Wo sind die Frauen in Disneys Frozen?

Disneys neuer Film Frozen (früher The Snow Queen genannt, wie die Geschichte von H.C. Andersen, auf der er basiert), ist schon viele Jahre geplant und kommt nun im Herbst endlich ins Kino. Ich bin zwar kein Kind mehr, aber immer noch ein großer Disney-Fan, und war auf diesen Film besonders gespannt. Aber je mehr Material Disney für Frozen veröffentlicht, desto kleiner werden meine Erwartungen. Was mich dazu veranlasst hat, auf einem feministischen Blog darüber zu schreiben, ist, dass Disney fast alle weiblichen Figuren aus der Geschichte eliminiert hat.

Hier könnt ihr das Märchen auf Englisch online lesen. Kurz zusammengefasst: Gerda (ein ganz normales Mädchen) sucht ihren besten Freund Kai, der von der Schneekönigin entführt wurde. Auf ihre Reise trifft sie viele Leute, die ihr helfen, am Ende rettet sie Kai, und alles ist wieder gut. Nun ist es ja nichts Neues, dass sich Disney bei der Adaption alter Geschichten viele Freiheiten nimmt, aber bei Frozen weichen sie ohne Grund extrem vom Original ab.

Erstens, der Titel. Bei den alten Disney-Filmen war der Name der Hauptfigur auch oft der Titel, aber jetzt hat Disney einen neuen Trend: Merida wird Brave, Rapunzel wird zu Tangled, und jetzt die Schneekönigin als Frozen. Wie es aussieht, möchte Disney keine weiblichen Namen oder Bezeichnungen mehr im Titel haben.

Zweitens, das ganze Ding scheint ein Tangled-rip off zu sein. Ich mochte Tangled sehr gerne, und finde Rapunzel extrem sympatisch, aber wie langweilig ist es, das gleiche Konzept nochmal zu verwenden? Statt von außen kommt die Widersacherin in Frozen wieder aus der Familie der Heldin, wie bei Tangled. Anna (Gerdas neuer Disney-Name) bekommt Hilfe von Kristoff, den man wahrseinlich durch Flynn erzetzen könnte, ohne dass es jemand merkt, und einem Rentier, das genau so wie das Pferd von Tangled zu sein scheint, das heisst, es ist eigentlich ein Hund.

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Aber was mich wirklich wütend macht, und der eigentliche Grund für diesen Artikel, ist was sie mit allen weiblichen Charakteren gemacht haben.

Schaut euch diese Liste von Disney-Wiki an.

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Wie viele weibliche Charaktere könnt ihr zählen?

Um zu verstehen warum ich so aufgebracht bin, werde ich euch von den vielfältigen Figuren in Die Schneekönigin erzählen, und dann können wir alle zusammen um sie trauern.

Gerda, die Heldin, ist ein mutiges Mädchen, das sehr ”mädchenhaft” ist, ähnlich den Heldinnen aus den Ghibli-Filmen: sehr lieb, gut durch und durch, sie redet mit Blumen, will niemandem weh tun und glaubt, dass alle Menschen gut sind. Sie hat Angst und muss diese überwinden um Kai zu retten. Halten wir einen Moment inne und stellen uns vor, wie es wäre, wenn Disney Kai auch im Film behalten hätte? Zur Abwechslung darf das Mädchen den Bub retten!

Sie trifft auf ihrer Reise eine liebe Oma, die aber sehr einsam ist und deswegen Gerda bei sich behält, und sie dazu bringt zu vergessen, warum sie auf ihrer Reise ist. Dann trifft Gerda eine Prinzessin, die sehr schlau ist, und immer jede Zeitung im Land liest. Sie sucht einen Prinzen, aber verlangt, dass dieser genau so intelligent ist wie sie, um sie heiraten zu dürfen. Ganz schön cool für das 19. Jahrhundert, oder? Dann kommt das Raubermädchen. ”Stur”, ”wild”, ”ungehorsam” sind die Adjektive, mit denen sie im Text beschrieben wird. Sie hilft Gerda, ihren Weg zu finden, und ist aber auch ein ziemlich böses Mädchen (sie ”kitzelt” das Rentier mit ihrem Messer und ist böse zu Tauben).

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Danach bekommt Gerda Hilfe von einer Sami und einer Finnin, also wieder zwei Frauen. Ganz besonders die Sami repräsentiert eine Minorität, die wirklich mehr Aufmerksamkeit brauchen könnte. In den frühen Skizzen gab es Zeichnungen von Anna im traditionellen Sami-Gewand, also kann es sein, dass diese Figur noch auftaucht (in der Geschichte gibt sie Gerda neue Kleidung auf den Heimweg). Und dann gibt es noch eine weibliche Krähe, die Gerda hilft, ins Schloss der schlauen Prinzessin reinzukommen.

Was haben diese vielfältigen, moralisch nicht eindeutigen, interessanten Charakteren alle gemeinsam? Sie sind alle nicht im Film.

Und das ist der Hauptgrund, warum ich von Frozen schon enttäuscht bin, bevor ich den ganzen Film gesehen habe. Es würde so viele Möglichkeiten, so viel Potential geben! Was Disney wirklich braucht, sind mehr weibliche Beziehungen. Die meisten Prinzessinen haben überhaupt keine Beziehungen mit anderen Frauen oder Mädchen, und die weiblichen Charaktere abseits der Protagonistin beschränken sich oft auf Hexe, gute Fee und Mutter. Humorvolle Nebenfiguren sind fast ausschließlich männlich, Tiere als Begleitpersonen auch.

Bemerkenswert ist auch, dass es in der Originalgeschichte keine Romanze für Gerda gibt (außer vielleicht das Räubermädchen, die mit Gerda in einem Bett schläft). Also haben sie für Anna extra eine erfunden, nämlich ”rugged mountainman Kristoff”, der das Räubermädchen ersetzt. Damit Merida immer noch die einzige Prinzessin bleibt, die nicht verliebt ist. (In meiner idealen Welt wäre natürlich das Raubermädchen die perfekte Romanze, es wäre endlich Zeit für eine lesbische Prinzessin!) Also ist das Räubermädchen mit Kristoff ersetzt worden. Und die superintelligente Prinzessin wurde in eine neue Figur namens Hans abgeändert.

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Warum Disney!!!??! Warum habt ihr das getan? Dass Anna nicht ein normales Mädchen sein darf und jetzt Prinzessin ist, okay. Ich verstehe, ihr müsst Prinzessinen-merchandise verkaufen und so weiter. Ich bin nicht glücklich, aber ich kann damit leben. Und dass man eine Geschichte für einen Film etwas umschreiben muss, verstehe ich auch. Aber zu welchem Zweck habt ihr alle weiblichen Charaktere mit männlichen ersetzt?!

16 thoughts on “Wo sind die Frauen in Disneys Frozen?

  1. boah, voll arg!!! Wie’s scheint gibt es bis jetzt nur eine positive Komponente, und das ist, dass Idina Menzel die Snow Queen einspricht – und wenn Menzel ihre Stimme verleiht, wird sicher auch gesungen *yeah* ;-)

  2. Pingback: Von den jüngsten zu den ältesten Programmiererinnen und Sci-Fi – der Linkspam

  3. zu viele Mädchen drehen den Film ins Weibliche: Jungs gucken idR. keine Filme mit zu vielen weiblichen Hauptrollen (abgs. von Pornos), Mädchen aber durchaus Filme mit vielen männlichen Hauptrollen.

    • Du stimmst dem Artikel also zu, dass es hier ein Problem gibt?

      Was du ansprichst, ist ja gerade die große Scheiße, wenn ich das mal so unverblümt sagen darf. Wieso schauen denn Jungs in der Regel keine Filme mit weiblichen Hauptrollen? Weil sie schon von klein auf vermittelt bekommen, dass Jungs auf keinen Fall wie Mädchen sein dürfen, ergo kommen weibliche Vorbilder (ob real oder fiktiv) für sie nicht in frage.

      Wenn Kinder einfach sein dürften wie sie wollen, und sich über maskulines oder feminines Verhalten keine Gedanken machen müßten, dann wär auch das kein Problem mehr.

      • Feministen stören sich doch selbst an dem, was Mädchen sein sollen: „mädchenhaft“ ist gleichbedeutend mit unterwürfig, naiv usw., schreibt auch zuckerwatte oben. Jungs wird das nicht nur einfach verboten, sondern auch mit Gründen: in einer Konkurrenzgesellschaft, in der man sich nach der Decke strecken muss, ist lieb, unterwürfig und Doofsein allenfalls tauglich für *Anhängsel* erfolgreicher Menschen. Jungs wollen nichts Mädchenhaftes und Mädchen sollten es auch nicht wollen, das ist nicht nur einfach Konditionierung mit frühkindlichen Verboten und deren bewusstloses Wiederholen. Es ist unattraktiv. Wenn Frauen dann mal doch in Heldenposen daherkommen, weiß man doch, dass der Reiz darin liegt, dass sie nicht nur Heldenhaftes macht sondern dergleichen *als Frau* – oh wunder, ausgerechnet, mal nicht *typisch* Frau, was wieder darauf verweist, was typisch sein soll. Dein letzter Paragraph mag stimmen.

      • Ich glaube, du verstehst da was falsch. Feministen und Feministinnen finden nicht alles, was stereotyp mädchenhaft ist, automatisch schlecht. Sondern schlecht ist, nur stereotyp mädchenhaftes Verhalten und Eigenschaften für Mädchen als Optionen darzustellen, sowie solches Verhalten für Buben zu verbieten. Kurzum: Mädchen sollen süße Prinzessinen sein dürfen, Buben sollen süße Prinzen sein dürfen, Mädchen sollen mutige Heldinnen sein dürfen, Buben sollen mutige Helden sein dürfen. Sowohl Mädchen als auch Buben sollen wissen, dass es für sie nicht ein richtiges Verhalten gibt, sondern dass ihnen alles offensteht. Und: Buben sollen wissen, dass es absolut okay ist, ein Mädchen oder eine Frau als Vorbild zu haben.

        „Wenn Frauen dann mal doch in Heldenposen daherkommen, weiß man doch, dass der Reiz darin liegt, dass sie nicht nur Heldenhaftes macht sondern dergleichen *als Frau* – oh wunder, ausgerechnet, mal nicht *typisch* Frau, was wieder darauf verweist, was typisch sein soll.“
        Ja, derzeit ist es wohl noch so, aber hoffentlich ändert sich das bald mal. Ich streite ja auch nicht ab, dass es die Regeln darüber, was typisch ist, noch gibt. Aber ich will ja eben irgendwann in einer Welt leben, wo es diese Regeln nicht mehr gibt :)

    • Ich meinte, dass ich es toll finden würde, wenn auch ein mädchenhaftes mädchen der Bub retten darf, und nicht dafür ein tomboy sein muss! Ich habe nie geschrieben dass ich die characteristics von Gerda unterwürdig finde – genau der gegenteil!

  4. Ich muss noch was dazu schreiben unswar hat die HEAD OF THE ANIMATION selbst gesagt dass.. warte… ich kann es nicht packen:
    “Historically speaking, animating female characters are really, really difficult, ’cause they have to go through these range of emotions, but they’re very, very — you have to keep them pretty and they’re very sensitive to — you can get them off a model very quickly. So, having a film with two hero female characters was really tough, and having them both in the scene and look very different if they’re echoing the same expression; that Elsa looking angry looks different from Anna (Kristen Bell) being angry.”
    Es ist ZU SCHWER weibliche karaktäre unterschiedlich zu machen! Mann kan es fast gar nicht! Frauen schauen ja alle gleich aus! Wie soll dass denn gehen?! so DESWEGEN machen pixar keine filme mit frauen in die hauptrolle. Jetzt haben wir die antwort.

    ich kotse

  5. Ich habe übrigens gestern die Neuverfilmung von Rapunzel gesehen, mit 2 kleinen Jungs & 7 Mädchen. So ruhig war eine Kürbisschnitzparty noch nie. Die Erwachsenen im Nebenraum wurden immer zurechtgewiesen die Tür rasch zuzumachen & leise zu sein. Ein Haufen zukünftiger Kinogeherinnen oder Bibliothekare im werden ;-)

    Support characters müssen ja geradezu alles immer Männer sein, weil wenn ein weiblicher Charakter auftaucht muss der begründet werden (weil einfach so ein starkes, gefährlich verfügbares Mädchen mitlaufen lassen geht ja nicht, die muss doch Prinzessin sein oder sowas, vielleicht braucht die nur Make-up und ein Bad, dann erkennt man schon ihren versteckten Star-power), also bleibt meist nur die weibliche Funktions-Rolle der bösen Stiefmutter, Mutter, Geliebten, etc. Für mehr Komplexität nimmt sich Disney nie die Zeit, aus „Markt- & Kostengründen“.

    Ach ja, Spoiler: Zauberhaar abgeschnitten vom sterbenden Geliebten = doch wieder geheilt und zurück zu Mama & Papa Königs ins Schloss, simple Story, einfältiges Ende. Disneyfiziertes Märchen halt. Daher schau ich Disneyfilme nur unfreiwillig.

  6. Berechtige Fragen werden in diesem Artikel aufgeworfen!
    Warum gibt es nicht mehr Animationsfilme wie ‚Brave‘?

    Ich hasse es außerdem, wenn klassische Märchen _nur_ zur Inspiration gebraucht werden und die originalen Themen und Aussagen der Geschichten durch die Adaptierung wegfallen. >.<

    • Großartige Persönlichkeiten – jo eh. Aber noch besser, wenn diese in vielen verschiedenen „Verpackungen“ daherkommen, damit Kinder zum Beispiel nicht mehr mit der Idee „Held = Junge“ oder so aufwachsen, sondern für sie auch Heldinnen selbstverständlich sind. Ich will einfach viel mehr Vielfalt in jeder Hinsicht (Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, etc. alles alles alles) bei Protagonist*innen, so einfach ist das!

  7. „Und das ist der Hauptgrund, warum ich von Frozen schon enttäuscht bin, bevor ich den ganzen Film gesehen habe.“

    Und BÄMM! Das nächste mal sollte mensch erst den Film ansehen und dann Meinungen durch das Internet jagen, denn dieser Artikel/Post/Artikel hat absolut gar nichts mit dem Film zu tun, sondern nur mit Vorurteilen aufgrund von vorher erschienenen „Informationen“. Setzen, Sechs.

    • Wie du sehen kannst habe ich den artikel geschrieben viele Monate bevor der Film überhaupt premiäre gehabt habe, also mit den einzigen informationen die es damals gab.

  8. Pingback: Let it go. Oder so. Über Kinderfilme und ihre Held*innen | umstandslos.

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