Encore une fois, Conchita! Königin Europas und hoffentlich bald der EU.

Gery Keszler meinte, er habe bis in die frühen Morgenstunden durchgeheult, Christoph Feuersteins Gesichtsausdruck in „Thema“, als er gestern Conchita Wurst bei sich im Studio interviewte, war fast schon aberwitzig – unglaublich, dass die Gesichtsmuskulatur 45 Minuten ununterbrochenes Dauergrinsen, nämlich nicht nur bis über beide Ohren, sondern bis zum Scheitel und ich bilde mir ein sogar darüber hinaus, durchhält. André Heller hatte in „Im Zentrum“ sonntags zum Thema Songcontest wahrscheinlich 75% der Redezeit und hofierte Conchita bzw. Tom Neuwirth wie ein Symphonieorchester die Queen. Ursula Strauss schleppte sich sogar krank ins Studio, weil sie unbedingt dabei sein wollte und Peter Kampits, der ab und zu trotz allem ein kritisches Wort zu der Geschichte abgab, wurde in aller Ruhe vom Rest davon euphorisiert und bekam bis zum Schluss eine nur recht bescheidene Nebenbühne.

Conchita Wurst, die neue Königin: nein, sogar Kaiserin von Österreich! Sissi bekam schon ein paar Minuten nach ihrem Sieg im Social Media den Bart verpasst. Ja, ziemlich plötzlich ist sie die neue Kaiserin, davor war sie noch eine Schande und Blamage, ein „widerliches Etwas“, das „weg gehöre“ und prominent ein Fall für die Psychatrie. „Thema“ zeigte gestern einen Videoausschnitt zu all dem, wo ihr ebenso ein gewisser Herr Österreicher der „reiferen“ Generation“ nicht einmal die Hand schütteln wollte, nachdem er sich um seine beleidigte Befindlichkeit gegenüber Conchita Wurst erleichtert hatte. Weil er sich durch sie beleidigt und blamiert fühle und anders „erzogen“ wäre, als so jemandem die Hand zu schütteln. Aha.

Sissi mi Conchita-Bart

Die Invasion mobbender und Gift spuckender Trolle österreichischer Herkunft ist jedenfalls zu einem ganz stillen Kirchenmäuschen mutiert, seit das restliche Europa Conchita Wurst nicht nur gewählt hat – eine Top 5-Platzierung wäre meines Erachtens nach auch schon ein recht eindrückliches Signal gewesen – Europa hat Conchita Wurst der Reihe nach in den Himmel gehoben und zu seiner Königin auserkoren. Und damit natürlich nicht nur sie als Person, sondern auch oder vor allem wofür sie steht.

In meinem Taumel der Euphorie (tatsächlich ist glaube ich heute der erste Tag, wo sich das akute Glücksgefühl langsam wieder abbaut) überlegte ich mir immer wieder die Frage, ob es denn wirklich so einfach ist und gleichzeitig so grandios und wunderschön, dass Europa Conchita Wurst als Symbol und Botschaft der Antidiskriminierung und Liberalität gewählt hat. Oder ob denn nicht vielleicht doch eher die – für die wahrscheinlich meisten Europäer_innen – Skurrilität ihres Auftretens ausschlaggebend war, um den Sieg einzufahren. Denn wenn man die TV-Landschaft ein bisschen verfolgt, findet mensch schnell heraus, dass ebensolche ziemlich in Mode und meist die Sympathieträger_innen sind.

Doch auch nach prüfendem Skeptizismus und weiterer Beobachtung des Geschehens, stellt es sich für mich eindeutig dar: Europa hat mit Conchita Wurst, als Trägerin und Repräsentantin all dieser Werte, Vielfalt, Weltoffenheit, Liberalität, Toleranz und Gleichberechtigung gewählt. Das lässt sich mitunter an den Reaktionen seit ihrem Gewinn des ESC ablesen, die immer wieder fast allesamt gleichermaßen auch zum Inhalt haben, wie wichtig der Sieg Conchitas in (politischen) Zeiten wie diesen ist.

Selbstverständlich hat Europa nicht nur diese Werte gewählt, tatsächlich hat Europa auch Conchita Wurst als Person gewählt, keine Frage. Sind wir doch ehrlich, mensch kann sie nur lieben! Umso beeindruckender wie tief der Hass und wie ausgeprägt die Borniertheit mancher Menschen, die es schaffen, Ekel und Antipathie dieser strahlenden, ausgeglichenen, charmanten, intelligenten, wunderschönen, talentierten, freundlichen und liebevollen Person gegenüber zu empfinden. Ich finde das ist ja fast schon wieder eine Leistung. Zum Glück, so hat sich Samstag heraus gestellt, bilden diese offenbar nicht die Mehrheit in Europa.

Conchita Wurst jedenfalls ist das Zünglein an der Waage dieser Zeit. Genau zu dieser Zeit an diesem Ort braucht es jemanden wie sie und unter anderem dieser Umstand führte zum verdienten Triumpf.

Dass Europa Conchita Wurst zu seiner Königin gemacht hat, ist natürlich die Antwort auf Russland. Dass Europa Conchita Wurst mit Abstand auf die Nummer 1 gehievt hat, ist natürlich oder hoffentlich auch ein Brief an die konservativen und rechten Parteien, die aus Europa großteils leider immer noch ein ziemlich ungemütliches Plätzchen machen für Menschen, die anders sind als der heterosexuelle, weiße und christliche Mann. Im globalen Vergleich natürlich nichts, aber immer noch um weite Dimensionen ausbaufähig. Nicht zuletzt wo wir unmittelbar vor den EU-Wahlen stehen und zeitgleich die Präsident_innenwahlen in der Ukraine verhindert werden sollen, als Ausdruck einer prorussischen Gesinnung, die Russlands restriktive, menschenfeindliche und gewaltbereite Homopolitik unterstützt.

Diese Monate reihen sich unzählige, vielschichtige politische Brennpunkte aneinander. Und Europa ist ihr Hauptakteur. Im Kontrast zu den russischen Ereignissen, stellen sich die Grundwerte auf denen EU-Europa aufgebaut ist in Frage und scheinen aber in genau diesem Kontrast zu erstarken. Wo Russland sich in aller Deutlichkeit mehr und mehr von demokratischen Werten verabschiedet und eine territoriale Gegenposition zur EU aufbaut, verkörpert Conchita Wurst zielsicher alles, was diese Gegenposition mit ihrer EU-Europa-feindlichen Haltung meint. Und dieses Europa machte vergangenen Samstag eine sehr deutliche Aussage dazu, was es von all dem hält. Irgendwie ist das zu schön um wahr zu sein.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bekannten von mir vergangenen Herbst. Dieser Bekannte ist selbst Unternehmer und kommt aus einer Unternehmerfamilie aus Niederösterreich. Wer eins plus eins zusammenzählen kann, wird sich nicht schwer tun damit, dass unter der Rechnung ÖVP raus kommt. Vergangenen Herbst aber erzählte mir dieser Bekannte, dass er endlich sein Kreuz wo anders machen kann, weil die NEOs als Silberstreifen seines Horizonts auftauchten. Denn seit jeher hatte er Würgereflexe, als er bisher das Kreuz bei ÖVP machte, auf Grund der kirchennahen Gesellschaftspolitik von der er als gesellschaftspolitisch eindeutig links gerichteter Mensch ganz und gar nichts hielt. Und im Parteiprogramm der NEOs fand er unter den genannten Punkten endlich alles, was auch er vertritt und bedient gleichzeitig seine wirtschaftsliberalen Interessen.

Warum diese Anekdote? Wenn wir betrachten, dass sehr viele EU-Länder nach wie vor konservative Parteien an der Spitze führen – wer weiß eigentlich so genau aus welchen Motiven? Vielleicht sind die meisten gar nicht so einverstanden mit den gesellschaftspolitischen Aspekten und schon viel weiter als ihre Parteien und ihre Regierung.

Natürlich ist diese Vermutung nun wirklich überaus hypothetisch, schon allein angefangen damit, dass das Voting-Verfahren, als auch das Publikum des ESC einem Vergleich des Wahlverhaltens der EU-Bürger_innen bei politischen Wahlen wahrscheinlich niemals Stand halten würde – aber: dass Conchita Wurst und somit der Wunsch nach einem diskriminierungsfreien Europa, mit überwältigender Unterstützung von einem 350.000.000- Publikum zur Siegerin gemacht wurde, zeigt zumindest, dass irgendetwas im Busch ist. Und die Regierungen eben nicht immer das repräsentieren, was die Bevölkerung denkt, will und fühlt.

Diese Vermutung stützt sich unter anderem auf immerhin 5 russische Punkte und noch mehr aus anderen Ländern, die bekannt für ihren Konservatismus sind und von denen es zu Hauf nicht nur 5, sondern gleich mal 12 Punkte regnete. Während manche Länder natürlich auch Anti-Conchita-Stimmen abgaben, die vor allem zum armenischen Teilnehmer flossen, der sich zuvor abwertend und medienwirksam über Conchita geäußert hatte. Immerhin Platz 3 in der Gesamtwertung des ESC und als umwerfend peinliches und zermürbendes, aber leider unüberraschendes Detail am Rande: Allen voran Österreich verteilte fest seine 12 Punkte an den Armenier.

Conchita-Wurst

Zu Schluss fällt mir ad hoc ein: Die Umänderung der österreichischen Nationalhymne von „großer Söhne“ auf „große Töchter und Söhne“ bekommt durch das neue Lieblingskind des österreichischen Staats eine ganz neue Bedeutung! Da kann es auch gleich bitte noch ein Gendergap einfügen wenn wir schon dabei sind. Auch wenn ausgerechnet – eigentlich ist es das ja immer, aber in diesem Falle eben wirklich ausgerechnet – der Triumpf von Conchita Wurst ganz und gar abgekoppelt ist von Österreich als Nation und gerade Mal der kleinste gemeinsame Nenner, nämlich, dass „wir“ im gleichen Land leben als irgendwie-Repräsentation gewertet werden kann – wenn mensch mit einbezieht, dass der ESC nun mal offiziell ein Gesangswettbewerb zwischen europäischen Nationen ist und es heißt „Austria: 12 Points“.

Ob Conchita Wurst einen tiefwirkenden Einfluss auf die europäische oder gar internationale Politik nach sich ziehen wird? Im Taumel der Endorphine und vorm tief sitzenden Eindruck, dass am Samstag etwas passierte, womit niemand gerechnet hätte, lässt es sich leicht dazu verleiten an noch mehr unverhoffte Wunder zu glauben, die sich in Zukunft zutragen könnten. Aber was sonst, wenn denn nicht Visionen und Hoffnungen verhelfen eben diese in Realität zu verwandeln? Wer weiß. Conchita Wurst hat es vorgemacht, setzen wir es fort!

EU-Europa wählt demnächst – dumm sind die kandidierenden Parteien natürlich nicht und bauen schon jetzt die neue Königin Europas in ihre Wahlwerbung ein. Abgesehen von alledem, egal was passiert – große Erdrutsche wird es wohl nicht geben – das Zeichen wurde bereits gesetzt. Die Botschaft verbreitet sich, das Umdenken ist bereits im Rollen. Ich denke, soviel darf gesagt sein. Wenn auch offen ist und bleibt mit wie viel Nachhalt dies passiert.

Dank, Gratulation und Hochachtung an Conchita Wurst und Tom Neuwirth für dieses lang ersehnte und gewaltige Erdbeben an Emotionen für eine freie und gerechte Gesellschaft!

die göttinnenspeise

-

2 thoughts on “Encore une fois, Conchita! Königin Europas und hoffentlich bald der EU.

...und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s