Eine viel zu nüchterne Betrachtung der Liebe

Zählt eigentlich noch irgendwer mit, wieviele Popsongs uns täglich im Radio, in Kaufhäusern, Restaurants, Bars und Clubs mit immer den selben Botschaften über die große Liebe zudröhnen? Irgendwann war ich genervt genug, einmal Google zu fragen: “lyrics + you are the only one”, 54 Millionen hits. Ich habe nicht überprüft, wie aussagekräftig das Ergebnis ist, wahrscheinlich, weil es meine Erwartungshaltung bestätigt hat. Ein kleiner menschlicher Fehler, vielleicht derselbe, der unserer Interpretation der Liebe zugrundeliegt. Menschen mögen es eben, wenn ihre Erwartungshaltung erfüllt wird, und genauer wollen sie es dann gar nicht wissen.

Lyrik, die von der Liebe handelt, ist jedenfalls keine neue Erfindung. Über die Höhenflüge und Abgründe der Liebe ist viel geschrieben worden, und was die Liebe eigentlich ausmacht, wurde auch schon oft hinterfragt.

“But if this medicine, love, which cures all sorrow
With more, not only be no quintessence,
But mix’d of all stuffs, vexing soul, or sense,
And of the sun his active vigour borrow,
Love’s not so pure, and abstract as they use
To say, which have no mistress but their Muse;
But as all else, being elemented too,
Love sometimes would contemplate, sometimes do.”

John Donne hat das im 17. Jahrhundert geschrieben, noch ohne Musik, aber immerhin auch schon einmal in einer Werke-Sammlung namens “Songs and Sonnets”. In den 90ern war dann wohl Ketil Bjørnstad der Meinung, dass diese Verse endlich eine Melodie brauchen, und hat ein melancholisches Jazz-Album rundherumkomponiert.

Womit wir wieder in der Gegenwart wären, die auch einige neue Kommunikationswege mit sich gebracht hat, beispielsweise Facebook, wo zum Thema Liebe auch Unmengen an Bildchen mit kitschigen Sprüchen gepostet werden. Dabei scheinen die Menschen, die am meisten und besonders übertrieben romantisch über die Liebe posten, gleichzeitig die zu sein, die am wenigsten davon verstehen.

Aber wahrscheinlich leben wir da ohnehin alle in einer Fantasiewelt, sogar was unser eigenes Liebesleben betrifft. Ganz selbstverständlich reden und schreiben wir darüber, dass unsere Liebe sich keinen Grenzen und Normen unterwirft, und wie tiefgründig wir bewerten, was uns in einer Beziehung alles wichtig ist. Da ist die Rede von gemeinsamen Idealen und Zielen, gleichberechtigter Partner_innenschaft, geteilten Interessen, Vertrauen, und tausend anderen Kriterien, die angeblich eine Liste dessen sind, was in einer Beziehung wirklich zählt.

Ich weiss nicht, ob wir es selbst nicht bemerken, oder ob wir uns nur nicht eingestehen wollen, dass die Realität eigentlich ganz anders aussieht. Immer noch schaffen es die meisten Beziehungen nichtmal über die Grenzen der eigenen sozialen Schicht hinaus. Ungefähr genauso selten überbrücken sie verschiedene Subkulturen, deren wirkliche Unterschiede doch eigentlich sehr oberflächlich sind. Um die gemeinsamen Interessen geht es da also nicht, wer die Hobby- und Interessensliste von Menschen aus unterschiedlichsten Subkulturen vergleicht, findet doch immer wieder die selben Freizeitbeschäftigungen. Aber trotzdem: Ökos daten nur Ökos, Hipster_innen nur Hipster_innen, und Punker_innen nur Punker_innen. Die Unterschiede in Charakter, Interessen, persönlicher Art, usw. sind oft viel unwesentlicher als die unterschiedlichen Farben der Verpackung.

Auf Menschen, die es immer noch nicht geschafft haben, verstaubte Rollenbilder zu überwinden, blicken wir entweder mitleidig oder fast schon verächtlich hinunter, aber dass auch in unserem modernen Teil der Gesellschaft, wo sich unseren Idealen folgend alle unabhängig vom Geschlecht auf Augenhöhe begegnen sollten, in praktisch allen heterosexuellen Beziehungen die Männer immer einen Kopf grösser sind als die Frauen, übersehen wir gerne; und erst recht, dass das immer noch fast ein ungeschriebenes Gesetz zu sein scheint. Auf ähnliche Art und Weise gehen dann die Ideen der Gleichberechtigung oft zu wesentlichen Teilen mit über Bord.

Wir sind viel stärker in unseren selbstauferlegten Grenzen und Normen gefangen, als wir es zugeben wollen.

Offensichtlich fantasieren wir zwar gerne lange Listen aller möglichen Ideale über die Liebe, unsere Beziehungen und Partner_innen zusammen, aber wenn ich mich in dem allgegenwärtigen Beziehungschaos rundherum umsehe, bekomme ich manchmal den Eindruck, dass die Liste, die wir in der Realität anwenden, ein bisschen anders funktioniert.

Vielleicht haben wir da keine Kriterienliste, sondern nur eine Liste von Kandidat_innen, die wir einfach, ohne jemals über die Gründe nachgedacht zu haben, oberflächlich anziehend finden:

Über Nr. 1 sagen fast alle, dass sie_er total anziehend ist, willkommen bei der Trophäenjagd, aber blöderweise ist er_sie schon vor Jahren ausgewandert, und was sind eigentlich nochmal individuelle Vorlieben? Mit Nr. 2 und 3 waren die paar Mal Sex super, aber sie_er sind schon vergeben. Nr. 4 ist zwar total fesch, steht aber nicht auf dein Geschlecht, Nr. 5 ist momentan im Gefängnis, Nr. 6 erinnert dich total an die_den Schauspieler_in aus diesem tollen Film, ist aber momentan in eine_n deiner Freund_innen verliebt, also wäre eigentlich Nr. 7 dran, aber dann läuft dir zufällig Nr. 9 bei der nächsten Party über den Weg, und wie sich das dann halt so ergibt…

“You are the only one”, dröhnt dann im passenden Moment wieder ein kitschiger Popsong aus dem Radio. Nummer 9 von 19, momentan. Auf der Liste mit den wildromantischen Idealen der grossen Liebe ist noch nichts abgehakt, aber ein paar Punkte werden schon passen, hoffentlich. Vielleicht schauen wir die Liste auch lieber nicht nochmal an.

Falls du jetzt immer noch etwas ratlos vor dem Artikel sitzt, und dich fragst, was du damit anfangen sollst, dann habe ich abschliessend das zu sagen:

Ich bekenne mich schuldig im Sinn der Anklage, in allen Punkten. Wirklich, ich könnte vielleicht noch ein paar Stunden schlau klingende Texte schreiben, und gleich danach die selben Fehler machen wie alle anderen auch. Aber einen Vorschlag habe ich doch: Vielleicht sollten wir uns ein bisschen weniger für Ideale, die wir ohnehin nicht leben, auf die eigene Schulter klopfen und stattdessen lieber ab und zu mal zugeben, dass wir nicht so perfekt sind, wie wir uns gerne sehen wuerden.

3 thoughts on “Eine viel zu nüchterne Betrachtung der Liebe

    • Danke, heute ist’s schon ziemlich spaet, aber ich werde mir das anschauen – klingt lustig :D

      Das mit Hirn aus, Gefuehl an ist fuer mich so eine ambivalente Sache. Zuviel Vernunft killt wahrscheinlich genau die Faszination, die gegenseitige Anziehung erst moeglich macht, und mit zuviel Gefuehl geht’s potentiell in ungebremster Naivitaet den naechsten Abgrund ‚runter. Die richtige Dosis Realismus scheint da wirklich schwer zu finden zu sein…

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