Von Frauen mit blauen Krücken und erdbeereisigen Weltbildern

Das Erdbeereis war heut mal wieder auf einem Date. Und jetzt sitzt es zuhause. Ein bisschen krank. Der Kopf tut weh und die Schultern, und irgendwie auch der Bauch und überhaupt alles. Da wünscht sich das Erdbeereis eigentlich nur jemanden, der es ein bisschen bemitleidet und ihm einen heißen Früchtetee kocht. Ohne Honig. Und ihm die Schultern massiert.

Der Weg zum Date hat schon mal abenteuerlich begonnen: Das Erdbeereis ist bei der Abfahrt von der A23 Richtung Favoriten, wo es sich gestaut hat, mal ordentlich wem hinten reingefahren. Einem netten Typ Mitte 50 mit einem schütteren weißen Bart. Zu schlank, um der Coca-Cola-Weihnachtsmann zu sein, aber genauso freundlich, wie sich das Erdbeereis den vorstellt. Er war wirklich sehr nett, hat schnell mal den erdbeereisrosa Führerschein (das Foto darauf ganz okay, aber die Unterschrift ein schnörkseliges Kunstwerk) fotografiert und dem Erdbeereis seine Visitenkarte gegeben. Und dann ist das Erdbeereis mit verbogener Motorhaube weitergefahren und nur ein paar Minuten zu spät zu seinem Date gekommen.

Das Erdbeereis hat sein Date wie versprochen an der blauen Krücke erkannt. Das Date ist vor der verrosteten Eingangstür im Zaun zum Böhmischen Prater gestanden, und das Erdbeereis und das Date sind mit den zwei Erdbeereis-Hunden durch den Nebel gewandert. Das Date war richtig flott und geschickt unterwegs mit der blauen Krücke; es ist auch nicht das erste Mal, hat das Date erklärt, dass es eine Krücke braucht. Hin und wieder enden betrunkene Abenteuer so. Also nicht nur betrunkene, nicht, dass du jetzt glaubst, die Frau mit der blauen Krücke war immer betrunken.

Später dann, beim Tee-und-Kaffee-Trinken in einem langgestreckten und großteils leeren Simmeringer Lokal, hat das Date dem Erdbeereis auch erzählt, wie es diesmal zu der blauen Krücke gekommen ist. Bei einem Zusammenstoß mit zwei homophoben Typen zu Silvester. Kein guter Start ins neue Jahr, hat sich das Erdbeereis gedacht und den Kopf geschüttelt. Und damit hat es recht; das ist wirklich kein guter Start für die Frau mit der blauen Krücke gewesen. Nicht einmal schifahren gehen hat sie jetzt können.

Eigentlich hatten das Erdbeereis und das Date ein paar Dinge vor:

1. die Wohnung vom Date zusammenräumen

2. das Date wollte von den Erdbeereis-Hunden gefressen werden

3. mit einem Auto herumfahren

4. was trinken gehen

5. einen Serien-Marathon.

Das Erdbeereis mag solche Dates mit Programm aus zwei Gründen:

1. Der Kontroll-Effekt: Das Erdbeereis fühlt sich sicherer, wenn es glaubt, zu wissen, was passieren wird, und in welcher Reihenfolge. Da fühlt es sich nicht so „ausgeliefert“.

2. Die Paul-Iverson-Idee: Das Erdbeereis ist ein Romantiker. Es mag die Vorstellung, ein ewig langes erstes Date zu haben, so wie der Hauptcharakter in Carolyn Parkhursts Debutroman, der ein erstes Date mehrere Tage dauern und einen Besuch in Disneyworld beinhalten lässt, bevor er die Nachspeise bestellt, die ja bekanntlich das Ende eines ersten Dates bedeutet.

Zurück zum Erdbeereis und der mysteriösen Frau mit der blauen Krücke, die immer noch in dem langgestreckten und großteils leeren Lokal vor ihren Heißgetränken sitzen und ein bisschen genervt sind, weil ich abschweife. Vor allem die Frau mit der blauen Krücke hat viel geredet, während ich die Beziehung vom Erdbeereis zu Programm-Dates erklärt habe, hat mehr geredet als das Erdbeereis. Sie hat gut erzählt und hatte viel zu erzählen. Aber ich erspar dir die Details; das Date und die Date-Gespräche haben nur dem Erdbeereis und der Frau mit der blauen Krücke gehört, nicht den Sugarbox-LeserInnen. Wir steigen also erst eine? zwei? Stunden später wieder ein: Da hat das Erdbeereis gemeint, es wär Zeit, zu ihren Hunden rauszuschauen, denen im Auto schon ganz kalt sein musste.

Ein paar Minuten später sind das Erdbeereis und die Frau mit der blauen Krücke im kalten dunklen Wien vor der verbogenen Motorhaube vom Erdbeereis gestanden und haben überlegt, was und ob sie denn noch was machen wollen. Die Frau mit der blauen Krücke hat gefragt, was der Plan ist. Das Erdbeereis hat gesagt, dass es unplanbar, äh, planlos ist. Das Erdbeereis hat gesagt, dass mensch nach wie vor noch den Serienmarathon machen könnte. Das Erdbeereis hatte nämlich interessanterweise plötzlich das Bedürfnis, das Date nicht enden zu lassen. Obwohl es davor, in dem langgezogenen Lokal, schon ein bisschen nervös gewesen war, weil Hunde im Auto, und Hunde an erster Stelle, und Wien kalt. Das Erdbeereis hatte zugleich das Bedürfnis, allein zuhause zu sein. Mit den Hunden auf der Couch noch einen Tee trinken. Das Erdbeereis war auch müde und genervt von der verbogenen Motorhaube und dem kalten Wien. Aber das hat es nicht gesagt. Das Erdbeereis hatte irgendwie das Bedürfnis, die Erwartungen von der Frau mit der blauen Krücke zu erfüllen, obwohl es keine Ahnung hatte, was die Erwartungen von der Frau mit der blauen Krücke waren. (Ich kann euch sagen: Die Frau mit der blauen Krücke hatte Lust, entweder zuhause Käsespätzle zu kochen oder in der Pratersauna die blaue Krücke zu schwingen. Auf Serienmarathons mit dem Erdbeereis hatte sie heute keine Lust. Und Erwartungen an das Erdbeereis hatte sie auch nicht; sie war da ganz unkompliziert.)

Das Erdbeereis seinerseits wusste diese Dinge blöderweise nicht. Es war noch nie gut im Daten gewesen, und noch ungeschickter im Einschätzen von Dates. Es wusste meistens nicht einmal, ob es auf einem Date war oder auf einem freundschaftlichen Treffen. Das wusste es selbst dann nicht, wenn es von großteils hetero Freundinnen oder großteils schwulen Freunden zum Filmschaun eingeladen wurde. Wenn es dann nämlich mit besagten FreundInnen unter einer Decke lag und sich die Zehen unabsichtlich berührten, dann fand das Erdbeereis das knisternd. Und wurde nervös. Und fragte sich, was jetzt denn wäre, wenn es ganz vorsichtig noch ein Stück näherrücken würde, und vielleicht seinen Kopf an die Schulter der großteils hetero Freundin anlehnen. Oder des großteils schwulen Freundes.

Die Frau vor dem Auto mit der verbogenen Motorhaupe tappt im kalten Simmering ungeduldig mit der blauen Krücke den Rhytmus von Auguste Piccard von We invented Paris auf den Gehsteig, weil ich schon wieder abschweife und sie endlich heim und den Spätzleteig ins kochende Wasser tropfen lassen will. Sie war ganz diplomatisch. Hat gemeint, es gäbe wohl keine passende Serie, die sie beide noch nicht gesehen hätten. Und sie sind weiter ein bisschen überlegend rumgestanden. Das Erdbeereis hat gemeint, mensch könnte auch für heute heimgehen und an einem anderen Tag fortsetzen. Die Frau mit der blauen Krücke hat dasselbe nach einigem Überlegen nochmal vorgeschlagen. Und gemeint, kein Bedarf, vom Erdbeereis heimgeführt zu werden, weil sie gleich um die Ecke wohnt. Bussi-links-Bussi-rechts und Erdbeereis ab. Das Erdbeereis hat geblinkt und ist links abgebogen, obwohl es keine Ahnung gehabt hat, ob es links oder rechts abbiegen muss, um nachhause zu kommen. Es hat sich in Simmering nicht ausgekannt. Und es hat sich ein bisschen zurückgewiesen gefühlt, weil die Frau mit der blauen Krücke gesagt hat, dass sie heimgeht. Tatsächlich war die Frau mit der blauen Krücke einfach nur eine unkomplizierte Frau, die gleich ums Eck gewohnt hat und keine Lust hatte, das Erdbeereis an diesem Abend abzuschleppen. Es war zu kalt für Erdbeereis an dem Tag; das war auch schon alles. Aber das Erdbeereis war trotzdem ein kleines bisschen verunsichert. Mensch hat’s wirklich nicht leicht gehabt mit der sensiblen Natur vom Erdbeereis.

Nachdem das Erdbeereis über einen kleinen Umweg endlich wieder auf der Bitterlichstraße gelandet ist, wo es sich ausgekannt hat, hat es sich gesagt, dass es eigentlich froh ist, dass es jetzt heimkann. Und gleichzeitig festgestellt, dass es unmöglich „Nein“ zu irgendwas hätte sagen können, wenn zum Beispiel die Frau mit der blauen Krücke mit ihm heimgekommen wäre. Das Erdbeereis hat extra staubgesaugt an diesem Vormittag, nur für den Fall des Falles. Und jetzt am Heimweg durchs kalte dunkle Wien, im Auto mit der verborgenen erdbeerroten Motorhaube, hat es festgestellt, dass natürlich Serienmarathons auf ersten Dates schon gewagt sind. Also dass sie irgendwie Freundschaft und One-Night-Stands vermischen. (Weil Filme schaut mensch mit FreundInnen an, und beim ersten Treffen mitheim nimmt mensch One-Night-Stands.) Das Erdbeereis selbst hätte wirklich nur Serien schauen wollen: Das Erdbeereis hat ja Angst vor Sex. Aber die Frau mit der blauen Krücke, wenn sie denn mitheimgekommen wäre, hätte dann bestimmt was mit dem Erdbeereis angefangen. Oder das Erdbeereis mit der Krückenfrau. Weil nämlich, und das ist das Interessante an der erdbeereisschen Selbsterkenntnis:

Der Magnet-Effekt. Wenn ein Ding (oder ein Mensch), vor dem das Erdbeereis Angst gehabt hat, in einem bestimmten kleinen Abstand vom Erdbeereis auf einer Couch gesessen ist, dann ist das Erdbeereis da hingezogen worden wie von einem Magneten angezogen und hat das dringende Bedürfnis gehabt, dieses furchteinflößende Ding (oder diesen furchteinflößenden Menschen) anzugreifen. Angreifen im Sinne von berühren, nicht attakieren. Das Erdbeereis hat in seinem Leben schon mit vielen Menschen, die in einem bestimmten kleinen Abstand von ihm auf einer Couch gesessen sind, was angefangen. Eigentlich mit fast allen, vor denen es in so  einem Moment Angst hatte und die nicht entweder ausschließlich schwule Männer oder vergeben und treu waren. (In diesen beiden letzten Fällen hat das Erdbeereis dann meistens auch keine Angst. Deswegen schätzt das Erdbeereis zum Beispiel seine schwulen Freunde so sehr, da muss es sich nicht vom Magnet-Effekt fürchten.)

Kinsey-Skala

Kinsey-Skala

Wobei, wenn wir ganz ehrlich sind, muss ich dir noch sagen, dass das Erdbeereis das mit dem „ausschließlich gay“ oder „ausschließlich hetero“ immer schon ein bisschen angezweifelt hat. Bei Frauen sowieso, weil es ja selbst eine Frau ist und keine Ahnung hat, wie es sich anfühlt, „ausschließlich“ zu sein. Bei Männern aber auch. Das Erdbeereis hat sich vorgestellt, dass die Menschen, die glauben, dass sie ausschließlich hetero sind, sich noch nie getraut haben, zu versuchen, wie es denn wäre, wenn sie eine Frau küssen würden. Das Erdbeereis kennt schließlich auch ein paar Hetero-Menschen, von denen es weiß, dass sie bereits einmal oder mehrmals dann doch nicht so ausschließlich hetero waren.

Bei „ausschließlich gay“-Menschen, da hat das Erdbeereis verständnisvoll genickt und das so akzeptiert, wie es ist, aber es hat sich doch irgendwo gedacht, dass „wir“, also das Erdbeereis und ich und du und überhaupt alle mündigen heute lebenden Menschzen eben noch zu einer Generation gehören, in der mensch sich selbst im liberalen Österreich so sehr seiner gayness bewusst ist, dass mensch versucht ist, sie mitunter so aggressiv zu leben, dass sie ausschließlich wird. Dass mensch aber, wäre mensch in einer liberaleren Gesellschaft aufgewachsen, selbst auch viel liberaler zwischen diesen beiden Enden einer Skala, nämlich „hetero“ und „homo“, hin- und herpendeln könnte, dass sexuelle Orientierung fließend sein könnte, mensch sich da nicht festsetzen müsste und je nach Lust, Laune und Lebensabschnitt eben wechseln könnte. Das Erdbeereis (und vielleicht war es naiv; das ist ja auch okay) hat sich gedacht, dass mensch im heutigen doch noch irgendwie katholischen Österreich eben leider immer argumentieren muss, dass es KEINE Entscheidung ist, ob mensch schwul oder lesbisch oder bi oder goEttInweißwas ist, sondern dass mensch eben so oder so IST, und da fährt die Eisenbahn drüber.

Ich will nicht sagen, dass ich das so sehe wie das Erdbeereis. Aber ich versteh das Erdbeereis schon auch: Das Erdbeereis hat das halt nicht anders gekannt. Für das Erdbeereis war es nämlich tatsächlich ein bisschen eine Entscheidung. Also nicht, dass das Erdbeereis sich irgendwann überlegt hätte, in jedem geraden Monat lesbisch und in jedem ungeraden hetero zu sein. Nein, das Erdbeereis hat sich halt wirklich in Menschen verlieben können. Und manchmal waren diese Menschen Männer, und manchmal waren das Frauen. Das mit dem Verlieben, das war für das Erdbeereis kein bisschen mehr eine Entscheidung als für dich und mich: Wenn sich das Erdbeereis verliebt hat, dann gab’s da kein rationales Halten mehr. Wenn es sich verliebt hat, dann Hals über Kopf und so richtig, bevorzugt übrigens hoffnungslos und schwerromantisch.

Die Entscheidung musst du dir eher so vorstellen: Das Erdbeereis hat manchmal eben bewusst lesbisch gedatet, weil es Lust hatte, sich in eine Frau zu verlieben. Und es hat manchmal bewusst hetero gedatet, weil es Lust hatte, sich in einen Mann zu verlieben. Es hat also einfach die Wahrscheinlichkeit zu beeinflussen versucht, mit der ihm ein verliebenswerter Mann oder eine verliebenswerte Frau begegnen. Weißt du, wie ich meine? Das Erdbeereis war nämlich schon immer ein bisschen ein Kontrollmensch, wenn es um Zwischenmenschlichkeit gegangen ist. Es hat zwar gern so getan, als wär es ganz unglaublich spontan und jederzeit zu allem bereit. Manchmal hat es sogar so überzeugend so getan, dass es das selbst geglaubt hat. Aber in seinem tiefsten erdbeereisigen Innern hat es sich halt doch immer gewünscht,  das eigene Leben beeinflussen zu können. Zumindest in Liebesdingen, wenn es schon beruflich das Gefühl hatte, dass immer alles anders kommt, als sich das Erdbeereis das vorgestellt hat.

Was? Wie es mit dem Erdbeereis und der Frau mit der blauen Krücke weitergegangen ist? Ja, das weiß ich doch noch nicht. Vielleicht geht es gar nicht weiter. Und vielleicht geht es bald weiter. Das entscheiden zur Abwechslung mal nicht ich und nicht das Erdbeereis, sondern die Frau mit der blauen Krücke. Das Erdbeereis hingegen plant schon für morgen. Es plant einen Spaziergang mit Freunden und Hunden, und es plant eine Power-Point-Präsentation für den Megazoo, und es plant, bald schlafen zu gehen und vom Winter zu träumen. Und ich? Ich glaub, ich mach es ihm nach. Gute Nacht!

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