Bildungslücke

Nein, ich kann mich einfach nicht erinnern. Ich kann mich nicht erinnern, dass Homosexualität jemals in meiner Schulzeit thematisiert wurde. Es war einfach kein Teil meiner Schulbildung. Vielleicht ist es schon zu lange her und ich habe einfach zu viel vergessen (schließlich bin ich vor mehr als zehn Jahren das letzte Mal in einer Schulklasse gesessen). Woran ich mich erinnern kann? Es gab einen Lehrer, von dem sagten alle er wäre ein „Homo“: Er trug enge Lederhosen und seltsam zurückgegelte Haare, eh klar, sicher ein „Homo“. Und in genau dem gleichen, in meinem Ohr noch immer abschätzig klingenden Ton, das Gerücht über ein, zwei Lehrerinnen: so wie die ausschauen, vielleicht Lesben! Aber beides nichts Gutes, so wie die das sagten. Und irgendwann hab ich allen erzählt, es gibt eine Insel namens Lesbos. Die kannte aber niemand: eine Insel mit lauter Lesben, haha, was erzählst du denn da für einen Scheiß? Dass das nur eine griechische Insel war, wollte mir keiner glauben und dass dort nicht nur Lesben leben oder urlauben, schon gar nicht. Irgendwie war uns aber schon klar: da gibt’s auch Frauen, die nur mit Frauen wollen, und Männer, die nur mit Männern wollen. Und ganz sicher wäre das schon zu erkennen (wie eben bei den LehrerInnen). Und im Sexualkundeunterricht wurden zwar Kondome über Gurken gezogen, aber nur in einem Nebensatz erwähnt, dass es auch homosexuelle Menschen gibt, bei denen das dann anders als im Biologie-Buch beschrieben funktioniert. Aha. An Outings im Bekanntenkreis war in der Schulzeit erst gar nicht zu denken.

Doch zum Glück war die Schule nicht die einzige Bildungsinstanz meiner Kindheit und Jugend – es  gab ja auch noch das Fernsehen! Bleibenden Eindruck hat Roseanne hinterlassen. In der Serie bringt deren Freundin Nancy ihre Freundin mit und ihre Bisexualität wird in der Serie offen thematisiert: Auf Partys hätte sie gleich doppelte Auswahl. Interessant! Davon hatte ich vorher überhaupt noch nie gehört – und ich kann mich auch an keine anderen Serien erinnern, wo das je thematisiert wurde. Ja, da gab’s Freddy Mercury. Der war schwul. Und irgendwie waren das immer nur weit entfernte Menschen, mit denen wir sicher alle nichts zu tun hatten.

Von einer ernstzunehmenden Aufklärung über sexuelle Vielfalt waren wir also bestimmt noch meilenweit entfernt. Und auch bei noch so intensivem Nachdenken und Erinnern will mir nichts einfallen, was auch nur ansatzweise zu meiner Schulzeit darunter gefallen wäre. Das hat sich heute, zumindest theoretisch, geändert: Es gibt Leitfäden der Stadt Wien, wie mit homophob motiviertem Bullying in der Schule umgegangen werden kann und das Bildungsministerium beauftragt Broschüren, die die Vielfalt des Zusammenlebens thematisieren.

Dass Broschüren wie diese auch heute noch auf Widerstand stoßen verwundert leider weniger: Die ÖVP sah durch die Publikation die Kernfamilie diskreditiert, die FPÖ die „natürlich gewachsene Familien zwischen Mann und Frau“. Beide „stoßen sich zudem an der Darstellung verschiedener Sexualformen“.

Dabei geht es hier nicht nur um die Freiheit, sich seine*n Partner*in selbst auszusuchen, ohne ins gesellschaftliche Abseits gedrängt zu werden. Hier geht es darum, dass durch das „Idealisieren der Kernfamilie“ und die nicht vorhandene Aufklärung über sexuelle Vielfalt Menschenleben zerstört werden und Jugendliche, die homosexuell sind, viel häufiger Selbstmord begehen: Jeder 5. Homosexuelle hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich.

Und ich kann nur hoffen, dass gerade deshalb diese Unterrichtsmaterialien auch tatsächlich in den Schulen verwendet werden. Auch wenn es nach wie vor auch für Lehrer*innen nicht einfach ist, zu ihrer Homosexualität zu stehen. Gerade in einem Land wie Österreich, wo politische Parteien auch in der Schule noch viel zu viel Einfluss haben.

Umso beeindruckender und wichtiger ist es daher, dass Regionen wie Baden-Württemberg die politische Entscheidung treffen, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Ziel im Bildungsplan 2015 festzuschreiben. Denn ich wünsche mir für die Kinder, die heute in der Schule sitzen, dass sie nicht so wie ich in 20 Jahren feststellen müssen, niemals mit ihren Lehrer*innen offen über Homosexualität gesprochen zu haben. Und ich stelle mir vor, wie schön es gewesen wäre, von Klein an mit dieser Vielfalt des Zusammenlebens aufzuwachsen – ohne abschätzigen Ton im Ohr, und mit dem Gefühl, dass es egal ist, ob mensch nun Frauen oder Männer liebt.

5 thoughts on “Bildungslücke

  1. Ähnlich bei mir! Es gab sogar einen Lehrer, der vor Gericht gezogen ist wegen Rufschädigung (!!), weil es das Gerücht gab, dass er schwul ist… ziemlich schräg aus heutiger Sicht betrachtet.

  2. Pingback: Zuckerstreusel: Sachen, die ich gerne schon mit 16 über Sex gewusst hätte | sugarbox

  3. Pingback: Coming-out in der Schule? Auch für Lehrer_innen ein Thema! | sugarbox

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