Warum ich Sarah Kuttner liebe (und du auch!)

[Hintergrund: Sarah Kuttner ist eine deutsche TV-Moderatorin, die einen vielfältigen Karriereweg innerhalb der Medienwelt gestaltet. Sie arbeitete im Radio, war VIVA-Moderatorin und hatte eine Zeit lang ein eigenes Format auf MTV. Aktuell arbeitet sie für den ZDF und gestaltet ein themenbezogenes Format „Bambule“. Sarah Kuttner ist bekannt für ihren – im positiven Sinne – eigenartigen und sehr charmanten Witz, als auch für ihre Originalität. Desweiteren hat sie zwei Romane geschrieben und ist ebenso Kolumnistin]

Ich liebe sie zum Beispiel deshalb:

Sarah Kuttner (@KuttnerSarah), verfasst am 18. Juli 2013 13:42 auf Twitter

„Hund erschrickt sich auf der Strasse vor einem eingegipsten Bein fast zu Tode. Tue so als würde ich ihn nicht kennen.“

Verfasst am 17. Juli 2013 00:51 auf Twitter

„Liebe Ex-Ossis: musstet Ihr im Ferienlager auch einen Karl-Liebknecht-Gedenklauf machen? Und habt Ihr auch heimlich an was Anderes gedacht?“

“Wie ich dich liebe, wenn du grinst. Wenn sich dein Gesicht auf einen Schlag ganz weit öffnet und deine schönen Wimpern Licht in deine Augen lassen und alles um deinen Kopf herum merkwürdig zu flimmern scheint. Ich habe noch nie so viel Freundlichkeit und Wärme in einem Gesicht gesehen wie in deinem, wenn du lächelst. Es macht mich jedes Mal ganz sprachlos. Jedes Mal wie ein kleiner Tritt in den Magen. Ein schöner Tritt. Kann man das so sagen? Dein Lächeln ist wie ein schöner Tritt in den Magen. Es nimmt mir den Atem. Kurz und schmerzhaft.”
Sarah Kuttner, Wachstumsschmerz

Aber wegen noch vielen anderen Dingen. Was ich hier nun erörtere ist im Grunde nur ein spezieller Teilaspekt ihres Wirkens, den ich persönlich aber besonders schätze und deshalb aufgreife. Dazu muss ich etwas ausholen mit einer Skizze mancher Menschen, denen ich wahrscheinlch auch irgendwie angehöre und bestimmt selbst viele Züge davon aufweise. Wahrscheinlich trifft der Begriff “Hipster” am Besten, wovon ich im Folgenden spreche:

Es existiert ein bestimmtes Klischee, dem vielleicht so manche von uns unterliegen. Dieses Klischee hat unter anderem inne, keinem Klischee entsprechen zu wollen und generell Klischees zu bekämpfen, weil Vorurteile usw. Und ist vielleicht auch vom vermeintlichen Bewusstsein begleitet, ganz besonders individuell und speziell zu sein und eben keinem Klischee zu entsprechen.

Aber wenn es so etwas wie dieses Klischee gibt und das beschränkt sich ja weit aus nicht auf irgendeinen isolierten Kreis „grenzwertiger“ Homos, sondern kommt überall vor, dann sieht das in etwa so aus, dass Zugehörige zum Beispiel dauernd Verdacht schöpfen, irgendetwas könnte politisch inkorrekt ablaufen, viel Wert auf einen ausgefallenen oder zumindest sehr ausgewählten Musikgeschmack legen, ein hohes Bewusstsein ob Tierquälerei und Umweltschutz haben, das sie gern demonstrieren, haben (vielleicht) Adorno, Butler und Beauvoir in der Vitrine stehen, behandeln jegliche Themen mit ironischer Grundhaltung, versuchen sich so vorurteilsfrei wie möglich zu präsentieren, so dass sie es sogar tolerieren und mit peinlich berührtem Lächeln kaschieren, wenn sie ein Mann mit ersichtlich anderer Herkunft derb anmacht, tragen Hornbrillen, gehen vielleicht auf Demos, usw. Was hat das alles mit der wundervollen Sarah Kuttner zu tun?

Sarah Kuttner entspricht diesem Bild in manchen Bereichen vielleicht selbst oder ist zumindest in der Nähe solcher Leute angesiedelt oder aber sie beobachtet sie nur sehr genau. Denn viele ihrer Witze, aber auch Themen haben dieses Bild oder diese Seinsform auf der Schaufel und sie auch immer wieder sich selbst. Und hier empfinde ich aber einen köstlichen Unterschied zu manchen anderen Moderator_innen, Autor_innen oder wenn man auch so will “Comedians”. Denn im Unterschied zu vielen anderen schafft es Sarah Kuttner irgendwie immer den Bogen an “Hipness” nie zu überspannen und bei Themen, die teilweise prädestiniert dafür wären, nie in flaches Auseinanderklauben bereits tausendmal reflektierter Begebenheiten einer neuen Sex, Drugs and Fun-Generation zu kippen.

Und Sarah Kuttner macht das Aufgreifen dieser Themen aber ganz speziell und hervorragender als irgendjemand anderer, den ich kenne, es je könnte. Mit ihr als Person auf eine Art, die der Gleichschaltung einer Hipster-Masse, die ähnliche Themen beschäftigen, nie gerecht wird: In jedem Beitrag und jedem Satz umschifft sie elegant die Grenze einer überzogenen Selbstironie, so dass die Ironie oder Selbstironie wiederum nie den Geschmack einer pseudohaften wieder-wieder-wieder-Selbstspiegelung bekommt, die man hartnäckig versucht mit (schlechtem) Humor zu umkleiden. Sie gibt ganz im Gegenteil die (in ihrem Fall dezente, ausgewählte und tatsächlich lustige – trifft man heute ja nicht mehr so oft!) Ironie jedes einzelne Mal im richtigen Moment wieder auf und kehrt zur Ernsthaftigkeit ihrer Fragen zurück, wenn auch manchmal nur sekundenhaft, aber dennoch genau so, dass es niemals den Beigeschmack von Unauthentizität bekommt. Ihr ironischer oder sarkastischer Unterton ist immer unübertrieben genug, um nicht in die Ecke eines selbstdarstellerischen Hipsters zu rutschen, der Ironie zum Programm hat und deshalb sehr bald unglaubwürdig erscheint. Und die Art der Auseinandersetzung mit den Themen dieser Fun-Generation verliert trotz teilweise humoristischer Aufarbeitung, nie an Tiefgang und Innovation. Ich denke deswegen liebe ich sie so besonders, denn das ist in Wahrheit eine Kunst an der viele scheitern und ich habe den Eindruck, dass es aber bei ihr nicht mal Kunst, sondern reine Intuition ist. Also die wahre (nicht-)Kunst.

In ihrem aktuellen Format „Bambule“ („ZDF-Neo“, auch als Stream vorhanden), das ich abonniert habe, liebe und wirklich nur jedem empfehlen kann, greift sie in ausgewogener Manier zwischen Ernsthaftigkeit und Humor genau jene Themen auf, die diese Generation, die zuviel Zeit für sich selbst hat, beschäftigen. Da wären zum Beispiel Aufhänger wie „Sind wir alle Psychos?“, „Sex zieht immer, aber warum?“, “Wer bin ich und warum?”, “Internet und Identität” oder:  “Offen für offene Beziehungen”.

Wiederum diese Themenpunkte sind etwas, warum ich ganz persönlich und vielleicht auch viele andere so einen starken Bezug zu Sarah Kuttner habe/n. Denn abgesehen davon, dass ich mich über fast jedes zweite Tweet von ihr zerkugle, bin ich fasziniert ob der Tatsache, dass sie zB in „Bambule“ zielgenau immer wieder zum gleichen Zeitpunkt die Themen aufwirft oder Fragen stellt, die ich mir parallel und unabhängig dazu ebenso stelle oder gestellt habe. Das absolut perfekte Beispiel dafür ist, dass ich doch glatt genau in diesem Moment das aktuelle Thema von „Bambule“ entdecke: „Schluss mit der Ironie!“ 

Fazit: Sarah Kuttner = Empfehlung!

Und zu Schluss für immer unvergessen und tief in meinem Herzen verankert bis ich das Zeitliche segne: Ihre Parodie der Stiltänze, damals auf MTV:

die göttinnenspeise

5 thoughts on “Warum ich Sarah Kuttner liebe (und du auch!)

  1. Seit der Lesung in Hamburg, bei der sie rassistische und gewaltvolle Worte verwendet hat, dem Absprechen der Definitionsmacht von Rassismus-Betroffenen und der fehlenden Reflektion über white privilege, Alltagsrassismus und wie rassistische und kolonialistische Worte Menschen verletzen und Machtverhältnisse reproduzieren können, finde ich sie nicht mehr toll. Auch schade, dass der Text auf ihren Rassismus und wie sie auf die Kritik reagiert hat, nicht eingeht.

  2. in meinem text gehe ich ganz bewusst nicht auf diese debatte ein, weil es nichts gibt, worauf es einzugehen gibt. die unglaubwürdigkeit des rassismus-vorwurfs ist jedem bekannt, der sich auch nur im entferntesten mit dem tatsächlichen kontext ihrer lesung und aussage befasst hat. und weil dieser vorwurf dermaßen außerhalb der wirklichen relationen ist, ist es mir nicht mal in diesem kommentar wert, die sache aufzurollen und zu gunsten sarah kuttners zu erklären (sorry, wenn das vielleicht arrogant daher kommt, aber solche unnotwenigen debatten, hinsichtlich was an echtem rassismus tagtäglich passiert, sprengen meine persönliche erträglichkeitsgrenze). wen es trotz allem interessiert: bitte googeln und jede_r wird binnen weniger minuten einsehen müssen, dass ihr etwas vorgeworfen wurde, was sie selbst im gleichem atemzug kritisiert und angeprangert hat. nämlich rassismus.

  3. „Echter Rassismus“? Was ist „echter Rassismus“ und wer darf diesen definieren? Was ist es sonst, wenn Kuttner auf die absurde Idee kommt, Rassismus mit rassistischen und kolonialistischen Worten zu kritisieren, auf Kritik von Betroffenen mit Abwehr und Relativierung reagiert und u.a der Spiegel Kuttners Rassismus (mit ebenso gewaltvollem Vokabular) und Abwehrmechanismen zu einem Shitstorm relativiert und auf die Stimmen von Betroffenen scheisst, wenn nicht rassistisch?
    Weiterführende Links? Ja, gerne hier: http://no-racism.net/article/4106/
    http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2012/05/24/die-sache-mit-sarah-kuttner/
    http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2012/05/29/wenn-weise-weisen-erklaren-dass-sie-nicht-rassistisch-sind-eure-absolution-mein-rant/

  4. leider sehr späte antwort, hab die comments irgendwie übersehen… gebe hier offen kund, dass der ausdruck „echter rassismus“ meinerseits massiv ins klo gegriffen war!

    ich persönlich finde nur, dass, bevor man jemanden des rassismus diffamiert, zwischen motiv und output differenzieret werden sollte.. was nicht bedeutet, dass jeglicher output ok is, à la „habs ja nicht so gemeint“, aber dem antirassismus bestimmt geholfen ist, wenn er zwischen freund und feind sensibler differenziert, wenn durchaus anzunehmen ist, dass zb sarah kuttner eine freundin des antirassismus ist und aber ein missverständliches instrument gewählt hat dies auszudrücken. um zu verhindern, dass verhärtete fronten zwischen denen entsteht, die das gleiche ziel verfolgen und damit ein weniger effizientes vorgehen gegen das gleiche feindbild die folge ist, weil alle angepisst aufeinander sind, was meiner meinung nach nicht nötig ist, weil offenkundig missverständnisse dafür verantwortlich sind.. wenn jetzt irgendwie verstehbar ist was ich meine…

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s