Dog Years.

Was das Erdbeereis in den letzten Wochen gemacht hat? Online war es jedenfalls nicht so viel wie sonst. Und hat damit nicht nur eine ihrer besten Freundinnen in den USA und ihren kleinen Bruder im fernen Costa Rica sträflichst mit Mails und Skype vernachlässigt, sondern auch die Sugarbox. Ein bisschen schlechtes Gewissen hat es darum heute auch, das Erdbeereis, aber nur ein kleines bisschen, und das hauptsächlich aus Höflichkeit.

Das Erdbeereis hat nämlich in den letzten Wochen sehr viel Zeit mit einer ganz speziellen Freundin verbracht. Nayeli heißt sie, und zwar mit einem langen E. Also eigentlich „Nayeeeeeeeli“. Der allerschönste Name überhaupt, findet das Erdbeereis, für eine blonde Frau mit dunkelbraunen Augen.

Nayeli wohnt gleich um die Ecke vom Erdbeereis, und das Erdbeereis hat einen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Wenn es die Tür im 3. Stock aufsperrt, nachmittags nach dem Deutschunterrichten, dann wird es fast umgeworfen vor Freude von einem blonden Taifun aus wirbelnden Pfoten und rosa Zunge, und Nayeli springt und bellt so laut rund um das Erdbeereis herum, dass es sich ein bisschen Sorgen macht, dass die Nachbarn schimpfen.

 Ja, das Erdbeereis war halt immer schon ein Hundemensch, auch wenn es die letzten Jahre keinen Hund an seiner Seite hatte. Jetzt wird sich das wieder ändern, und bald, in einer Woche schon, um genau zu sein, wird das Erdbeereis nicht mehr nur den blonden Taifun für einen Spaziergang abholen, wenn Nayelis Mensch arbeitet, und sie dann wieder zurückbringen in ihren dritten Stock und später ein bisschen traurig sein, zuhause am Balkon, wenn es den Unterricht vorbereitet und da niemand im Hintergrund hechelt. Nein, dann wird das Erdbeereis erst Nayeli abliefern und dann selbst von jemandem heimbegleitet werden, der am Balkon neben ihm liegen und leise hecheln wird. In einer Woche, da zieht nämlich eine vierbeinige Gefährtin in die Erdbeereis-WG. Es ist schon fast alles bereit: die Hundeschule ausgewählt, die Näpfe besorgt, der Clicker und das Fleisch vom Loy’s und ein großes Granny-Smith-grünes Knautschkissen. Und um sich die letzten Tage des Wartens zu verkürzen, liest das Erdbeereis Dog Years.

Mark Doty schreibt Gedichte und Non-Fiction, darunter ein Denkmal für die Hunde an seiner Seite, eine Meditation über die Liebe, den Tod und das Leben.

Beau ist einer der Hunde, die Doty uns in Dog Years vorstellt. Ein Golden Retriever, der vor dem Tod von Dotys Partner Wally zu den beiden kommt. Beau wird eine Stütze für den sterbenden Wally, und noch mehr für Doty selbst:
„He was a vessel. Himself, yes, plain, ordinary, and perfect in that sloppy dog way. But he carried something else for me, too, which was my will to live. I had given it to him to carry for me, like some king in a fairy tale, whose power depends on a lustrous, mysterious beast, and who, without that animal presence, will wither away into shadow.“

 Auch einen weiteren vierbeinigen Gefährten stellt uns Doty mit einer Momentaufnahme vor und erzählt damit von der Liebe an sich, egal zu wem:

„The black puppy was too big for the little cage in which he was housed, and when the attendant at the shelter first let him out so we could meet him, he promptly fell over, then scrambled up and hurried back in. The long-haired boy, a student at the local alternative college with astonishing eyelashes as black as the dog’s lustrous coat, reached in and lifted him back out. ‚That’s the only security,‘ he said, ‚that little guy has ever known.‘

            This is the point where love, the very beginning of love, shades right out of language’s grasp. Could I ever say what made him immediately endearing? Some constellation of image and gesture, some quality of soul, something charmed and promised. Maybe we should be glad, finally, that the word can’t go where the heart can, not completely. It’s freeing, to think there’s always an aspect of us outside the grasp of speech, the common stuff of language. Love is common, too, absolutely so – and yet our words for it only point to it; they do not describe it. They are indicators of something immense: the word love is merely a sign that means something like This way to the mountain.

Mensch kann mit Hundemetaphern Dinge sagen, die sich mit Menschenworten schwer fassen lassen. So gibt es in meinem Leben ca. vier Menschen, von denen ich ohne zu zögern sagen würde: This way to the mountain. Jeder von ihnen ist der wichtigste, schönste, großartigste und mir liebste Mensch der Welt.

Gretchen zum Beispiel, besagte Freundin in den USA, die ich e-mail-technisch ein bisschen vernachlässigt habe und von der und für die ich dafür jetzt ein bisschen erzählen will, auch wenn sie kein Deutsch liest: Gretchen ist (natürlich) die schönste Frau der Welt, die mutigste Cocktails-Stehlkumpanin, die einfühlsamste Zuhörerin, die mutigste Schwierige-Situationen-Konfrontiererin und die stärkste Trotz-Krücken-bis-zum-Strand-Geherin überhaupt. Ich mag nicht nur ihren Mut, ihre Stärke und Energie, sondern gerade auch, dass sie trotzdem manchmal ganz unsicher ist, so wie ich auch, und auf eine Art und Weise in Seattle davon schreibt, dass ich sie in Wien nachfühlen kann. Ich mag, dass Gretchen sagt, wenn ich zu streng mit mir selbst bin, solle ich mir vorstellen, sie stünde neben mir, und mich fragen: What would Gretchen say?, und dass sie dasselbe mit mir macht. Ich mag, dass das wirklich funktioniert. Nicht immer. Aber oft. Und ich mag, dass ich jetzt, während ich das schreibe (sensibles Erdbeereis, dass ich im Grunde meiner Seele unter all meiner Coolness bin) losheulen könnte vor lauter Glück, Gretchen in meinem Leben zu wissen.

The point where love, the very beginning of love, shades right out of language’s grasp? Dieser Punkt ist lang vorbei, doch kann auch ich ihn genauso festlegen wie Mark Doty: 22. Mai 2012 in einem winzigen silbernen Auto zwischen Puerto Morelos und Cancun. Worüber haben wir gesprochen? Über Rob. Bernhard. Evan.

Kurz darauf? Kurz darauf haben wir einen scharfen Linksturn hingelegt. Haben uns mithilfe einer Lügengeschichte, in meinem schlechten Spanisch vorgetragen, an zwei Wachposten vorbei in Richtung eines Access-Restricted-Resorts geschmuggelt, bis uns ein grantiger Mexikaner in Uniform aufgehalten und rausgeworfen hat. Sind am Rückweg stehengeblieben, am sandigen, um Krabben zu fotografieren. (Krabben laufen seitwärts und haben Stielaugen; sie sehen aus, als wären sie einem Animationsfilm entsprungen. Es ist unmöglich, eine Krabbe im Sand von Quintana Roo zu sehen und traurig zu sein.)

 Yes, Gretchen. I love you and miss you, in the good kind of way. You know, the way that makes me proud to have friends worth missing on the other end of the world; that is to say: this way to the mountain.
Und mit diesem Gedanken an Seattle und einer Leseempfehlung für alle Metaphern- und HundefreundInnen verabschieden sich das Erdbeereis und Karyn (das beste bunte Auto der Welt) für heute ins Wochenende, und zwar Richtung Südautobahn.

2 thoughts on “Dog Years.

  1. *seufz* :)

    Und da ich leider derzeit noch keinen Hund haben kann (was aber auch okay ist, weil ich stattdessen die drei süßesten Ratten der Welt bei mir wohnen habe) melde ich mich gleich freiwillig für Spaziergehdienst wenn du mal nicht kannst oder so.

...und was sagst du dazu?

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