Achselhaare: eine Freiheit, eine Frechheit, und warum wir immer noch darüber reden

Das Thema wird immer wieder aufgegriffen – die Meinungen dazu sind unterschiedlich. Verschiedenste Facebookgruppen muntern ihre Mitglieder*innen dazu auf, Bilder von haarigen Achseln zu posten, und werden gleichzeitig mit Kommentaren zugespamt, die von angeekelt bis bedrohungsvoll sind. Manche Celebrities tragen wieder Achselhaare, und in Zeitschriften wird manchmal ein Artikel darüber geschrieben, wie furchtbar oder progressiv Achselhaare sind.

Haben wir es nicht schon satt, über Achselhaare zu diskutieren?

Alle haben wir ein persönliches Verhältnis zu Körperbehaarung, aber wie persönlich kann etwas sein, was so beeinflusst ist von gesellschaftlichen Normen und sozialem Druck?

Ich kann mich noch sehr gut an das erste Mal erinnern, als ich bewusst über meine Körperbehaarung nachgedacht habe. Ein Mädchen in meiner Klasse hatte ihre ersten Achselhaare bekommen, und ich habe gehört, wie ein anderes Mädchen ihr geraten hat, ihre Mutter zu fragen, wie sie sich rasieren soll. Ich fand es einen absurden Gedanken, dass eine Mutter so etwas wissen würde. Meine Mutter hatte noch nie im Leben einen Rasierer berührt, so war ich es gewohnt, dass Frau Körperbehaarung hat. Natürlich war mir auch bewusst, dass sich viele rasieren, aber nicht Menschen, die schon Mutter sind! Vielleicht die schlanken, schönen Menschen in Zeitschriften, aber die trugen auch unheimlich viel Make-up und solches Gewand, was meine Mutter auch nicht machte. Bei den Bikinimodels waren ja auch keine Haare zu sehen, aber wenn meine Mutter Badeanzüge trug, kamen da schwarze, dicke Haare aus unterschiedlichsten Öffnungen raus. Ich fand es nie seltsam oder einen besonderen Kontrast, und dass meine Mutter nicht zur Norm gehörte, dachte ich mir auch nie, weil für jedes Kind die eigene Mutter natürlich das Gewöhnliche, der Standard ist.

Als ich dann nach Hause kam, habe ich mich sofort im Spiegel angeschaut, und schau‘, ein, zwei, drei kleine, feine Haare haben ihren Weg durch meine Haut gefunden, durch meine Haut. Ich war erschrocken, hatte Angst, dass sich jemand über mich lustig machen würde, und wusste auch, meine Mutter kann mir nicht zeigen, wie ich sie loswerden könnte. Also habe ich mit dem Rasierer meines Vaters die drei kleinen Haare entfernt und fühlte mich zufrieden – Krise überstanden.

Am Anfang war es nur ein Ding, was ich machte, weil ich verstanden habe, dass es erwartet wird, aber vor allem, weil ich Angst hatte, ausgelacht zu werden. Aber dann habe ich diese ganze Anti-Körper-Behaarungspropaganda internalisiert, wie so viele andere, und dachte irgendwann selbst: ”Beinhaare sind eklig und Achselhaare stinken, also jede_r kann machen, was er_sie will, aber ICH ich ICH will doch keine Haare haben, ICH finde es ekelhaft.” Ich schäme mich immer noch dafür, dass ich meiner Mutter gesagt habe, ich fände ihre Haare eklig und sie solle sich bitte lieber rasieren.

Jetzt trage ich seit einigen Monaten Achselhaare, und seit einem Jahr habe ich meine Beine nicht rasiert. Ich liebe es, wie sich meine Mutter gefreut hat, weil ich mich nicht mehr rasiere, und hoffe, sie hat vergessen, was ich damals zu ihr gesagt habe. Und ich habe nur positive Erfahrungen von und mit meinen Haaren! Vielleicht ist es die Rebellin in mir, aber mich stört es gar nicht, wenn jemand mich komisch anschaut. Ehrlich gesagt bereitet es mir Freude, ich liebe es einfach, dass ich diesen heteronormativen Menschen stören kann durch so etwas Einfaches, wie mich nicht zu rasieren. Dass jemand so empört meine Achseln anschauen kann, finde ich unglaublich lustig. (Außerdem: ich habe das Gefühl, dass ich öfters als queer gelesen werde, diesen Sommer mehr als die letzten, jetzt wenn das warme Wetter nach solch‘ einem Gewand schreit, in welchem die Haare immer sichtbar sind. Aber vielleicht bilde ich mir es auch nur ein.)

Um eine Perspektive zu bekommen, jetzt ein bisschen Geschichte. Woher kommt diese Idee, dass Frauen rasiert sein sollen und Männer nicht??

Es ist genau hundert Jahre her, seit Frauen angefangen haben, sich zu rasieren. Davor waren Kleider und Ärmel lang. Den Gedanken, sich zu rasieren, gab es einfach nicht. Es dauerte aber bis zu den 40ern bevor es die Norm war, sich zu rasieren, denn die Röcke wurden damals kürzer und durchsichtige Strumpfhosen wurden populär. Natürlich wollten die Firmen, die Rasierer verkaufen, diesen Trend unterstützen, denn jetzt konnten sie Rasierer verkaufen, an Frauen UND Männer. Doppelter Umsatz!

diese werbung von Harpers Bazaar im 1915 war vielleicht die erste ihrer sort.

Diese Werbung von Harpers Bazaar im 1915 war die erste ihrer Sorte.

Gleichzeitig haben sich auch die Männerideale mehr von den Frauenidealen entfernt, und alles, was Frauen in ihrer Beauty-Routine haben, wurde für Männer mehr und mehr tabu. Vor allem nachdem es in den 20er Jahren mit Homosexualität assoziiert wurde, wenn Männer sich um ihr Aussehen kümmerten. Männer und Frauen sollen einander bekanntlicherweise so ungleich wie möglich sein. Wenn Frauen keine Haare haben sollen, wäre es also unmännlich, sich zu rasieren, und je glatter die Haut der Frauen desto maskuliner betont werden die Körperbehaarung. Und je maskuliner betont die Körperhaare werden, je wichtiger wird es natürlich für Frauen, sich zu rasieren, weil sonst wären sie ja unweiblich, und das geht einfach nicht!!

Und was ist mit Geschlechtsbehaarung?

The bush is back by Sydney Shavers

The bush is back by Sydney Shavers

(Ich weigere mich das Wort Schamhaare zu benutzen, weil ich assoziiere keine Scham mit diesen Haaren. Übrigens, es tut mir Leid dass ich hier so eine west-welt Perspektive habe.)

In den letzten 15 Jahren oder so ist die Entfernung von Intimbehaarung sehr gestiegen. Davor war es eher normal, nur die Haare, die aus dem Badeanzug rausschauen, zu trimmen oder rasieren, aber mittlerweile entfernen Frauen viel mehr, und zu allen Jahreszeiten. Warum hat sich das so verändert? Manche sagen Pornos sind schuld, oder Magazine, kleinere Bikinis, oder Firmen die Rasierer verkaufen. Auf jeden Fall ist klar, Ideale ändern sich, und mittlerweile ist es Norm geworden (hier) sich die Geschlechtsbehaarung teilweise oder ganz entfernen zu lassen. Was nicht ganz unproblematisch ist. Denn es ist meistens schmerzhaft (das muss ja jede_r für sich selbst entscheiden, ob man es aushält. Das Problem ist, wenn man glaubt man muss die Schmerzen ertragen), es ist teurer, egal ob Rasierer oder Wax; und auch STDs übertragen sich einfacher dadurch, da winzige kleine Wunden in der Haut entstehen von der Haarentfernung.

Anyway. Ich glaube unserer sugarbox-Leser*innenschaft ist bewusst, dass es recht uncool ist Leuten zu sagen, was sie tun oder nicht tun sollen mit ihrem Körper. Aber, weil die Gesellschaft so eindeutig sagt: ”Frauen, rasiert euch!” möchte ich auch dazu sagen, ”Probier es mal nicht!”

Es kann wirklich befreiend sein.

Ich habe so viele Unsicherheiten gehabt (und habe sie zum Teil noch) wegen meinem Körper. Und es tut mir so gut, die ”Regeln” zu brechen, die ich gelernt habe und internalisiert habe. Ich lerne langsam mich selbst zu akzeptieren, wie ich ausschaue, und unter anderem meine Haare wachsen zu lassen, hat mir viel beigebracht.

Weil hier ist das Ding für mich: Ich habe gehört, ich bin zu dick, um kurze Röcke zu tragen, oder meine Arme sind nicht schön, oder ich schaue nicht weiblich genug aus, um blumige Kleider zu tragen. Ich habe gelernt, ich muss Make-up tragen, ich sollte keine Haare haben irgendwo unter meinem Nacken. Muskeln sind nicht schön und Fett ist nicht schön. Hab nicht zu große Brüste und hab nicht zu kleine. Ein Teil von diesen Sachen sind spezifisch durch verschiedene Personen in meiner Nähe beeinflusst worden, aber die meisten gesellschaftlich. Wie für so viele Frauen und Mädchen. Die vielen Ängste und der Körperhass, den ich als Kind und junger Teenager hatte, bleibt immer noch zum Teil tief drinnen. Ein Weg für mich, davon wegzukommen, und zu lernen meine Ängste loszuwerden, ist diese Regeln und diese Tabus zu brechen.

Irgendwann habe ich angefangen, blumige „weibliche“ Sachen zu tragen, weil ich sie mochte, und darauf geschissen habe, ob es zu mir passt oder nicht. Weil was ich mag, muss doch zu mir passen, und meins sein können, egal wie mein Gesicht und Körper ausschaut. Dann kamen die Shorts, die ärmellosen T-Shirts, ein Bikini. Make-up trage ich nicht mehr zwangshaft.

Bei den Haaren hat ja meine Mutter mich immer daran erinnert, dass ich mich nicht rasieren muss, also hatte ich hier eigentlich beide Stimmen, aber der soziale Druck war viel stärker. Und jetzt tu ich es nicht mehr. Ich war erstaunt, zu finden, wie unsicher ich mich gefühlt habe das erste mal als ich Gewand getragen habe wo meine Achselhaare sichtbar waren! Gerade deshalb wollte ich sie behalten, um die Unsicherheit, mein Körper in seinem natürlichen Zustand zu sehen, loszuwerden. Und es ist so schön, etwas zu haben, was von der Gesellschaft allgemein als ”hässlich” empfunden wird, was ich, für mich, nicht nur traue in der Öffentlichkeit zu tragen, aber es auch zu mögen und schön zu finden.

Und dadurch, dass ich verschiedene Ängste überwinde, kommt es mir so vor, als ob es auch leichter ist, andere Sachen an mir zu akzeptieren und zu mögen, und das genau dies mein Selbstgefühl und Selbstbewusstsein allgemein steigert. Sich mit Ängsten und sozialem Druck zu konfrontieren, und sie zu brechen und überwinden, fühlt sich wirklich fantastisch gut an.

Weil die Gesellschaft überschwemmt wird mit Bildern von Frauen, welche rasierte Achseln und Beine haben (seriously, in apokalyptischen Zombie-Filmen sogar, WIE denkt ihr euch, funktioniert es, dass die Frauen alle perfekt glatte Beine haben!? Auch wenn es historisch einfach falsch ist, oder komplett unlogisch, haben Frauen im Film rasierte Achseln), werde ich ein paar Blogs mit euch teilen, wo auch andere Bilder vorkommen:

Der tumblr hairypitsclub, wo (hauptsächlich) Frauen Bilder von ihren Achseln teilen, und der tumblr beautyofvaginas, wo verschiedenen Bilder von allen möglichen haarigen und nichthaarigen Vulvas gepostet werden.

Im Blog Bare to bush dokumentiert die Autorin wie ihre Körperhaare zurück wachsen, nachdem sie sich ganz rasieren lässt. Und schreibt dazu viele lange und kurze Texte über private und allgemeine Themen, nicht nur zur Körperbehaarung und Körper, aber hauptsächlich. Sie macht Fotos von ihren Haaren und auch eher ungewöhnliche, wie von ihrem Menstruationsblut, oder wie ihre Brüste ausschauen in den verschiedensten Positionen.

Ich liebe übrigens diesen Artikel auf Huffington Post über weibliche Körperbehaarung im Bereich der Kunst.

Und hier ist ein Fotoprojekt von Ben Hopper, der Frauen mit Achselhaaren fotografiert: Natural Beauty

Es gibt noch viel mehr zu sagen und zu schreiben über Körperhaare. Was für ein bagatellartiges Thema eigentlich, was so viel politische und persönliche Bedeutung hat! Und jetzt interessieren mich eure Gedanken und Erfahrungen.

Titelbild: Hairy pits club

6 thoughts on “Achselhaare: eine Freiheit, eine Frechheit, und warum wir immer noch darüber reden

  1. Also ich persönlich finde Achsel- und Intimbehaarung unhygienisch und eklig, bei Frau und Mann. Beinbehaarung gefällt mir einfach nicht, ebenfalls bei Frau und Mann. Es geht mich allerdings nichts an, ob sich andere Menschen rasieren oder nicht. Es ist deren Körper und deren Entscheidung. Wenn sie sich mit Behaarung wohler fühlen, na dann let it grow. ;-)
    Ich finde es lächerlich anderen zu sagen wie sie auszusehen haben, was sie tragen sollen, ob sie sich rasieren sollen, usw. Wieso hält sich jeder zweite für die Modepolizei? oO

    • Das problem ist ja, das so viele menschen sehr unkritisch darüber denken, WARUM sie körperhaare eklig finden, weil das sie unhygienisch sein sollen STIMMT einfach nicht (eher die gegenteil, wegen die sexuell übertragbare krankhaiten etc).
      Falls alle frauen in zeitungen und media, und ich meine ALLE, haare trüg, würden wir wahrscheinlich umgekehrt denken. Und vielleicht würden die mainstream-leuten dann sagen „Ich finde es eklig wenn die haut glatt ist wie auf eine salamander oder aal, was soll das. Ich finde es eklig wenn die vagina wie eine nacktschnecke ausschaut, es ist einfach unhygienisch. Ich finde es fürchtbar wenn frauen wie kinder ausschauen, es ist einfach nicht weiblich“ oder irgendwie so. Und wenn man das immer immer immer hört glaubt man vielleicht, es ist die eigene idé, wenn man es selber auch denkt. Unsere schönheitsideale existieren nicht einfach in ein vakuum.

    • Wenns einem nicht gefällt, ok. Aber was soll dieser Quatsch mit dem ewigen Argument ‚unhygienisch‘??
      Warum sollen Haare unhygienisch sein? Die kann man genauso gut waschen wie glatte Haut!
      Oder wissen die, die dieses Argument ständig vorbringen, nicht, was das Wort überhaupt bedeutet?

  2. Ich hatte mal eine Diskussion über Körperbehaarung mit einem Hetero-Mann aus meinem früheren Bekanntenkreis, in der er meinte, dass er Beinhaare bei Frauen eklig fände, und dass seine zukünftige Freundin bitte keine Beinhaare haben sollte, um zwei Sätze später zu erklären, dass er selbst sich seine Achselhaare NIE rasieren würde. Der Widerspruch fiel ihm nicht auf, daher wies ich ihn auf Gleichberechtigung hin, und dass er auch bereit sein müsste, sich wo auch immer zu rasieren, wenn er das von seiner Freundin (oder generell einer Frau, mit der er Sex hat) erwartet. Er verstand mein Argument nicht.

    Ich denke, dass genau wegen solchen Erwartungen das Thema Körperbehaarung bei Frauen so geladen ist – geladener als bei Männern. Viele Männer erwarten sich Verhaltenweisen von Frauen, die zum Nachteil von diesen sind (also mehr Zeit, Geld oder Arbeit erfordern), während sie selbst niemals denselben Standards entsprechen würden. Viele verstehen sogar überhaupt nicht, wo darin jetzt eine Ungerechtigkeit liegt – gar nicht aus Gemeinheit, sondern weil sie kaum mit dem Thema in Berührung kommen. Ich denke, das ist der Grund, warum wir immer noch über Körperbehaarung reden – eigentlich geht es nicht um irgendwelche Haare, sondern um Entitlement von Männern, das sich auch in vielen anderen Lebensbereichen äußert. Übrigens nehme ich Frauen und weitere Geschlechter davon nicht aus – ich würde eine Frau, die sich nicht rasiert, aber von ihrer Beziehung erwartet, sich immer zu rasieren, genauso auf die Ungerechtigkeit hinweisen. Kommt aber seltener vor als umgekehrt.

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