Sugarbox spricht mit… ChickLit!

Vor einer Woche feierte Wiens feministische Buchhandlung ChickLit ihren zweiten Geburtstag. Denice Bourbon las zu diesem freudigen Anlass aus ihrem Buch Cheers!: Stories of a Fabulous Queer Femme in Action. Die sugarbox war auch vor Ort, machte Fotos und unterhielt sich mit Jenny und Paula über das Leben als Buchhändlerinnen, feministische Klassikerinnen, coole Prinzessinnen, und vieles mehr.

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Schokomuffin: Hallo Jenny und Paula, vielen Dank, dass wir euch im Zuge unserer neuen Serie interviewen dürfen. Die erste Frage, mit der ich beginnen möchte, ist: Wie kommt mensch zu einem Buchladen? Ich kenne viele Leute (inklusive mir selbst), die davon träumen, einen kleinen Buchladen zu führen, viele romantisieren es wohl auch etwas. Wie hat sich das bei euch beiden ergeben?

Jenny: Wie kommt man zu einem Buchladen? Man macht einfach einen auf (lacht).

Paula: Naja es war so, dass nachdem das Frauenzimmer (Anmerkung: die erste Frauenbuchhandlung Wiens, von 1977 bis 2007) zugesperrt hat, wo ich die letzten paar Jahre gearbeitet und Jenny auch öfters ausgeholfen hatte, bei mir der Wunsch aufgekommen ist, eine feministische Buchhandlung aufzumachen…

Jenny: Der Wunsch war jedenfalls schon sehr lange da und ich kann auch diese romantische Vorstellung, von der du sprichst, sehr gut nachvollziehen. Und nachdem das Frauenzimmer zugesperrt hatte, und danach der Verein AUF, der davor in diesem Lokal hier seine feministische Zeitschrift herausgegeben hatte, diese eingestellt hat, haben uns Frauen aus dem Verein gefragt, ob wir nicht in diesem Lokal ein neues Projekt auf die Beine stellen möchten. Damit hatten wir einen leistbaren Raum zur Verfügung, um unseren Traum von einem eigenen Buchladen zu verwirklichen. Wir arbeiten allerdings beide noch nebenher, nur vom Buchladen zu leben ist derzeit noch nicht möglich, aber es ist unser Ziel, auf das wir hinarbeiten, sodass wir irgendwann zumindest nicht mehr so viel zusätzlich daneben arbeiten müssen.

Paula: Da ich selbst schon in mehreren Buchhandlungen gearbeitet hatte, hatte ich einen realistischeren Einblick in das Ganze und nicht so sehr diese romantische Vorstellung. Ich habe dort mitbekommen, wie schwierig es doch ist, damit einigermaßen genug Geld einzunehmen, sodass neben den Ausgaben noch was übrig bleibt.

S: Wie ist es in Zeiten von Amazon einen Buchladen zu führen? Und sind die Leute, die bei euch einkaufen, vorwiegend Stammkunden oder habt ihr auch viele Laufkunden? Das ChickLit liegt ja doch etwas versteckt in dieser Seitengasse.

Paula: Man spürt schon die Konkurrenz durch große Online-Shops, natürlich wird es dadurch für kleinere Buchhandlungen schwerer. Und ich würde sagen, dass die meisten Menschen, die bei uns einkaufen, gezielt zu uns kommen. Es kommen schon immer wieder auch zufällig Leute vorbei, aber die sind definitiv die Minderheit.

Jenny: Es kommt aber derzeit, glaube ich, auch wieder eine Gegenbewegung zu Firmen wie Amazon auf. Wir hören immer wieder von Kund*innen, dass sie nicht mehr bei Amazon einkaufen möchten, sondern ihre Bücher stattdessen lieber bei uns bestellen.

Paula: Das ist ganz besonders in letzter Zeit merkbar, seitdem Details über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon publik gemacht worden sind. In diesem Zusammenhang gab es von Buchhandlungen auch eine Kampagne mit Plakaten, die hieß “Der Buchhandel hat ein Gesicht”. Seitdem hat sich das sehr verstärkt, dass Menschen vorbeikommen und erzählen, dass sie nicht mehr bei Amazon einkaufen möchten. Die Frage ist halt, ob dieser Trend anhält, und diese Menschen nicht wieder umschwenken, sobald Amazon vielleicht irgendwann verkündet, die Arbeitsbedingungen verbessert zu haben. Wenn sich Menschen anhaltend gegen Firmen wie Amazon entscheiden, spielen da ja auch andere Gründe mit.

Jenny: Die schlechten Arbeitsbedingungen sind ja nur ein Aspekt der Effekte, die Firmen wie Amazon haben. Wenn sich der Handel von physischen Geschäften in reine Onlinefirmen verlagert, verändert dies ja auch das Gesicht der Städte, wenn die lokalen Geschäfte verschwinden.

S: Ich habe selbst im Zuge dieser Veröffentlichungen mein Amazonkonto gelöscht, und auch weil ich Buchhandlungen ja eigentlich sehr liebe und daher auch bei diesen einkaufen möchte. Es dauert halt wohl etwas länger, bis das Buch dann da ist, aber dafür haben die Buchläden was davon.

Jenny: Wobei ich da gleich einhaken möchte, denn es stimmt nicht mal, dass es schneller ist. Bücher, die für Amazon schnell lieferbar sind, sind es auch für uns, und speziellere Bücher, die etwas länger dauern, dauern auch bei Amazon länger. Oft ist auch bei uns ein Buch schon am nächsten Tag da.

S: Okay, dass heißt der einzige Vorteil von Amazon ist dann nur noch, dass sie es nach Hause liefern.

Paula: Und selbst das tun wir mittlerweile, seitdem unser Onlineshop fertig ist, ebenfalls. Man kann bei uns prinzipiell alles bestellen, nicht nur spezifisch queer-feministische Literatur. Das einzige, was wir nicht verkaufen, sind problematische Bücher bzw. von problematischen Verlagen, wenn zum Beispiel ein Verlag auch rechtsradikale Bücher herausgibt.

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S: Cool! Anderes Thema: Zwei Jahre gibt es das ChickLit nun schon. Wenn ihr diese Zeit Revue passieren lasst, gibt es irgendwelche speziellen Augenblicke, die euch besonders im Gedächtnis geblieben sind? Gibt es irgendwas, an das ihr euch besonders gern oder mit besonderem Schrecken erinnert?

Jenny: (lacht) Ja also mit Schrecken… Als wir letzte Woche das Zweijahresfest hatten, da ist mir eingefallen, wie wir unsere erste Lesung hatten und ich dafür die Sessel aufgestellt habe, habe ich mir dabei arg die Finger eingezwickt und hatte wochenlang blaue Finger, und da ist eben zwei Jahre später der Schmerz, oder eben die Erinnerung an den Schmerz, plötzlich wieder aufgetaucht.

S: Autsch. Der schmerzhafteste Moment in der ChickLit-Geschichte…

Jenny: Ja bestimmt (lacht). Und sonst… etwas schräg war, als bei einer Lesung einmal die Autorin draußen ihr Fahrrad an dieser Pflanze (Anmerkung: kleines Bäumchen, welches im Winter im ChickLit und im Sommer davor steht) festgemacht hat, und ich total unruhig war und permanent aus dem Fenster schauen musste, ob eh niemand das Fahrrad stiehlt.

Paula: Sehr schön waren auf jeden Fall immer die Lesungen, jede einzelne davon. Es ist immer schön, hier so ein Zusammentreffen zu haben, auch wenn mal nur wenige Leute da sind. Und ganz toll war für mich auch, als unser Onlineshop endlich fertig war, Ende letzten Jahres. Darauf hatte ich mich so sehr gefreut. Für Weihnachten war es zwar schon zu spät, aber das war trotzdem so richtig toll.

S: Das heißt man kann die Bücher bei euch jetzt auch einfach online bestellen?

Jenny: Genau, der Onlineshop ist sozusagen ein Abbild dessen, was wir hier im Laden haben. Also es sind eben nicht, wie zum Beispiel bei Amazon, alle Bücher, die es weltweit gibt, verzeichnet, da wir die Bücher ja alle einzeln eingeben müssen. Wenn man also etwas bestellen möchte, was wir nicht verzeichnet haben, dann muss man dies per Email an uns tun.

S: Das bringt mich gleich zu meiner nächsten Frage. Wie stellt ihr die Auswahl eurer Bücher zusammen? Habt ihr dabei eine bestimmte Vorgehensweise?

Paula: Also die Neuerscheinungen sind nicht so schwer, denn es gibt zwei Mal im Jahr die Vorschauen von den Verlagen, in denen steht, was sie neues herausbringen, und danach kommen die Vertreter*innen der Verlage vorbei und wir sagen ihnen, was wir haben möchten. Es ist nicht schwer, hier eine Auswahl zu treffen, besonders bei theoretischer feministischer Literatur gibt es nicht so viele Neuerscheinungen pro Jahr. Bei den Romanen ist etwas schwieriger, da ich auch manche Autor*innen nicht kenne und nicht sagen kann, ob sie einen kritischen Standpunkt haben oder nicht. Aber es gibt natürlich auch viele, die wir kennen, oder Klassiker*innen, die wieder aufgelegt werden. Auch die Vertreter*innen haben oft Empfehlungen für uns, ganz besonders, wenn sie vielleicht schon länger im Geschäft sind und/oder viel Erfahrung mit feministischer Literatur haben. Daneben bekommen wir auch immer wieder Empfehlungen von Kund*innen bzw. bestellen Leute manchmal etwas, was wir noch nicht kannten, aber das gut in unser Sortiment passt. Am Anfang war es sehr viel schwieriger, als ich Listen für die Grundausstattung zusammenstellen musste. Aber diese haben wir nun und erweitern sie laufend, das ist nun sehr viel einfacher.

S: Wie ist es mit eurer persönlichen Beziehung zu Büchern und Literatur? Gibt es Bücher, aus der Kindheit oder später, die euch besonders geprägt haben oder Bücher, die euch besonders beeindruckt haben?

Jenny: Nicht so sehr aus meiner Kindheit, da ich aus einer Familie komme, in der überhaupt nicht gelesen wurde. Ich habe durch Bibliotheken Literatur kennengelernt, diese haben mir sozusagen dieses Reich eröffnet, und sobald ich eigenes Geld hatte, habe ich es immer am liebsten dafür ausgegeben, das ist nach wie vor so. Ich gebe eigentlich nicht viel Geld aus, außer eben für Bücher. Bücher sind sozusagen mein Gold, ich leihe auch zum Beispiel nur sehr selten Bücher her. Ich hatte mal eine Mitbewohnerin, die hat ihre Kaffeetassen auf ihren Büchern abgestellt, da bin ich fast verrückt geworden (lacht). Ein spezielles Lieblingsbuch habe ich nicht, aber es gibt Bücher, die bei mir in Gedanken immer wieder auftauchen, zum Beispiel Die Häutungen von Verena Stefan, da sind so viele Gedanken drin, die mich auch heute noch begleiten, oder auch von Svende Merian Der Tod des Märchenprinzen, also so diese ersten feministischen Bücher, die ich gelesen habe. Diese Bücher sind zwar so alltäglich, aber trotzdem habe ich gerade meine Lebensrealität damals darin sehr genau wiedergefunden.

Paula: Das Arge ist ja, dass diese Bücher alle vergriffen sind. Für mich sehr maßgeblich war Die Entstehung des Patriarchats von Gerda Lerner, also was theoretische Werke betrifft. Bei Romanen fällt es mir schwer, einige besondere auszuwählen, wobei Die Häutungen zum Beispiel auch für mich sehr prägend waren. Aber das erste richtige feministische Buch, das ich gelesen habe, war eben Die Entstehung des Patriarchats, das hat mich damals sehr beeindruckt. Und dieses Buch ist auch schon länger vergriffen, was ich sehr bezeichnend finde.

S: Gibt es spezielle Bücher, die ihr unseren Leser*innen ganz besonders ans Herz legen würdet?

Paula: Nach wie vor relevant, für Menschen, die feministisch aktiv sind, finde ich eben alle Bücher von Gerda Lerner. Die sind vom Inhalt nach wie vor aktuell, was frauenpolitische Themen betrifft. Die Erkenntnisse, die sie hat, finde ich wirklich wichtig. Und von den Büchern, die ich in letzter Zeit so gelesen habe, fand ich Die Verwandlung der Mary Ward von Rose Tremain sehr beeindruckend. Der Roman erzählt die Geschichte einer Transperson, die im England der 50er Jahre aufwächst, und von ihrer Entwicklungsgeschichte und den Problemen, denen sie begegnet. Es hat mich sehr an Leslie Feinberg erinnert, aber es ist eben keine autobiographische Geschichte. Leider gibt es nicht viele Romane, die sich mit Trans-Themen befassen, und dieses Buch ist noch dazu in einer sehr schönen Sprache verfasst und hat irgendwie alles, was ich mir bei einem Roman wünsche.

Jenny: Ich habe jetzt zu Weihnachten zum ersten Mal wieder ein Buch gelesen, das mir Angst gemacht hat. Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl, ein ziemlicher Wälzer, der einen, wie schon ihr erster Roman, völlig in sich hineinzieht und man nichts anderes tun kann, als zu lesen. Aber es war so psycho… ich konnte nicht aufhören, habe oft bis spät in die Nacht gelesen, weil darin immer so ein Horrorgefühl präsent ist, und ich wissen musste, dass der Horror nicht nicht wirklich eintritt, dass es wieder gut wird. Aber bevor es gut wird, hat auch schon wieder der nächste Horror begonnen (lacht) und das geht dann eben immer so weiter. Ich weiß aber nicht, ob es da anderen Leute auch so geht wie mir.

Paula: Du bewirbst das Buch jedenfalls sehr gut (lacht).

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S: Na ich weiß nicht, ob das was für mich ist. Eine andere Frage, die ich Menschen im Zusammenhang mit Büchern immer gerne stelle, ist, ob es irgendeine literarische Figur gibt, die ihr gerne treffen würdet, wenn es diese Möglichkeit gäbe.

Jenny: Ich würde gerne diese lesbische Kommissarin treffen, Stoner McTavish (Anmerkung: Romanserie von Sarah Dreher).

Paula: Oh ja, die möchte ich auch treffen!

Jenny: Die ist einfach so eine coole Butch. Sie schlägt sich so durchs Leben, mit irgendwelchen Aufträgen.

Paula: Und sie löst Kriminalfälle. Obwohl sie hauptberuflich eigentlich in einem Reisebüro arbeitet.

Jenny: Und du bist dir sicher, dass du sie auch treffen willst?

Paula: Ich bin mir ganz sicher.

Jenny: Und generell mag ich es sehr gerne, wenn eine Protagonistin primär durch ihre Gedanken präsent ist und man die Geschichte aus ihrer Perspektive erlebt.

S: Na klingt interessant, da seid ihr euch ja völlig einig. Andere Frage: Wir recherchieren gerade bei der sugarbox zum Thema genderkritische Kinder- und Jugendliteratur. Gibt es in diesem Bereich Bücher, die ihr ganz besonders empfehlen würdet? Also Bücher, die gezielt Geschlechterrollen hinterfragen oder alternative Lebensmodelle vorstellen? Wie ich gesehen habe, habt ihr hier ja auch eine Kinder- und Jugendecke.

Paula: Ja also es gibt einige Bücher, die zumindest Klischees nicht wiederholen, das ist schon mal was. Aber es gibt auch welche, die wirklich queer-/feministische Ansprüche erfüllen. Zum Beispiel das Buch Das machen? von Lilly Axter und Christine Aebi, welches für den Aufklärungsunterricht in der vierten Klasse konzipiert ist, sodass die Kinder das Buch mit den Lehrer*innen gemeinsam durchgehen können. Darin werden ganz viele verschiedene Themen angesprochen, zum Beispiel in wen man sich verlieben kann, oder welche verschiedenen Familienkonstellationen es so gibt, und vieles mehr. Das Buch ist allerdings ziemlich anspruchsvoll, also es ist wirklich dafür gedacht, dass es engagierte Erwachsene mit den Kindern gemeinsam besprechen. Ein anderes sehr gutes Buch wäre zum Beispiel Du gehörst dazu: Das große Buch der Familien von Mary Hoffmann, welches verschiedene Familienformen vorstellt. Und sonst einfach viele Bücher mit starken Mädchenfiguren.

Jenny: Hey Pippi Langstrumpf…

Paula: Genau, natürlich die Pippi Langstrumpf. Aber zum Beispiel auch die Prinzessin Pfiffigunde von Babette Cole. In dem Buch geht es um diese Prinzessin, die heiraten soll, und bei der sich deswegen reihenweise Prinzen vorstellen. Aber sie stellt ihnen allen verschiedene Fallen, weil sie einfach nicht heiraten will und stattdessen ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Und am Schluss lebt sie alleine mit ihren Krokodilen. Oder Zara: Alles neu von Ulrike Schrimpf ist auch super, darin geht es um ein Mädchen, das eine Band gründet und rappt.

S: Zu guter Letzt, was ist für die Zukunft geplant? Welche Lesungen stehen in nächster Zeit auf dem Programm?

Paula: Die nächste Lesung findet am 21. Februar statt, und zwar Feministische Ökonomie mit Bettina Haidinger und Käthe Knittler. Und dann im März eine Lesung aus der Festschrift WAS WIR von Hanna Hacker und Susanne Hochreiter.

S: Cool, es gibt also viel, worauf wir uns schon freuen können! Vielen Dank für das Interview!

2 thoughts on “Sugarbox spricht mit… ChickLit!

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