Warum bin ich homosexuell?

Homosexualität, Biologie und Biologismus

Ja, ich möchte gerne wissen warum ich homosexuell bin, ihr nicht auch? Mensch weiß es nämlich nicht und deswegen lese ich gerade ein Buch, das sich da nennt „Homosexualität und Biologie“. Aber das Buch weiß es auch nicht so richtig, deswegen wird dieser Artikel wohl nicht so spannend für diejenigen, die gern eine Antwort hätten, aber ich möchte trotzdem ein bisschen darüber sinnieren.

Mir ist bekannt, dass diese Verknüpfung oder die Frage nach der Biologie in bestimmten Kreisen sehr unbeliebt ist, weil mensch fürchtet in eine Art Biologismus als Erklärung für alles zu rutschen. Nicht zuletzt wird die Biologie ja auch oft als Argument missbraucht oder so ausgelegt, dass es plötzlich den Anschein macht, Frauen wären geeigneter Kinder zu erziehen und Männer geeigneter Geld nach Hause zu bringen. Und auch warum dieser bestimmte Kreis sehr vorsichtig oder skeptisch gegenüber biologischen Erklärungsmodellen von Homosexualität ist, hat Gründe, um diesen eingangs ihren berechtigen Platz zu geben:

Die Wissenschaft hat leider eine sehr grausame Geschichte hinter sich. Wenn ich in der Vergangenheitsform spreche, dann rede ich von unseren Breitengraden und hoffe doch sehr, damit richtig zu liegen. Die „Forschung“ unternahm unterschiedliche Versuche Homosexualität im Körper bzw. im Gehirn zu verorten und in weiterer Folge beim Einzelnen, oft auf brutalste Weise, auszumerzen. Vergleiche Nationalsozialismus und ähnliche Grausamkeiten. Der Schatten dieser hässlichen Vergangenheit der „Ursachenforschung“ von Homosexualität hängt dementsprechend auch über heutigen Versuchen eine biologische Ursache für Homosexualität zu finden. Des Weiteren existieren Einwürfe warum mensch denn überhaupt wissen müsse woher Homosexualität kommt und wozu sie gut ist, schließlich frage auch niemand danach was Heterosexualität ist. Als bräuchte es erst eine Art biologische oder evolutionäre Rechtfertigung, damit Homosexualität oder homosexuell lebende Menschen akzeptiert werden. Außerdem herrscht die Befürchtung, wenn mensch erst mal eine „Ursache“ für Homosexualität gefunden hat, der Schritt diese Ursache umzukehren oder zu verhindern, kein großer mehr ist, so dass am Ende ein guter, heterosexueller Mensch, so wie es sich eben gehört, raus kommt.

Ich kann all diese Einwürfe und Bedenken nachvollziehen. Besonders das letzte Argument erscheint mir schwerwiegend. Ich persönlich hätte in diesem Fall zwar Vertrauen in den Rechtsstaat und in den Fortschritt der Aufklärung aller werdenden Eltern, aber selbstverständlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass solche Erkenntnisse in irgendwelchen Teilen der Welt oder auch bei uns missbraucht werden. Trotzdem ist Wissenschaft frei und muss es auch sein – die Gefahr des Missbrauchs existiert immer und trotzdem ist der Wissensgewinn, je nachdem, ein Wert an sich. Was darf mensch wissen und was nicht? Es ist völlig absurd hier willkürliche Grenzen zu setzen.

Aber ganz abgesehen von der abstrakten Diskussion, was Wissenschaft soll und was nicht: ich weiß nicht ob es anderen auch so geht, aber in mir persönlich existiert seit jeher die Neugierde, wie sich Homosexualität innerhalb Biologie und Evolution positioniert. Als ich noch zur Uni ging, war diese Diskussion oder Fragestellung irgendwie total tabuisiert, eben wahrscheinlich aus oben genannten Gründen. Deswegen ließ ich es eher bleiben die Sache zu thematisieren, aber das Interesse daran existiert weiter.

Ich weiß eigentlich gar nicht so genau warum, aber ich denke ja auch, dass so etwas wie Neugierde ein Trieb ist, der oft für sich allein steht, warum haben wir Interesse an dem Ausgang eines Kriminalromans? Da ist kein Nutzen, außer dieser, dass am Ende meine Neugierde befriedigt ist, aber woher kommt die Neugierde?

Abgesehen davon, dass mich grundsätzlich wahrscheinlich alles interessiert, das erklärt warum die Welt funktioniert, wie sie eben funktioniert, ist Homosexualität etwas, das meine eigene Identität betrifft. Ich definiere mich streng genommen zwar nicht als ausschließlich homosexuell, genauso wie ich denke, dass eigentlich kein Mensch entweder homo- oder heterosexuell ist, sondern die Anteile daran bei manchen größer oder eben kleiner sind – aber das streift wieder eine ganz andere Frage der fließenden Grenzen und tut an dieser Stelle nicht unbedingt was zur Sache.

Ich möchte wissen warum ich bin, wie ich bin. Und ich finde die Frage nach den etwaigen biologischen und evolutionären Faktoren meiner Identität nicht minder interessant, als die milieutheoretischen oder sozialen Faktoren. Ersteres hat ein schlechtes Image, aber das ist mir egal während ich mich frage wer ich bin und warum.

Natürlich könnte sich ein heterosexueller Mensch genauso brennend die Frage stellen: warum bin ich heterosexuell? Und er_sie tut es aber wahrscheinlich nicht. Am ehesten in spiegelverkehrter Weise, bzw. im Moment der Konfrontation mit Homosexualität als das eigene Pendant: einmal, da waren wir wahrscheinlich 17 oder 18, fragte mich eine meiner besten Freundinnen: „Warum bist du homosexuell und ich nicht?“ Genau. Warum ist der_die eine homosexuell und der_die andere nicht? Warum sind alle meine Geschwister heterosexuell (und ich habe sehr viele davon!), nur ich nicht?

Manchmal wünschte ich mir, dass Dinge wertfreier diskutierbar wären. Ich wünschte Begriffe wie „männlich“ und „weiblich“, wären nicht gleich Zündstoff einer genderorientierten Debatte, sondern mensch könnte sie beschreibend verwenden und sich die Voraussetzung von selbst verstehen, dass Eigenschaften, die zum Beispiel mit „weiblich“ verbunden werden, auf jedes (biologische) Geschlecht zutreffen können. Und mensch deswegen mit „weiblich“ nicht selbstverständlich eine Frau meint, sondern auch einen Mann meinen kann, den er_sie eben als „weiblich“ empfindet und dementsprechend beschreibt. Könnte man in dieser wertfreien Form darüber sprechen, könnte man auch darüber diskutieren, je nachdem was man im biologischen Sinn als „männlich“ oder „weiblich“ klassifiziert, ob es denn ausschlaggebende zum Beispiel „männliche“ Anteile gibt, warum manche Frauen sich zu Frauen hingezogen fühlen. Dass keine wertfreie Diskussion darüber möglich ist, erkennt man allein an der ewigen Butch/Femme-Diskussion, wobei Butches (also die „männlichen“ Lesben) oft Missachtung ausgesetzt sind, eben weil sie als „biologische Frau“ „männlich“ auftreten. Als dürfte es das nicht geben oder könnte nicht sein. Ich finde das sehr schade, weil ich glaube, dass vieles einfacher wäre, könnten wir in einem wertfreien, möglicherweise „funktionellen“ Sinne von „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ sprechen, wenn es darum geht zu erörtern wie Homosexualität zu Stande kommt.

Natürlich stellt sich hier wiederum die Frage, was denn nun der Orientierungspunkt einer solchen zum Beispiel „Männlichkeit“ wäre und das eine solche auf Grund der gleich verteilten Streuung auf alle Menschen eigentlich nicht haltbar ist, aber darum geht es mir hier nicht – ich spreche an dieser Stelle von der Ent-Wertung des Geschlechts, männlich oder weiblich, weil ich ein Tabu erlebe, ernsthaft zu thematisieren, dass schwule Männer, in welchem Sinne auch immer, etwas mit heterosexuellen Frauen gemein haben könnten oder eben Lesben mit heterosexuellen Männern. Ich schätze das Tabu entspringt der Sorge wiederum mit allen negativen Konsequenzen kategorisiert zu werden, das verstehe ich, mich ganz persönlich stört das glaube ich einfach weniger, auch wenn das vielleicht irrational ist.

Meine auf das biologische Geschlecht bezogenen sexuellen Präferenzen sind die gleichen wie die eines heterosexuellen Mannes – wäre also nicht besonders erstaunlich, würde ich irgendwas in dieser Hinsicht mit ihm teilen. Und macht doch auch nichts! Ich könnte damit leben, wäre irgendwas in mir oder an mir ein heterosexueller Mann. Wenn der heterosexuelle Mann damit leben kann, dass irgendwas in oder an ihm eine homosexuelle Frau ist?! Und es ist mir auch egal, wenn mir deswegen irgendjemand „Männlichkeit“ oder „verfälschte Weiblichkeit“ nachruft, aber mir ist klar, dass das in meinem Falle ein demokratischer Luxus ist.

Also: warum bin ich homosexuell? Diese Frage drängt sich doch in Wahrheit auf, wenn wir ehrlich sind, was macht es biologisch betrachtet für einen Sinn mit dem gleichen Geschlecht zu verkehren? Am erstaunlichsten finde ich ja, dass sich Homosexualität 1:1 genauso verhält wie Heterosexualität. Unterschiedslos erlebt der homosexuelle Mensch beim Verlieben, in der Beziehung, beim Sex etc. das Gleiche wie der heterosexuelle Mensch. Genauso schön, genauso tragisch, genauso stark. Warum, wenn am Ende keine Kinder dabei raus schauen? Ich stelle diese Fragen hier, auf unserem queer-feministischen Blog, wo sie hoffentlich nicht missverstanden werden und hoffe, dass ihn niemals ein gesellschaftskonservativer Politiker öffnet, dem ich mit meiner Fragestellung in die Hände spiele und mich zitiert!

Mensch kann davon ausgehen, dass die Sexualität stark von der Biologie geprägt ist, die Hauptbühne der Sexualität ist der Körper und da wir uns ja einig sind, dass keine psychischen Störungen Homosexualität erklären, ist anzunehmen, dass die Biologie Hauptregie dabei führt von wem wir uns wann angezogen fühlen und ein paar Menschen macht die Biologie homosexuell, warum?

Wie oben schon angekündigt, ist mein Artikel eigentlich inhaltslos, denn es gibt (noch) keine echte Antwort auf diese Frage.

Ich könnte euch jetzt ja auch elendslang erzählen, was in diesem Buch so alles drin steht über die Forschung mit Zwillingen, Hormonen, dem Gehirn, den Genen… glaubt mir, es ist nicht besonders interessant, der Ausgang jedes Kapitels sieht in etwa so aus, dass es einfach nichts Eindeutiges gibt. Und ich finde das jetzt auch nicht wahnsinnig überraschend. Wie fast immer und überall hängt es vermutlich von einer unüberschaubaren Vielzahl unterschiedlicher Faktoren ab, die, wie der „Zufall“ will, in einer Person zusammen treffen oder eben nicht.

Übrig bleibt nur, dass es die Biologie oder in diesem Sinne wohl besser gesagt die Evolution so eingerichtet hat, dass Homosexualität als Variante sexuellen Begehrens existiert und demnach eine Art Sinn haben oder gehabt haben muss. Immerhin gibt es Homosexualität bekanntlich auch unter sehr vielen Tierarten und es ist schwer vorstellbar, dass ein männlicher Pinguin irgendwann für sich die dekadente Entscheidung getroffen hat lieber mit der hübschen männlichen Pinguinausführung vom anderen Ufer zu wollen. Oder aber traumatisiert durch das Fehlen eines Vaters ist und deswegen homosexuell wird. Nein, da muss schon ein Gedanke der Natur seine Finger im Spiel haben.

Die Theorie, die in meinen Ohren am meisten Sinn macht, ist jene, die besagt, dass Homosexualität der Regulation der Population dient. Und zwar in zweifacher Ausführung, einmal um die Fortpflanzung einzudämmen und einmal um Eltern für „überschüssige“ Kinder sicher zu stellen und deren Überleben.

Mir erscheint diese Theorie recht einleuchtend, „bewiesen“ werden kann sie wohl aber auch schwer und vielleicht sollten wir alle nicht so eitel sein und eine weitere Möglichkeit mit ein beziehen, auch wenn ich eher nichts davon halte und sehr gespannt auf weitere, echte Erklärungsmodelle bin:

Vielleicht ist Homosexualität auch einfach wirklich nur Resultat einer anarchistischen Schlamperei der Biologie, vielleicht macht Homosexualität in Wirklichkeit überhaupt keinen Sinn und ist tatsächlich einfach nur ein Hoppla – könnte doch auch sein! Moralisch macht das ja keinen Unterschied, bekanntlich gibt erst der Mensch allem irgendeine Bedeutung. Ich fände das ja fast schon wieder witzig, christliche Fundamentalist_innen wahrscheinlich eher weniger. Vielleicht bin ich ein „Hupps“ und meine sexuelle Orientierung verfolgt überhaupt keinen Zweck. Ganz uneingebildet ist das doch auch eine Option. Aber wohl eher unrealistisch, dafür erhält sich die Evolution zu hartnäckig dieses „Hupps“ aufrecht, ich glaube da ist sie intelligenter.

Fazit: Ich weiß immer noch nicht warum ich homosexuell bin.

Ich für meinen Teil bin gespannt, was die Wissenschaft noch so an Theorien aufstellt und ich denke mensch sollte weniger Angst davor haben – wir machen uns die Welt wie sie uns gefällt, um passender Weise zu Schluss noch Pippi Langstrumpf mit ins Boot zu holen, als populäres Beispiel des Geschlechterboykotts!

die göttinnenspeise

2 thoughts on “Warum bin ich homosexuell?

  1. Ich finde es wichtig zu erwähnen, dass die Pathologisierung der Homosexualität ein 1. wichtiger Zwischenschritt war, Homosexualität zu entkriminalisieren! Diese Pathologisierung legte somit auch bizarrerweise einen 1. Schritt in Richtung Entpathologisierung. Da es nicht mehr strafbar oder kriminell war, konnte man von nun an auch daran arbeiten, es zu entpathologisieren… hier mehr davon: http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t (Kapitel: Wandel von der Straftat zur „psychischen Krankheit“ )…. Insofern ist die Wissenschaft und Forschung gleichzeitig irgendwie böse UND gut….

    Ich finde den artikel gut und spannend! ich persönlich fände es auch wichtig in sogenannten aufgeschlossenen „alternativen“ Kreisen die Frage der Biologie nicht vollkommen auszuklammern. Das ist heuchlerisch… andererseits ist das ja die Butler’sche Theorie: alles konstruiert, so also auch die Biologie… hmm, ich persönlich denke, es ist nicht gaaaaaaanz so einfach sondern komplexer….

    Zu der spannenden „Theorie, […], die besagt, dass Homosexualität der Regulation der Population dient.“ stelle ich mir die Frage: müsste sich dann nicht in manchen Gegenden der Erde mehr Homosexualität einstellen und in anderen Gegenden weniger? (Bizarrerweise scheint es auf den 1. Blick genau falsch rum zu laufen: reiche Länder viel Homosexualiät, arme Länder weniger Homosexualität. Zumindest die Einfachkeit, diese auch wirklich zu leben. So viel ich weiß, ist Homosexualität ja an sich überall auf der Welt gleichverbreitet.) Und wie schnell passt sich die Evolution an demografische Entwicklungen an? Und wie schnell im Zeitalter der Globalisierung? Unterstützend für diese Theorie nehme ich persönlich wahr, dass es eventuell tendenziell mehr Schwule als Lesben geben könnte: denn während eine Frau schwanger ist, kann ein Mann ja ca. 500000 Kinder zeugen (Bitte meine Schätzung zu korrigieren :-) … insofern tut die Natur besser daran, Männer „steril“ zu halten…. haha….

  2. Welches Buch liest du denn dazu gerade? Mir fällt jetzt nämlich grad ein, dass ich immer noch „Evolution’s Rainbow“ im Regal stehen habe und endlich mal lesen will ;)

    Was ich diesbezüglich mal gelesen habe ist, dass Homosexualität umso häufiger auftritt, je höher entwickelt eine Spezies ist, da es Hand in Hand mit komplexeren sozialen Beziehungen untereinander geht und Sex dabei oft nicht mehr nur die Fortpflanzung betrifft, sondern auch andere soziale Aufgaben hat, siehe Bonobos zum Beispiel, wo ja Sex in allen möglichen Lebenslagen immer eine gute Idee zu sein scheint. Und unsere drei weiblichen Ratten sind zum Beispiel auch sehr homosexuell und scheinen großen Spaß daran zu haben, sich manchmal gegenseitig nachzulaufen und zu bespringen ;)

    Ich denke bei der Frage nach dem Warum bei Homosexualität vor allem beim Menschen ist es zunächst mal wichtig festzuhalten, dass Sex und Kinder kriegen bei Menschen ja eh schon ziemlich entkoppelt ist. Wie oft hat mensch denn schon Sex, und dabei tatsächlich ein Kind zu bekommen? Die Sache ist ja gerade die, dass wir bitte vom Sex möglichst KEINE Kinder bekommen. Das heißt ich finde es eh nicht so erstaunlich, dass mit Homosexualität halt noch eine Variante des Sex-ohne-Kinder-kriegens existiert.

    Mich persönlich interessiert bezüglich menschlichem Sexualverhalten eine andere Frage ganz brennend, und zwar wieso Menschen quasi ständig „läufig“ sind und dabei aber die „Jungtiere“ mit der längsten Aufziehzeit haben. Ich mein, so ein Menschenjunges braucht ja viele viele Jahre, bis es alleine „in der Wildbahn“ überleben kann, und trotzdem können und wollen Menschen fast ständig Sex haben und somit theoretisch wieder neue Jungtiere produzieren.

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