Was die Liebe betrifft, ist Moral unhaltbar

Die monogame Paarbeziehung war kurz am Leben. Und sie ist es natürlich noch, aber eigentlich ist es erstaunlich, dass sie so lange durchgehalten hat. Denn aus fast jedem Blickwinkel betrachtet, ist sie (mittlerweile oder wieder) am Menschen orientiert, so gut wie unhaltbar. Erstens ist sie eine historische Ausnahmeerscheinung, deren Notwendigkeit heute wieder überholt ist und zweitens steht sie, zumindest in meiner Beobachtung, in Widerspruch mit den Bedürfnissen einer beträchtlichen Anzahl von Menschen oder vielleicht sogar eines jeden Menschen?

Natürlich nicht aller Menschen. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die militant ein neues, offenes oder polyamoröses Verständnis von Beziehungen propagieren, indem sie in der gleichen Manier wie die Monogamist_innen, die Polygamie als fixes Element einer determinierten, menschlichen Anthropologie setzen. Und wenn vielleicht auch nicht anthropologisch, alle Menschen, die sich ihre monogamen Nestchen gebaut haben und glücklich und zufrieden darin leben, als zurückgeblieben, besitzdenkend, verstaubt und unflexibel diffamieren. Auch wenn ich persönlich mit einer offenen Lebensweise sympathisiere, finde ich diese Haltung, die sich immer wieder in einschlägigen Kreisen beobachten lässt, sehr unverständlich. Wobei wir schon mitten im Thema dieses Artikels sind, nämlich einer Kritik jeglicher Moralisierung gegenüber, was emotionsbesetzte Handlungsfelder betrifft.

Ich denke es gibt, wie in allen Belangen, unterschiedliche Menschentypen und wie sich die Streuung zwischen jenen mit monogamen und polygamen Bedürfnissen verhält, kann ich an dieser Stelle nur abschätzen, da die Monogamie in unseren Breitengraden als soziale Norm vorherrscht und nicht gut feststellbar ist, wie viele Menschen monogam leben, weil es ihren Bedürfnissen entspricht und wie viele davon so leben, weil sie denken es zu müssen. Ich denke jedenfalls, dass polygame Bedürfnisse weitaus verbreiteter und vor allem unterdrückter sind, als mensch es sich wünschte. Und vielleicht fast ausschließlich die Moralisierung der Monogamie zu ihrem Überleben beitrug, wo sie zuvor einen rein funktionellen Hintergrund hatte, nämlich jenen der materiellen Absicherung und geregelten Erbschaft.

Ich spreche an dieser Stelle bewusst von polygamen Bedürfnissen, denn ob mensch Bedürfnisse hat und ob er sie auch wirklich lebt, sind wiederum zwei paar Schuhe. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten mit diesen Bedürfnissen umzugehen. Zum Beispiel hätte mensch vielleicht die Lust und Muße auch mal mit anderen zu verkehren, trifft aber die „bewusste“ Entscheidung es nicht zu tun, weil er_sie die „Hauptbeziehung“ nicht gefährden möchte, da zu hohes Potential an Eifersucht vorhanden, das die Kraft besäße die Beziehung zu zerstören. Hier unterdrückt der_die Betroffene seine_ihre Wünsche zu Gunsten des größeren Wunsches die Beziehung zum anderen zu erhalten. Wobei das Wort „bewusst“ an dieser Stelle irreführend ist, denn das funktioniert nur solange, solange der eine Wunsch größer ist als der andere und in so fern leicht genug ins Unbewusste oder latent Bewusste verdrängbar. Wenn diese zwei Wünsche gleichberechtigt nebeneinander existieren wird die Geschichte schon schwieriger. Warum?

Weil „Persona“ und „Schatten“ sich streiten. Die „Persona“, nach C.G. Jung, ist jene Instanz, die nach außen wirkt, an die Gesellschaft angepasst ist und ihr gefallen will. Sie will den Schein wahren und moralisch unangetastet bleiben, sich vor Schuld schützen, eben, wenn gefragt, moralisch korrekt handeln, indem sie den „Schatten“, also jene Instanz, die unsere unangepassten, „bösen“ Wünsche beherbergt und rücksichtslos alle grundlegendsten Triebe wie Hunger oder Sexualität befriedigen will, daran hindern versucht, etwas im gesellschaftlichen Kontext Verwerfliches zu tun.

Warum ist also Moral was die Liebe betrifft unhaltbar? Nicht etwa, weil der Schatten stärker ist als die Persona und die Persona, sprich die moralisierende Stimme in uns automatisch verliert, wenn es um „Triebbefriedigung“ geht. Der Wunsch moralisch unantastbar zu bleiben und sich nicht „schuldig“ zu machen, kann genauso groß und stark oder sogar größer sein, wie zum Beispiel der Wunsch erotisch mit anderen Personen zu verkehren, die nicht der_die Partner_in sind.

Die Moral in der Liebe ist deswegen unhaltbar, weil der Krieg zwischen Persona und Schatten irgendwann als zu quälende und lähmende Kraft wirkt, so dass das „Ich“ (= Vermittler zwischen Schatten und Persona) früher oder später gezwungen ist, entweder einen von beiden siegen zu lassen und den anderen zu vernichten – oder aber die beiden zu versöhnen. Was vor allem durch eine Milderung der Strenge der Persona gelingt, die den Schatten verurteilt. Da die Persona vor allem ein Konstrukt ist und der Schatten unsere eher primitiven, alteingesessenen und deshalb unflexibleren Bestrebungen beherbergt, liegt es daran unsere Persona zu modifizieren und neue moralische Argumentationsstrategien zu erfinden, die die im Schatten liegenden Wünsche und Bedürfnisse besser da stehen lassen. Und ich glaube genau das tun wir gerade.

Ich sehe ein zeitgenössisches Potential unsere gefühlsnäheren Inhalte aus dem Schatten treten zu lassen und sich befreit von den Fesseln des wahrscheinlich einflussreichsten Irrtums der Menschheitsgeschichte äußern zu dürfen. Nämlich jener Irrtum, dass die Vernunft und damit das moralische Bewusstsein, abseits der Pathologie, genug Durchsetzungsvermögen besitzt, so dass mit Begriffen wie „richtig“ und „falsch“ operiert werden kann. Tatsächlich bestätigt die Neurowissenschaft, was u.a. Freud und Jung ahnten und schon damals recht überzeugend darlegten: Das Bewusstsein hat nicht so viel zu melden und damit auch nicht das bewusste Entscheiden. Viel eher ist davon auszugehen, dass wir unsere Vorstellungen von Moral an unsere jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Nämlich im wahrsten Sinne des Wortes unsere moralischen Formeln so formen, wie sie uns gerade am besten passen.

So behaupten diejenigen unter uns, die offene Beziehungen präferieren plötzlich, dass es einer Freiheitsbeschneidung des anderen gleich kommt, verlangt man von ihm_ihr sich sexuell-romantisch auf eine Person zu beschränken. Hier rückt also der Freiheitsbegriff als wichtigster, moralischer Wert in den Vordergrund. Diejenigen unter uns, die monogame Beziehungen präferieren, argumentieren wiederum mit Wertschätzung und Respekt gegenüber den Gefühlen des anderen. Vielleicht setzen sie die Bewegung gen der Öffnung exklusiver Beziehungen gleich mit Egoismus und einer Gesellschaft, die Bescheidenheit verliert und Menschen wie Dinge konsumiert ohne Verantwortung übernehmen zu wollen. Hier spielen also wiederum Werte wie Respekt, Rücksichtnahme und Bescheidenheit die moralische Hauptrolle. Beide Argumente leuchten ein und sind aber genauso leicht verwerfbar, je nach Geschmack und dementsprechender Kreativität, die den eigenen Geschmack als moralisch-objektiv erscheinen lässt.

Die Moral ist also eine sehr flexible Zeitgenossin. Sie ist leicht formbar und anpassungsfähig, wie ein Chamäleon oder eine Maske (lat. „persona“), die sich an die Züge ihres Trägers anpasst. Möglicherweise gibt es kein Verhalten auf dieser Welt, das mensch nicht in irgendeiner Form entweder moralisch legitimieren oder zumindest entschuldigen könnte. Und trotzdem hat uns die Moral bisher fest im Griff. Und äußert sich in Form von Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen, wenn man die de facto unbeabsichtigten Wünsche, die aus dem Schatten treten, spürt oder geschweige denn nach ihnen handelt.

Ich glaube, dass die Toleranz unserem Schatten gegenüber oder die Demoralisierung vor allem von Liebesbeziehungen jeglicher Art eine nicht nur unaufhaltsame und logische, sondern ausschlaggebend wichtige Entwicklung hinsichtlich einer noch imaginären Gesellschaft ist, die nicht unter dem Diktat der Bewertung funktioniert, sondern von der Lust am Verständnis der Ganzheit und Sinnerschließung geleitet wird.

Wen ich wann, wie und warum liebe unterliegt tatsächlich nicht meiner Macht, zumindest keiner, die sich im Radius meines Bewusstseins bewegt und deswegen kontrollierbar wäre. Meiner Macht unterliegt vielleicht wie ich damit umgehe, aber wahrscheinlich nicht mal das und meine Umgangsform kann ich wiederum mit einer beliebigen moralischen Formel ummanteln und einhüllen. Am Ende ist diese moralische Umkleidung aber recht leicht machbar und aber genauso leicht angreifbar, weil die moralische Gegenposition ebenso leicht konstruierbar ist.

In so fern erscheint die Moral plötzlich als recht entbehrlich, weil austauschbar und nicht besonders gehaltvoll. Unsere Welt gilt als rationalisiert (zumindest unsere sogenannte „westliche Welt“), das ist wohl wahr, aber ich schätze eben weil sie rationalisiert ist, kriecht die Möglichkeit aus den dunklen Gefilden hervor, dass es vernünftig, weil wissenschaftsgeleitet ist, dass der Mensch mehr von Emotionen geleitet ist, als bisher angenommen und deshalb die Bereitschaft entsteht uns mit unseren eben „irrationalen“ Seiten auseinander zu setzen, die in den meisten Belangen die Hauptregie führen, wie sich uns durch die Forschung mehr und mehr offenbart. Und wir dementsprechend auch eine höhere Toleranz ihnen gegenüber entwickeln.

Vernünftiger Weise ist tatsächlich anzunehmen, dass wir unvernünftig sind. Normalerweise ist die Vernunft dazu da zu urteilen und nun stehen wir vor der Herausforderung, dass wir vernünftig sind, wenn wir nicht mehr urteilen, weil wir (noch) unvernünftig sind. Moral ist nicht vernünftig, so wie Kants Kategorischer Imperativ – Moral ist willkürlich befüllbar und in so fern unhaltbar. Wenn wir vor einer Portion Essen stehen, während wir vor Hunger krepieren und keine Mittel haben für das Essen zu zahlen, ist uns ungemäßigt gleichgültig ob eine abstrakte Gesellschaft daran zerbrechen würde, würde es zur allgemeinen Regel werden, dass jeder, der Hunger hat, essen darf, egal ob er bezahlt oder nicht. Wir krepieren vor Hunger und deswegen stehlen und essen wir. Und sind dabei gleichermaßen moralisch angreif- wie auch entschuldbar.

Ich fürchte oder hoffe viel mehr, wir kommen nicht umher, moralische Urteile gegenüber anderen in Zukunft außer Acht zu lassen. Es gibt wohl keine Alternative als in Zukunft das Objektivieren einer bestimmten moralischen Verhaltensweise sein zu lassen und den Blick auf individuelle, psychologisierte Motive zu richten, die das Urteilen obsolet machen. Und uns somit übrigens auch vor Schmerz und Ärger bewahren. In der Liebe und auch bei allen anderen Antrieben, herrscht die unbewusste Anarchie und diese Anarchie zu geißeln und sie in ein moralisches Korsett zu wickeln ist eigentlich ein kirchlicher Versuch, den eine aufgeklärte Gesellschaft aufgeben und ruhen lassen sollte, wenn das Ziel ein befreites „sein und sein lassen“ ist.

So wie die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, ist der Mensch kein von der Vernunft geleitetes Wesen und ich glaube wir täten gut daran, uns langsam aber doch mit dieser Erkenntnis anzufreunden.

die göttinnenspeise

5 thoughts on “Was die Liebe betrifft, ist Moral unhaltbar

  1. super Artikel :) gefällt mir sehr gut. über genau das mache ich mir auch schon lange Gedanken! endlich hat es mal jemand zu „Papier“ gebracht. lustig auch, wenn ich dran denke, dass du vor einiger zeit noch den artikel der „verteidigungsrede fader zweierbeziehungen“ oder so geschrieben hast. ;)

  2. die conclusio daraus ist für mich allerdings noch sehr schwer fassbar. was bedeutet es für eine gesellschaft, wenn der schatten/der trieb/das unbewußte einfach so nach lust und laune rauskommen kann/soll/muss? wenn man „prinzipienlos oder amoralisch“ liebt, müsste man konsequenterweise auch nicht nur in der liebe sondern im ganzen leben so sein. weil nur in der liebe die triebe rauslassen und sonst nicht? das passt für mich nicht. wo ziehst du den schlußstrich in dieser imaginären triebgesteuerten amoralischen denkweise :) ?

  3. „was bedeutet es für eine gesellschaft, wenn der schatten/der trieb/das unbewußte einfach so nach lust und laune rauskommen kann/soll/muss?“

    ich wollte damit nicht sagen, dass ich dafür bin, dass mensch völlig unkontrolliert und unzensiert einfach tut was er will, ich wollte damit sagen, dass es wohl ein gutes wäre, würden wir daran arbeiten vieles aus dem schatten besser zu integrieren und weniger zu verurteilen, alles im sinne eines gesunden gesamten natürlich. wo ein steuerndes „ich“ und eine „kontrollierende“ persona ja auch immer noch platz haben. im moment darf der schatten in unserer gesellschaft so garnicht sein kommt mir vor und muss unbedingt unterdrückt bleiben. und das aufzubrechen und aufzulockern, um das gings mir.

    verteidigungsrede fader beziehungen: witzig, du bist schon die zweite, die diesen vergleich zieht und mich darauf anspricht ;) ich persönlich habe überhauptnicht an diesen artikel gedacht während dem schreiben. also für mich persönlich steht das ganz und garnicht in einem widerspruch, im gegenteil: auch bei der verteidigungsrede geht es mir im grunde darum zu appellieren, dass jedem alles gefallen oder nicht gefallen darf, ob das nun im jeweiligen gesellschaftlichen kontext „in“ ist oder nicht. die verteidigungsrede entstand als statement gegenüber einer atmosphäre mancher queerer kreise, die auf alles, was den geschmack des konventionellen hatte, von oben herab schauten und regelrecht diffamierten. als hätte jede „stinkepärchenbeziehung“ automatisch was pathologisches oder gar faschistisches an sich. also wiederum moralisierung und verurteilung.

    das hier ist freilich viel sachlicher als die verteidigungrede und vielleicht auch differenzierter (?), aber meine kernaussage sollte sein, dass moralisieren, egal in welche richtung, einfach fehl am platz ist, wenn es um so stark emotionsgeleitete dinge wie zb die liebe geht.

    und mit der „verteidigungsrede fader beziehungen“ wollte ich keinesfalls pro monogame stinkepärchenbeziehung moralisieren, ich hoffe das kam nicht so rüber. wie gesagt, sie war im grunde eine verteidigung gegen die moralisierung oder verurteilung „fader“ weil konventioneller beziehungen.

    grundaussage beider artikel: jede_r nach seinen bedürfnissen, ob gesellschaftlich akzeptiert oder nicht.

    danke für dein feedback jedenfalls!! freu mich sehr, dass dir mein beitrag zusagt!!!

  4. Ich empfehle persönlich immer zu diesem Thema dieses Buch:

    Liebe. Ein unordentliches Gefühl( Richard David Precht)

    Das unordentliche Gefühl, das wir Liebe nennen, beleuchtet Richard David Precht auf bewährt kluge und anschauliche Weise. Er unternimmt einen ebenso lehrreichen wie amüsanten Streifzug durch Philosophie und Psychologie, durch Soziologie und Hirnforschung, um dem komplexen Gefüge unserer Gefühle auf die Spur zu kommen.
    Unzählige Ratgeber sind über die Liebe geschrieben worden, in allen Facetten wurde das unordentliche Gefühl, das wir Liebe nennen, beleuchtet. Wir haben erfahren, wie wir unsere Liebe jung halten, wie wir feurige Liebhaber werden und warum Männer nicht zuhören können. Hat es uns weitergeholfen? Nicht wirklich, denn in der Tat ist es nicht damit getan, das richtige Buch zu lesen, und alles wird gut. Warum dies so ist, erklärt Richard David Precht in seinem neuen Buch auf ebenso fundierte wie anschauliche Weise: Wie bereits in „Wer bin ich“ unternimmt er eine abenteuerliche Reise in die unterschiedlichsten Disziplinen der Wissenschaft und lotst den Leser dabei heiter und augenzwinkernd durch den Parcours der Liebe – an deren Unordentlichkeit wir uns am Ende wohl gewöhnen müssen!

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