irgendjemand läuft hinaus, angetrunken, kauert sich in eine Ecke, am Randstein sitzend, weint und wartet auf einen Adressaten seiner Tragödie. Der kommt. Das ist unser Lifestyle, das ist unsere Jugend. Das ist unsere Erinnerung, die wir vor ihrem Eintreten beschlossen haben.

I Used To Love Him: wir sind heimlich verliebt in Mädchen. Sie trösten uns, weil wir die Liebe, die uns geschenkt wurde nicht beantworten konnten. Wir wissen nicht warum, aber der Trost der Freundin fühlt sich so herzlich an wie kein Kuss und keine Berührung des Verlassenen, der uns bittersüße Liebesbriefe schreibt. Wir scheitern daran, während wir jenes vor der Heteromatrix verbergen und die Briefe als solidarische Unterwerfung verehren und zur Schau stellen.

Forgive Them Father: wir stehen auf und grüßen Gott wenn der Hexenverbrenner den Klassenraum betritt. Wir sind die Nachkriegs-Nachkriegsgeneration, wir sind die Postmoderne. Politik ist Demokratie und Demokratie ist Politik, wir lehnen Dogmen ab. Und sind frei. Deine Sitznachbarin hasst das System und unterwirft sich nur ungern den auch im Schulalltag ersichtlichen Strukturen. Sie meldet sich freiwillig zur Prüfung nächste Stunde. Sie ist knapp bekleidet, genießt einen neuen Pakt in der Notenvergabe und bewertet sein Schielen auf ihren unausgereiften Körper als geringstes Übel und kann nichts dafür. Sie reproduziert nur etwas und schämt sich. Das Schweigen darüber zerschneidet den Raum, jeder betritt sich in Verlegenheit und stellt sich nicht bloß um das eigene zerissen-sein.

Every Ghetto, Every City: wir fahren in die Mitterau. Zu den Berufsschülern. Wir passen uns in unserer Sprache an, denn wir sind schichtenunabhängig. Wir sind gleich. Sie dissen uns, wir schmeicheln ihnen. Wir benutzen Zigaretten zur Verbindung und machen uns Trinkdates aus. Wenn wir uns treffen stoßen wir Biergläser an einander und betonen den Wertgehalt von Meinungsverschiedenheit und den Facetten des Lebens.

Nothing Even Matters. Außer die Liebe, die wir teilen. Eine Generation, zusammengewürfelt mit einer Gemeinsamkeit, wir leiden und sind dabei gleichgültig. Bedeutung ist nur ein Konstrukt, das sich in der Luft auf Augenhöhe konstruiert und wenn man es anfasst greift man durch. Man bläst es an und es zerstreut sich. Uns würde nicht wundern, sollten wir aufwachen, in den Spiegel sehen und da ist ein anderes Gesicht. Wir sind austauschbar.

Everything is Everything. Die erste Erkenntnis, die uns von unserer Kindheit trennt. Nichts und Alles sind das selbe, sind ident. Und wir laben uns am Dawson´s Creek Gedanken: der schlimmste Moment ist zu erkennen, dass unsere Eltern Menschen sind. Und wenn sich alles erschließt, ein Nichts und Alles erscheint, sowie das Paar, aus dem wir entstanden sind. Wir sind ein Zufallsprodukt und alles kann nichts oder alles sein, sowie nichts alles und nichts sein kann. Unsere Körper sind eine Transformation und wie ein Fluss, in den wir nicht zweimal steigen können. Für immer. What you want could make you cry and what you need could pass you by.

The Miseducation Of Krems. Wir sind Prostituierte, aber wir lieben uns freiwillig. Die, die wir nicht lieben und mit denen wir schlafen sind Verbindungsmomente zu denen, die wir lieben und mit denen wir nicht schlafen. Wir sind ein sozialer Mehrwert. Und wir verstehen die Mathematik nicht, die wir nicht brauchen und lernen müssen um am Ende Matura zu machen. Wir verstehen die Schule nicht, alles was uns interessiert ist der Stadtpark um die Ecke, der Alkohol im Busch und die zwischenmenschlichen Abgründe oder Erhabenheiten. Wir lieben uns, weil wir ein gemeinsames Feindbild pflegen.

Can´t Take My Eyes Off Of You: diese Stadt ist zu schön um wahr zu sein. Hier möchten wir bleiben, zusammen bilden wir den Kontrast zum kleinbürgerlichen Charakter, den wir stören. Wir sind unkonventionell und emanzipieren uns durch gegenseitige Unterstützung von unseren aufgepressten Eigenschaften. Hier ist unsere Welt, wir sind unsere Welt, und zu Hause ist wo die selbsterwählte Familie ist. Es bilden sich Gruppen, die mit den stabilen und die mit den instabilen Blutsverwandtschaftsverhältnissen. Die guten Mädchen kommen in den Himmel, die bösen überall hin. Wir instabilen hassen die Heuchelei.

Wer sind wir? Immer die anderen.

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