queer und gender: Versuch einer Erklärung

Vor allem viele Menschen, die aus einer konservativer oder traditioneller geprägten Umgebung stammen, scheinen immer noch eine sehr ablehndende Haltung gegenüber Ideen wie gender mainstreaming oder der queer theory zu haben. Oft sprechen sie davon, dass das alles nur ideologisch begründete “Gleichmacherei”, oder die “Abschaffung des Geschlechts” wäre.

Schon an diesen Zuschreibungen lässt sich ablesen, dass diese Ablehnung wahrscheinlich vor allem daraus hervorgeht, dass Begriffe wie “queer” und “gender” ganz anders verstanden worden sind, als sie eigentlich gemeint sind.

Deshalb richtet sich dieser Artikel ausnahmsweise nicht so sehr an die sugarbox-Stammleser_innen, sondern versucht vielmehr, in einfachen Worten eine Erklärung dieser Begriffe und Ideen an Menschen zu richten, die sich bisher nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt haben.

Was also sind “queer” und “gender”, warum ist “gender” nicht gleichbedeutend mit “Geschlecht”, und warum klingt das alles so kompliziert?

Zu allererst mache ich an dieser Stelle einen kleinen Ausflug in die Biologie, die oft so gerne als Argument gegen die Ansicht, dass es vielleicht mehr als zwei Geschlechter geben könnte, zitiert wird.

Oft scheitert das Verständnis von komplexeren Begriffen wie “queer” und “gender” schon an zwei Annahmen:

  1. – dass ein Mensch nur entweder eindeutig ein Mann oder eindeutig eine Frau sein kann, und es da absolut nichts “dazwischen” geben kann

  2. – dass Männer und Frauen zwingend unterschiedlich sein müssen, das heisst im Detail: dass jeder Mann Eigenschaften und Verhaltensweisen haben muss, die keine Frau haben kann, und umgekehrt jede Frau Eigenschaften und Verhaltensweisen haben muss, die kein Mann haben kann, weil diese angeboren und unveränderlich seien.

 

Die erste Annahme wird dabei meistens mit dem biologischen Argument begründet, Menschen wären aufgrund der Informationen in ihrem Erbmaterial eindeutig als Männer oder Frauen kategorisiert.

Bekanntlich gibt es da doch diese einfache Erklärung, quasi fuer den täglichen Hausgebrauch:
die Chromosomen XX im Erbmaterial lassen eine Frau entstehen, XY dagegen einen Mann. Mit dieser Erklärung geben sich die Menschen meistens auch schon zufrieden, und halten damit die Annahme, dass alle Menschen eindeutig entweder Männer oder Frauen sein müssen, für bestätigt.

Mit dieser Erklärung gibt es allerdings gleich mehrere Probleme, die oft ausser Acht gelassen werden:

  1. Es kommt tatsächlich auch manchmal vor, dass aus XY trotzdem eine Frau wird, d.h. ein Mensch mit einem Körperbau und Geschlechtsmerkmalen, den auch die biologistischten Gender-Gegner_innen eindeutig als “typisch weiblich” identifizieren würden; das Gleiche gibt es auch andersherum, wenn aus XX trotzdem ein scheinbar “typischer Mann” wird

  2. Es gibt Menschen, die nicht nur über die (primären und/oder sekundären) Geschlechtsmerkmale von entweder Mann oder Frau verfügen, sondern über Kombinationen oder Abweichungen von beidem

  3. Es gibt auch noch andere Kombinationen, wie XXX, XXY, XYY, oder noch weitere Vervielfachungen dieser Chromosomen in verschiedenen Kombinationen, die auch wieder zu verschiedenen Ergebnissen führen können

 

Sogar die Natur ist also gar nicht so eindeutig und vorhersagbar, wie das auf den ersten Blick vielleicht scheint. Es gibt einen grossen Spielraum fuer Variationen, und die Bandbreite für verschiedene Ausprägungen von Geschlecht – sei es das genetische Geschlecht, die Geschlechtsorgane/Geschlechtsmerkmale, der Körperbau, usw. – ist entsprechend gross.

Aus dem scheinbaren Gegenargument, dass die Natur nicht mit queer- und gender-theory vereinbar wäre, wird bei genauer Betrachtung also eigentlich sogar ein Pro-Argument, denn schon die verschiedenen biologischen Ausprägungen von Geschlecht lassen erkennen, dass es eigentlich mehr als nur zwei mögliche Geschlechter gibt, und dass die Grenzen fliessend sind.

Die Annahme, dass ein Mensch nur entweder eindeutig Mann oder Frau sein kann, ist also schon aus biologischer Sicht widerlegt – womit auch der zweite Annahme, nämlich dass Männer und Frauen zwingend Unterschiede aufweisen müssen, die jeweils genau einem von zwei biologischen Geschlechtern zuzuschreiben wären, die Basis fehlt.

“gender” vs. Geschlecht (“sex”)

Die Ideen, auf die queer- und gender-theory aufbauen, sind allerdings nicht erst aufgrund biologischer Erkenntnisse aufgekommen, sondern schon aufgrund von Wissen, das aus der Forschung in der Soziologie und Psychologie hervorgegangen ist.

“Gender” bezeichnet dabei, grob umrissen, die Idee, dass die Eigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen nicht an das biologische Geschlecht gebunden sind, und zwar nicht nur bei den Menschen, die nicht eindeutig einem biologischen Geschlecht zuzuordnen sind, sondern bei allen Menschen. Dabei bezieht sich “gender” allerdings vorwiegend auf die Teile von Identität und Verhalten, die auf die eine oder andere Art und Weise mit Sexualität oder Geschlecht in Verbindung stehen.

Der Begriff “gender” funktioniert dabei eigentlich immer noch in Bezug auf die aktuelle, eigentlich nicht richtige Kategorisierung von Verhaltensweisen und Geschlechtsidentitäten innerhalb eines Spektrums von maskulin bis feminin, aufgrund bestehender gesellschaftlicher Normen diesbezueglich.

Hier setzt dann auch noch der Begriff “queer” an, der urspruenglich eben die Konstellationen bezeichnet hat, wo andere Menschen oft einen Unterschied zwischen dem Geschlecht, dem sie einen Menschen zuordnen würden, und dem Verhalten oder der Selbstzuordnung des selben Menschen zu einem Geschlecht wahrnehmen.

Gleichzeitig erweitern neuere Definitionen des Begriffs “queer” die Definition von “gender” dahingehend, dass die Kategorisierung von Verhalten und die Zuordnung zu einer Geschlechtsidentität nicht innerhalb eines Spektrums von maskulin bis feminin stattfinden muss (oder vielleicht sogar gar nicht kann), weil eben die Erkenntnis, dass sich verschiedene einzelne Verhaltensweisen aller Menschen in diesem nur als gesellschaftliche Norm existierenden Spektrum bewegen letztendlich bedeutet, dass dieses Spektrum gar nicht real existiert, sondern nur eine Konstruktion ist, die jede_r einzelne von uns aufgrund seiner eigenen Vorstellung von Geschlecht, Sexualität und den divesen gesellschaftlichen Regeln aufbaut.

Noch einmal zurück zum Vorwurf der “Gleichmacherei” oder der “Abschaffung des Geschlechts”: Ich denke, sobald sich eine_r die Mühe macht, diese sehr abstrakten Begriffe – “gender” und “queer” – wirklich verstehen zu wollen, entkräften sich diese beiden Vorwürfe ganz von selbst.

Die eigentliche “Gleichmacherei” existiert viel eher momentan in Form von traditionellen Geschlechterrollen, die im Prinzip fordern, dass alle Männer sich bestimmten maskulinen Verhaltensweisen anzugleichen haben, und dass alle Frauen sich bestimmten femininen Verhaltensweisen anzugleichen haben.

Die Auflösung dieser Einschränkung ist aber natürlich auch nicht die “Abschaffung des Geschlechts” und die ersatzweise Einführung eines neuen Regelwerks, dem sich dann alle Menschen unabhängig vom Geschlecht anzupassen hätten, wie das manche Menschen zu befürchten scheinen.

Die Konzepte hinter gender-mainstreaming und queer theory zeigen eine ganz andere Möglichkeit auf:

Das Ziel ist, dass Menschen selbst über die Art, wie sie leben möchten, entscheiden können sollen, anstatt dass andere Menschen ihnen ihre Verhaltensweisen und Geschlechtszuordnungen aufgrund von festgeschriebenen gesellschaftlichen Regeln, die unmöglich die Individualität jedes einzelnen Menschen zufriedenstellend umfassen können, vorschreiben.

Das bedeutet im Endeffekt mehr Freiheit in der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit für alle Menschen – auch für die, die bisher von all dem gar nichts wissen wollen.

5 thoughts on “queer und gender: Versuch einer Erklärung

  1. Es ist eigentümlich, dass über die wunderbaren Ergänzungsmöglichkeiten von Frau und Mann bei dem ideologisch geprägten Gleichmachungsbestreben von Gender-Mainstreaming, das in Richtung Familienzerstörung tendiert, kaum oder nicht gesprochen wird, denn das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“. Dort finden sich die wichtigsten, prägendsten und auch bereicherndsten Unterschiede zwischen Frau und Mann in den Bereichen „physiologische Abläufe“, „zentralnervöse Informationsverarbeitung“ und „genuinen, also angeborenen Denk- und Bewertungsprinzipien“. In Denk- und Bewertungsprinzipien, welche sich eben nicht einfach beispielsweise mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen in der Kindheit oder sonstigen sozio-kulturellen Einflüssen erklären lassen.
    Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
    Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014)

    • Jetzt wuerde ich gerne mal verstehen, warum sich auch hier wieder diese voellig absurde Behauptung der „Familienzerstoerung“ findet.

      Um die Absurditaet einmal zu verdeutlichen: Diese Leute glauben also, dass ein Mann, der als Kindergaertner arbeitet und gerne reiten geht, oder eine Frau, die KFZ-Mechanikerin ist und nebenbei auch noch Ralleyfahren geht, unmoeglich eine Familie haben koennen. Weil… weiss nicht?

      Ich glaube, dass Leute, die das behaupten, ganz einfach nur total auf ihre eigene Sicht der Welt eingeschraenkt sind. Sowas schreiben doch meistens Leute, die sich nur einfach nicht vorstellen koennen, dass andere Menschen eine andere Vorstellung von Attraktivitaet haben als sie selbst; und deswegen koennen in deren Fantasiewelt dann angeblich keine Familien mehr entstehen, wenn die Maenner und die Frauen irgendwie „anders“ sind, was sie ihrer Meinung nach voellig unattraktiv macht.

      Aber es finden eben nicht alle Menschen nur das attraktiv, was der gesellschaftlichen Tradition oder der Mehrheitsmeinung entspricht. Das kann ich an dieser Stelle auch aus eigener Erfahrung bestaetigen, weil ich persoenlich beispielsweise auch Frauen mag, die ziemlich wenig dem stereotyp weiblichen Verhalten und Aussehen entsprechen.

      Die diversen Informationen ueber das Gehirn sind mir ebenfalls bekannt. Voellig ausser Acht gelassen wird hier aber immer, dass der Aufbau des Gehirns bestenfalls gewissen Tendenzen vorgibt. Das Gehirn kann naemlich vor allem das, wofuer es trainiert wurde – und trainiert wird das, was Menschen eben Spass macht, denn das wird dann entsprechend oft gemacht und damit geuebt; Ausserdem sind Individuen und Statistiken zwei verschiedene Dinge.
      Es gibt eben Maenner, die trotz ihres angeblichen „Maennergehirns“ nichtmal dreistellige Zahlen im Kopf addieren koennen, und es gibt Frauen, die trotz ihres angeblichen „Frauengehirns“ sprachlich voellig untalentiert sind. Genauso gibt es Maenner, die in einer Woche eine neue Sprache lernen koennen, und Frauen, die im Kopf 18-stellige Zahlen dividieren koennen.
      Einzelne Individuen koennen also Eigenschaften haben, die der Statistik oder der Tendenz voellig entgegengesetzt sind, und jetzt frage ich: Warum sollen denn diese Menschen ihre Talente nicht ausleben? Nur weil diese Talente nach irgendeiner Statistik nicht „geschlechtskonform“ sind?

      Warum wird also nicht einfach gesagt: MENSCHEN mit verschiedenen Faehigkeiten ergaenzen sich, warum _muessen_ das unbedingt Maenner und Frauen sein? Menschen haben generell, unabhaengig vom Geschlecht, so viele unterschiedliche Faehigkeiten und Talente, dass die kleinen Unterschiede, die vielleicht durch gewisse Tendenzen, die durch den Aufbau des Gehirns, oder durch Hormone, oder was-weiss-ich-was verursacht sind, doch vollkommen untergehen in tausenden anderen Faktoren.

      Auch hier sehe ich die angebliche „Gefahr“ durch „Genderideologie“ nicht. Weder durch gender mainstreaming noch durch queer theory wird irgendein Mann oder irgendeine Frau gezwungen, sich entgegen seiner_ihrer eigenen Vorlieben und Interessen zu verhalten.
      Wenn du gerne Fussball spielst, dann machst du das einfach; wenn du lieber Kleidung naehst, machst du eben das. Ganz egal, welches Geschlecht du hast.
      Nur weil _manche_ Frauen und _manche_ Maenner eben nicht genau das am Liebsten machen, was momentan zufaellig 80% ihrer Geschlechtgenoss_innen gerne machen, bricht doch nicht gleich die gesamte Gesellschaft zusammen.

      Es gibt schliesslich die ganze Menschheitsgeschichte lang schon immer verschiedene menschliche Kulturen, mit ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen (beispielsweise auch Matriarchate, wo Frauen anstatt Maennern zentrale Fuehrungspositionen einnehmen), und die Kulturen und gesellschaftlichen Regeln haben sich weltweit immer schon mit der Zeit veraendert.
      Interessanterweise gibt es immer noch sehr viele verschiedene Kulturen, die nicht vom Aussterben bedroht sind.

      Ebenso unsinnig ist die angebliche „Bedrohung“ oder „Entwertung“ der Familie durch homosexuelle, bisexuelle oder polygame/polyamore Beziehungen. Warum sollen denn die momentan grob ueberschlagen mindestens 50% heterosexuellen Beziehungen ploetzlich zu existieren aufhoeren, nur weil sexuell anders Orientierte _auch_ Beziehungen fuehren und z.B. heiraten duerfen?

      Abschliessend merke ich dazu auch noch an:
      Menschen gibt es seit einigen Millionen Jahren. Vor 70000 Jahren gab es mal einen Engpass, wo nur 15000 Menschen auf der Welt waren. Vor 10000 Jahren waren es dann ungefaehr eine Million, vor 2000 Jahren 200 Millionen, und vor 200 Jahren knapp unter einer Milliarde.
      In den letzten 200 Jahren ist die Weltbevoelkerung dann auf das 6-fache vervielfacht.

      Wie absurd ist vor diesem Hintergrund denn der Gedanke, dass es vielleicht „zu wenige“ Familien oder „zu wenige“ Kinder geben koennte? Die Weltbevoelkerungszahl ist noch nie so massiv explodiert wie in unserer Generation. Etwas Besseres als eine Umkehr der Bevoelkerungsexplosion kann der Welt momentan meiner Ansicht nach gar nicht passieren.

  2. Hey punschkrapfen,

    Toller Artikel, danke. Aber eines verstehe ich nicht: Einerseits findest du die „Kategorisierung von Verhaltensweisen […] innerhalb eines Spektrums von maskulin bis feminin“ „eigentlich nicht richtig“ und andererseits ist eine „ersatzweise Einführung eines neuen Regelwerks“ nicht sinnvoll. Aber wie sollen Verhaltensweisen dann kategorisiert werden? Sozusagen einfach als Verhaltensweise, wie „sozial engagiert“ ohne „feminin“ als Zuordnung?

    • Hi sacriba,
      gemeint war in dem von dir angesprochenen Satz, dass die bestehenden Regelwerke (d.h., gesellschaftliche Normen) zu sogenanntem „maskulinem“ und „femininen“ Verhalten einfach ersatzlos gestrichen werden, d.h. – wie du schon angedeutet hast – Verhaltensweisen einfach ohne Geschlechtszuschreibung zu bewerten. Es ergibt meiner Ansicht nach einfach keinen Sinn, ein und das selbe Verhalten je nach Geschlecht gut oder schlecht zu finden, obwohl diese Verhaltensweisen mit Geschlecht und Sexualitaet ueberhaupt nichts zu tun haben.

  3. Super Artikel, vielen Dank!! Auch ich bin dafür, dass bei der Beschreibung von Eigenschaften, Verhaltensweisen etc. die Verwendung von Adjektiven wie „maskulin“ oder „feminin“ ganz einfach ersatzlos gestrichen wird, weil sie eben doch an biologischem Geschlecht andocken und daher immer auch normierend wirken. Einfach weg damit und präziser beschreiben, was mensch genau meint.

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