Das Tomboy-Dilemma

“Tomboy”, das ist die Bezeichnung, die sich vor allem im englischen Sprachraum für Mädchen und Frauen verbreitet hat, die nicht in die immer noch übliche Kategorisierung von “männlich” und “weiblich” passen wollen. Das “boy” im Wort bringt wohl ganz gut zum Ausdruck, wie die Mainstream-Gesellschaft Tomboys sieht: typischerweise als burschikose Mädchen und Frauen, die Interessen, Hobbies und Berufe haben, die als “typisch männlich” betrachtet werden.

Manche feiern die Tomboys deshalb als feministischen Erfolg. Schliesslich sind sie ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass Frauen sich genauso für das interessieren und genauso gut das tun können, was angeblich “typisch männlich” ist und überwinden damit nicht nur die traditionelle Rollenverteilung, sondern auch gleich die Vorstellung, dass Verhalten und Talente geschlechtsspezifisch unterschiedlich wären. Ausserdem entziehen sie sich auch der von Männern geprägten Vorgabe, wie eine “richtige Frau” auszusehen und wie sich zu verhalten hätte.

Andere dagegen machen den Tomboys den Vorwurf, sie selbst würden “typisch weibliches” Verhalten geringschätzig betrachten und hätten sich deshalb einfach an “typisch männliche” Verhaltensmuster angepasst. Das wäre überhaupt nicht feministisch, sondern unter Umständen sogar frauenfeindlich, weil dadurch wieder nur “männliches” Verhalten als richtig gewertet würde.

Vielleicht steckt auch in dieser Ansicht manchmal ein Korn Wahrheit.

In dem Artikel “On growing up a tomboy” beschreibt die Autorin, wie sie sich in ihrer Kindheit und Jugend als Tomboy genauso unter Druck gefühlt hat, soziale Massstäbe für Verhalten zu erfüllen, wie einige ihre Freundinnen, nur dass sie sich dabei eben an den Normen der Burschen orientiert hat, anstatt an denen der Mädchen. Auch in der Sugarbox hat vor einiger Zeit der Artikel “Gedanken eines Tomboys” davon berichtet, wie eine Vorliebe fuer “mädchenuntypisches” Verhalten mit einer Geringschätzigkeit fuer alles “mädchenhafte” einhergehen kann, aber auch, wie eine genauere Auseinandersetzung mit den vielen Facetten menschlichen Verhaltens aufdeckt, dass sich die Persönlichkeit von Menschen nicht davon ausgehend bewerten lässt, ob sie als Kind lieber mit Puppen oder Holzschwertern gespielt haben.

Warum also werden überhaupt von Männern und Frauen jeweils Verhaltensweisen gefordert, die offensichtlich in zwei entgegengesetzte Richtungen gehen? Warum ist das selbe Verhalten beim einen Geschlecht nicht nur akzeptiert sondern sogar gewünscht, während es beim jeweils anderen Geschlecht abgelehnt oder belächelt wird?

Sollten wir nicht versuchen, objektiver zu betrachten, welches Verhalten Wertschätzung verdient? Ist es nicht eine gute Mischung aus angeblich “typisch weiblichen” und “typisch männlichen” Eigenschaften, die erstrebenswert ist? Beispielsweise Empathie und soziale Kompetenz genauso wie Mut und eine gewisse Gelassenheit? Gibt es nicht auch eine Teile der männlichen und weiblichen Rollenbilder, die nüchtern betrachtet negativ sind? Beispielsweise Aggression und Gewaltbereitschaft oder den Zwang, das mit besonderer Femininität assoziierte Schönheitsideal anstreben zu müssen?

“Wildfang”

Vielleicht ist dieses wahrscheinlich weniger verbeitete Wort treffender als die Bezeichnung “Tomboy”. Immerhin ist das “boy” weg, dafuer steht da jetzt ein “wild”, das auch nicht richtig sein muss, aber zumindest nichts mit dem Geschlecht zu tun hat.

Tomboys, die weder Geringschätzigkeit für alles was mit Weiblichkeit assoziiert wird entwickeln, noch unbedacht alles anstreben was mit Männlichkeit assoziiert wird, vereinen positive Aspekte aus beiden Welten. Wer diesen Balanceakt hinkriegt, lässt sich weder durch das eine noch das andere Rollenbild einschränken, und ich denke, das ist schlussendlich auch ein Ziel des Feminismus.

Was dann noch bleibt, sind nur noch ein “false dilemma” und dessen elegante Lösung.

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