Sex hat keinen Schatten.

Ich hab Schokomuffins Artikel zum Genderkonstrukt gelesen und plözlich an den Kindergarten gedacht. Ich hab den Kindergarten gehasst.

Ich glaube, zum Teil liegt das daran, dass ich in keine der gängigen Kindergarten-Kategorien gepasst hab: Ich war weder ein Mädchen mit lustig wippenden Rattenschwanz-Zöpfchen und goldenen Ohrringerln und Minimaus-Pullover noch ein Bub mit ganz kurzen Haaren oder Schwammerlfrisur, Jeans und Power-Ranger-Pulli. Ich war ein Mädchen mit ganz kurzen Haaren, Jeans und Power-Ranger-Pulli, ich hatte keine Ohrringe, trug keinen Schmuck, und ich hatte eine dunkelgrüne Jacke, auf der „BOY“ stand. (Dass darauf Boy stand und dass Boy Bub bedeutet weiß ich deshalb, weil ich mich heute noch daran erinnere, dass meine Mutter meinen Vater kritisiert hat, weil er mir diese Jacke gekauft hat.) Wenn meine Kusinen rosarote Regenschirme von der Oma bekamen, bekam ich einen grünen, und wenn meine Kusinen Röcke von der Oma bekamen, bekam ich kurze Hosen. Ich kann heute nicht sagen, ob ich selbst mir „burschenhafte“ Dinge gewünscht habe, oder ob mich mein Vater in diese Richtung erzogen hat.

Jedenfalls spielte ich im Kindergarten am liebsten in der Bauecke (oder verprügelte die Sacer Dora, wenn sie mir auf die Nerven ging). Dort, wo sonst nur die Buben waren. Es gibt auch ein Foto von mir und dem Halwachs Stefan in der Bauecke. Der Halwachs Stefan war ein Hocharter. Die Hocharter, die waren die ganz Coolen. Zumindest in meinen Augen. Ich wollte auch ein Hocharter sein. Und ich war Hals über Kopf in einen anderen Hocharter verliebt, nämlich in den Stögerer Christoph. Gemeinsam mit dem Stögerer Christoph, dem Schuh Michael und dem Halwachs Stefan saß ich später dann, in der Volksschule, auch in der letzten Reihe im Bus: die drei Hocharter und ich. Die letzte Reihe, das war die Badass-Reihe zu Volksschulzeiten, und hell yeah, ich gehörte dazu.

Schwierig war’s im Kindergarten eigentlich immer nur dann, wenn ich mal mit den Mädchen spielen wollte. Ich hatte nämlich eine beste Freundin, die Sommer Monika. Die Sommer Monika war „ein typisches Mädchen“: Sie hatte goldene Ohrringerl, wippende Rattenschwanzöpfchen und rosarote Minimaus-Pullover. In der Volksschule dann hatte sie eine rosarote Prinzessinnen-Schultasche. Ich hatte eine Batman-Schultasche. Mit der Sommer Monika ging ich immer Hand in Hand im Kindergarten herum. Sie war 10 Monate jünger und bewunderte mich ein bisschen. Sie war schüchterner als ich, sie nahm Klavierstunden, während ich auf Bäume kletterte, mir die Knie blutig schlug und von meinem Cousin mit einer Schaufel geprügelt wurde. Und manchmal teilte die Sommer Monika ihre Schulmaus mit mir. Als wir wieder einmal aus der Volksschule heimgingen, Hand in Hand, hatte sie Bauchweh, und ich rannte bis zu meiner Oma, um Hilfe zu holen. Die Sommer Monika und ich, wir gehörten zusammen. Wenn ich also im Kindergarten mit den Mädels spielen wollte – die eigentlich immer „Vater Mutter Kind“ spielten – hatte ich immer der Vater zu sein, weil ich „wie ein Mann“ aussah. Ich hasste das, aber ich konnte der Sommer Monika keinen Wunsch abschlagen.

Ich wurde auch in der Volksschule meistens für einen Buben gehalten. Wenn ich in einem Restaurant aufs WC ging, wurde ich regelmäßig aufgehalten und darauf aufmerksam gemacht, dass ich aufs falsche WC wolle. Ich hatte noch keine Brüste, und mein ganzes Auftreten war wohl „burschikos“. Ich heulte nicht, sondern wurde wütend. Ich hatte keine Barbie-Puppen, sondern Teddybären. Und ich buddelte mit den Nachbarsbuben Höhlen, statt Puppen-Tee-Parties zu veranstalten. Vielleicht war ich ein bisschen so wie Laure in dem französischen Film Tomboy.

Schwierig wurde es eigentlich erst im Gymnasium. Ich hatte immer noch kurze Haare und trug die Proportionen verbergende XL-T-Shirts und ausgelatschte Kapuzensweater. Das Outfit war ein bisschen meine eigene Idee und ein bisschen von meinem Crush, der Islandpferde-Reitlehrerin Astrid, abgeschaut. Sie hatte graugrüne Augen und meistens einen verwaschenene blauen Kapuzensweater an, die Kapuze auf, unter der ihre dunkelbraunen Locken hervorquollen. Ich ging in die Sportklasse, in der es überhaupt nur 4 Mädchen gab, und irgendwann begannen meine Klassenkollegen und -innen mich zu hänseln, weil ich aussah wie ein Bub.

Da ließ ich mir die Haare wachsen, kaufte mir von meinem Taschengeld Lidschatten und ließ mich von der Sommer Monika in Schminkdingen beraten. Ein paar Jahre später, ich war mitten in der Pubertät, alles nervte und ich wollte eigentlich nur ausziehen, ging ich zum Friseur und ließ mir meine inzwischen schulterlangen Haare wieder auf 3cm abschneiden. Schlaksig und mit kaum sichtbaren Brüsten, wie ich damals war, wurde ich von da an wieder für einen Bub gehalten, wenn ich aufs Frauen-WC wollte. Manchmal stellte ich das Missverständnis nicht richtig und genoss die empörten Blicke.

Dann verliebte ich mich in den Pausz Sebastian, weil er so ein sympathischer Außenseiter war, und nachdem seine gegenwärtige Freundin lange Haare hatte, ließ ich mir auch die meinen wieder wachsen. (Ja, ich merke auch schon, in diesem Rückblick sieht es so aus, als würde mein Stil sehr von meiner jeweiligen großen unglücklichen Liebe bestimmt. Seufz. Ich bin wohl oberflächlich.)

Später mal, in Wien, als ich in eine Studienkollegin verliebt war, die eher auf „feminine Mädchen“ stand, war ich zum ersten Mal motiviert, eine „feminine Seite“ an mir zu entdecken: Ich trug Röcke, Kajal, figurbetonte Oberteile. Ich ließ mir Dauerwellen machen und stand vor gemeinsamen Vorlesungen eine halbe Stunde (und für mich ist das eine lange Zeit!) vorm Spielgel, um meine Haare perfekt so zu stylen, als hätte ich sie nicht gestylt. Jedes Mal, wenn sie mir ein Kompliment machte, setzte mein Herz eine Sekunde lang aus, und, oh, diese Sekunde war es sowas von wert, die verschwendete Zeit vor dem Spielgel!

Inzwischen – lang über sie hinweg – hab ich manchmal „feminine“ und manchmal „burschikose“ Phasen. Und warum auch nicht? Meistens hab ich gemütliche Phasen. Ich mag immer noch T-Shirts und Kapuzensweater am liebsten. Ich kann mich immer noch nicht vernünftig schminken, und tu es auch fast nie, aber manchmal eben doch. Manchmal wache ich auf und habe Lust, mir die Nägel zu lakieren, und dann mach ich das auch, einfach so, für mich, um mich dann einen ganzen Tag lang an bunten Fingernägeln zu freuen. Zum Beispiel an pinken.

Kürzlich hab ich auf einer lesbischen Dating-Website eine Frau angeschrieben, deren Profil mir sehr gefallen hat. Es war unkonventionell. Phantasievoll. Amüsant zu lesen. Ich bekam schnell eine Antwort, in der mir der Kontakt mitteilte, dass er diese Website seit Jahren nicht mehr benutze; nur zufällig online gewesen sei, weil er den automatisierten Neujahrswunsch-Link gefolgt sei. Er würde gern weiterschreiben, wolle mir davor allerdings noch etwas mitteilen. Alle die Eigenschaften, die ich in seinem Profil sympathisch gefunden hätte, seien immer noch so wie damals. Er sei immer noch derselbe liebenswerte Mensch. Nur lebe er inzwischen nicht mehr als lesbische Frau in dieser Welt, sondern als pansexueller Mann. Wenn ich unter diesen Umständen keinen Kontakt mehr wolle, wäre das okay, dann solle ich es einfach sagen.

Ich wollte nicht keinen Kontakt mehr, schließlich kannte ich ihn noch weniger als gar nicht, und damit eindeutig nicht gut genug, um keinen Kontakt mehr zu wollen. Das schrieb ich ihm auch so ungefähr. Inzwischen haben wir uns auch mal getroffen, und der Mensch, den ich kennenlernen durfte, war natürlich und stimmig und eindeutig ein Mann; wüsste ich es nicht durch die schriftliche Vorgeschichte, hätte ich nie erraten, dass er einmal eine andere war. Und seine Eigenschaften? Ja, die waren so, wie vor Jahren beschrieben, als er sie als Frau beschrieben hat. Genausowenig „maskulin“ oder „feminin“ wie meine (oder deine!), sondern schlicht sympathisch.

Was also ist schon „Gender“? Eine pseudo-wissenschaftliche Hülle für arbiträre Stereotypen, die wir immer wieder an „Sex“ zu tuckern versuchen wie einen Schatten. Als ob Sex einen Schatten hätte! Mensch kann sogar transident sein und den Eigenschaften, die das eigene Ich ausmachen, dabei treu bleiben. Das zeigt, finde ich, ganz eindeutig, dass Gender ein gesellschaftliches Konstrukt ist und mehr über traditionelle Rollenbilder aussagt als über reale Menschen. Und genauso wie die Zeit traditioneller Rollenbilder ist die Zeit von „Gender“ abgelaufen: Wir brauchen kein „Gender“ mehr; das Konzept legt uns mehr Stolpersteine in den Weg, als es Möglichkeiten schafft. Also lasst es uns abschaffen! Was meint ihr?

3 thoughts on “Sex hat keinen Schatten.

  1. Ich musste beim Lesen dieses Artikels an Peter Pan und seinen Schatten denken ;) Und ich bin der gleichen Meinung wie du. Gender ist ein überholtes Konzept, das, egal wie man’s dreht und wendet, letztlich immer auf irgendeine Form von Exklusion hinausläuft.

  2. der artikel ist ur schön geschrieben! voll nett zu lesen!!!

    ich habe den kindergarten auch gehasst. einmal wagte ich mich in die puppenecke. 5 sekunden drauf wurde ich geohrfeigt, die puppe wurde mir aus der hand gerissen und ich verließ das traute-heim-gruselkabinett wieder, vermutlich richtung „neutralen“ puzzles oder zeichnen…

    frisur hatte ich auch einen kurzen reindl-schnitt, weil mir das kämmen immer weh tat und mir der preis fürs „schön sein“ viel zu hoch war… ich war schon immer bei allen spielen eher auf der „neutralen“ seite… diese spiele hatte ich gern. bei vater-mutter-kind gabs bei mir nach einigen minuten – aus purer langeweile – bereits die ersten toten… diese dramatik war den anderen nicht soooo recht… und peng-peng spiele beim räumer und gendarm waren mir zu wild oder doof. da passte ich auch nicht dazu und ging lieber zur oma sticken….

  3. Pingback: No more gender!? No more categories! | unregelmäßige Gedankensplitter

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