Viennale 2013: eine subjektive to-do Liste

Vergangenen Donnerstag zog zum bereits 51. Mal die Viennale ins Lande. Die Viennale ist Österreichs größtes internationales Filmevent und hat außer der berühmt-berüchtigten Werbetaschen sonst noch so einiges zu bieten. Auch heuer frage ich mich wieder: Wer schaut sich bei der Viennale bloß Filme an, die sowieso ins reguläre Kino kommen (Woody Allen husthust). Anbei einige Empfehlungen mit dem Hauptaugenmerk Regisseurinnen und/oder Inhalt, ohne die Filme vorab gesehen zu haben:

Spielfilme:

Bruno Dumont F2012

Die Bildhauerin Camille Claudel wurde von ihrer Familie in eine christlich geführte Nervenheilanstalt eingewiesen. Vordergründig wegen einer akuten paranoiden Krise, letztlich aufgrund ihres unkonventionellen Lebensstils. Da sitzt sie nun, verzweifelt über ihre Isolation inmitten der psychisch Kranken – machtvoll verkörpert von den realen Insassen einer realen Institution und ohne schmierigen Voyeurismus aufgenommen von Dumont – und hofft auf den Besuch ihres bigotten Dichter- Bruders Paul, hofft auf Befreiung. Binoches Gesicht ist eine Landschaft, Vincents Körper eine Verkrampfung, Sinnlichkeit lehnt sich auf gegen Vergeistigung, Frau verliert gegen Mann.

Warum? Juliette Binoche – noch irgendwelche Fragen?

Johanna Pauline Maier D2013

In Musils Theaterstück «Die Schwärmer» werden die Beziehungen einer Gruppe verheirateter, befreundeter und verwandter Personen analysiert. In poetischer Weise, wie in einer modernen Versuchsanordnung, seziert, zerlegt, verändert, neu zusammengesetzt. Ein schönes und gewagtes Stück Literatur als Ausgangspunkt für einen Film, der ein kleines Kunstwerk ist: der sich jenseits von Psychologie und Einfühlung auf Musils Sprache konzentriert und den Text gleichzeitig von innen und außen zum Klingen bringt, ihn als lebendiges Material von einer Gruppe wunderbarer Darsteller sprechen und zitieren lässt. Ein eigenartiges und faszinierendes Vergnügen.

Die Schwaermer_viennale

Warum?

Das Stück ist eine Wucht! Ist der Film nur halb so gut, wird er fantastisch sein.

Axel Ranisch D2013

«Dicke Kinder kann man weniger leicht entführen» – dieser Spruch ziert Floris Zimmer und Flori ist ein dicklicher, pubertierender Junge im Dauerclinch mit seinem Vater, aber zärtlich verstanden von seiner Mutter. Und nichts wünscht sich Flori mehr, als entführt zu werden, etwa von dem hübschen Jungen Radu. Als die Mutter ins Koma fällt, gerät die Familie aus dem Gleichgewicht und Flori gewaltig ins Schleudern. «Mach einen Film darüber, womit du dich auskennst», hatte Rosa von Praunheim seinem jungen Filmschüler Axel Ranisch geraten, und ICH FÜHL MICH DISCO ist genau das: ein witziger, peinlicher, berührender, ehrlicher und verrückter kleiner Film.

Warum?

Feel-Good Vibes!

Eliza Hittman USA2012

Die 14-jährige Lila verbringt den Sommer am Strand von Brooklyn. Meist als unsichtbare Dritte im Schlepptau ihrer älteren Freundin Chiara, die ihr Liebesglück mit Patrick ausgiebig in der Öffentlichkeit zelebriert. Das muss sich ändern und so stürzt sich Lila mit Leidenschaft in das lokale Lasterleben, um erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Regisseurin Hittman inszeniert diese Coming-of-Age-Geschichte als Schattenspiel im Halbdunkel zum Rhythmus von darken Hip Hop- Beats. Am nachhaltigsten aber brennen sich die schwarz umrandeten, traurigen Augen der Hauptdarstellerin ins Bewusstsein, die mehr zu wissen scheinen als die Person, der sie gehören.

Warum?

Nachdem ich Forever’s Gonna Start Tonight gesehen habe, sind die Erwartungen an Hittman’s ersten Langspielfilm recht hoch.

Justine Triet F2013

Im Schatten der französischen Präsidentschaftswahlen von 2012, über die die Fernsehjournalistin Laetitia berichten soll, verdüstert sich das Mikroklima in ihrer Patchwork-Familie: schreiende Kinder, ein liebesbedürftiger Gefährte, ein aggressiver Ex-Ehemann, ein unbeholfener Babysitter und ein spitzfindiger Anwalt sorgen für Action in Permanenz. Triet mischt dokumentarische Szenen vom politischen Umbruch und Spielfilmsequenzen und zeigt mit Sinn für die Komik des Ausnahmezustandes Menschen am Rand des Nervenzusammenbruchs. Bis am Ende die Stille der Nacht alle erlöst.

Warum?

Ein Trailer, der nur so übersprudelt vor lauter Energie.

Beim diesjährigen Festival in Cannes gewann LA VIE D’ADÈLE – CHAPITRES 1 ET 2 für viele überraschend die Goldene Palme. Überraschend, da der Film mit seinen expliziten Sexszenen und einer eher sprunghaften Erzählweise nicht dem klassischen Konsenskino der Croisette zu entsprechen schien. Doch seine Provokationen sind keine vordergründigen, sondern entwickeln sich selbstverständlich aus der Geschichte der Hauptfigur, des Mädchens Adèle, das auf schmerzhafte Weise seinem Begehren folgt und langsam in ein eigenes, für manche verstörendes Leben findet. «Für mich ist Adèle ein heroischer Charakter», sagt Kechiche, «heroisch, weil sie ihr eigenes Schicksal erfüllt.»

Warum?

DER viel umstrittene Lesben-Film, der Cannes heuer aufgerührt hat. Die Autorin der Graphic-Novel, Julie Maroh ist vor allem mit der oft zitierten und vielfach kritisierten Sex-Szene unzufrieden. Da das nächste identities noch so fern liegt, gibt es schon nun die Chance sich selbst ein Bild zu machen.

Dimitris Bavellas GR2013

Das griechische Kino hat auf die desaströse Lage des Landes auf erfindungsreiche Weise reagiert: mit radikalen sozialen Analysen, mit bitteren, dunklen Assoziationen, mit ironischer und sarkastischer Brechung. RUNAWAY DAY fügt dem eine Auseinandersetzung in Form eines Genrefilmes hinzu, eines Science-Fiction mit schwarzweißer 70er-Jahre-Anmutung. In einer nahen Zukunft verlassen die Menschen massenhaft Stadt und Land. Sie steigen aus Schulden und Armut aus und irren in ein ungewisses Irgendwo. Mechanisch, paranoid, hysterisch und resigniert. Allesamt gezeichnet von der Krise, ziehen sie wie Revenants fort aus ihrer alten Welt. Aber das Leben scheint sie nicht mehr zu begleiten.

Warum? Monochrome Farben, sozial-kritischer Blick auf die heutige Politik Griechenlands, der Kapitalismus in der Krise und die entwertete Demokratie sind nur einige Stichworte, die diesen Film auf meine to-do-Liste gesetzt haben.

Dokumentarfilme:

Mia Engberg S2013

Eines Tages ruft die große Liebe aus längst vergangenen Pariser Studentinnentagen bei der Filmemacherin an und bittet um Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Ein semi-experimentelles, impressionistisches Rauschen der Gedanken und Gefühle beginnt, und es entsteht ein zartes Wirklichkeitsgespinst, dessen Bild und Tonebene nicht immer miteinander konform gehen. Alte Super-8- Aufnahmen, aktuelles Digitalmaterial und das zwischen Telefongesprächen und Tagebuchaufzeichnungen wechselnde Voice-Over verbinden sich zu einem lyrisch-melancholischen Liebesfilm, der auch einfach nur gut erfunden sein könnte.

Warum? Ok, ok – ich gestehe! Ich kenne Mia Engberg nur als die Regisseurin, die beim Porno Dirty Diaries die Fäden in der Hand hatte, und nun bin ich neugierig, was sie außerhalb der experimentellen Pornoreihe noch so drauf hat.

Tinatin Gurchiani Georgien/D2012

Die Versuchsanordnung ist simpel: Die Regisseurin bittet junge Leute aus Georgien zu einem Casting vor einer blauen, bröckelnden Wand. Was als Standardprozedur beginnt, wird bald zu einem tiefen Blick in die Seele der angehenden Darsteller. Sie enthüllen ihre Träume und Traumata, erzählen vom Scheitern und von ihren Sehnsüchten und gestatten der Kamera, sie in ihrem Alltag zu begleiten. So entfaltet sich das Panorama einer «lost generation» in einem Land hinter den sieben Bergen, gezeichnet von Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Selbst wenn sie nur in der Erinnerung an den Kirschbaum aus der Kindheit besteht.

Warum? Voyeurismus at its best!

Mara Mattuschka ist eine Art Naturgewalt, wunderbar in ihrer Ausdrucksweise, ihrem Erfindungsreichtum, ihrem Witz, ihrer Inkonsequenz. Sie ist Malerin, Schauspielerin, Filmemacherin, Performancekünstlerin, Professorin, Sängerin – und vor allem: Mara Mattuschka. Längst international vielfach ausgezeichnet und renommiert, sind ihre Neugier, ihr Pioniergeist, ihre großartige Mischung aus Abgebrühtheit und Naivität dennoch gänzlich ungebrochen. So wird auch diese feine, reiche und intelligente Dokumentation über Mattuschka, bevor man es bemerkt hat, zu einem Kunstwerk von Mattuschka: widersprüchlich, wild und abgründig unterhaltsam.

MaraMattuschka_viennale

Warum? Ein Blick auf das Sein der Mattuschka.

Kim Longinotto GB/Indien2013

Als die Tamilin Salma in die Pubertät kommt, wird sie von ihren Eltern im Haus eingeschlossen. Als sie neun Jahre später endlich ihrer Verheiratung zustimmt, wird sie weitergereicht in die Familie ihres Mannes. In den Jahren des Eingesperrtseins hat Salma ihr dichterisches Talent entdeckt; sie schafft es, veröffentlicht zu werden; sie wird schließlich sogar Parteiabgeordnete ihres Dorfes. Die Geschichte von Salmas erbittertem Widerstand gegen die Unterdrückung ihrer Stimme und die ihres Geschlechts wird in Gesprächen nachvollzogen, die Salma mit Angehörigen führt und die Longinotto mitfilmt. Es ist keine reine Erfolgsgeschichte. Die Traurigkeit in Salmas Augen legt davon Zeugnis ab.

Salma_Viennale

Warum? Eine Freundin hat’s empfohlen! Und wenn A sagt, dass die Doku gut ist, dann ist sie gut!:-)

Ruth Beckermann A2013

Beckermann nimmt eine Reihe von Motiven ihrer bisherigen Arbeiten auf, fügt neue hinzu, verwebt ihr privates und politisches Interesse mit einer allgemeineren Bewegung: Der der Migration, der Wanderung, der Veränderung, der Fremde. Das Unterwegssein als ewiges und zugleich hochaktuelles Moment unserer Welt, erzwungen, freiwillig, zufällig, nicht enden wollend, hoffend, gewalttätig. Nigerianische Asylwerber in Sizilien, gealterte Emigranten in Paris, die jungen Frauen von Alexandria, der arabische Musiker im jüdischen, gelobten Land, ein zerrissenes, verknotetes, sich auflösendes und wieder neu verdichtetes Gewebe. Der Stoff, aus dem Welt und Geschichte gemacht sind.

Beckermann_Viennale
Warum? Beckermann ist Beckermann ist Beckermann.

Special Programs: Asian Delights

Hier mein Outing: Ich stehe auf asiatisches zeitgenössisches Kino! Keine Frage also, dass das heurige Special Träume wahr werden lässt.

Und das alles in 3D!!!!!

Alle Filmtexte sind der Viennale-Homepage entnommen worden.

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