Ein Brief an meine Erstfamilie

Liebe Erstfamilie, liebe_r X,

meinen ***ten Geburtstag nehme ich zum Anlass um euch einen Brief zu schreiben. Nachdem dieser Brief an verschiedene Menschen geht, bitte ich dich, das auf dich zu beziehen, was dich anspricht. Vielleicht ist das ganz viel, vielleicht ist es auch gar nichts von dem, was ich hier schreibe..

Es gibt viele Themen über die ich nachdenke und vermutlich bekommt ihr davon nur einen Ausschnitt mit. Lange dachte ich mir und das tue ich noch immer, das liegt insbesondere an mir. Mittlerweile, oder immer wieder zwischendurch komme ich zu dem Schluss, dass für eine gelungene Kommunikation zwei Seiten zuständig sind. Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich gerne alles in meinem Leben mit dir/euch teilen möchte, nein, in jeder Verbindung wird über manches gesprochen und manches nicht. Vielleicht geht es auch mehr um das WIE und nicht das WAS des Sprechens, oder……

Das hier ist ein Versuch, unsere Verbindung zueinander zu verbessern.

Nachdem ich in den letzten Jahren öfter erlebt habe, dass es sehr schwierig für mich ist, mit dir/euch in Kontakt zu treten/bleiben und ich das Gefühl habe, ein Teilen davon, was dich/euch und mich bewegt, passiert nicht, versuche ich ein paar Dinge, in diesem Brief festzuhalten. Wenn dich/euch, das eine oder andere anspricht, freue ich mich.

Für mich war es immer schwierig, mich „anders“ zu fühlen, es hat auch nicht aufgehört, nachdem ich mich damals als Lesbe* geoutet habe, denn, so vermute ich, ihr findet das bis heute eigen(artig), nicht normal. Wenn wir normal aus der Wertung entheben, ist es das ja auch nicht, es entspricht nicht der Mehrheit(sgesellschaft), deshalb, ist es nicht NORMal. An sich, ist das auch kein Problem (für mich), ich möchte gewissermaßen gar nicht bestimmten Normen angehören, eigentlich keiner.

Woraus schließe, ich nun, dass das für dich/euch und mich ein Problem sein könnte?!

Zum Beispiel daraus, dass du dir/ihr euch, unsicher bist/seid, wenn ihr über mein Privatleben Fragen stellt, oder ihr lasst es gleich ganz bleiben. Im Übrigen, kann sich mensch die Frage stellen, wie er_sie_es andere Mitglieder der Familie dazu befragt, vielleicht ist es dann auch einfacher zu verstehen, das aus meiner Sicht Unterschiede gemacht werden, die mich regelmäßig verletzt haben und das bis heute tun.

Manchmal scheint die Zeit auch dermaßen schnell zu verrinnen, dass es schon schwierig ist, meine nahesten Menschen up to date zu halten oder sich gegenseitig wissen zu lassen, was gerade wichtig ist, mein vollstes Verständnis für diese Schwierigkeit!

Bei dir/euch, komme ich dann manchmal nicht mehr nach. Und eben dieses Gefühl, „anders zu sein“, was durchaus zutrifft, wenn wir festhalten, dass ich anders lebe als du/ihr. Aber auch ihr untereinander habt verschiedene Lebensentwürfe und diese Nuancen scheinen mir zum Teil nicht sichtbar zu werden (was ich ausgesprochen schade finde). Im Übrigen, empfinde ich mein Dasein nicht als Belastung, ich mag mein Leben mittlerweile sehr und natürlich geht es auch in meinem mal besser und mal schlechter, ich erlebe meine Existenz aber nicht als Belastung und sehne mich gar nicht nach „Normalem“ (was auch immer das bedeutet). Festzuhalten bleibt, dass du/ihr, dass manchmal tut (aus meiner Sicht).

Wenn du mit anderen Menschen darüber sprichst, dass ich so und so lebe und das aber eh‘ ok ist, trifft mich das, weil, du davon ausgehst, dass dein Leben der Ausgangspunkt ist (vielleicht sogar die biologische Norm?!), und es davon Abweichungen gibt. Das macht eine Hierarchie, die ich persönlich gesehen sehr verletzend und politisch gesehen problematisch finde. Weil, wenn das noch nicht deutlich geworden ist, es eine Wertung schafft. Eine (konstruierte) Hierarchie erzeugt Mehrheiten und Minderheiten mit Wertung, es macht einen bestimmten Lebensentwurf/bestimmte Charakteristika des Menschen zu etwas Erstrebenswertem/”Besserem” und andere zu etwas Unbedeutsamen (oder weniger Wichtigen/Wertvollen), etc.)

Wenn du nicht mit mir, sondern mit anderen Menschen darüber redest, dass du dir Sorgen machst, oder dir das und das denkst, dass aber nicht mit mir besprichst, aus Angst, Scham, mangelndem Interesse, oder….., (und NIE mit mir,) dann ist das verletzend. Lieber ist mir zu wissen, was du dir denkst, auch wenn du glaubst, ich kann damit nicht umgehen. Vielleicht kann ich das auch nicht immer, möchte und muss ich auch nicht.

Wenn wir uns ein- bis dreimal im Jahr sehen und es ausschließlich um (bezahlte) Arbeit, Familie (in der Definition Frau* plus Mann* plus Kind) geht, Ausbildungen, etc., dann finde ich das wenig, oberflächlich, schade. Wenn neben deiner Perspektive keine Andere stehen darf, oder du deine höher, wichtiger, richtiger erachtest, dann kann das verletzen. So etwas muss nicht immer definitiv ausgesprochen sein/werden, so etwas kann auch entstehen, wenn manches ein- oder ausgeschlossen wird, nur bestimmte Menschen reden/viel reden, nur bestimmte Sichtweisen Zuspruch finden/mehr Aufmerksamkeit bekommen, etc.

Wenn du dich bei mir meldest und mir von einem neuen Menschen als Teil meiner/unserer „Herkunftsfamilie“ sprichst und mich von diesem ohne erklärende Worte grüßt, ich nicht einmal weiß, wer das ist, dann berührt mich das unangenehm, und schließt mich aus.

Wenn du/ihr das, was ich mache nicht anerkennt, und das tut ihr nicht, wenn ihr meine Arbeiten/Projekte/Lieb*Menschen/meinen Lebensentwurf ausblendet, dann verletzt mich das und bringt mich dir/euch nicht näher.

Dieser Text ist gewissermaßen auch als Momentaufnahme zu verstehen, der in einer Zeit entstand, in der ich schon länger das Gefühl habe, ich verliere euch mehr und mehr und möchte das aber nicht. Nochmal, ich muss nicht alles mit euch teilen, das ist nicht mein Anspruch/mein Wunsch. So wie es jetzt zwischen uns ist, ist es aber oft genug unbefriedigend für mich. Wenn das für dich anders ist, ist das ok, aber wie das für dich ist, interessiert mich sehr und wenn ich das weiß, kann ich auch damit umgehen, wenn ich das dann möchte. Wenn ich aber nicht weiß was dich bewegt, kann ich nicht oder nur schlecht damit umgehen.

Vielleicht betrifft das eine oder andere nicht nur mich?!

Ich habe meinen Vornamen geändert, in ****, mit diesem möchte ich angesprochen werden, meine Anrede (auch Pronomen genannt) ist „er“, auch das bitte ich euch zu respektieren.

Desweiteren werden sich aufgrund der sogenannten “Hormontherapie” mein Aussehen und meine Stimme verändern. Wenn ihr jetzt denkt, dass bekomme ich nicht hin, oder das ist ja total schwierig und ungewohnt, ja das ist es, im Übrigen war und ist es das für mich auch (manchmal) und für alle meine mir wichtigen Menschen.

Think outside the box my dear people.

Und um in abweichender Form in den Worten von Audre Lorde zu sprechen: Ich war/bin Schwester*, Bruder*/Geschwisterkind, Kind, Trans*, Aktivist*, Erwerbsangestellter*, Liebhaber*, Partner*, großer Wahlbruder*, queer best friend forever (QBFF), und vieles mehr.

 Und du?

Wenn ihr Fragen zum Thema Trans* habt und euch unabhängig von mir informieren wollt, begrüße ich das. Ich möchte euch ein paar Kontakte nennen, die ich diesbezüglich empfehlen kann.

www.transx.at

http://www.transinterqueer.org/

http://forum.ftm-portal.net/

Von Herzen,

***********

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