Der Sommer der Brüste

Stadtgeschichten über das Single-Dasein
Mit der zunehmenden Kälte, die Wien umgarnt, wird nun immer mehr bewusst, dass der Sommer endgültig vorbei ist. Und dies schreit doch fast nach einem kleinen Rückblick und einer kleinen Erklärung, wieso sich gerade zu den Sonnenzeiten Wiens keine neuen Stadtgeschichten ergeben haben.

Müsste ich meinen Sommer 2013 auf ein Wort reduzieren, dann ist das eigentlich ganz einfach! Denn dieser drehte sich ziemlich zur Gänze rund um das Thema Brüste.

Ein schöner Einstieg hierfür liefert marshmallow’s Geburtstag. Denn klar, Geburtstage gehören gefeiert. So haben sich einige Leute rund um sie versammelt, und wir trafen uns im altehrwürdigen Marea Alta. Im Marea gibt es nicht nur die nettesten Kellnerinnen der Welt, sondern es gab auch zu diesem Zeitpunkt Sand. Ja, genau! Sand. Und zwar jede Menge davon. Während wir uns also unterhielten, den verschiedensten Getränken frönten und versuchten uns die Hitze nicht anmerken zu lassen, hatten einige von uns die Schuhe ausgezogen und ließen gemächlich den Sand durch die Zehen rieseln. Vermutlich beschwingt von der angenehmen Stimmung lies sich B seufzend zu folgender Aussage hinreißen: „Der Sand fühlt sich so schön an! Fast so wie Brüste!“

Was folgte war kurze Stille und merkliche Fragezeichen, geschrieben auf den Gesichtern der Leute, die rund um uns herum saßen. Ich beispielsweise habe sofort eine Verbindung zwischen Zehen und Brüsten gesehen, habe ich doch fälschlicherweise angenommen (fragt mich nicht, wieso), dass B meint, der gehäufte Sand fühlt sich in seiner Konsistenz wie Brüste an. Ich gestehe, ich hatte einige amüsante Bilder im Kopf, als ich versuchte mir diese Praktik vorzustellen. Die Aufklärung kam jedoch flugs, und es wurde uns erläutert, dass das Gefühl des Sandes rund um die Zehen einfach ein sehr schönes für sie sei; und sie ein ähnlich schönes Gefühl verspürt, wenn sie Brüste anfasst.
knitted breasts

Was soll ich sagen, das Thema des Abends war bestimmt. Brüste!
Brüste sind doch etwas Schönes! Ich fühlte mich um einige Jahre zurück versetzt, als ich auf einer russischen Physiker_innen Geburtstagsfeier war. Ebendort haben sich zu späterer Stunde einige Mädels zusammengefunden. Aus irgendeinem Grund, an den ich mich wahrhaftig nicht mehr erinnern kann, fingen wir an uns über Bezeichnungsmöglichkeiten und -präferenzen für Brüste zu unterhalten. Das Fazit welches ich an diesem Abend zog: während Frauen* mit „größeren“ Brüsten darauf bestanden, diese auch als Brüste oder Busen zu titulieren, legten Frauen* mit „kleineren“ Brüsten nicht soviel wert darauf, und haben auch nichts gegen die Bezeichnung Titten oder ähnliches, solang diese nicht abwertend verwendet werden.

Einen Tag nach der Geburtstagsfeier von marshmallow rief ich die angehende Ärztin meines Vertrauens an, und war neugierig, was sie mir aus medizinischer Sicht über Brüste erzählen würde. M musste nur lachen, war sie doch meine scheinbar aus dem Blauen kommenden Fragen schon gewohnt. Da sie jedoch selbst Brüste als ganz großartig empfindet, bekam ich ohne Umschweifen eine kleine medizinische Einführung in das, laut ihrer Aussage nach, „wunderbare Feld der Mamma bzw. Mammae“. Es gibt sogenannte Fett- und Drüsenanteile in den Brüsten einer Frau. Jede Frau hat beides. Bei den einen ist das Gewebe dichter, was bedeutet, dass mehr Drüsengewebe vorhanden ist. Dieses ist tastbar und auch auf der Mammographie zu erkennen. Je älter die Frau wird, desto „schlaffer“ werden die Brüste. Ist die Brust jedoch drüsiger und somit auch dichter, dauert es länger bis sie „schlaff“ wird. Der Nachteil von diesem dichten Gewebe ist aber unter anderem, dass die Aussagekraft der Mammographie schlechter ist, da Knoten/Tumore schlechter zu erkennen sind. Heute ist es so, dass Frauen immer länger drüsigeres bzw. dichteres Gewebe haben. Woran das liegt, ist noch nicht erforscht. Nachdem wir uns dann noch abschließend über unsere schönsten Brust-Erlebnisse unterhielten, befragte ich wikipedia und wurde über bereits Offensichtliches erneut aufgeklärt.

Die weibliche Brust zählt anatomisch zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen der Frau. Die biologische Funktion ist zunächst das Stillen von Säuglingen mit Muttermilch. Da jedoch die meisten weiblichen Primaten im Verhältnis zu den jeweiligen männlichen Artgenossen wesentlich weniger ausgeprägte Brüste haben als Frauen*, wird angenommen, dass die weiblichen Brüste zusätzlich ein speziell menschlicher Sexualdimorphismus sind und ihre Anziehungskraft auf potentielle Partner_innen eine zweite wesentliche Funktion ausmacht.

Denn ganz klar, Brüste und somit auch allen voran die Brustwarzen – gehören zu den erogenen Zonen. Auch wikipedia weiß, dass ein Orgasmus durch die Stimulierung der Brustwarzen bei manchen Frauen* möglich ist. Und sogar das Männer* Magazin menshealth schrieb über das wunderschöne Phänomen des sogenannten „Nippel Orgasmus“.

Der_die aufmerksame Leser_in, der_die schon die ein oder andere Stadtgeschichte von mir gelesen hat, ist nun vielleicht verwundert und fragt sich, wann kommt denn endlich der Sex oder die absurde Begegnung mit einer potentiellen interessanten Person. Statt dessen aber soll diesesmal ein Brief im Vordergrund stehen bzw. dessen Inhalt.

Mohamed Mourabit

Anfang diesen Sommers konnte ich mich endlich dazu überwinden, eine seit einem halben Jahr überfällige Kontrolluntersuchung meiner Brüste wahrzunehmen. Am Programm stand eine läppische Sonographie der selbigen. Nach einem klassischen positiven Tastbefund, wurde ich in ein Diagnosezentrum überwiesen, dort bin ich vor einem Jahr mit einem BIRADS 2 bzw. 3 gelabelt worden. Ich wurde entlassen, mit dem Hinweis, dass ich doch in einem halben Jahr wiederkommen möge zur Kontrolle.

BIRADS ist eine ganz spannende Geschichte. Das Breast Imaging Reporting and Data System (BI-RADS) ist eine Klassifikation von 0 bis 6 des American College of Radiology (ACR) in der Befundung von Mammographien.

BI-RADS-Kategorie Bedeutung
0 Die mammographische Untersuchung ist unvollständig. Weitere Bildgebung oder Vergleichsmammographien werden benötigt.
1 Negativ
2 Gutartiger Befund, z. B. kalzifizierte Fibroadenome, verkalkte Sekretgänge, Ölzysten, Lipome, Galaktozelen, Hamartome, Lymphknoten oder auch Implantate.
3 Vermutlich gutartiger Befund. Weniger als 2 % Malignomwahrscheinlichkeit. Kontrolluntersuchung in 6 Monaten empfohlen.
4 Verdächtiger Befund. Eine Biopsie sollte in Erwägung gezogen werden.
5 Hochverdächtig auf Malignität. Mehr als 95 % Malignomwahrscheinlichkeit. Histologische Sicherung notwendig.
6 Biopsie durchgeführt, Malignität nachgewiesen, Dokumentation vor definitiver Therapie.

Da ich Ärzt_innen im Ernstfall nicht ganz so gerne hab (Sorry M!), und ich mir dachte BIRADS 2 bis 3 in your face, lies ich die Kontrolle von einem halben Jahr auf ein ganzes Jahr verstreichen.
Irgendwann siegte dann doch die Vernunft, und ich ging wieder in besagtes Diagnosezentrum. Dort wurde ich geultraschallt und der Arzt war leider so inkompetent, dass ich mir die wildesten Geschichten und Tumore ausdachte. Ich war überzeugt davon, dass der Kerl allein deshalb so ungeschickt war, da er nicht weiß, wie er mir die Todesnachricht überbringen soll. Und tatsächlich, die BIRADS-Einstufung stieg auf 4.

Als jemand, der trotz aller tollen Geschichten ziemlich nah am Wasser gebaut ist, kann man sich vermutlich vorstellen, was nun folgte. Schlechte singer und songwriter Musik mit nacktem Oberkörper vorm Spiegel sitzend und heulend. Meine Inszenierungskraft war schon immer pathetisch.

Natürlich machte ich mir keinen Biopsie-Termin aus. Denn klar, ist es mal soweit, ist es tatsächlich ernst und nicht mehr reversibel. Stattdessen musste ich die Menschen in meiner Umgebung mit meinen Launen quälen. Diese waren verwundert, wussten sie doch nicht den Grund für meinen Stimmungswandel. Glücklicherweise habe ich aber Freund_innen, die im Ernstfall superanstrengend und mühsam sein können und mich so lange quälten bis ich mit der Sprache rausrückte, was los sei. Das Endergebnis waren lange Gespräche, die in etwaigen Frisurenvorschlagen gipfelten à la „Dann kannst du dir ja einen Sidecut schneiden und erscheinst endlich als queer auf den etwaigen Radaren.“ Absurderweise war genau dieses Lustigmachen über den Haarausfall und sonstige medikamentöse Begleiterscheinungen das was ich gebraucht habe, um mir einen Biopsie-Termin auszumachen.

Tja, was soll ich sagen, lange Geschichte kurz zusammengefasst: Anfang dieser Woche wurde mir von der tollsten Ärztin überhaupt ein Brief  übergeben und ich freue mich wieder hochoffiziell meine Brüste hochleben zu lassen, denn meine sind gutartig!

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