Die Horrorstories von Natsuo Kirino

Wenn man an Krimis denkt, sind es eher trashige Romane und langweilige Polizeigeschichten. Natsuo Kirino ist anders, sie dreht das Ganze auf den Kopf. Hier folgen wir den Mörder*innen, den Prostitutierten, Opfern, die auch Täter sind. Auf Englisch gibt es bereits vier Romane von ihr übersetzt, und ich warte gespannt, welcher von ihren vielen japanischen Romanen als nächstes übersetzt wird. Ihre Bücher werden zwar als Krimis verkauft, aber oft steht die Tat, der Mord, im Hintergrund, und ist nur da, damit Kirino uns in die dunkelsten Seiten der japanischen Gesellschaft entführen kann. Sie hat mehrere Preise gewonnen, doch der prestigevollste ist der erste Preis bei Japans Mystery Award für OUT.

Kirino scheut nicht davor, die grauslichsten und unheimlichsten Seiten den Menschen zu porträtieren. Hier wird nichts schön gemalt, und es gibt keine Happy Ends. Ihre Charaktere sind meistens nicht sympathisch. Sie sind alle mitsamt fehlerhaft, so wie Menschen halt sind. Somit gibt es auch nur selten eine klassische Heldinnen-Figur mit der man sich selbst identifizieren kann. Die Szenen, die Kirino beschreibt, bleiben in deinen Gedanken, auch Jahre nachdem du sie gelesen hast. Sie schreibt mitreißend, schonungslos, realistisch und hart, und so, dass alles unter deine Haut geht.

Vor allem in Japan, aber auch hier, ist sie sehr kontrovers mit ihren Frauenportraits. Es ist sehr selten, dass wir von solch rohen und unkonventionellen Frauen zu lesen bekommen. Insbesondere in Europa oder Amerika ist das klassische Bild der japanischen Frau sehr verzerrt, da es zumeist auch auf rassistische Stereotypen zurückgreift. Kirinos Frauen sind keine Ninjas und keine leisen, süßen Mathegenies. Die Frauenbilder, die Kirino zeichnet sind realistisch. Sie beschreibt Frauen, die in gesellschaftlichen und sozialen Strukturen gefangen sind, und wie sie dagegen kämpfen können. Da sie auch oft über Prostitution, Männergewalt, und die Situation von Frauen im Allgemeinen auf eine Art und Weise schreibt, wie wir sie nur sehr selten zu lesen bekommen, ist Kirino eine wichtige feministische Autorin.

Das erste Buch, welches ich empfehlen will, ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher: OUT, (auf Deutsch Die Umarmung des Todes). Es handelt von vier Frauen, die in einer Lunchboxfabrik in der Nachtschicht arbeiten. Als eine der Frauen ihren Ehemann umbringt, helfen die anderen ihr dabei, den Körper zu zerschneiden und zu beseitigen. Der_die Leser*in wird nun in eine destruktive Spirale von Kriminalität eingeführt.

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In Grotesk werden zwei Prostituierte ermordet. Die Schwester der einen erzählt ihre Geschichte. Es geht um Ausgeschlossenheit, um die Bedeutung von Schönheit, um Prostitution, Macht, soziale Gruppierungen und Hass. Der Erzähl-Stil ist auch sehr interessant, da wir verschiedenen Personen folgen dürfen und somit auch ihre eigenen Meinungen über das, was passiert ist, zu lesen bekommen. Was jedoch die ”Wahrheit” ist, erfahren wir nie.

Real World gibt uns einen Einblick in das Leben von vier jugendlichen Mädchen. Eine Frau stirbt in der Nachbarschaft, und der Verdacht fällt auf ihren Sohn im Teenager-Alter. Der Lebensweg der vier Mädchen wird durch die Tat in verschiedener Art und Weise beeinflusst. Was ich auch spannend fand, war die Geschichte eines der Mädchen, welches lesbisch ist. Die Thematik dieses Buches sind die verschiedenen Welten, in denen Erwachsenen und Teenager leben.

Seit heuer gibt es noch The Goddes Chronicle, welches auf einem japanischen Mythos basiert. Auf Deutsch gibt es noch den Roman, Teufelskind, welcher auch von Prostitution handelt. Diese zwei habe ich noch nicht gelesen, aber  ich werde es so bald wie möglich tun!

Eine Freundin von mir hat, nachdem sie Grotesque gelesen hat, gesagt: ”Es ist als ob ich ein Bad im Öl genommen hätte, egal wie sehr ich mich wasche, es geht nicht weg”. Ich finde, dies spricht sehr für Kirino! Ihre Bücher sind einfach unvergesslich. Ich zweifle nicht daran, dass diese Bücher in ein paar Generationen als Klassiker unsere Zeit gesehen werden.

3 thoughts on “Die Horrorstories von Natsuo Kirino

  1. ich kann nur zustimmen!
    Habe Teufelskind gelesen und fand es sehr außergewöhnlich und nun bin ich auf den letzten Seiten von der Umarmung des Todes.
    Selten erfährt man mehr aus dem Alltag japanischer Frauen.
    Eine feministische Autorin, die mit solch einer Wucht erzählt!
    Faszinierend!

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