Takarazuka Revue: Wenn Frauen alle Rollen spielen

Wäre es nicht schön, ein Musical zu sehen, wo alle Rollen von Frauen gespielt werden? Wenn ihr diesen Gedanken nicht auch schon einmal hattet, dann vielleicht jetzt. Und wenn ihr es euch schon einmal gewünscht habt, dann wird es euch freuen zu hören, dass es schon eine Musicalgruppe gibt, die genau das macht, und zwar seit genau hundert Jahren.

Es begann in Japan, in der kleinen Stadt Takarazuka. Die Bahn wollte sich etwas einfallen lassen, um die Stadt attraktiver zu machen und dadurch mehr Zugkarten an Besucher*innen verkaufen zu können. Was wäre dafür besser geeignet, als eine Musicalgruppe zu gründen? Aber wie macht man eine Musicalgruppe noch interessanter? Man läßt alle Rollen von Frauen spielen! Es wurde ein großer Erfolg und bald darauf bekam die Takarazuka Revue ein eigenes Theater. Die beste Idee aller Zeiten, um mehr Zugkarten zu verkaufen. Die ÖBB könnte sich davon inspirieren lassen.

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Takarazuka ist auch eine Antwort darauf, dass Frauen in Japan hunderte Jahre lang nicht schauspielen durften. Deswegen war es am Anfang auch nicht unumstritten, und es gab Befürchtungen, die Frauen könnten dadurch zu selbstständig werden. Der Gründer von Takarazuka fand es daher notwendig zu betonen, dass er nur gute Ehefrauen machen wolle, und zunächst wurde Takarazuka hauptsächlich als eine Schulausbildung gesehen und nicht als eine professionelle Karriere.

Heute ist Takarazuka sehr berühmt und hat eine große, starke Fanbase. Es gibt fünf verschiedene Gruppen mit verschiedenen Spezialitäten, einen eigenen Fernsehkanal und noch ein zweites eigenes Theater in Tokyo.

Vor zwei Jahren war ich in Osaka und Takarazuka ist nicht weit von dort entfernt. Also haben wir einen kleinen Abstecher zu diesem legendären Theater gemacht und uns „Phantom“ angeschaut. Es war genau so fantastisch, wie man es sich vorstellt, und ich habe mich natürlich sofort in das Phantom, Ranju Tomu, verliebt.

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Takarazuka spielen vor allem romantische Dramas und showige Broadwaymusicals, aber auch traditionelles japanisches Theater. Ihre berühmteste Vorstellung ist Rose of Versailles. Es geht um die Adelstochter Lady Oscar, die als Mann aufgezogen wird, und basiert auf dem gleichnamigen Manga. Andere berühmte Vorstellungen sind Elisabeth, Gone with the Wind (zum ersten Mal auf die Bühne als Musical zu sehen!), Romeo and Juliet und The Scarlett Pimpernel. Die ganz besondere Ästhetik von Takarazuka beinhaltet viel Make-up, viel Glitzer und viele Kostüme (die alle nicht ganz historisch korrekt sind).

Um ein Takarazukamitglied zu werden, muss man zwei Jahre lang hart an der Takarazuka Academy studieren. Die Regeln sind sehr streng und es gibt eine strikte Unterscheidung zwischen erstjährigen und zweitjährigen Schülerinnen (die Erstjährigen müssen jeden Morgen die ganze Schule von Hand putzen, um ihre Ausdauer aufzubauen). Apropo Lesbian Boarding Schools… Die ziemlich queere und von mir sehr empfohlene Animeserie Ouran High School Host Club hat auch eine Parodie auf die Schule gemacht.

Nach einem Jahr werden die Frauen aufgeteilt in jene, die männliche Rollen (Otokoyaku) und jene, die weibliche Rollen (Musumeyaku) spielen werden. Es gibt ein paar Schauspielerinnen, die dazwischen wechseln, wie Sena Jun, die sowohl Elisabeth als auch den Tod gespielt hat, oder Schauspielerinnen, die ein oder zweimal Ausnahmen machen, aber die meisten bleiben bei ein Geschlecht, da es unterschiedliches Training für die Stimme und die Körpersprache gibt. Die Musumeyakus haben nicht so viele Fans und leider einen niedrigeren Status innerhalb der Takarazuka.

otokoyakus

Die perfekten Männer?

Das Publikum besteht zu etwa 90% aus Frauen und als ich dort war, hatte ich den Eindruck, dass die wenigen Männer nur als Begleitung von Frauen dabei waren. Und natürlich hat Takarazuka auch einige lesbische ”Skandale” im Gepäck, und versuchen sich von ihren Fans und den Gerüchten zu distanzieren. Dabei ist es paradox, dass die Fans so fangirlig sein können wie sie wollen, weil die Otokoyakus ideale Männer repräsentieren sollen, nicht ideale Frauen, und es daher nicht als lesbisch angesehen wird, in sie verliebt zu sein. Es passiert auch manchmal, dass auf der Bühne Liebesgeschichten zwischen Männern dargestellt werden, aber zwei Musumeyakus durften bisher noch nie eine Romanze haben.

(nothing lesbian about this at all)

Die Schauspielerinnen können sich nicht outen, sollten sie lesbisch sein, und sie dürfen aber auch nicht heiraten während sie bei Takarazuka dabei sind. Eine Ausnahme ist Koyuki Higashi, eine japanische LGBT-Aktivistin, die früher bei Takarazuka als Otokoyaku Schauspielerin war. Hier ist ihr japanischer Blog. Vielleicht kennt ihr sie ja schon von der Lesbischen Hochzeit in Disneyland Tokyo?

Die Fans sind wirklich ein ganz eigenes Thema bei Takarazuka. Sie investieren viel Geld und Zeit, haben eine strenge Hierarchie unter sich, und sind auch sehr respektvoll. Wenn sie nach der Vorstellung beim Bühnenausgang warten, ist es sehr leise und niemand versucht, Autogramme zu bekommen. Sie gehören zu den Fanclubs ihrer liebsten Schauspielerinnen, und zeigen mit T-Shirts oder Halstüchern in bestimmten Farben ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schauspielerin. Als wir dort waren, habe ich den pastell-lila Fanclub von Ranju Tomu gesehen, wie sie sich vor der Vorstellung getroffen haben und etwas halbherzig versucht haben, neue Mitglieder zu bekommen.

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Wer will nicht in Ranju Tomus Fanclub sein?

Ich war sehr gefesselt von der Performance (obwohl ich die ganze Zeit übersetzen musste, weil meine Begleitung nicht Japanisch konnte) und ich habe zusammen mit dem ganzen Publikum ein paar Tränen vergossen, als das Phantom am Ende gestorben ist. Denn Takarazuka liebt die Bösen, und wenn sie Musicals adaptieren, dann werden sie meistens leicht umgeändert, sodass man Sympathie für den/die Antagonist_in empfindet.

Und am Ende hat mich eine große Überraschung erwartet! Ich wusste nähmlich nichts von der Tradition, am Ende eine Show mit Kickline, Kyah!!s und unglaublich vielen Federn zu machen. Es war großartig! Am Ende gehen die Stars von der Show eine riesige glitzernde Treppe hinab und tragen gigantische Federkreationen auf ihren Rücken und genug Glitzer, um jede Dragqueen eifersüchtig zu machen.

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Im Theater selbst gibt es auch ein Museum, und einen riesigen Geschenkeshop, wo man alles mögliche kaufen kann, von Posters und DVDs bis zu Takarazuka-Keksen.  Auf CD Japan kann man einiges von diesen Sachen aus dem Ausland bestellen und auf youtube gibt es viele Videos, die aber immer wieder entfernt werden, denn die Fans sollen ja den offiziellen Fernsehkanal bestellen, duh. (Weil ich euch und Takarazuka aber liebe und euch so gerne miteinander verkuppeln möchte, gebe ich euch ganz diskret diesen Link und was ihr damit macht ist nicht meine Sache.)

Takarazuka spielen ab und zu auch Performances in anderen Ländern, also hoffe ich, dass sie bald auch in die Musikstadt Wien kommen werden! Das letzte Mal waren sie im Jahr 2000 in Europa, daher finde ich, dass es wirklich bald Zeit ist, wieder hier zu touren…

Und wenn ihr mehr über Takarazuka wissen wollt, könnt ihr hier noch viel mehr darüber lesen!

Als Abschluss noch ein schönes Bild von Ranju Tomu und Ranno Hana.

Als Abschluss noch ein schönes Bild von Ranju Tomu und Ranno Hana.

3 thoughts on “Takarazuka Revue: Wenn Frauen alle Rollen spielen

  1. Pingback: Queerer Adventskalender | sugarbox

  2. Hallo!

    Ich finde es schön zu lesen, dass die Takarazuka Revue auch hierzulande sich immer größerer Beliebtheit & Bekanntheit erfreut.
    Ich selbst bin seit 2009 Fan und möchte dir zu deinem gelungen Artikel gratulieren. Allerdings ist darin ein kleiner Fehler: Sena Jun war immer ein Otokoyaku und hat lediglich für die Elisabeth-Aufführung 2005 den weiblichen Hauptpart übernommen (zudem hat sie nebem dem Tod in 2009 auch Lucheni 2002 verkörpert). Und wenn dir die 2011-er Phantom-Version gefallen hat (mir sagt sie leider überhaupt nicht zu), dann musst du dir unbedingt die 2004-er & 2006-er Version anschauen!

...und was sagst du dazu?

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