Beyoncé und die Emanzipation

In mehrfacher Hinsicht ist Beyoncé Knowles neues Album „Beyoncé„, an den Maßstäben des Kommerziellen und Üblichen gemessen, außergewöhnlich. In diesem Artikel möchte ich meine ganz persönlichen Eindrücke darüber mit euch teilen. Ich begreife ihr neues Album beinahe schon als tiefenpsychologische Reise, auf die ich mich gestern Nacht bewusst eingelassen habe. Aber bevor ich in die Tiefe gehe, vielleicht noch zum Rahmen der Geschichte.

Beyoncé ließ niemanden wissen, dass ein neues Album am Werden ist und so wurde der 12.12.2013 zur großen Überraschung der Popwelt: Beyoncé veröffentlicht nicht nur ein ganzes Album, sondern treffender gesprochen, gleich einen Kunstgriff, dem keine Single-Auskopplung und keine Ankündigung voraus ging. Und als i-Tüpfelchen der Kuriosität, handelt es sich gleich um ein „visuelles“ Album, was soviel heißt, dass ein Großteil der Stücke visuell durch Videos untermalt sind, die man ebenso auf dem Album findet.

Beyoncé Knowles erklärt ihr ungewöhnliches Vorgehen damit, dass sie verhindern wollte, dass der Hype zwischen ihr und ihren Fans steht. Sie wollte das Album veröffentlichen, wenn es fertig ist und ohne Druck. Sie wollte das Erleben der Musik in den Vordergrund stellen und ein durch Promotion und Hype verfälschtes Erfahren ihres neuen Albums verhindern. Schließlich wollte sie mit dem Album zeigen, dass für sie jedes Lied, oder Musik generell, an eine Vision gebunden ist, an Bilder, die sie mit einer bestimmten Emotion oder Erinnerung verknüpft. Deshalb ein „visuelles Album“.

Dieses visuelle Album habe ich mir, wie besprochen, gestern nach Mitternacht vollständig zu Gemüte geführt und möchte diese Seiten nutzen, um mein persönliches Erleben dabei zu beschreiben. Prinzipiell muss man es, denke ich, selbst gesehen haben und die Bildersprache auf sich wirken lassen. Alle Details und Symboliken, die mitwirken, sind schwer wiederzugeben und unterliegen hochgradig einer subjektiven Interpretation und nichts anderes ist meine Schilderung.

Als das letzte Video ausgeklungen war, fühlte ich nach, welches Gefühl bzw. welcher Eindruck nach geschlagenen 17 Musikvideos am stärksten nachwirkte. Er war recht leicht zu identifizieren: Verstörung. Wobei ich ausdifferenzieren müsste, woher diese Verstörung kommt. Wirkt das Album deshalb verstörend auf mich, weil es für eine kommerzielle Künstlerin sehr grenzgängerisch und zumindest großteils, meines Erachtens nach, eher unkommerziell ist? Oder ist das Album an sich verstörend? Ich denke beides. Auch wenn Beyoncé eher einem Subgenre untergeordnet wäre, würde mich ihr Album, jenseits von gut und böse, gemäßigt erschüttern.

In den Medien wird das Album hauptsächlich als sehr sexlastig und lasziv beschrieben, auf Twitter postet eine Unmenge Frauen darüber, dass sie auf Grund von Beyoncé´s neuem Album nun schwanger wären.

Es ist wahr, dass ihre Stücke über weite Strecken von Sex handeln, ich persönlich aber erlebte während dem Hören und Sehen der aneinander gereihten Musikvideos eine vielschichtigere Erfahrung oder Absicht, als die plumpe Provokation mit dem Stilmittel sexueller Aggressivität oder Eindeutigkeit.

Wenn man so will, ist Beyoncé´s Werk wie eine Geschichte der persönlichen Emanzipation zu lesen. Vor allem lese ich ihr Album als Verarbeitung ihrer Beziehung und Karriere und Befreiung von auferlegten Rollen. Unterbrochen von der Wiederkehr zwänglicher Muster, handeln ihre Stücke von Aufstand, Schmerz und Befreiungsschlägen. Dabei hat sie sich selbst, auch als Frau, im Zentrum. Generell wird an den unterschiedlichsten Passagen immer wieder ein auch feministisches Anliegen sehr klar deutlich.

Schließlich läutet sie ihr Album mit dem Song „Pretty Hurts“ ein, das die kranke Seite des Schönheitskults und der Wettbewerbskultur, sowie die persönliche, innere Sinnleere ihrer Opfer hervorkehrt, die meist Frauen betrifft und von der sie sich selbst offensichtlich auch betroffen fühlt/e. Die letzte Sequenz des Videos zeigt sie als kleines Mädchen, das soeben einen Singwettbewerb gewann und sich dafür vor dem Publikum bedankt.

pretty hurts

Das nächste Video, „Ghost“, beginnt unmittelbar mit ihren Dankesworten als Kind und erscheint als sehr puristisch und artifiziell gehalten, es arbeitet fast ausschließlich in schwarz-weiß und zeigt in weiß gehüllte, gesichtslose Körper, die Figuren bilden, was womöglich die Verlorenheit und Unsichtbarkeit mitten in der desinteressierten Welt der Record-Labels symbolisiert, die sie auch textlich anspricht.

Der dritte Titel „Haunted“ spricht in Folge darauf eine sehr eindeutige Sprache an alptraumhaften Bildern. Beyoncé selbst erscheint als kalte, abgebrühte Figur, die ein Hotel durchstreift, deren Räume besiedelt sind von bedrohlichen, angsteinflößenden Wesen, die sie selbst völlig unbeeindruckt lassen. Textlich handelt der Titel davon, verfolgt zu werden bzw. sich gegenseitig heim zu suchen. Wenn Beyoncé ihr Schaffen so beschreibt, dass es an Visionen, Bilder und Emotionen geknüpft ist, die ihr erscheinen, wenn ein neues Stück vor ihrem geistigen Auge auftritt, schöpft das Video wohl aus den Untiefen des Unbewussten, das jedenfalls etwas grauenhaftes verarbeitet und hauptsächlich in Form von Alpträumen auftaucht. Und bezieht sich, wenn man ihre einzelnen Stücke als zusammenhängende Geschichte liest, wahrscheinlich wiederum auf die Bedrohung und notwendige Kälte einer Musikbranche, der sie schon als Kind ausgesetzt war.

haunted

„Drunk in Love“ ist der Auftakt jener sexbesetzten Stücke des Albums, die vor allem die Presse im Fokus hat und, meiner Meinung nach, zu unrecht reine sexuelle Provokation als Verkaufsstrategie daraus macht. Als ich das Video gestern zum ersten Mal sah, wusste ich von der medialen Rezeption des Albums noch nichts und ich hingegen empfand es, als Folgevideo der vorangegangenen Alptraumschwaden, als Ausdruck der kompromisslosen Kontrollabgabe und den radikalen Rückbezug auf ureigenste, wenn man so will, primitive und unverfälschte, gedanken- und normbefreite Verhaltensweisen oder Bedürfnisse wie, die Leser_innenschaft verzeiht, „saufen und f*****“. Ein Ausbruch aus der Kunstwelt, zurück ins Zentrum der eigenen gefühlsgeleiteten, unzensierten und unkontrollierten, intuitiven Handlungen. Die Bildersprache ist unkompliziert und klar, einerseits brachial und aber ebenso ehrlich. Und, wie ich persönlich finde, hinter dem ersten Eindruck der provokanten Laszivität, sehr intim.

„Blow“: Während „Drunk In Love“ einen starken Bezug zu ihrem Mann Jay-Z herstellt, der im Stück gesanglich als auch bildlich mitmischt, weswegen sich für mich nicht zuletzt der Eindruck der Ehrlichkeit und Intimität so stark machte, erlebte ich „Blow“ sehr eindeutig als Stück, das Beyoncé wahrscheinlich diesmal bewusst abgekoppelt von Jay-Z gestaltete und tatsächlich unvermischt schlicht und ergreifend Sex aus dem Blickwinkel „weiblichen“ Wollens thematisiert. Im Grunde genommen erzählt sie davon, was sie zum Lustgewinn führt und wie sie zur Lustbefriedigung kommt. An dieser Stelle tut sie nichts anderes, was männliche Künstler aller Genres seit jeher tun, nämlich darüber berichten, welche sexuellen Phantasien sie so wälzt. Und ich schätze dies war auch Beyoncé´s Absicht, im Bewusstsein, dass solch Verhalten von Männern und Frauen jeweils unterschiedlich bewertet wird.

Ich lasse die Titel „No Angel“, „Yoncé„, „Partition“, „Jealous“ und „Rocket“ an dieser Stelle aus und springe direkt weiter zum Titel „Mine“. Die ausgelassenen Titel ließen sich in gleicher Manier wie oben interpretieren, aber ich möchte mich auf die Titel konzentrieren, die den stärksten Eindruck bei mir hinterließen, um die Sache übersichtlich zu halten.

„Mine“ handelt meinem Eindruck nach schließlich davon, den anderen in Besitz nehmen zu wollen und von der Blindheit gegenüber der Unmöglichkeit dieses Wunsches. Es tauchen zwei Menschen auf über deren Köpfe Stoff gestülpt ist, der mit jeweils „Mine“ und „Yours“ bedruckt ist. Des Weiteren erscheint Beyoncé eingangs in einem Kostüm, einer Pose und in einer Umgebung, die stark an das Bild einer biblischen Maria erinnern, Feuer und Wasser werden bildersprachlich oft eingesetzt, was in meinen Augen die Zerissenheit zwischen dem Glauben an die verbindliche Liebe und dem eigens erlebten Scheitern daran andeuten soll.

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Es folgt der Titel „XO“, den ich wiederum auslasse und direkt übergehe zu ihrem eindeutigsten feministischen Statement des Albums:

In „***Flawless“ schlägt endlich die offene Kritik und der deutliche Aufstand gegen die anerzogenen, gesellschaftlichen Rollenbilder von Frauen durch, im Stück ist eine Passage einer Rede der Feministin Chimamanda Ngozi Adichie eingebaut, die die unterschiedliche Erziehung von Buben und Mädchen thematisiert und auch die Kritik daran beinhaltet, dass Mädchen erzählt wird, heiraten sei die höchste Priorität im Leben. Möchte man wiederum einen Zusammenhang zwischen den anderen Stücken knüpfen, so kann man das Lied auch als Freiheitsvorstoß gegenüber dem Wunsch in Besitz von jemand anders zu sein lesen oder das Hinaustreten aus der Rolle der Maria und aus der Unterordnung eines hierarchischen Systems, das Frauen negativ betrifft. Auch in „Flawless“ stellt sie einen Bezug zu ihrer eigenen Biografie her, indem sie die Videosequenz einarbeitet, die ihre damalige Girl-Band an der Schwelle zum Teenageralter zeigt, während sie einen Wettbewerb gegen eine männlich besetzte Band verlieren.

„Superpower“ spricht, nur kurz, in meinen Ohren und Augen wiederum eine eindeutige Sprache des Aufstands, diesmal allerdings mit einer allgemeineren Note.

Schlussendlich überspringe ich die Titel „Heaven“ und „Blue“ und widme mich abschließend ihrem Bonusvideo „Grown Women“: Hier erscheinen Videosequenzen von Beyoncé selbst in unterschiedlichen Altersstufen, die sie den gleichen Titel „Grown Women“ singen zeigen. Das Video hat eine stark psychedelische Note und erzählt schließlich sehr eindeutig von ihrer eigenen Emanzipation zu einer erwachsenen, eigenständigen Frau, die machen, fühlen und denken kann was auch immer sie will, genauso wie es auch der Text erzählt. Und diese schlussendliche Botschaft betrachte ich stellvertretend für die allgemeine Botschaft ihres Albums.

Ich hatte bei keinem Titel das Gefühl, dass der Gedanke der Verkaufbarkeit eine allzu große Rolle während ihres künstlerischen Schaffens spielte, sondern sie bewusst ihrer Intention folgte, jeden Titel unzensiert so in die Welt zu setzen, wie er sich ihr aus dem Innern ihres kreativen Zentrums heraus aufdrängte. Auch wenn zwei oder drei Titel dabei sind, die vermutlich trotzdem einen kommerziellen Erfolg feiern werden. Meiner Auffassung nach stellt sie sich mit diesem neuen Album als Künstlerin in den Vordergrund und ignoriert nicht nur die Vorgaben der populären Musikbranche, sondern rebelliert gegen sie.

Natürlich ist ihre Musik nach wie vor stilistisch die des R´n´B, Hip Hop bzw. Pop und arbeitet stark mit ihren gewohnten Beyoncé– Rhythmen und Beats, die ja aber immer schon, an ihrem Genre gemessen, anspruchsvoll und innovativ waren. Beyoncé´s neues Album ist musikalisch betrachtet also keine besondere Revolution, aber als Gesamtwerk ein beachtlicher, künstlerischer Wurf, der sich viel traut und Mut beweist, wenn man als weltberühmte Musikkünstlerin vor allem an der Chartplatzierung gemessen wird.

Ich selbst habe mich nie eingängig mit Beyoncé beschäftigt, kenne gerade mal ihre Singles und fand zwar immer Gefallen daran, aber man kann nicht davon sprechen, dass ich ein eingefleischter Fan wäre. Die Herangehensweise an das Album fand ich aber so interessant, dass ich mehr darüber wissen wollte und wurde gestern Nacht Teil einer spannenden Reise durch Beyoncé´s Visionen und Kunst.

die göttinnenspeise

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